Denkmalgeschütztes DDR-Gebäude Was aus dem Kulturpalast Bitterfeld werden soll

Zu DDR-Zeiten traten im Kulturpalast in Bitterfeld namhafte Künstler auf. 2017 drohte dem Gebäude der Abriss. Wie ein Sandersdorfer Unternehmen das Kulturdenkmal retten will – und was er mit dem Palast vorhat.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Kulturpalast in Bitterfeld von außen
Der Kulturpalast Bitterfeld: Mit zehn Millionen Euro Fördermitteln könnte er ein Veranstaltungszentrum werden. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Der 1954 eröffnete Kulturpalast in Bitterfeld ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt, sondern hat auch kulturhistorisch große Bedeutung. Hier rief 1959 SED-Chef Walter Ulbricht die Losung "Greif zur Feder, Kumpel" zur sozialistischen Literatur aus.

Er leitete damit den sogenannten "Bitterfelder Weg" ein, der Laien- und Berufskünstler für die "sozialistische deutsche Nationalkultur" gewinnen sollte. Dichter und Künstler sollten in die Produktion, die Arbeiter sollten Kunst machen. Die Kampagne wurde zwar nach wenigen Jahren wieder aufgegeben, gilt jedoch als eines der prägendsten kulturpolitischen Ereignisse der DDR.

Gebaut haben die Bitterfelder ihren "Kupa" – wie das Gebäude heute noch liebevoll genannt wird – im Grunde genommen selbst. 5.000 Chemiearbeiter waren aufgerufen, nach der Arbeit, also nach Feierabend, am neuen Kulturpalast mitzubauen. Am 13. Oktober 1954 wurde das Haus eingeweiht und erhielt den Namen "Wilhelm Pieck".

Auftritte von nationalen und internationalen Künstlern

Ein Saal im Kulturpalast Bitterfeld
Im Saal mit 1.000 Sitzplätzen traten zu DDR-Zeiten namhafte Künstler auf. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das DDR-Fernsehen zeichnete im Bitterfelder Kulturpalast große Abendshows auf, unter anderem mit Heinz Quermann, sowie zahlreiche Theaterstücke. Immerhin gab es im großen Saal etwa 1.000 Sitzplätze.

Namhafte nationale und internationale Künstler gaben auf der Bühne des Bitterfelder Kulturpalasts Konzerte. 1965 war unter anderem der westdeutsche Sänger Udo Jürgens Gast im Kupa. 60 Laienkunstzirkel mit 2.000 Mitgliedern trafen sich regelmäßig im Haus, darunter Chöre und Volkstanzgruppen, Theater-, Foto,- Textil,- und Malereizirkel. Das Haus bot neben dem großen Saal, einem Restaurant und kleineren Bühnen mehr als 240 Räume, die die Zirkel kostenfrei nutzen konnten.

2017: Eigentümer will Gebäude abreißen

Ein Unternehmer aus den alten Bundesländern sicherte den Fortbestand des Palasts auch nach der Wende. Doch im Oktober 2015 fand dort die bislang letzte Veranstaltung statt. Der Palast ist Eigentum der Chemiepark GmbH. Diese hatte im Frühjahr 2017 einen Abrissantrag gestellt.

Eingang des Kulturpalasts in Bitterfeld.
2015 fand im Kulturpalast die bislang letzte Veranstaltung statt. Der Eigentümer wollte das Gebäude 2017 abreißen. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das hatte für viel Widerstand gesorgt. Auch die Stadt hat im Sommer 2017 in einer Stellungnahme betont, dass aus städtebaulicher und kulturhistorischer Bedeutung heraus der Erhalt des Kulturpalastes sinnvoll erscheint. Grundlage sei jedoch ein nachhaltiges wirtschaftliches Nutzungskonzept. Die Stadt selbst könne den Kulturpalast zwar weder übernehmen noch sich finanziell beteiligen. Doch werde man "jede ernsthafte Möglichkeit, die sich auch tragfähig erweist, unterstützen".

Unternehmer aus Sandersdorf will Kulturpalast retten

Kasse des Kulturpalasts in Bitterfeld
Ende März könnte die Entscheidung fallen, ob der Kulturpalast als Veranstaltungszentrum für Messen und Konzerte wieder seine Türen öffnet. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Matthias Goßler, Chef der Veranstaltungsfirma Splitter in Sandersdorf im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, will den Kulturpalast nun retten. Er will aus dem denkmalgeschützten Gebäude ein Veranstaltungszentrum für Messen, Empfänge, Konzerte und große Firmenveranstaltungen machen. Umbaukosten: geschätzte zehn Millionen Euro.

Dafür hat er einen Förderantrag beim Bund gestellt. "Das Programm 'Nationale Projekte des Stadtbaus' passt eins zu eins auf unser Projekt", sagt Goßler. Bis Ende März werden alle Anträge beim Bund geprüft. Eine Jury gibt dann Empfehlungen an das Bundesinnenministerium weiter. Goßler hofft, dass die Bedeutung des Kulturpalasts die Entscheider überzeugt.

Denn bei dem riesigen Bau handelt es sich laut Denkmalverzeichnis um Neoklassizistische Monumentalarchitektur aus der DDR-Zeit. Von dieser Architektur gibt es nur noch zwei andere Bauten, den Kulturpalast in Schkopau, der zerfällt, und ein ehemaliges Kulturhaus in Zinnowitz auf der Insel Usedom, in dem heute Luxus-Wohnungen untergebracht sind.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Mehr zum Thema

Kulturpalast des VEB Maxhütte Unterwellenborn
Bildrechte: Verein Kulturpalast Unterwellenborn, R. Ensenbach
Helmut Jobst, Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann beraten die schreibenden Arbeiter aus Aue, dem Kombinat "Schwarze Pumpe" und Rönneberg
Bildrechte: dpa

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 28. Januar 2020 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2020, 11:45 Uhr

2 Kommentare

W.Merseburger vor 4 Wochen

Im Kulturpalast gab es Auftritte von nationalen und internationalen Künstlern, weiss Frau zu berichten. Sogar der "westdeutsche" Schlagerstar Udo Jürgens war da. Da Udo Jürgens einen sehr, sehr hohen Bekanntheitsgrad hat, sollte die Autorin eigentlich wissen, dass Jürgens ein Österreicher war. Ansonsten schließe ich mich der Meinung von Nr. 1 Uborner an und verweise in diesem Zusammenhang auf das Schicksal des Klubhauses Völkerfreundschaft der früheren Buna-Werke Schkopau.

Uborner vor 4 Wochen

Der Kupawipibi, der Kulturpalast Wilhelm Pieck Bitterfeld, ein Trauerspiel, ähnlich wie in Unterwellenborn. Gebaut vom Architekten Hubertus Kühn, genutzt von Generationen. Wieviele Menschen haben sich in diesen Häusern gefunden, wieviele schöne Stunden haben sie in ihnen gelebt. Rudolstadt Schwarza hatte auch einen Kulturpalast, jetzt steht dort ein Aldi, man hat uns die Kultur gebracht. 'Investoren' aus dem Westen sind über den Osten hergefallen um ihren Schnitt zu machen. Oft ist schönes entstanden aber nicht immer, vor allem wenn es irgendwie nach Kommunismus roch hat sich niemand drum geschert. Und willfährige Demagogen aus dem Osten wie der Herr Thierse der den PdR auf dem Gewissen hat, standen Gewehr bei Fuß. Schaun wir mal wie es weiter geht.
Ich hoffe der Sandersdorfer kriegt das hin, ich drücke ihm beide Daumen.
Ich habe vor kurzen das Wort Kulturrevanchismus gelesen, man sollte Kulturrevanchismus dazu fügen. Es trifft zwar nicht genau aber es ist mehr als angemessen.

Mehr aus Anhalt-Bitterfeld, Dessau-Roßlau und Wittenberg

Mehr aus Sachsen-Anhalt