Häuser im halleschen Stadtteil Heide-Süd.
Flachdach, Glas, Stahl und Beton – in Anlehnung an den Stil des Bauhauses wird noch heute gebaut, wie hier im neusten halleschen Stadtteil Heide-Süd. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

100 Jahre Bauhaus Kritik an Bauhaus-Architektur: Stil ist "Würfelhusten"

Quadratisch, praktisch und schlicht – so sieht Architektur heute oft aus. Ohne das Bauhaus wäre das nicht denkbar. Doch genau diesen Stil kritisieren manche Architekten. Die Städte würden abweisend wirken und soziale Probleme seien vorprogrammiert.

Häuser im halleschen Stadtteil Heide-Süd.
Flachdach, Glas, Stahl und Beton – in Anlehnung an den Stil des Bauhauses wird noch heute gebaut, wie hier im neusten halleschen Stadtteil Heide-Süd. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

"Warum schaffen wir es eigentlich nicht, einen Städtebau zu machen, in dem sich unsere Gesellschaft wohl fühlt", fragt Professor Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner mit Weltruf. Auf ihn wirken die einheitlichen Vorstädte, in denen heute zehntausende Menschen leben, klinisch und abweisend. Der 67-Jährige Professor nennt auch gleich den Grund dafür – das Bauhaus habe Schuld, denn von ihm sei die heutige moderne Architektur geprägt.

Der Stil heute ist oft eckig und schlicht – vier Wände, Glas, Stahl, Beton und ein Flachdach. Vor fast 100 Jahren begannen Architekten so zu bauen und daran hat sich bis jetzt nur wenig geändert. Dahinter steckt eine der wichtigsten Bauhaus-Ideen, denn die Form soll der Funktion folgen.

Christoph Mäckler, Architekt und Stadtplaner
Architekt Christoph Mäckler wünscht sich die Abkehr vom Bauhaus-Bauen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Blick in die heutige Stadt zeigt jedoch auch: Einige Menschen wollen nicht in weißen Klötzen oder abweisenden Vorstädten wohnen. Sie ziehen in gut sanierte Altbauten, bevorzugen geschlossene Plätze und sitzen dort gern im Café. Architekt Mäckler wünscht sich deshalb die Stilelemente zurück, die das Bauhaus ablehnte. "Wir müssen versuchen, Elemente, die es in den Jahrhunderten vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts gab, wieder in unserer Architektur zurückzuerobern", denkt er. "Und eine Architektur schaffen, die einfach mehr Anmutung hat als der Würfelhusten", sagt er und grinst.

Der Bewohner als "Ameise im Stadtganzen"

Eine Gründerzeit-Hausfassade
So baute man früher – verziert und individuell: eine Gründerzeit-Häuserreihe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Architekturexperte Dankwart Guratzsch ist sich sogar sicher, dass durch die Bauweise in Satellitenstädten samt Plattenbauten viele Probleme entstehen – sowohl soziale als auch ökologische. Bewohner würden aus der eigentlichen Stadt ausgegliedert. Dazu käme: "Die serielle Bauweise erzieht den Einzelnen zur Gleichförmigkeit und macht ihn zu einer Ameise im Stadtganzen. Der Individualismus geht verloren, der noch in der Gründerzeit in jedem einzelnen Baublock gepflegt wurde", sagte Guratzsch MDR SACHSEN-ANHALT. Zudem sei die freistehende Bauweise, beispielsweise mit Hochhäusern, ein "wahrer Energiefresser" im Vergleich zur geschlossenen Bebauung.

Walter Gropius hat das Punkthochhaus als Wohnhaus favorisiert

Dankwart Guratzsch Architekturkritiker

Anonymes Wohnen

Architekturkritiker Dankwart Guratzsch
Architekturexperte Dankwart Guratzsch ist gegen anonymisiertes Wohnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Bauhaus hat versucht, Bauen zu industrialisieren. Damit schuf es aber auch die Grundlagen für anonymisiertes Wohnen. "Das Bauhaus hat insofern Anteil, als dass Walter Gropius beispielsweise das Punkthochhaus als Wohnhaus favorisiert hat. Er hielt das für einen sehr gebrauchsfähigen Typ", so Architekturexperte Guratzsch. Er hält die traditionelle Blockbauweise aus der Gründerzeit jedoch für viel geeigneter – mit den untereinander verbundenen und reich verzierten Häusern, die Wand an Wand gebaut sind.

Bauhaus sah sich als Experiment

In Dessau, am Ort des Entstehens des modernen Bauens, blickt man auch auf die Entwicklung der Architektur der vergangenen 100 Jahre – und hört die Kritik am Bauhaus-Stil. Wolfgang Thöner, der für die Stiftung Bauhaus Dessau den Bereich Sammlung leitet, sagte MDR SACHSEN-ANHALT:

Man kann ganz einfach sagen: Vieles am Bauhaus hieß von Anfang an auch Experiment. Und wenn man alles vorher weiß, wenn man weiß, man geht kein Risiko ein, dann ist es kein Experiment mehr

Wolfgang Thöner Stiftung Bauhaus
Wolfgang Thöner, Stiftung Bauhaus Dessau
Wolfgang Thöner leitet die Sammlung der Stiftung Bauhaus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei sei die Arbeit am Bauhaus genau das gewesen – ein Experiment. Wichtig ist laut Thöner nur, dass man jedes Experiment hinterher einschätzt und die richtigen Schlussfolgerungen zieht. Der Einfluss des Bauhauses auf die Architektur könne zudem nicht isoliert gesehen werden, gibt er zu bedenken: "Das Bauhaus hat sich als Knoten eines internationalen Netzwerkes verstanden." Und trotzdem: Das Bauhausjubiläum 2019 bietet so auch einen Anlass für die kritische Aufarbeitung einer 100 Jahre alten Idee.

Quelle: MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 06:36 Uhr

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45 Kommentare

23.02.2019 11:13 Frührentner 45

MDR wo kann zu: Islam gehört in die Schule - heute aktuell in der Mitteldeutschen Zeitung - kommentiert werden

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Bei uns aktuell nicht, aber vielleicht in den sozialen Netzwerken bei den Kollegen der MZ.

22.02.2019 18:20 INFO 44

INFO bauhaus-dessau.de
> 23. Februar 2019 - 14 – 21 Uhr
zukünftiges Bauhaus Museum Dessau
Mies-van-der-Rohe-Platz 1 <

Der Eintritt ist frei.

22.02.2019 14:43 T.Suferdu 43

Hallo MDR Team,

gibt es einen Grund warum man beim Artikel: "KiTa-Erzieher gibt sexuellen Missbrauch zu" NICHT kommentieren darf?

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