Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus Erinnerung an das vergessene Konzentrationslager von Roßlau

Heute vor 75 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Darum ist der 27. Januar Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Auch in Sachsen-Anhalt hat es Konzentrationslager gegeben, etwa in der Lichtenburg in Prettin. Weniger bekannt ist, dass es auch in Roßlau ein Lager gab, eines der ersten in Deutschland. Am Sonntag erinnerte ein Stadtspaziergang an die Roßlauer NS-Opfer.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Gedenkstein vor dem ehemaligen Konzentrationslager in Roßlau
Der Gedenkstein vor dem ehemaligen Konzentrationslager in Roßlau Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Eine Rose für Berta und Eva Fried. Ihr Vater Max war der Besitzer des bekannten Roßlauer Kaufhauses Fried, in dem es Wäsche, Kleidung und Spielwaren gab. Heute ist in dem Gebäude in der Hauptstraße eine öffentliche Bibliothek untergebracht. Daran, dass in dem Haus einst die jüdische Familie gelebt hat, erinnert heute nur noch eine kleine Messingplatte mit den Namen.

Es ist ein sogenannter Stolperstein, einer von tausenden in Deutschland. Die Stolpersteine sind eine vom Künstler Gunter Demnig entwickelte Gedenkaktion. Der Gedenkstein für Berta und Eva Fried in der Roßlauer Hauptstraße ist eine der ersten Stationen auf dem Stadtspaziergang zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus in Roßlau.

Das Sinti-Mädchen Erna Lauenburger, die Romanfigur "Unku"
Stolpersteine für die jüdische Familie Fried in Roßlau Bildrechte: MDR/Susanne Reh

KZ in ehemaligem Volkshaus

Wenige hundert Meter weiter steht ein größerer Gedenkstein, auf einer kleinen Grünfläche direkt am Flüsschen Rossel. Es ist ein unauffälliger Platz vor einem Bauzaun und an einem halbverfallenen Haus. Michael Berghäuser, der den Stadtspaziergang organisiert, fragt, wer diesen Ort kennt. Gerade mal zwei Leute melden sich. Selbst Roßlauern ist der Gedenkort unbekannt.

KZ Roßlau
Im KZ in Roßlau waren politische Häftlinge untergebracht. Heute ist das Gebäude verfallen. Bildrechte: MDR/ Susanne Reh

Das Gebäude gehörte einst einer SPD-nahen Gewerkschaft, erklärt Berghäuser. Es wurde als Volkshaus und Gaststätte genutzt, bevor es im Sommer 1933 vom damaligen Dessauer Finanzamt enteignet wird. "Der anhaltische Staatsminister richtete dort bereits am 11. September 1933 ein Konzentrationslager ein. Damit war es eines der ersten in ganz Deutschland. Gewerkschafter, Kommunisten und Sozialdemokraten wurden dort inhaftiert, etwa 80 bis 110 Leute" erzählt Berghäuser.

Die Männer wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt, es gab Misshandlungen, Verhöre und Willkür. Bereits im Juni 1934 wurde das Lager aufgegeben und die Inhaftierten auf andere neu gebaute Lager verteilt. In DDR-Zeiten wurde das einstige Zwangslager wieder Kulturstätte – ein Kino. Heute verfällt das Gebäude zusehens. An seine Zeit als KZ erinnert nur der Gedenkstein.

Sinti und Roma aus Dessau und Roßlau vertrieben

Vier Stolpersteine für die Familie Fried in Roßlau
Historische Aufnahme von Roßlau Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Keinen Erinnerungsort gibt es für die zahlreichen Familien der Sinti und Roma, die in Roßlau gelebt haben. Jana Müller von der Werkstatt Gedenkkultur zeigt das Foto von Inge Stein, einem Sinti-Mädchen, das in Dessau geboren wurde. Die Familien lebten oft über Monate in Dessau und Roßlau, weil es im benachbarten Zerbst mehrfach im Jahr große Pferdemärkte gab. Dort verdienten die Sinti-Familien als fahrende Viehhändler oder Musikanten ihr Geld. Zudem gab es im Ortsteil Kochstedt einen Stellmacher, einer von drei Stellmacher-Meistern deutschlandweit, der die Wagen der Sinti bauen konnte.

Als 1935 in Magdeburg das zentrale "Zigeunerlager am Holzweg“ errichtet wurde, blieben die Sinti-Familien in Roßlau, um einer Internierung zu entgehen. Damals lebten etwa neun Familien mit 70 Angehörigen in Roßlau. Anfang 1938 verfügt die Gestapo Dessau ein Aufenthaltsverbot für Sinti und Roma in ganz Anhalt. Die Familien werden gezwungen, bis 1. Februar 1938 die Stadt Richtung Magdeburg zu verlassen. Sie wurden durch die Polizei aus der Stadt gebracht.

Roßlauer Sinti-Mädchen ist Romanfigur

Historische Aufnahme von Roßlau zur NS-Zeit
Eine Aufnahme von Irmgard Steinbach, ein Roßlauer Sinti-Mädchen. Bildrechte: MDR/Susanne Reh

Dokumentiert wird das von dem Roßlauer Fotografen Hanns Weltzel. Er hatte ein enges Verhältnis zu den Sinti-Familien. Oft hatte der das Leben in den Lagern auf Fotos festgehalten. Hunderte dieser Fotografien liegen heute im Archiv der Universität in Liverpool. Ein Teil davon ist auch in einer Wanderausstellung zu sehen, die derzeit in einer Synagoge in London ausgestellt wird.

Unter den Sinti, die 1938 aus Roßlau vertrieben, unter unmenschlichen Verhältnissen im "Zigeunerlager am Holzweg" in Magdeburg leben mussten und schließlich im März 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, gehörte auch das Sinti-Mädchen Erna Lauenburger. Sie ist die Romanfigur Unku im bereits 1931 erschienenen Kinderbuch "Ede und Unku"

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert. Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. Januar 2020 | 11:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2020, 10:56 Uhr

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