Michael Bilharz vom Umweltbundesamt Fridays for Future: "Richtige Aktion zum richtigen Zeitpunkt"

Die Bewegung "Fridays for Future" hat es geschafft, dass Klima- und Umweltschutz wieder ganz oben auf der politischen Agenda besprochen werden. Das sagt Michael Bilharz vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. Trotzdem betont er im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT: Demonstrationen allein reichen noch lange nicht.

Ein Teilnehmer der Klimademonstration 'Fridays for Future' schützt sich auf dem Richard-Wagner-Platz mit seinem Schild mit der Aufschrift 'Die Erde brent wörtlich' vor der Sonne.
Was haben die Demonstrationen von "Fridays for Future" bislang gebracht? (Archivfoto aus Leipzig) Bildrechte: dpa

Seit mehr als einem Jahr demonstrieren Schülerinnen und Schüler einmal in der Woche weltweit für besseren Klimaschutz. "Fridays for Future" nennt sich die Bewegung. Doch hat sie etwas überhaupt etwas gebracht? MDR SACHSEN-ANHALT hat dazu mit Michael Bilharz gesprochen. Beim Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau ist er zuständig für Fragen rund um nachhaltigen Konsum.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Bilharz, was halten Sie von der Bewegung "Fridays for Future"?

Michael Bilharz: "Fridays for Future" ist auf jeden Fall eine sehr, sehr erfolgreiche Bewegung. Die hat es geschafft, das Thema Klimaschutz wieder ganz nach oben zu bringen, auf die ersten Plätze der politischen Diskussion. Sie hat es geschafft, eine Dynamik zu entfalten, die es uns möglich macht, inzwischen auch sinnvoll und rational über effektive Maßnahmen wie CO2-Bepreisung oder Kerosinsteuer bei Flugreisen zu diskutieren. Das ist der Verdienst von "Fridays for Future".

Wir stehen vor einer riesigen Aufgabe. Wir müssen aktuell mindestens zehn Tonnen CO2 pro Person vermeiden. Da reicht es nicht, einmal zu demonstrieren, da müssen wir grundlegende Rahmenbedingungen angehen.

Michael Bilharz, Umweltbundesamt

Eine Diskussion findet zwar statt – aber verändert hat sich noch nichts, oder?

Ich denke, was sich verändert, werden wir am 20. September (Dritter globaler Klimastreik von "Fridays for Future, Anm. d. Red.) erfahren. Ob die Regierung sich traut, jetzt  auch die notwendigen Maßnahmen einzuleiten und nicht nur Versprechen abzugeben, sondern diese Versprechen auch mit Sanktionen, mit konkreten Zahlen, Sektor bezogenen Zahlen, hinterlegt, das müssen wir schauen.

Hat sich Ihrer Meinung nach denn im Bewusstsein der Leute schon etwas verändert?

Michael Bilharz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Umweltbundesamt blickt in die Kamera
Michael Bilharz ist beim Umweltbundesamt zuständig für Verbraucherthemen, den CO2-Rechner und Fragen des nachhaltigen Konsums. Bildrechte: Max Heeke / MDR

Ich merke es allein an den Anfragen zum CO2-Rechner. Ich mache seit einem halben Jahr nichts anderes mehr, obwohl das eigentlich nur ein Nebengeschäft meiner Tätigkeit im Umweltbundesamt ist, insofern kann ich diese Frage ganz klar mit Ja beantworten. Da passiert etwas in der Bevölkerung. Viele Menschen haben gemerkt: So kann das nicht weitergehen und sind bereit, hier auch entsprechend tätig zu werden. Insofern denke ich, war "Fridays for Future" die richtige Aktion zum richtigen Zeitpunkt, die es jetzt schafft, gesellschaftlich dieses Thema, für das wir Lösungen finden müssen, auch wirklich effektiv anzugehen.

Das heißt, Sie haben Ihr Ziel erreicht und können aufhören?

So einfach ist das beim Klimaschutz nicht. Wir stehen vor einer riesigen Aufgabe. Wir müssen aktuell mindestens zehn Tonnen CO2 pro Person vermeiden. Da reicht es nicht, einmal zu demonstrieren, da müssen wir grundlegende Rahmenbedingungen angehen. Ich habe es gesagt: Stichwort CO2-Bepreisung, Förderung erneuerbarer Energien, vorzeitiger Kohleausstieg. Wir müssen aber auch im privaten Kontext etwas tun und Themen wie Wärmedämmung, wie Umstieg auf intelligentere Verkehrssysteme, wie Car-Sharing, E-Mobilität angehen oder auch im Bereich Ernährung etwas tun, wie zum Beispiel weniger tierische Produkte zu verbrauchen, mehr Bio-Produkte. Wir haben noch einige Themen und noch einige Jahre, die uns das beschäftigen wird.

Ich finde es klasse, dass die Jugend es geschafft hat, nochmal alle aufzurütteln aus dieser Lethargie. Wir wissen eigentlich alles, aber wenn es ernst wird, ist es doch alles ganz weit weg. Insofern großen Dank auch an die Jugend, dass sie es geschafft hat, das auf die Beine zu stellen!

Die Fragen stellte Martin Krause.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. September 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 15:32 Uhr

2 Kommentare

MaP vor 3 Wochen

Dieser Herr Bilharz sollte sich mal dem gleichen Selbstversuch unterziehen wie Frau Linke vom MDR mit ihrer Fahrt von Mittweida nach Kolkau. Dann soll er den Dorfbewohner was von Carsharing erzählen. Wieso produziere ich eigentlich mit einem geliehenen Auto weniger CO2? Er sagt es doch ganz deutlich, es geht nur ums Geld. Ob CO2-Bepreisung oder (teure) Bioprodukte - wieso retten die eigentlich das Klima??
Für das alles muss die angebliche Klimarettung herhalten. Und (fast) alle machen mit.
Vorzeitiger Kohleausstieg ist auch super. In der Lausitz wird der Kohleabbau beendet und der benachbarte Kohletagebau in Polen wird fast auf's doppelte ausgedehnt. Naja, vielleicht hilft uns ja Polen dafür mal mit Strom aus, wenn's hier finster wird.

Wachtmeister Dimpfelmoser vor 3 Wochen

"Demonstationen allein reichen noch lange nicht"
Richtig so. Es muss auch zerstochene Autoreifen, Angriffe auf Fleischerläden, Tankstellen und Reisebüros und Attacken auf Flugreisende, Taxifahrer und Berufskraftfahrer geben. Und vor allem den CO2-Zehnten. Ganz vorbildlich verhält sich übrigens Kuba: Habe heute erst gelesen, dass dort 4.000 Eselsgespanne in der Ernte eingesetzt werden sollen. Statt Traktoren. Weil die ohne Sprit eben nicht fahren. Ätschi, würde Frau Nahles sagen.
Wie sagte der letzte Kaiser? "Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen". Drei Systeme später ist es endlich soweit!

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