100 Jahre Bauhaus Mehr Touristen, sanierte Straßen: So hat Dessau vom Bauhaus-Jahr profitiert

2019 war ein besonderes Jahr für die Stadt Dessau. Zum 100. Bauhaus-Jubiläum wurde das Bauhaus Museum neu eröffnet, in den ersten Monaten kamen mehr als 70.000 Besucher. Doch: Profitiert von den vielen Touristen nachhaltig auch die Stadt? MDR SACHSEN-ANHALT hat im dritten Teil der Serie zu 100 Jahren Bauhaus nachgefragt.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Bauhaus in Dessau, UNESCO Weltkulturerbe
100 Jahre Bauhaus sind in Dessau groß gefeiert worden. Profitiert hat davon auch die Stadt, etwa wegen gestiegener Touristenzahlen. Bildrechte: imago images/Gerhard Leber

Dessaus Gastronomen, Konditoren und Bäcker haben die Zeichen der Zeit schnell erkannt. Denn ein Geburtstag ohne kulinarische Leckereien – das geht schließlich nicht. Dazu kommt, dass sich mit Brot, Kuchen und Pralinen in Bauhausfarben und -formen so mancher Euro zusätzlich verdienen lässt. Auch Bäckermeister Oliver Schiecke hat eigens zum Jubiläum 100 Jahre Bauhaus ein Brot kreiert, genauer gesagt drei. Mit ursprünglichem Waldstaudenroggen und einem Schuss Buttermilch – gebacken in den klassischen Bauhausformen Kreis, Dreieck, Quadrat. "Wir wollten auch einen Beitrag zum Jubiläum leisten", sagt Schieke.

Drei Brote in verschiedenen Formen liegen auf einem weißen Tisch.
Kreis, Dreieck, Quadrat: Das Bauhaus-Jubiläum spiegelte sich auch in mancher Delikatesse wider. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Konditormeister Hendrik Fuchs hatte einen ähnlichen Gedanken. Er hat ein Bauhaus-Törtchen gebaut, in bunten Farben mit einer 100 aus Zuckerguss. Dazu kamen ein spezieller Bauhaus-Burger und sogar ein Bauhaus-Gin. Drei quadratische Fläschchen. Stapelbar. Vorn aufgedruckt auf schlichtem gelben Etikett: Kreis, Dreieck und Quadrat – die drei Symbole aus der Form- und Farbenlehre Wassily Kandinskys. Eine gebürtige Dessauerin, heute Augenärztin aus Erfurt, hat den edlen Tropfen entwickelt.

Mehr als 194.000 Übernachtungen – allein bis September

Hinter der Stadt Dessau-Roßlau liegt ein ereignisreiches Jahr. Ungezählte Veranstaltungen gab es rund um das Jubiläum, zahlreiche Touristen kamen deshalb nach Dessau. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider, die Franziska Staudte präsentiert. Sie und ihre Kollegen von der städtischen Gesellschaft blicken "sehr zufrieden" auf das Jubiläumsjahr zurück. Bis einschließlich September verzeichnete die Stadt 194.421 Übernachtungen, 20,8 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum im Jahr zuvor.

Damit liegen die Übernachtungszahlen schon jetzt nahe an der Gesamtübernachtungszahl von 2018. "Ich bin mir sicher, dass sich dieser positive Trend in unserer Stadt in den Monaten Oktober bis Dezember fortsetzen wird, da weitere zahlreiche Veranstaltungen stattfinden, wie zum Beispiel die Konferenz 'Bauhaus sammeln'", so Franziska Staudte. Bei dem Event hatten Sammler aus aller Welt – vom Museum of Modern Art in New York bis zum Privatier – darüber diskutiert, wie das Bauhaus in Ausstellungen am besten presentiert werden kann.

Auch die Bilanz der Arbeit der Stadtmarketinggesellschaft selbst kann sich sehen lassen. Die touristische Nachfrage in diesem Jahr ist in der Tourist-Information Dessau permanent spürbar. Bisher wurde dreimal mehr Infomaterial angefragt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Staudte kann in allen Bereichen ein sattes Plus nachweisen: bei privaten Hotelzimmerbuchungen ein Plus von 460 Prozent, bei Gruppenbuchungen ein Plus von 40 Prozent, bei der Zimmervermittlung ein Plus von 47 Prozent, bei Gruppenführungen ein Plus von 160 Prozent. Auch die Zahl der Pressereisen ist deutlich gestiegen. Alles in allem ist Franziska Staudte mehr als zufrieden mit der touristischen Nachfrage. Selbst für das kommende Jahr sind schon wieder viele Buchungen fix.

Vor einem der Meisterhäuser in Dessau steht ein Baugerüst, auf dem Boden liegt eine Plane.
Im Vorfeld des Bauhaus-Jubiläums wurde auch das Meisterhaus Kandinsky/Klee saniert. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Vom Jubiläum profitiert hat auch das Stadtbild von Dessau-Roßlau. Nicht nur das neue 28 Millionen Euro teure Bauhaus-Museum im Stadtpark ist fertig geworden. Investiert wurden auch 4,2 Millionen in die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes. Dort bekamen die Wartezonen ein Dach und auch die Fahrradständer – immerhin 170 Plätze – sind jetzt vor Regen geschützt. Auf dem neugestalteten Bahnhofsvorplatz und dem Busbahnhof ist jetzt außerdem ein öffentliches WLAN-Netz verfügbar. Es waren Investitionen, von denen alle Dessauer etwas haben sollen. Direkt vor dem neuen Bauhaus-Museum wurde die Kavalierstraße mit Millionenaufwand verschönert – mit neuen Buswartehäuschen, Ruhezonen und einem neuen Beleuchtungskonzept. Alle Bauhaus-Bauten in der Stadt wurden rechtzeitig zum Jubiläum saniert, darunter das Meisterhaus Kandinsky/Klee. 1,5 Millionen Euro flossen in die Sanierung des Doppelhauses, in dem die Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee von 1926 bis 1933 mit ihren Familein lebten.

Nachhaltige Spielelemente, auch nach dem Jubiläumsjahr

Die Stadt Dessau-Roßlau hat sich mit zwei Freiluftausstellungen am Jubiläumsjahr beteiligt. Zum einen mit den sogenannten "Passagen 100". Das ist der Fußweg vom Bauhaus-Gebäude zum neuen Museum im Stadtpark – auf dem man das Bauhaus-Jubiläum sozusagen ertasten und erspringen kann. Da gibt es einen Handlauf mit verschiedenen Materialen, einen Parcours auf dem Bahnhofsvorplatz oder die drei schwarzen, flexiblen Wände, gegen die man springen oder sich lehnen kann – in Sichtweite des Stadtparkes. Nachhaltige Spielelemente, die auch nach dem Jubiläum für Groß und Klein zur Verfügung stehen. Das gilt genauso für die "Unsichtbaren Orte". Das sind 14 Bild- und Hörstationen, die zu Plätzen führen, die man erst auf den zweiten Blick mit den "Baushäuslern" in Verbindung bringt. Die orangenen Stelen prägen das Stadtbild von Dessau.

Menschen sehen sich in Dessau große schwarze Kugeln an, die auf einer Straße liegen.
Elemente der "Passagen 100" bleiben Dessau auch in Zukunft erhalten. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Und die Dessauer selbst? Was halten sie vom Jubiläumsjahr und dem neuen Bauhaus-Museum? So mancher scheint immer noch keinen Frieden mit dem Standort und dem Neubau geschlossen zu haben. "Interessanter wäre der Entwurf mit den Zipfelmützen gewesen", meint ein Mann vor dem Museum und ein anderer Passant ergänzt: "Ich hätte das Museum näher am Bauhaus gebaut, der Stadtpark ist der völlig falsche Standort."

Das Ding sollten sie wieder abreißen, sieht doch total hässlich aus.

Ein Passant in Dessau über das neue Bauhaus Museum

Ein jüngerer Mann geht sogar noch weiter: "Das Ding sollten sie wieder abreißen, sieht doch total hässlich aus, passt doch gar nicht ins Stadtbild, das hätten die sich sparen können". Eine Frau, die das hört, ist da ganz anderer Meinung: "Ich habe jetzt nicht so die Beziehung zum Bauhaus, aber ich finde es schön, ich finde auch schön, dass es hier ist. Ja es ist mal eine Bereicherung für Dessau, das denke ich schon."

Das neue Museum, es polarisiert noch immer

Was aber bleibt nun vom Jubiläumsjahr? Die "New York Times" höchstselbst hatte einen Besuch in Dessau empfohlen. Neben Veranstaltungen in Berlin und Weimar sei Dessau in Sachsen-Anhalt das wohl anziehendste Ziel, schrieben die amerikanischen Zeitungsmacher im Frühjahr. Es war ein Ritterschlag für die Dessauer. Das Bauhausjubiläum hat seitdem weltweit für Aufsehen gesorgt und – das kann man bilanzieren – die 80.000 Einwohner-Stadt zwischen Mulde und Elbe noch bekannter gemacht.

Kerzenhalter und Co.: Die kuriosesten Bauhaus-Souvenirs

Mehrere bunte Kerzenhalter im Bauhaus-Stil stehen nebeneinander.
Zu einem Aushängeschild wie dem Bauhaus gehören – na klar – Souvenirs. Und davon gibt es rund um das Bauhaus einige. Zum Beispiel: Kerzenhalter im Bauhaus-Design, gefertigt von einem 3D-Drucker. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Mehrere bunte Kerzenhalter im Bauhaus-Stil stehen nebeneinander.
Zu einem Aushängeschild wie dem Bauhaus gehören – na klar – Souvenirs. Und davon gibt es rund um das Bauhaus einige. Zum Beispiel: Kerzenhalter im Bauhaus-Design, gefertigt von einem 3D-Drucker. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Zwei Bauhaus-Füller liegen in einer Vitrine.
Und kurz vor Weihnachten gibt es natürlich auch exklusive Weihnachtsgeschenke im Bauhaus-Design – von Kameras bis Schreibutensil. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Zahlreiche Stifte stecken in einem Block.
Bauhaus für den Bürotisch. Stilvoller könnte ein Bleistifthalter kaum sein. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Drei Bonbon-Dosen im Bauhaus-Stil liegen auf einem Tisch.
Bauhaus zum Naschen gibt auch auch in jeglicher Form. Hier Lakritze im Schmuckkästchen mit Bauhaus-Bildern. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Eine bunte Figur im Bauhaus-Stil steht in einem Raum.
Auch Kinder werden im Shop des neuen Dessauer Bauhaus-Museums fündig. Diese Puppe erinnert an Oskar Schlemmers triadisches Ballett. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Drei Jutebeutel im Bauhaus-Stil hängen an einem Gitter.
Im Souvenirshop des neuen Bauhaus Museums gibt es auch passende Taschen – natürlich in den Grundfarben schwarz und weiß. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Historische Bilder des Bauhauses in Dessau liegen auf einem Tisch.
Dessauer Bauhaus-Architektur ist schön. Auch auf Untersetzern. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Magnete im Bauhaus-Stil liegen auf einem Tisch.
Und auch Magnet-Sticker im Bauhaus-Stil dürfen nicht fehlen. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Rote Magnete mit einem Smiley liegen verpackt in einer Schüssel.
Ein lächelndes Stück Bauhaus-Design: der Smiley zum Anheften an Taschen und Jacken. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Blick in einen Ausstellungsraum mit Souvenirs im Bauhaus Museum in Dessau
Verkauft wird all das im Bauhaus Museum und bei der Stadtinformation Dessau.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06.12.2019 | 07:00 Uhr

Quelle: MDR/sr,ld
Bildrechte: MDR/Susanne Reh
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Besucher kamen in diesem Jahr aus aller Welt, vor allem aus den USA, Japan und China. Die Übernachtungszahlen sind deutlich gestiegen. Aus touristischer Sicht war das Jubiläumsjahr erfolgreich – und auch die Wirtschaft profitiert. So stehen Investoren in den Startlöchern, die in der Dessauer Innenstadt ein 15 Millionen Euro teures Hotel mit 250 Betten bauen wollen. Das Jubiläumsjahr hat aber auch gezeigt hat, wie viel Potenzial das Thema Bauhaus für die Stadt hat. Und das wird benötigt: Denn 2026 wird es das nächste große Jubiläum geben. Dann jährt sich die Einweihung des historischen Bauhausgebäudes und der Meisterhäuser in Dessau zum 100. Mal.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Dezember 2019 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2019, 10:46 Uhr

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