Millionen-Investition Grüner Strom aus Bitterfeld: Die Mulde wird zum Stromerzeuger

Strom für umgerechnet 4.000 Haushalte jährlich: Eine Firma aus Blankenburg baut zurzeit in dem kleinen Örtchen Friedersdorf bei Bitterfeld ein Wasserkraftwerk. Im Herbst 2020 soll die Anlage fertig sein.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Grüner Strom aus Friedersdorf bei Bitterfeld: Hier am Muldewehr wird ein Wasserkraftwerk gebaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Am Auslauf des Muldestausees errichtet die Talsperren-Wasserkraft-Sachsen-Anhalt GmbH eine millionenschwere Anlage zur Stromerzeugung. Seit einigen Monaten wird hier gebaut und die Dimensionen sind inzwischen sichtbar – die Baustelle ist riesig, so groß wie eineinhalb Fußballfelder. 16 Meter tief wurden allein die Fundamente in die Erde gebracht.

Muldestausee: Gewässer mit Potential

Der Muldestausee liegt malerisch in der Nähe von Friedersdorf und Pouch bei Bitterfeld. 1972 wurde die Kohleförderung im Tagebau Muldenstein beendet, ab April 1975 das Restloch geflutet und gestaut. Mit einer 19 Meter hohen und 303 Meter langen Staumauer. Kein Stausee, um Hochwasser zu vermeiden, sondern ein sogenannter Flussstau für die touristische Nutzung. Mit seiner enormen Größe von 6,3 km² ist es das viertgrößte Gewässer in Sachsen-Anhalt.

Und das Gewässer hat Potential. Denn das Wasser fällt am Wehr des Muldestausees fast fünf Meter in die Tiefe. Bei dem Gefälle und den großen Abflussmengen sind die Möglichkeiten zur Stromerzeugung enorm, sagt Andreas Rudolf. Er ist Wasserbauingenier beim sachsen-anhaltischen Talsperrenbetrieb. Der hat seinen Sitz in Blankenburg und ist bereits Eigentümer der Talsperre am Muldestausee. Dieser Umstand vereinfachte das Vorhaben in Friedersdorf, sagt Rudolf. Es ist das fünfte Kraftwerk, des vor allem im Harz aktiven Unternehmens – und ihr erstes im Raum Anhalt-Bitterfeld.

Bilder der Baustelle am Muldewehr

Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
In Friedersdorf bei Bitterfeld wird ein Wasserkraftwerk gebaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
In Friedersdorf bei Bitterfeld wird ein Wasserkraftwerk gebaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Im Herbst 2020 soll das Kraftwerk ans Netz gehen und pro Jahr 13 Megawattstunden Strom, also umgerechnet für 4.000 Haushalte produzieren. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Seit 2009 laufen die Planungen für den Bau. Das Unternehmen rechnet mit Kosten in Höhe von mehr als 15 Millionen Euro. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Mehrere Millionen kostet die Fischtreppe, die im Wasserkraftwerk integriert wird. Da sich durch das Kraftwerk die Strömung verschiebt, wird sich die sogenannte Lockströmung für die Fische von der linken Seite der Mulde auf die rechte verschieben. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
In dem ehemaligen Tagebau wurde bis 1975 Kohle abgebaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Dann wurde das Restloch geflutet und mit einer 19 Meter hohen und 303 Meter langen Staumauer gestaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
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Baustelle des Wasserkraftwerks am Muldestausee in Friedersdorf bei Bitterfeld
Dann wurde das Restloch geflutet und mit einer 19 Meter hohen und 303 Meter langen Staumauer gestaut. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das Wasserkraftwerk mit zwei Turbinen soll pro Jahr 13 Megawattstunden Strom produzieren. Das entspricht etwa einem jährlichen Stromverbrauch von mehr als 4.000 Haushalten, so Rudolf. Sauberer, grüner Strom aus erneuerbaren Energien, der ins öffentliche Netz eingespeist wird. Über die Einspeisevergütung soll das Projekt schließlich refinanziert werden. Die beiden rund 50 Tonnen schweren Turbinen liefert im nächsten Jahr eine Firma aus Österreich.

Jahrelange Planung und Vorbereitung

Seit 2009 laufen die Planungen für das Projekt. Die Vorbereitungen haben sich wegen zusätzlicher Genehmigungen, steigender Kosten und europäischer Ausschreibungen immer wieder verzögert. Das Unternehmen rechnet mit Kosten in Höhe von mehr als 15 Millionen Euro. Mehrere Millionen kostet allein die Fischtreppe, die im Wasserkraftwerk integriert wird.  

Und das, obwohl bereits in Fließrichtung links am Muldeauslauf eine mehrere Millionen teure Fischaufstiegstreppe existiert. Doch wenn das Muldestausee-Wasser künftig über das Wasserkraftwerk abfließt, wird sich die sogenannte Lockströmung, die die Fische anlockt, von der linken Seite der Mulde auf die rechte verlagern, sagt Rudolf. Deshalb wird auf der anderen Flussseite noch eine zweite Treppe gebaut. Sie wird einen Höhenunterschied von 5,80 Meter überwinden und 260 Meter lang sein. Auf der Seeseite wird zudem vor die Turbinen auf einer Länge von 52 Meter ein Horizontalrechen eingebaut – eine Art Sieb, welches die Turbinen vor Gegenständen schützt und dafür sorgt, dass keine Fische in die Anlage schwimmen.

Im Herbst 2020 wird das Wasserkraftwerk laut Rudolf fertig sein und ans Netz gehen.

Korrektur: In einer ersten Version des Artikel wurde die Lage des Stausees und das Ende des Kohleabbaus falsch angeben. Das haben wir korrigiert.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Oktober 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2019, 15:58 Uhr

5 Kommentare

J.Heder vor 6 Wochen

Eine sehr gute Sache mit dem Wasserkraftwerk.
Dann ist diese Technologie ja immer noch gut; nicht wie es mir 2 Mitarbeiter des Umweltamtes in Gera 2009 einmal sagten: ein Mühlrad; da werden ja die Fische zerhackt..... und lehnten meine Anträge zur Leistungserhöhung eines Wasserkraftwerks nahe Altenburg mit dieser Begründung ab.
Vielleicht wird dann das alte Wasserkraftwerk Canitz bei Wurzen wieder aufgebaut!? Die Anlage hatte 3 MW Leistung und ist als Reparationsleistung durch die Russen demontiert worden. Ich hatte als Lehrling 1980 einen Kollegen der diese Anlage im Krieg bedient hat.
Meines Wissens nach liegen die Druckrohrleitungen vom Wehr in der Mulde noch und sind intakt, das alte Maschinenhaus steht auch noch; 2005 habe ich es mal besucht mit dem Gedanken einer Reaktivierung unter dem damaligen EEG. Aber die Kosten sind sehr hoch wegen der speziellen Konstruktion. Vielleicht wird es ja doch wieder.....

W.Merseburger vor 6 Wochen

Noch eine kleine satirische "Spitze". Die Investoren glauben wohl nicht an die negativen Prognosen der Klimawissenschaftler, die eine Versteppung Mitteldeutschlands ganz sicher vermuten. Versteppung bedeutet nämlich extreme Trockenheit und viel Wärme bzw. Hitze. Natürlich gibte es sehr trockene Bereiche nicht nur auf Hiddensee sondern auch in Mitteldeutschland, z.B. oberhalb der Unstrut bei Laucha. Hier versuchen Aktivisten des BUND diese Trockenwiesen vor der "Verbuschung" zu bewahren, um dieses Biotop zu erhalten.

Der Lange vor 6 Wochen

Vorab zwei Klarstellungen: Es ist gut, dass hier nach 10 Jahren Planung Bewegung in den Bau des Wasserkraftwerks kommt. Der Schutz der Fische ist wichtig.
Allerdings stellt sich mir eine Frage: 2011 wurde die erste Fischtreppe für 4,9 Mio EUR gebaut. Laut Medienberichten zur Umsetzung europäischer Auflagen. Soweit so gut. Beziehungsweise schlecht. Denn: die Planungen für das Wasserkraftwerk liefen da bereits. Es drängen sich hier also weitere Fragen auf: Warum wurden die Planungen nicht abgestimmt? Warum wurde eine Fischtreppe geplant und gebaut, die dann in absehbarer Zeit keine Funktion hat? Wer hat sich hier "goldene Nase" verdient? Wieso ist dieses Kuddelmuddel niemandem aufgefallen bzw. warum hat die Politik nicht eingegriffen? Wäre für die Kollegen vom MDR ein lohnender Rechercheansatz, oder?
Die Frage, die ich mir selbst beantworten kann ist: Wer trägt die Kosten? Klar doch - der dusslige Steuerzahler bzw. Stromverbraucher. Weil: er wehrt sich nicht.
Noch Fragen, Kienzle?


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