Ehrenamt Verein will Kiez-Kino in Dessau wiederbeleben

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Seit gut einem Jahr ist das Dessauer Kiez-Kino geschlossen. Nun will ein Verein es wieder zum Leben erwecken. Geöffnet werden soll an vier Tagen die Woche. Allerdings wartet auf die ehrenamtlichen Helfer noch viel Arbeit.

Hausfassade mit Reklame-Schildern
Die erste Vorstellung im Dessauer-Kiez Kino ist für den 6. Oktober geplant. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Der Ton im Saal des Dessauer Kiez Kinos läuft schon mal, doch das Bild fehlt noch. In dem kleinen Vorführraum über dem Kino-Saal schauen Almut Reichart, Sandra Leuthold und Thomas Ebert gespannt durch zwei kleine Plexiglasscheiben hinunter auf die dunkle Leinwand. In der Hand haben die drei Klemmbretter mit Checklisten, auf denen sie genauestens notieren, was Edmund Lening sagt und tut.

Kein Kino ohne Eddi

Edmund Lening - den im Kino alle Eddi nannten - war mehr als 20 Jahre lang der Filmvorführer und die gute Seele des Dessauer Kiez-Kinos, einem kleinen Programm-Kino mit gerade einmal 50 Sitzplätzen. Sechs Tage die Woche kümmerte er sich um die Filme und die Menschen, die sie sehen wollten. Im Sommer 2019 ging Lening in den Ruhestand. Seitdem blieb die Leinwand des Kiez-Kinos in Dessau dunkel.

Almut Reichart gehörte zu den Stammgästen. Mindestens einmal die Woche kam sie ins Kiez, freute sich Eddi zu sehen, traf Bekannte und schaute sich gute Filme an.

Frau sitzt in Kinosessel.
Almut Reichart freut sich, dass sie "ihr" Kino wieder hat. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Ich haben das Kino immer als ein ganz besonderes Stück Kultur in Dessau erlebt. Die Atmosphäre ist eine besondere, auch weil der Raum so klein ist. Und als Eddi dann in den Ruhestand gegangen ist und es plötzlich kein Kino im Kiez mehr gab, habe ich das wirklich sehr vermisst.

Almut Reichart

Zwar bemühten sich die damaligen Betreiber des Kinos einen Nachfolger für Eddi zu finden, doch es wurde schnell klar, dass sich ein so kleiner Saal kaum wirtschaftlich betreiben lässt, und so blieb das Kino geschlossen. Überlegt wurde, in unregelmäßigen Abständen zum Eventkino ins Kiez einzuladen. Doch das genügte Almut Reichart nicht: "Das schöne war ja, dass man jederzeit ins Kiez-Kino gehen konnte. Man wusste an fast jedem Tag der Woche gibt es ein alternatives Kino-Programm, die Filmauswahl war immer ansprechend, Event-Kino ist einfach nicht dasselbe."

Ein Verein gründet sich

Nach einigem Abwarten und Überlegen ergriff Almut Reichart die Initiative. Warum nicht einen Verein gründen, der sich speziell um den Betrieb des Kinos kümmert. "Ich hatte das Gefühl, dass nicht nur ich das Kino vermisse, sondern es auch vielen anderen Leuten in der Stadt so geht."

Und  damit sollte Almut Reichart Recht behalten. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten gründete sie den Verein "Film ab in Dessau". Mittlerweile haben sich etwa 50 Interessierte gemeldet, die sich im Verein engagieren wollen. Und das ist auch gut so, denn ein Kino zu betreiben, ist viel Arbeit.

Fünf Menschen stehen vor einer Leinwand.
Einige der Ehrenamtlichen, die sich für das Dessauer Programmkino engagieren (li: Almut Reichart, 2. v.r.: Edmund Lening) Bildrechte: MDR/Jana Müller

Neben der Organisation im  Hintergrund - von der Programmgestaltung, über den Filmverleih, bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit - müssen natürlich vor allem die Filmvorführungen abgesichert sein. Geplant ist an vier Tagen die Woche, jeweils zwei Filme zu zeigen.

Es wird dann einen großen Plan geben, in den können sich die Vereinsmitglieder zu zweit eintragen und dann müssen sie alles machen. Sie müssen den Schlüssel holen, die Räume aufschließen, das Licht anmachen, Karten verkaufen, die Gäste im Saal platzieren, den Film starten und abends dann natürlich alles ausmachen und absperren.

Almut Reichart

Mit Checklisten durch den Abend

Damit auch jeder genau weiß, was zu tun ist, soll es Checklisten geben. "Es ist ja Gott sei Dank nicht mehr so, dass man Filmrollen einlegen muss. Wir arbeiten erstmal nur mit Blue-Ray und DVD, das ist fast wie zu Hause. Allerdings gibt‘s hier auch ein Mischpult und man muss sich schon genau anschauen, welchen Knopf man drücken muss." Gerade am Anfang sollen die Vereinsmitglieder deshalb auch unterstützt werden, von Eddi oder den Leuten, die sich mit der Technik schon auskennen. Wahrscheinlich wird nicht gleich alles glatt laufen, vermutet Almut Reichart, doch sie hofft auf ein verständnisvolles Publikum im Saal.

Frau notiert etwas auf einem Klemmbrett.
Jedes Detail wird notiert, damit der Kino-Ablauf funktioniert. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Dort müssen noch die Stühle eingebaut werden, von den 50 Sitzen dürfen Corona-bedingt maximal 22 besetzt werden. Doch das bereitet den Vereinsmitgliedern kaum Kopfzerbrechen. "Da der Kinobetrieb ehrenamtlich organisiert ist, brauchen wir pro Vorstellung nur zehn Besucher, um kostendeckend arbeiten zu können", erklärt Reichart. Kommen mehr, macht der Verein Gewinn. Das ist natürlich das Ziel, denn nur mit einem Guthaben kann investiert werden. Auf lange Sicht möchte der Verein das Kiez-Kino digitalisieren. Die Filme sollen dann von einem Server kommen. Etwa 20.000 Euro kostet die Umstellung. Dafür kann der Verein Fördermittel beantragen, doch einen gewissen Eigenanteil muss er trotzdem leisten. Vielleicht, überlegt Reichart, hilft auch die Stadt mit einem Zuschuss aus.

Programm Kiez-Kino Dessau

Die erste Vorstellung im Dessauer-Kiez Kino ist am 6. Oktober um 17:30 Uhr geplant. Es läuft der Film "Faking Bullshit". Dann sollen immer dienstags bis freitags jeweils 17:30 Uhr und 20:30 Uhr Filme gezeigt werden. Informationen zum Programm gibt es über Instagram (Kiez_kino_dessau) oder Facebook (Kiez Kino Dessau), Kontakt zum Verein per Mail unter FilmAbimKiez@freenet.de

Eine Frage der Einstellung

Mann an Mischpult, eine Frau steht dahinter
Eddi bei seiner Übergabe am Mischpult. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Doch das ist Zukunftsmusik – heute muss erst einmal das Bild auf die Leinwand. Auch Edmund Lening weiß einen Moment nicht, warum man noch nichts sieht. Doch dann hat er die Idee: Die Einstellung vom Beamer stimmt noch nicht. Statt HDMI muss RGB eingestellt werden. Almut Reichart und ihre Vorstands-Kollegen vermerken das auf den Checklisten. Und dann, mit einem lauten "ahhhhhhh" im Vorführraum, wird die Leinwand im Dessauer Kiez-Kino hell und der Film läuft!

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Oktober 2020 | 11:40 Uhr

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