100 Jahre Bauhaus Sammlung der Stiftung Bauhaus begeistert auch international

28 Millionen Euro hat das neue Bauhaus-Museum in Dessau gekostet. Zum allerersten Mal kann die Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau dort in einem angemessenen Rahmen präsentiert werden. Schließlich besteht sie aus mehr als 50.000 Objekten und ist damit nach der Sammlung in Berlin die zweitgrößte Bauhaus-Sammlung weltweit. Im zweiten Teil der MDR SACHSEN-ANHALT-Reihe zum Bauhaus geht es um die Schätze der Sammlung – und die Frage, wie die Sammlung entstanden ist.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Archiv der Stiftung Bauhaus Dessau in der ehemaligen Brauerei in Dessau-Roߟlau.
Die Sammlung der Stiftung Bauhaus ist in einer früheren Brauerei untergebracht. Bildrechte: dpa

Es waren gut 145.000 DDR-Mark. Gezahlt für 100 Arbeiten von Bauhäuslern. Gezahlt von der Stadt Dessau am 18. Juni 1976 an die "Galerie am Sachsenplatz" in Leipzig. Dieser Ankauf bildete das Fundament der heute gut 50.000 Objekte zählenden Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau. Die Rechnung für den Kauf ist heute ein zentrales Ausstellungsstück im neuen Bauhaus Museum, ebenso wie die damals angekauften Stücke. Die reichen von Keramik, über Grafiken bis zu Möbeln. Eine bunte Mischung.

Bild einer alten Rechnung
Die Rechnung über den Ankauf der ersten Exponate zählt heute zu den bedeutendsten Stücken der Bauhaus-Sammlung. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Ausgestellt wurden die Objekte erstmals im Bauhausgebäude, das am 4. Dezember 1976 zum 50. Jahrestag des Bauhauses als Wissenschaftlich Kulturelles Zentrum in der DDR wieder eröffnet wurde.

Heute ist Wolfgang Thöner für die Sammlung zuständig und er ist sozusagen ein wandelndes Lexikon. Es gibt keine Frage zur Geschichte des Bauhauses und der Sammlung, die Thöner nicht beantworten kann. Und Thöner holt weit aus, wenn es um die Ursprünge der Sammlung geht. "Der Chef des Stadtarchives, Harksen, hat in seinem 'Dessauer Kalender' in Artikeln immer wieder ganz vorsichtig das Thema Bauhaus angetippt. Seine Schwester, seine Frau und die gemeinsame Tochter haben schließlich 1967 in der staatlichen Galerie im Schloss Georgium die bis dato größte deutsche Ausstellung zum Bauhaus gezeigt."

Es war eine Ausstellung ohne Wirkung, da sie politisch nur geduldet war. Das änderte sich erst in den 70er Jahren, als Bernd Grönwald in Weimar seinen direkten Draht zum Zentralkomitee der SED nutzte. Thöner kennt interne Dokumente der Deutschen Bauakademie von 1964, in denen wortwörtlich davon die Rede ist: "Wenn wir das nicht machen, dann nimmt uns der Klassenfeind das Thema Bauhaus komplett weg, man könne solch eine fortschrittliche Schule nicht dem Großkapital überlassen."

Die Sammlung wächst und wächst

Und so fließt Geld für die Sanierung des historischen Bauhauses in Dessau und auch für den Ankauf erster Exponate. Hier gelingt es Hans Peter Schulz mit seiner "Galerie am Sachsenplatz" in Leipzig, ein großes Netzwerk von Sammlern und noch lebenden Bauhäuslern aufzubauen. Das Wissenschaftlich Kulturelle Zentrum (WKZ) Dessau, bis 1986 eine Einrichtung der Stadt, hatte das Vorkaufsrecht in der Galerie. Das WKZ fusionierte 1968 mit einem Weiterbildungszentrum des Amtes für industrielle Formgestaltung der DDR und der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar zum Bauhaus Dessau. Die Institution wird nach der Wende nicht abgewickelt und im Sommer 1994 in die Stiftung Bauhaus umgewandelt.

Leipziger Sachsenplatz vor Museumsneubau 5 min
Bildrechte: dpa

Die Leipziger Galerie am Sachsenplatz war in den 70er-Jahren führend mit dem Handel von Bauhaus-Arbeiten, sie legte den Grundstock für die weltweit zweitgrößte Bauhaus-Kollektion in Dessau. Andreas Höll berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 06.09.2019 18:05Uhr 04:49 min

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Bis 1990 ist die Sammlung des Hauses auf 10.000 Stücke angewachsen. Durch Ankäufe über die Galerie, aber auch durch Schenkungen, sagt Thöner. "So hat einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter des WKZ, Lutz Schöbe, in den 80er Jahren seine Diplomarbeit über Franz Ehrlich geschrieben und der hat seinen gesamten Nachlass noch zu Lebzeiten der Einrichtung überlassen. Die DDR selbst hat kurz vor der Wende noch um Nachlass des zweiten Bauhaus-Direktors Hannes Meyer vor Gericht gekämpft.

"DDR gegen die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich hieß es da", erzählt Thöner. "Das Ganze wurde mit einem Vergleich abgeschlossen, wir haben den Bauhausteil und die Exponate aus der Sowjetunion und Mexiko bekommen, die Züricher den Schweizer Teil". Die Stücke wurden noch 1989 in einer großen Ausstellung gezeigt, die erste Hannes Meyer-Ausstellung weltweit mit Stationen in Frankfurt, Zürich und West-Berlin. Wolfgang Thöner schaute sich die Schau am 11. November 1989 an, sein erster Besuch im "Westen" führte in die Berliner Ausstellung, die wenige Monate später auch noch in Dessau zu sehen ist. Das, so Thöner, war nicht geplant und nur durch die Wende möglich.

Kerzenhalter und Co.: Die kuriosesten Bauhaus-Souvenirs

Mehrere bunte Kerzenhalter im Bauhaus-Stil stehen nebeneinander.
Zu einem Aushängeschild wie dem Bauhaus gehören – na klar – Souvenirs. Und davon gibt es rund um das Bauhaus einige. Zum Beispiel: Kerzenhalter im Bauhaus-Design, gefertigt von einem 3D-Drucker. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Mehrere bunte Kerzenhalter im Bauhaus-Stil stehen nebeneinander.
Zu einem Aushängeschild wie dem Bauhaus gehören – na klar – Souvenirs. Und davon gibt es rund um das Bauhaus einige. Zum Beispiel: Kerzenhalter im Bauhaus-Design, gefertigt von einem 3D-Drucker. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Zwei Bauhaus-Füller liegen in einer Vitrine.
Und kurz vor Weihnachten gibt es natürlich auch exklusive Weihnachtsgeschenke im Bauhaus-Design – von Kameras bis Schreibutensil. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Zahlreiche Stifte stecken in einem Block.
Bauhaus für den Bürotisch. Stilvoller könnte ein Bleistifthalter kaum sein. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Drei Bonbon-Dosen im Bauhaus-Stil liegen auf einem Tisch.
Bauhaus zum Naschen gibt auch auch in jeglicher Form. Hier Lakritze im Schmuckkästchen mit Bauhaus-Bildern. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Eine bunte Figur im Bauhaus-Stil steht in einem Raum.
Auch Kinder werden im Shop des neuen Dessauer Bauhaus-Museums fündig. Diese Puppe erinnert an Oskar Schlemmers triadisches Ballett. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Drei Jutebeutel im Bauhaus-Stil hängen an einem Gitter.
Im Souvenirshop des neuen Bauhaus Museums gibt es auch passende Taschen – natürlich in den Grundfarben schwarz und weiß. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Historische Bilder des Bauhauses in Dessau liegen auf einem Tisch.
Dessauer Bauhaus-Architektur ist schön. Auch auf Untersetzern. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Magnete im Bauhaus-Stil liegen auf einem Tisch.
Und auch Magnet-Sticker im Bauhaus-Stil dürfen nicht fehlen. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Rote Magnete mit einem Smiley liegen verpackt in einer Schüssel.
Ein lächelndes Stück Bauhaus-Design: der Smiley zum Anheften an Taschen und Jacken. Bildrechte: MDR/Susanne Reh
Blick in einen Ausstellungsraum mit Souvenirs im Bauhaus Museum in Dessau
Verkauft wird all das im Bauhaus Museum und bei der Stadtinformation Dessau.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06.12.2019 | 07:00 Uhr

Quelle: MDR/sr,ld
Bildrechte: MDR/Susanne Reh
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Inzwischen mehr als 50.000 Exponate in der Sammlung

Mittlerweile ist die Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau auf mehr als 50.000 Stücke angewachsen – darunter etwa 5.000 Zeichnungen, Studien und Mitschriften. Der Sammlungsteil zur Fotografie umfasst etwa 5.000 Arbeiten aus den 1920er Jahren. Die in der Sammlung enthaltenen Designprodukte bestehen aus Arbeiten aus allen Werkstätten, darunter Möbel und Alltagsgegenstände, aber auch Tapeten und Kleidung. Ein wichtiger Teil der Arbeiten zur Architektur sind Modelle von Bauhausbauten, darunter Gropius' Direktorenzimmer, die Meisterhäuser Dessau und die Wohnhaussiedlung Dessau-Törten. Das Archiv der Stiftung Bauhaus Dessau ist ab Januar 2020 wieder zu Forschungszwecken, jedoch nicht zur öffentlichen Besichtigung, geöffnet.

"Als das Land Sachsen-Anhalt gegründet wurde, wollte es auch etwas einbringen und hat eine sehr schöne Sammlung bei Sotheby’s in London angekauft. Die hat auch Millionen gekostet", erzählt Wolfgang Thöner. Die Stücke blieben bis zur Gründung der Stiftung Bauhaus Dessau als Leihgaben des Landes in der Sammlung. Die gesamte Sammlung lagerte bis 2007 in den Kellerräumen im Bauhausgebäude. Doch irgendwann reichte der Platz vor allem für die Möbel nicht mehr aus. Mit Landesmitteln wurde die alte Brauerei in Dessau als Archiv der Stiftung umgebaut.

Wollte man früher unsere Sammlung sehen, musste man nach Tokio, Hamamatsu oder New York fahren. Jetzt geht das nicht mehr, jetzt sind unsere Highlights hier.

Wolfgang Thöner Leiter der Sammlung der Stiftung Bauhaus

Dort wird nun gesammelt, am historischen Bauhaus geforscht und im neuen Museum ausgestellt, erzählt Thöner, der es erstaunlich findet, dass selbst die Fachwelt erst jetzt auf die Dessauer Bauhaus-Sammlung aufmerksam geworden ist. "Die Japaner und die Amerikaner – die wussten immer Bescheid, was und wie viel wir haben", sagt Thöner schmunzelnd. "Wir hätten ständig Ausstellungen in Japan und in den USA machen können. Wollte man früher unsere Sammlung sehen, musste man nach Tokio, Hamamatsu oder New York fahren. Jetzt geht das nicht mehr, jetzt sind unsere Highlights hier."

Was fehlt noch in der Sammlung und was steht auf Wolfgang Thöners Wunschliste? "Eine Fehlstelle sind Gemälde, aber da ist auch kaum etwas auf dem Markt. Ein Hauptwerk von Klee oder Kandinsky, Schlemmer oder Moholy-Nagy – das wäre was", sagt er.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2020, 09:36 Uhr

1 Kommentar

Steffen 1978 vor 17 Wochen

Diese Autorin ist einfach nur klasse und Fachkompet so etwas findet man sonst nicht bei den öffentlich rechtlichen Medien weiter so .

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