Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch
Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jubiläum in Dessau Bauhaus-Kritiker im Interview

Sie vermissen Erker, Verzierungen und Individualität: Ein Architekt und ein Architekturkritiker sehen die Bauhaus-Ideen aus heutiger Sicht kritisch. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT sprechen sie über die Probleme.

Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch
Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner und Architekturkritiker Dankwart Guratzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Mäckler, Sie bezeichnen die Architektur im Stil des Bauhauses als abweisend und klinisch. Was fehlt dort?

Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner: Warum sind die Vorstädte so abweisend – da kommen Sie sehr schnell darauf, dass diesen Häusern vor allem eines fehlt, nämlich eine städtische Fassade, die geprägt wird von den Elementen, die das Bauhaus strikt abgelehnt hat. Elemente, wie zum Beispiel der Erker. Das ist ein wunderbares städtisches Element: Sie treten aus ihrem Wohnraum sozusagen auf die Straße und überblicken plötzlich die ganze Straße, ohne, dass Sie den Wohnraum verlassen. Also ein fabelhaftes Element, das innen und außen miteinander verbindet. Ein Element, das in der Reduktion der Architektur der Moderne einfach nicht mehr existierte.

Woher kommt diese Reduktion auf quadratisch, praktisch, schlicht?

Ich verstehe diese Haltung des Bauhauses so, dass sie geprägt war von dem Gedanken, sich aus dem 19. Jahrhundert zu entfernen. Man wollte eine Industrialisierung des Bauens, im Sinne eines sozialen Gedankens. Vor allem aber, das scheint mir ganz wichtig zu sein, wollte man das Kaiserreich überwinden. Der Kaiser ist heute 100 Jahre tot und wir tun immer noch so, als ob wir kurz hinter dem Kaiserreich stehen würden mit unserer Architektur. Ich glaube, das haben wir gar nicht nötig. Ich glaube, dass diese Elemente der Architektur selbstverständlicher Bestandteil unserer Häuser werden könnten. Und ich bin sogar ganz sicher, dass Walter Gropius das heute propagieren würde.

Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner
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Prof. Christoph Mäckler ... ist Architekt und Stadtplaner mit Weltruf. Der 1951 in Frankfurt geborene Mäckler studierte in Aachen Architektur. Dort ist er nach eigenen Angaben "im Sinne des Bauhauses erzogen worden": Flache Dächer sind modern, Erker überflüssig, Dachgauben spießig. Er hat im Lauf seines Berufslebens viel über Städtebau nachgedacht und Stadtansichten auch selbst architektonisch verändert. Mäckler hat beispielsweise die Leipziger Marktgalerie gestaltet. Zu seinen bekanntesten Bauwerken gehört der Berliner "Lindencorso".

Kritiker sprechen von Würfelhusten?

Das Schlimme ist, dass wir als Architekten nur den Würfelhusten gelernt haben. Wir haben nur gelernt, Boxen zu bauen und die in irgendeiner Weise zusammenzustellen. Als dann die Box zu langweilig wurde, haben wir angefangen, in den Fassaden die Fenster zu verschieben, damit da wenigstens irgendwie Gestalt hineinkommt. Das ist aber nicht ausreichend. Wir tun das alles nur, weil wir geprägt sind von der Moderne – bis in unsere heutige Zeit. Die Plattensiedlungen und was da alles an Hässlichkeiten ist, geht natürlich auf die Industrialisierung zurück und wenn Sie so wollen, auf das Bauhaus – oder zumindest ist das Bauhaus einer der führenden Wegbereiter für das industrielle Bauen gewesen.

Als besonders schlimm bezeichnen Sie die fehlende Mischung der Gesellschaft beim Wohnen heutzutage?

Ja, es misslingt die soziale Mischung. Wenn Sie 100 Meter von der Stange als sozialen Wohnungsbau bauen, dann bekommen Sie keine Durchmischung. Durchmischung hatte man früher auf einer Parzelle: Sie hatten ein Haus mit einem Flügelanbau oder einem Hinterhaus, da gab es die kleineren Wohnungen für die Leute, die eben nicht so viel Geld hatten. Vorne hatten Sie die Bel Etage, da wohnten die Leute, die begüterter waren. Das heißt, Sie hatten die soziale Durchmischung unserer Gesellschaft auf einer einzigen Parzelle.

Architekturkritiker Dankwart Guratzsch
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Dr. Dankwart Guratzsch … ist Journalist, Architekturexperte und vor allem Architekturkritiker. Er wurde 1939 in Dresden geboren und studierte Geschichte und Germanistik. Er arbeitete bei der Tageszeitung "Die Welt" und spezialisierte sich auf das Thema Städtebau. Guratzsch schrieb leidenschaftlich über die architektonischen Entwicklungen in der DDR, die er ablehnte. Er erhielt mehrfach den Deutschen Preis für Denkmalschutz.

Kann man das Bauhaus auf "architektonischen Würfelhusten" reduzieren? Ist da etwas dran?

Dankwart Guratzsch, Architekturexperte: Ja und nein natürlich. Es ist eine zu umfangreiche und in sich widersprüchliche Materie, als dass man es auf nur eine Formel bringen könnte. Aber der Würfelhusten ist natürlich eine Erscheinung, die im 20. Jahrhundert so richtig Fahrt aufgenommen hat, als man begonnen hat, den geschlossenen Städtebau aufzugeben.

Welchen Anteil hat das Bauhaus daran?

Schriftzug "Bauhaus" in Dessau
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Das Bauhaus hat insofern Anteil, als dass Walter Gropius sowohl das Punkthochhaus als Wohnhaus favorisiert hat – er hielt das für einen sehr gebrauchsfähigen Typ – als auch die von ihm sogenannte Streifenbebauung. Das meinte den heute sogenannten Zeilenbau. Also freistehende Zeilen, die nicht mehr untereinander verbunden sind. Beides ist ungeheuer energieaufwendig im Verhältnis zu dem traditionellen, geschlossenen Städtebau, wie er aus der Gründerzeit überliefert ist und auch heute wieder verschiedentlich angewendet wird. Das Problem bei den freistehenden Zeilen ist klimapolitischer Art. Diese Häuser, ob es Hochhäuser oder Einfamilienhäuser sind, sind wahre Energiefresser und insofern sind sie eigentlich unzeitgemäß.

Heute werden Häuser abgerissen, die nur 40 Jahre alt sind. Ist das nicht auch enorme Ressourcenverschwendung?

Genau das ist die Folge und daran ist auch Walter Gropius nicht ganz unschuldig. Für ihn war Baukunst, Architektur, keine angewandte Archäologie. Alles, was alt ist, war seines Erachtens ersetzbar, sollte auch ersetzt werden. Und dieser Gedanke war der Industrie äußerst sympathisch, weil sich ein ungeheures Arbeitsbeschaffungsprogramm ergab. Ein Massenwohnungsbau konnte entwickelt werden, der es möglich machte, große Mengen von Menschen in gleichförmigster Weise unterzubringen.

Auf diese Weise konnte die alte Stadt, die sich nach den Auffassungen von Gropius überlebt hatte – und nicht nur nach seinen Auffassungen – durch eine sehr viel funktionellere Bauweise ersetzt werden. Im Alter hat er all das widerrufen und gesagt, es seinen wahre Ungeheuerlichkeiten entstanden, die eben leider auch auf die Ideen und Ideologien der 1920er Jahre zurückgehen.

Die Fragen stellte Detlef Suske.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 08:56 Uhr

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2 Kommentare

21.02.2019 09:34 Ulrike Wendland 2

Da kann ich mich Michael Thiele nur anschließen - es ist richtig, die Fehlentwicklungen der Moderne zu benennen. Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen. Die Debatten dazu halten an. Aber ob dies gelingt, indem ich einen notorischen Verfechter der Rekonstruktion (Guratzsch) und einen selbsternannten Historisten (Mäckler, der übrigens auch dekorierte Kisten ohne jeden Erker baut, sogar sehr hohe, wie in Frankfurt) interviewe, wage ich zu bezweifeln. Ich empfehle ein weiteres Gespräch mit dem wirklich kenntnisreichen Werner Durth aus Darmstadt, der das Thema weniger polarisiert referieren könnte.

Anmerkung von MDR SACHSEN-ANHALT:
Vielen Dank für den Hinweis.

20.02.2019 23:37 Michael Thiele 1

Die Reduzierung des Bauhauses auf Gropius und Quarder ist plumpestes Klischee, die Glorifizierung des Hinterhauses als Gentrifizierungsbremse der blanke Hohn. Leider ist heute modern, die Moderne zu schelten und das Flachdach hat weder Taut noch Gropius erfunden. .... Klischees alles Klischees, in meinem MDR !!