Richterin Siegrund Baumgarten im Gerichtssaal
Seit 35 Jahren entscheidet Siegrun Baumgarten über Recht und Unrecht. Bildrechte: MDR/André Damm

Berufsalltag einer Richterin in Dessau Das Ringen um Gerechtigkeit

Raub, sexueller Missbrauch, Mord: Siegrun Baumgarten beschäftigen solche aufwühlenden Themen jeden Tag. Sie ist seit 1983 Richterin und zugleich Vizepräsidentin des Dessauer Landgerichtes. Sie beschreibt MDR SACHSEN-ANHALT ihren Blick auf Gerechtigkeit.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

von André Damm, MDR SACHSEN-ANHALT

Richterin Siegrund Baumgarten im Gerichtssaal
Seit 35 Jahren entscheidet Siegrun Baumgarten über Recht und Unrecht. Bildrechte: MDR/André Damm

Siegrun Baumgarten ist eine forsche und fröhliche Frau, der man die Schwere ihres Berufs nicht gleich anmerkt. Doch täglich hat sie es mit Fällen zu tun, die das Gemüt aufwühlen: Raub, Körperverletzung, sexueller Missbrauch von Kindern. Siegrun Baumgarten ist seit 35 Jahren Richterin. Zugleich ist sie die Vizepräsidentin am Landgericht Dessau.

Richterin Siegrund Baumgarten im Büro
Die Fälle stapeln sich auf dem Tisch der Richterin. Bildrechte: MDR/André Damm

Auf ihrem Schreibtisch in ihrem Büro im Dessauer Landgericht stapeln sich Gesetzestexte und Prozessakten. "Momentan habe ich sehr viel zu tun. Sieben Fälle muss ich gleichzeitig bearbeiten. Und es sind ganz verschiedene Fälle, die die Bandbreite der Arbeit an einem Landgericht abbilden", so Baumgarten. Für die 59-Jährige, die aus Coswig stammt, ist das ein gewaltiges Pensum. Häufig kommt es vor, dass sie sich Arbeit nach Hause mitnimmt: Aktenstudium auf dem Sofa. Denn am nächsten Verhandlungstag muss die Richterin alles wissen, was in den Akten steht.

Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht

Baumgarten habe den Anspruch, immer gerecht zu urteilen: "Allerdings gibt es keine absolute Gerechtigkeit. Das ist schon bei den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung zu hören, die mitunter ganz weit auseinandergehen." Lange Haftstrafe oder gar Freispruch – gar nicht so selten bewegt sich die Dessauer Richterin zwischen diesen Extremen. Für die Juristin steht aber fest, dass bei schweren Verbrechen nur eine harte Strafe für Gerechtigkeit sorgen kann:

Richterin Siegrund Baumgarten im Gerichtssaal
Siegrun Baumgarten Bildrechte: MDR/André Damm

Niemand will, dass ein Mörder, ein Totschläger oder jemand, der eine schwere Körperverletzung begangen hat, frei herumläuft.

Siegrun Baumgarten, Richterin

Es gibt Richterkollegen, die stolz die Gefängnisjahre der von ihnen verurteilten Straftäter zusammenzählen. So etwas macht Baumgarten nicht. Sie findet, dass stattdessen Methoden wie der Täter-Opfer-Ausgleich wichtig seien, weil dadurch verhärtete Fronten aufgeweicht würden. Andererseits gehört die Vizepräsidentin des Dessauer Landgerichtes auch nicht zu denjenigen, die sich darüber empören, wenn die Gerechtigkeit im Gerichtssaal an Grenzen stößt und wenn zum Beispiel dringend Tatverdächtige freigelassen werden müssen:

Wem eine Tat nicht nachgewiesen werden kann, der ist freizusprechen. Da können Sie sich lang und breit Gedanken machen, ob er der Täter ist oder nicht. Sie sind als Richter an die Rechtslage gebunden und das ist auch richtig so.

Siegrun Baumgarten, Richterin

Entspannen beim Krimi

Trotz dieser nüchternen Einschätzung bleibt es nicht aus, dass die zweifache Mutter manche Verbrechen nicht einfach so vergessen kann. Einige Straftaten verfolgten sie bis nach Hause. Abschalten kann sie bei einem Tatort im Fernsehen trotzdem:  "Ich kann Krimis gucken. Ich weiß ja, dass das alles in anderthalb Stunden abgehandelt sein muss. Die Realität sieht ein bisschen anders aus."

Die Realität stapelt sich auf dem Schreibtisch von Baumgarten: Akten zu insgesamt sieben Strafprozessen – und am Ende soll immer ein gerechtes Urteil stehen.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Über den Autor André Damm, geboren und aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg, arbeitet seit 1998 für MDR Sachsen-Anhalt. Mit Vorliebe widmet er sich Themen aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Im Einsatz ist er vor allem in der Region Anhalt und Wittenberg, hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Online und Fernsehen. André Damm hat 1990 bei der Mitteldeutschen Zeitung volontiert, danach an der Universität Leipzig Journalistik und Politikwissenschaften studiert. Seine ersten Radioerfahrungen machte er ab 1994 als Berichterstatter für MDR Radio-Sachsen in Leipzig und Görlitz; regelmäßig arbeitet er noch für MDR-Aktuell als Autor, Redakteur und Moderator.

Der begeisterte Schach-und Tischtennisspieler lebt in Bad Schmiedeberg, tummelt sich viel in der Dübener Heide und natürlich in Wittenberg. Gern reist er auch nach Tangermünde, Wernigerode und nach Wörlitz – ein Höhepunkt ist immer wieder ein Besuch des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs.

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Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. November 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 13:57 Uhr

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