Jährlich bis zu 350 Lokomotiven in der Wartung Lokprüfzentrum der Bahn: Mit freundlichen Grüßen aus Dessau

Das Werk der Deutschen Bahn in Dessau gibt es schon seit 90 Jahren. Und trotzdem: Unter allen Instandhaltungswerken der Bahn ist das Dessauer besonders wichtig. Seit einigen Monaten gibt es dort nämlich ein modernes Lokprüfzentrum. Bis zu 350 Lokomotiven werden dort jährlich gewartet – und zwar aus ganz Europa. Ein Besuch.

von Sven Stephan, MDR SACHSEN-ANHALT

In einer Halle der Deutschen Bahn stehen mehrerer Lokomotiven nebeneinander.
Willkommen im Lokprüfzentrum in Dessau: Jährlich werden hier bis zu 350 Lokomotiven aus ganz Europa gewartet und instandgesetzt. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Ein Knopfdruck, kurz darauf ein Lichtbogen und ein gedämpfter Knall – und schon ist die Spannung in der Oberleitung eines Gleises in der Halle des Lokprüfzentrums im DB-Werk Dessau umgeschaltet. Von in Deutschland üblichen 15.000 Volt Wechselspannung auf 25.000 Volt, wie sie etwa von den Eisenbahnen in Ungarn, Dänemark oder in Teilen Frankreichs genutzt werden. Diese technische Möglichkeit ist der Clou des hochmodernen Prüfzentrums. Zumal auch 3.000 Volt oder 1.500 Volt Gleichspannung angelegt werden können – und damit alle vier großen Stromsysteme, die bei Europas Eisenbahnen gebräuchlich sind.

Ein Mann steht im Sakko vor einer roten Lokomotive.
Michael Otto ist verantwortlich für das Produktmanagement aller DB-Werke. Vorher war leitete er das DB-Werk Dessau und hat sich für das Prüfzentrum stark gemacht. Bildrechte: MDR/Sven Stephan

Das gibt es europaweit nur in Dessau, sagt Michael Otto. Er war jahrelang Leiter des traditionsreichen DB-Werks in der Muldestadt und hat sich für den Bau des Prüfzentrums stark gemacht. Inzwischen ist er als Leiter des Zentralen Produktmanagements für alle DB-Werke zuständig. "Ein Lokprüfzentrum in dieser Größe und dieser technischen Ausstattung gibt's nirgendwo", sagt Otto stolz. "Der Standort Dessau hat damit ein Alleinstellungsmerkmal, ein besonderes Pfund im Kreise der Instandhalter."

Loks aus Skandinavien, Polen, Italien oder der Schweiz

Lokomotiven aus ganz Europa kommen inzwischen zur Wartung und Instandhaltung nach Dessau – etwa aus Skandinavien, Polen, Frankreich, Italien oder der Schweiz. Ihr Anteil könnte dank des neuen Prüfzentrums weiter wachsen, hofft man in Dessau.

Freuen würde sich darüber auch Kerry Grüneberg. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe umkreist er gerade die Lokomotive mit der Nummer 187 104. Im Gegensatz zu vielen anderen Lokomotiven, die etwa mit Software-Problemen oder ausgefallenen Bauteilen ins DB-Werk müssen, sieht ihr ein geübtes Auge an, warum sie hier ist: Nach einem Wildunfall sind Teile der Frontpartie beschädigt.

Ein junger Wann mit orangener Warnweste und schwarzer Brille leuchtet mit einer Taschenlampe unter eine Lokomotive.
Kerry Grüneberg ist Fertigungsingenieur im Lokprüfzentrum. Er hat im DB-Werk seine Ausbildung gemacht, dann studiert. Jetzt prüfen er und seine Kollegen Lokomotiven aus ganz Europa auf Herz und Nieren. Bildrechte: Oliver Thomas

Kerry Grüneberg schaut nun rund ums Fahrgestell nach, klettert auch in die Grube unter der Lok. Sind weitere Leitungen beschädigt? Haben die Radreifen etwas abbekommen? Augenscheinlich nicht. Der 27-Jährige stammt aus Roßlau und hat seine Ausbildung im DB-Werk gemacht, dann studiert. Jetzt ist er Fertigungsingenieur und mit seinen Kollegen für die Prüfung der Loks zuständig, die nach Dessau kommen. "Ich habe mich als Jugendlicher bei einem Tag der offenen Tür hier im DB-Werk umgesehen und sofort gewusst: Das will ich machen!", erzählt Kerry Grüneberg. "Es reizt mich, dass so viele verschiedene Lokomotiven ins Werk kommen, das macht es unglaublich vielfältig und dadurch auch spannend."

Ich habe mich als Jugendlicher bei einem Tag der offenen Tür hier im DB-Werk umgesehen und sofort gewusst: Das will ich machen!

Kerry Grüneberg Fertigungsingenieur im DB-Werk in Dessau

Die Schad-Lok mit der Nummer 187 104 ist eine Mehrsystem-Lokomotive. Sie kann sowohl unter 15.000 Volt Wechselspannung unterwegs sein – die neben der Deutschen Bahn auch von den Bahnen in Österreich und der Schweiz genutzt werden – als auch unter 25.000 Volt. Will man nun wissen, ob die Elektronik – etwa der Trafo oder der Stromrichter der Lokomotive – auch im zweiten Stromsystem funktionieren, muss man nun nicht mehr extra in eine Bahnwerkstatt etwa in Ungarn, Dänemark oder Nordfrankreich fahren. Das kann man nun auch in Dessau testen und nur hier eben gleich für vier verschiedene Stromsysteme.

Arbeitsbedingungen für Prüfer sind nun deutlich besser

Einen zweistelligen Millionenbetrag hat das neue Prüfzentrum gekostet. Und die Arbeitsbedingungen für die Prüfer enorm verbessert. An die große, neue Halle mit den vier Testgleisen müssten sich die Mitarbeiter immer noch gewöhnen, meint Produktmanager Michael Otto. Früher fanden viele der Tests unter freiem Himmel statt. Jetzt: Warm und trocken unterm Hallendach. Diese tollen neuen Bedingungen, sagt Otto, habe sich die Belegschaft durch gute Ergebnisse selbst erarbeitet. 

Gleich nebenan, in einer der großen Werkhallen, wird gerade ein Lokkasten per Kran vom Fahrgestell gehoben. Scheinbar schwerelos schwebt sie durch die Halle. Aufgereiht stehen Elektroloks jeglicher Couleur – vom 50 Jahre alten "Arbeitspferd" der früheren Bundesbahn bis zum ICE-Triebkopf. Überall wird geschliffen, gebohrt, gehämmert und geschweißt. 

Unterwegs im Lokprüfzentrum: Wo geschliffen und geschweißt wird

Eine rote Lokomotive fährt aus einer Produktionshalle der Deutschen Bahn.
Die Lokomotive 101 050 hat ihre Revision im Lokprüfzentrum Dessau hinter sich. Als letztes steht noch die abschließende Testfahrt auf dem Programm. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Eine rote Lokomotive fährt aus einer Produktionshalle der Deutschen Bahn.
Die Lokomotive 101 050 hat ihre Revision im Lokprüfzentrum Dessau hinter sich. Als letztes steht noch die abschließende Testfahrt auf dem Programm. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Eine Lokomotive hängt bei der Wartung an einem Kran im Innern eines Deutsche Bahn-Werks.
In den großen Werkhallen werden Lokomotiven zur Reparatur, Wartung und Instandhaltung auseinandergenommen und müssen manchmal auch an den Haken. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Der obere Teil einer Lokomotive hängt bei der Wartung an einem Haken, rund herum stehen mehrere Ingenieure mit Sicherheitshelm.
Bis zu 350 Lokomotiven aus ganz Deutschland und aus dem Ausland werden jedes Jahr im DB-Werk Dessau repariert und instandgesetzt. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Blick auf eine Halle der Deutschen Bahn in Dessau, im Vordergrund steht eine rote Lokomotive.
Die Halle des Lokprüfzentrums. Die Bahn hat einen zweistelligen Millionenbetrag für die Prüfeinrichtung investiert und dem DB-Werk Dessau damit ein Alleinstellungsmerkmal verschafft. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Ein Mann in orangener Sicherheitsmontur schweißt an einer Lokomotive.
Das DB-Werk Dessau wird Ende August 90 Jahre alt. Heute ist es der größte Arbeitgeber der Region Dessau-Roßlau – mit 1.300 Beschäftigten. Bildrechte: MDR/Sven Stephan
Blick in eine Produktionshalle der Deutschen Bahn, in der Lokomotiven gewartet werden
Die neue große Halle des Prüfzentrums bietet beste Arbeitsbedingungen. Früher wurde viel unter freiem Himmel getestet.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04.08.2019 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Sven Stephan
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Bis zu 350 Loks jährlich werden hier gewartet

Bis zu 350 Lokomotiven werden jedes Jahr im DB-Werk Dessau gewartet oder instandgesetzt. Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk ist das einzige zur Instandhaltung von E-Loks in Deutschland. In wenigen Wochen wird der Traditionsbetrieb sein 90-jähriges Bestehen feiern. Und das Prüfzentrum wird dafür sorgen, dass das Dessauer Werk weiter eine gute Auftragslage hat, ist Otto überzeugt. Mit 1.300 Mitarbeitern ist es der größte Arbeitgeber der ganzen Region.

Tag der offenen Tür zum 90. Geburtstag Das DB-Werk in Dessau feiert am 31. August sein 90-jähriges Bestehen. Bei einem Tag der offenen Tür werden unter anderem eine Fahrzeugausstellung mit Lokomotivfahrten, Rundgänge, Sonderfahrten in historischen Waggons und ein Kinderprogramm angeboten.

Sind Reparatur oder Revision erfolgreich abgeschlossen, folgt als letzter Schritt noch die abschließende Testfahrt. An diesem Tag steht die Lokomotive mit der Nummer 101 050 dafür bereit, ein echtes "Rennpferd", gebaut für den Intercity-Verkehr der Deutschen Bahn. Das leuchtend rote Fahrzeug glänzt wie neu. Im Führerstand gehen Prüfer Stefan Borkenhagen und Lokführer Matthias Honigmann noch einmal durchs Test-Menü.

Dann ist die Lok bereit zu Abfahrt.

Es wird von Dessau über Leipzig in Richtung Riesa gehen, erzählt der Lokführer. Nur da könne er ausreichend lange die Höchstgeschwindigkeit des Renners ausfahren: Tempo 200. "Zehn Minuten am Stück müssen das schon sein. Wir achten darauf, dass alle Kennwerte erreicht werden, beurteilen die Laufruhe der Lok." Bei gut 350 Lokomotiven im Jahr macht Matthias Honigmann fast täglich so eine Testfahrt. Seit mehr als 30 Jahren übt er seinen Beruf nun schon aus, langweilig wird ihm dabei nicht – schon gar nicht mit den Loks aus dem Dessauer Prüfzentrum. "Die Abwechslung und die Technik, das ist schon klasse. Jeden Tag eine andere Lok, das ist schon technisch sehr interessant und sehr anspruchsvoll."               

Draußen schaltet Kerry Grüneberg derweil die Spannung der Oberleitung zu. Wieder eine Lok, die das Werk und das Prüfzentrum verlässt. Das gebe auch ihm immer wieder ein gutes Gefühl, sagt der junge Ingenieur. "Da schaut man schon mal auf die Strecke und freut sich, wenn so eine Lok wieder mal vorbeikommt und denkt: Ach schau an, da hab' ich was dran gemacht. Das ist schon toll."

Wenige Augenblicke später rollt 101 050 sanft surrend aus der Halle in Richtung der freien Strecke. Heute nach Sachsen, aber bald schon wieder durch ganz Deutschland. Mit freundlichen Grüßen aus Dessau.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2019, 19:48 Uhr

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2 Kommentare

05.08.2019 19:35 Elbeschwimmer 2

@ 1 Motzi: Wer lesen kann, der ist eindeutig im Vorteil. Im obigen Artikel ist lediglich von einer Beschädigung der Frontpartie die Rede. Andere Schäden stehen unter dem Vorbehalt eines Fragezeichens. Man kann ja auch was aus dem Zusammenhang heraus reißen und was anders behaupten.

04.08.2019 11:57 Motzi 1

Also sorry, aber wie will bei einem Wildunfall der Radreifen was abbekommen, insbesondere, da die Lok Monoblockräder hat?

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