Eine Wasserfläche samt Steg
Das Naturbad Rehsumpf bietet seit mehr als 100 Jahren Idylle pur. Für die Dessauer von heute ist Schwimmen hier allerdings nicht erlaubt. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Wo schon Junkers schwamm Baden verboten im sanierten Naturbad in Dessau

Das Naturbad Rehsumpf in Dessau gehört zu den ältesten Flussbadeanstalten Deutschlands. Gerade erst wurde es saniert, doch darf dort nicht gebadet werden. Der Eigentümer des Gewässers hat ein Badeverbot erlassen.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Wasserfläche samt Steg
Das Naturbad Rehsumpf bietet seit mehr als 100 Jahren Idylle pur. Für die Dessauer von heute ist Schwimmen hier allerdings nicht erlaubt. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

In der Dämmerung kann man sie hin und wieder beobachten: Wildschweine oder Rehe, die durch die Mulde schwimmen, um am Rehsumpf frisches Gras und Eicheln zu naschen. Ob das Gelände daher seinen Namen hat, Helga Sinner weiß es nicht genau. Doch die Frau vom Rehsumpfverein ist sich sicher: Das ist der idyllischste Platz von ganz Dessau. Natur pur, ein Kleinod mit blühenden Wiesen, Libellen, die durch die Luft tanzen, Waschbärbabys, die sich über das Gelände jagen. Hohe Bäume spenden Schatten und dazwischen stehen schmucke blau-weiße Badehäuschen auf Stelzen. Ruhe und Erholung findet man hier und das mitten in der Stadt.

Schwarz-weiß Foto mit Familien, die im Grünen sitzen
Schon die Familie von Hugo Junkers hatte hier ein Badehäuschen angemietet. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das hat auch schon Flugzeugpionier Hugo Junkers vor 100 Jahren begeistert. Der Unternehmer hatte mit seiner Familie ein freistehendes Badehäuschen angemietet. Es ist weiß gestrichen mit blauen Fensterläden, in die kleine Herzchen geschnitten sind. Von der Terrasse aus hat Junkers im Liegestuhl sitzend Kindern und Enkeln beim Baden zugeschaut.

Trubel im Bad, 40 Essen auf der Speisekarte

Reger Badebetrieb herrschte dort zu jener Zeit, auch in DDR-Jahren noch, als die Maschinenfabrik ABUS Dessau den Rehsumpf unter ihren Fittichen hatte. Damals gab es im Vereinsheim eine Speisekarte mit 40 Essen, schwärmt ein älterer Dessauer, der seit 40 Jahren regelmäßig im Rehsumpf schwimmt. Auf eigene Gefahr, wie er sagt, damals wie heute.

Doch dann kam die Wende, das Aus für die Gaststätte, immer weniger Badegäste und zwei Hochwasser, die auf dem Gelände schwere Schäden angerichtet haben. Beim ersten Mal hatte die Stadtverwaltung Dessau-Roßlau noch Mittel für die Wiederherstellung beschlossen. Nach dem zweiten Hochwasser lag der Abrissantrag auf dem Tisch.

Kleinod in Dessau Das Naturbad Rehsumpf

Auch wenn der Name anderes erwarten lässt – das Rehsumpf-Bad bietet Idylle und spannende Geschichten. Früher wurden hier Kinder in Käfigen ins Wasser gelassen, um Schwimmen zu üben. Das Bad gestern und heute in Bildern.

Ein hölzernes, langes Gebäude
Badekabinen im Naturbad Rehsumpf in Dessau wie zu Uromas Zeiten: Sie wurden saniert und können heute wieder gemietet werden. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Ein hölzernes, langes Gebäude
Badekabinen im Naturbad Rehsumpf in Dessau wie zu Uromas Zeiten: Sie wurden saniert und können heute wieder gemietet werden. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Ein hölzernes Gebäude mit vielen Fenstern und einem langen Gang
61 Kabinen gibt es insgesamt, die für zehn Euro im Monat an die Dessauer vermietet werden – inklusive Zugang zu Sanitär und Küche. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Ein Steg aus Beton mit Einstieg ins Wasser
Das Problem ist allerdings: Der Sprung ins nahe Wasser der Mulde ist verboten. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Eine gesperrte, kleine Fußgängerbrücke
Selbst der Weg zum Badevergnügen ist versperrt. Der Landesanglerverband Sachsen-Anhalt hat den Muldearm vor zwei Jahren für 5.000 Euro vom Land Sachsen-Anhalt gekauft – und nur Mitglieder des Verbandes dürfen ihn nutzen. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Im Wasser spiegeln sich Wolken, dazu viel Grün
Das hier könnte die Lösung werden: An dieser Stelle wäre ein Einstieg per Badetreppe möglich. Der Bau hängt aber unter anderem noch vom Naturschutz ab. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Schwarz-weiß Foto mit Kindern im Wasser
Früher war Baden oder nicht Baden keine Frage. Im Rehsumpf herrschte Trubel. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Ein Kasten aus Metall und Holz
Im sogenannten "Schweinekasten" wurden damals Kinder und Nichtschwimmer ins Wasser gelassen. Derzeit wird er saniert. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Vereinsheim mit gelber Fassade und vergitterten Fenstern
Das Vereinsheim ist bereits mit neuen Toiletten, Duschen und sogar Solaranlage ausgestattet worden. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Ein Steg aus Beton
Jetzt müssen der Rehsumpfverein und der Anglerverein nur noch klären, ob und wann hier endlich wieder jeder schwimmen gehen darf.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04.07.2019 | 16:40 Uhr
Bildrechte: MDR/Susanne Reh
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Einige wenige Dessauer gründeten den Rehsumpfverein und kämpften verbissen um die Rettung des Naturbades. Mit Erfolg. Schon bewilligte Mittel für den Abriss flossen in die Sanierung. Die Badehäuschen, vor allem die Dächer, wurden repariert, neue Stege und Treppen gebaut, das Vereinsheim bekam Toiletten, Duschen und eine Solaranlage. Auch Junkers Badehäuschen erstrahlte in frischen Farben.

Ein Holzhäuschen mit Herzen auf den Fensterläden
Sanierung abgeschlossen: So sieht das Häuschen von Hugo Junkers heute aus. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Vor einer Woche – am 29. Juli – wurden das kleine Häuschen sowie das ganze Gelände feierlich wieder seiner Bestimmung übergeben. Doch die Freude über diesen Erfolg ist getrübt. Denn in dem Naturbad, das immerhin eine der ältesten Flussbadeanstalten Deutschlands ist, kann auf absehbare Zeit nicht gebadet werden.

Nur Anglerverein darf Muldearm nutzen

Eine gesperrte, kleine Fußgängerbrücke
Der Zugang zum Wasser ist vom Anglerverein gesperrt worden. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Zwar hat der Rehsumpfverein das Gelände von der Stadt gepachtet, doch das Gewässer selbst gehört dem Landesanglerverband Sachsen-Anhalt. Der hat den Muldearm vor zwei Jahren für 5.000 Euro vom Land Sachsen-Anhalt gekauft – und nur Mitglieder des Verbandes dürfen ihn nutzen. Das heißt: Angeln ist am Rehsumpf erlaubt, Baden hingegen verboten. Der Anglerverein Dessau hat sogar die Brücke, die von den Badehäuschen zum Wasser führt, mit einem Zaun verschlossen. Gleich drei Schlösser sichern das Bad vor unerwünschten Besuchern. Das ist kein böser Wille, heißt es vom Anglerverein. Nur möchte der keine Haftung übernehmen, wenn einem Badegast am Rehsumpf etwas passiert.

Stellen sie sich vor, Sie kaufen sich eine Eigentumswohnung mit hübschem Bad und die Nachbarn kommen und wollen auch mal baden gehen.

Helga Sinner Rehsumpfverein

Helga Sinner hat Verständnis dafür. Dennoch hofft Sinner, dass sich die beiden Vereine auf eine gemeinsame Nutzung verständigen können. "Wir sind im Gespräch miteinander", sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT und hofft, dass spätestens im Sommer 2020 wenigstens für die Mitglieder des Rehsumpfvereins das Baden erlaubt wird. Für alle anderen soll an einer anderen Stelle – direkt an den Badehäusern an der Jonitzer Mulde – eine Badetreppe ins Wasser führen. Zuvor muss aber ein Jahr lang beobachtet werden, ob Tiere durch die Nutzung gestört werden könnten, bevor der Badeeinstieg gebaut werden kann, so Sinner.

Gelände trotzdem geöffnet

Und so müssen Badehose und Bikini am Rehsumpf auf absehbare Zeit erst einmal offiziell zuhause bleiben. Aber, so Helga Sinner, auch ohne den Sprung ins Wasser ist und bleibt es idyllisch am Rehsumpf. Geöffnet ist das Gelände jeweils freitags, samstags und sonntags, abgesichert durch die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins. Dann kann man am Rehsumpf spazieren gehen, Tiere beobachten, picknicken oder sich eine Ausstellung mit historischen Aufnahmen anschauen.

Mitgliedsantrag für einen Verein
Der Antrag der Autorin Susanne Reh auf eine Badekabine beim Flussbad Rehsumpf. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Das Vereinsheim soll künftig für Vereins- und Familienfeiern mit eigenem Catering zur Verfügung stehen. Und dann sind da noch die 61 Badekabinen, von denen 20 noch neue Mieter suchen. Oder besser gesagt 19. Denn ich, die Autorin, habe heute meinen Antrag auf Anmietung einer Badekabine am Rehsumpf abgegeben und freue mich auf erholsame Stunden in unberührter Natur – und das mitten in der Stadt.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. Juli 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019, 16:22 Uhr

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4 Kommentare

05.07.2019 18:34 Dipl.-Ing. Hartmut Welk 4

Ihr Lieben !
Ist das ein Schildbürgerstreich ???
LG

05.07.2019 14:30 Frank 3

Wer hat denn die Sanierung bezahlt?? Die Stadt??Wenn der Verein das Bad schließt, soll er sofort die Sanierungskosten zurückzahlen!!

05.07.2019 05:48 Stef. 2

Wer will denn in ein Naturbad gehen in dem man nicht baden darf?
Aber einfach natürliches Gewässer Zu verkaufen... Wenn man das mit jedem schönen Stück Natur macht, kann ich wohl bald auch nicht mehr wandern gehen.

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