13. Todestag Tausende erinnern an Oury Jalloh

Etwa 3.000 Menschen haben am Sonntag in Dessau-Roßlau dem in einer Polizeizelle verbrannten Asylbewerber Oury Jalloh gedacht. Der Mann aus Sierra Leone war am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle ums Leben gekommen. Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" fordert eine lückenlose Aufklärung des umstrittenen Todesfalls. Die AfD, die zur Gegenkundgebung geladen hatte, kritisiert, Justiz und Polizei würden diskreditiert.

Hinter einem roten Banner laufen mehrere Menschen mit Pappschildern
Laut Polizei erinnern zur Stunde etwa 3.000 Menschen in Dessau an den verstorbenen Asylbewerber Oury Jalloh. Bildrechte: MDR/André Damm

In Dessau-Roßlau wurde am Sonntag an den Asylbewerber Oury Jalloh erinnert. Jalloh war auf den Tag genau vor 13 Jahren in einer Dessauer Polizeizelle ums Leben gekommen. Zu der Kundgebung hatte die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" aufgerufen. Wie die Polizei am Abend mitteilte, nahmen etwa 2.500 Demonstranten an der Kundgebung teil. Die Organisatoren sprachen von mehr als 5.000 Teilnehmern. Laut Polizei verlief die Demonstration friedlich.

Ein Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT berichtete, dass Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren. Ein Teilnehmer sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er hoffe, dass der Fall aufgeklärt werde. "Die Leute, die Oury umgebracht haben, sollen bestraft werden", forderte er weiter.

Rufe wie diese skandierten die Teilnehmer der Demonstration beim Zug durch ganz Dessau, unter anderem vor dem Landgericht, der Staatsanwaltschaft und im Stadtpark. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort.

Demonstration zum Todestag von Oury Jalloh

Eine Menschenmenge mit Schildern und Bannern steht auf einem Platz
Am 7. Januar 2005 starb der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Polizeizelle in Dessau. Die genauen Todesumstände sind ungeklärt. Zu seinem 13. Todestag haben sich Menschen aus ganz Deutschland zu einer Demonstration in Dessau versammelt. Bildrechte: MDR/André Damm
Eine Menschenmenge mit Schildern und Bannern steht auf einem Platz
Am 7. Januar 2005 starb der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Polizeizelle in Dessau. Die genauen Todesumstände sind ungeklärt. Zu seinem 13. Todestag haben sich Menschen aus ganz Deutschland zu einer Demonstration in Dessau versammelt. Bildrechte: MDR/André Damm
Fotos von Oury Jalloh liegen auf einer Treppe, dahinter stehen Menschen
Die Teilnehmer wollten auch ein Zeichen gegen Fremdenhass und Diskriminierung setzen. Bildrechte: MDR/André Damm
Vor dem Bahnhof Dessau stehen viele Menschen
Die Demonstration begann am Nachmittag mit einer Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz in Dessau. Bildrechte: MDR/André Damm
Ein Mann wird von Reportern interviewt, im Hintergrund steht eine Menschengruppe
Ein Freund von Jalloh, Mouctar Bah, hat auch im Namen von Jallohs Bruder und Vater eine Internetpetition gestartet. Auf change.org fordert er die Aufklärung des Falls. Bildrechte: MDR/André Damm
Mehrere Transparente und Bilder zu Oury Jalloh liegen vor dem Bahnhofsgebäude Dessau
Nach Polizeiangaben versammelten sich etwa 2.500 Menschen. Die Veranstalter sprachen von 5.000 Teilnehmern. Bildrechte: MDR/André Damm
Mehrere Menschen stehen um einen Wagen mit einem Redner. Im Hintergrund Polizeiwagen.
Die AfD veranstaltete in Dessau eine Gegenkundgebung zur "Oury Jalloh"-Demonstration. Laut Polizei nahmen an der AfD-Veranstaltung etwa 150 Menschen teil. Bildrechte: MDR/Hagen Tober
Polizeiwagen stehen hintereinander auf einem Weg
Anschließend begannen die Teilnehmer mit einem Demonstrationszug durch die Stadt zum nächsten Kundgebungsort, der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07.01.2018 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07.01.2018 | 15:00 Uhr

Quelle: MDR/mh
Bildrechte: MDR/André Damm
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Einige Politiker von grüner und linker Landtagsfraktion beteiligten sich an dem Protestzug, darunter Sebastian Striegel. Der Grünen-Politiker sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Politiker seien keine Ermittlungsbehörde. "Unsere Aufgabe ist es, das Funktionieren des Rechtsstaates sicherzustellen", sagte er. Man müsse den Ermittlungsbehörden "auf die Finger schauen" und beobachten, ob es strukturelle Defizite gebe.

AfD: Justiz und Polizei werden diskreditiert

Auch Vertreter der AfD waren in Dessau-Roßlau vor Ort. Sie hatten zu einer Gegenkundgebung eingeladen. Sie war nach Meinung der AfD nötig geworden, weil der Jahrestag von Jallohs Tod Jahr für Jahr genutzt werde, um "Justiz und Polizei zu diskreditieren". Die AfD kritisierte im Vorfeld, dabei finde keine Trauerbekundung, sondern eine "politisch extrem aufgeladene Demo" statt. Nach Angaben der Polizei nahmen an der AfD-Kundgebung rund 150 Menschen teil. Auch diese verlief ruhig.

Schon am Vormittag hatten nach Polizeiangaben etwa 50 Teilnehmer vor dem Dessauer Polizeirevier Blumen und Gestecke niedergelegt. Dazu hatte das Multikulturelle Zentrum Dessau eingeladen. In einer Mitteilung des Zentrums hieß es am Sonntag, bei der Kundgebung sei auf die "zahlreichen Ungereimtheiten im Fall Jalloh" hingewiesen worden. Ein Sprecher kritisierte demnach, dass von Beginn nur in Richtung einer Selbstentzündung Jallohs ermittelt worden sei.

Der ganze Fall ist skandalös – und erschüttert das grundlegende Vertrauen in den Rechtsstaat.

Vertreter des Multikulturellen Zentrums Dessau

Er forderte demnach von den Polizisten, die damals im Dienst waren, "das Schweigen zu brechen und ihre Informationen über die Todesnacht" mitzuteilen. An der Schweigeminute beteiligten sich auch die Landtagsfraktionen von den Linken und den Grünen.

Der Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone war am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt. Auch nach mehreren Gerichtsverfahren und Brandversuchen sind die genauen Todesumstände noch immer ungeklärt. Es sei möglich, dass Jalloh die Matratze, auf der er festgebunden war, mit einem Feuerzeug selbst angezündet hat, so das Ergebnis von Landgerichtsprozessen. Angehörige halten das für ausgeschlossen. Sie vermuten, dass Jalloh in der Zelle getötet und die Tat vertuscht wurde.

Justizministerin hat Ermittlungen angewiesen

Auf einer Steintreppe stehen ein Plakat mit Oury Jalloh und Kerzen. Darunter liegen Blumen
Vor dem Polizeirevier Dessau-Roßlau wurde am Sonntagvormittag eine Schweigeminute abgehalten. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Die Staatsanwaltschaft Halle hatte im Oktober 2017 die Ermittlungen im Fall eingestellt. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten, lautete die Begründung. Im Dezember hatte Justizministerin Anne-Marie Keding die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg angewiesen, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Auslöser waren öffentlich gewordene Einschätzungen des früheren Dessauer Oberstaatsanwalts Folker Bittmann, der eine Vertuschungstat für möglich hält. Jalloh war zum Zeitpunkt seiner Festnahme stark betrunken und hatte Drogen genommen.

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Quelle: MDR/mh/ld

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2018, 06:58 Uhr

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200 Kommentare

09.01.2018 22:40 Wladimir Smirnov 200

@ Susan (Bonath)
Wenn Sie die Zeugenaussagen den ersten Prozesses genau verfolgt hätten, würden Sie zu dem Feuerzeug kaum so etwas schreiben können wie jetzt. Das gleiche gilt für die Todesumstände von Mario Bichtemann. Hier auf Polizeigewalt zu spekulieren, ist unerträglich.
An einem verschmorten Feuerzeug, welches aus dem Brandschutt geborgen worden ist, kann man nicht erwarten, DNA-Spuren früherer Inhaber zu finden.

@MDR Sachsen-Anhalt: Den Kommentar von Kalle Kozlowski hätte ich an Stelle der Redaktion nicht ungekürzt veröffentlicht, da er einen Menschen vollkommen ungerechtfertigt als Rassisten beleidigt und auch noch Hinweise zu seinem Namen und Wohnsitz gibt. Was soll das? Für mich ist das ein versteckter Aufruf zu Gewaltaktionen.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Danke für den Hinweis, aber hier wird nur die Stadt genannt.

09.01.2018 21:38 Kalle Kozlowski 199

Stimme Ihnen vollständig zu, Susan.

Muss aber noch als Insider einen dazugeben.

Als Neuling war es schon erstaunlich, wie innig das Verhältnis zw. dem bestellten Amtsarzt (nicht etwa Revierarzt) Andreas Bl. und den seit Jahren oder Jahrzehnten in der betreffenden Dienststelle tätigen Polizeibeamten war.

Man kann sich dies als, schreibe wir mal, "gut" eingefahrene Schiene vorstellen. Bl. kam immer schnell vorbei und bekam sehr viele (lukrative) Aufträge. Die halfen vielleicht auch beim Bau seines "tollen" Wohn- und Geschäftshauses in Dessau.

Gleichzeitig hat sich ein anderer Arzt, der im gleichen Rufsystem integriert war, sich das Leben genommen. Man erzählt sich, auf Grund mangelnder Aufträge.

Dr. Andreas Bl. ist ein charmanter Kerl, leider war er aber immer auf noch so gerade nicht angreifbare Art und Weise rassistisch und gegen Verlierer eingestellt.

In Dessau war eigentlich alles und fast jeder mit jedem gut zu gange. Es sei denn, man war ein ehrlicher Fremdkörper.

09.01.2018 21:35 Susan 198

@196 Maurer: Das Feuerzeug trug ja nicht mal Spuren aus der Zelle, dafür eingeschmolzene Faserreste, die weder von der Matratze noch von der Kleidung Jallohs stammen. Festgestellt hat das 2012 die LKA-Gutachterin Schmechtig für das LG Magdeburg. Richterin Claudia Methling hatte es auf massiven Druck der Nebenklage schließlich angeordnet. Nun, das Feuerzeug wurde auch nicht in der Zelle gefunden. Drei Tage später fiel es angeblich aus einer Brandschutttüte. Doch seltsamer Weise fotografierten die LKA-SVs damals zwar alles, was sie in den Tüten fanden, nur nicht das Feuerzeug. Um zu erfahren, wie es zur Tatortgruppe kam, wo es schließlich zunächst aufbewahrt wurde, sollte man mal KOK Uwe H., Ermittler in der Tatortgruppe, fragen. Der rief nämlich am 10.01.2005 gegen 14.45 Uhr den KHK Reimar K. an, um ihm zu sagen, es sei ein Feuerzeug aufgetaucht. Uwe H. fügte es auch am 10.01. der Asservatenliste nachträgl. zu. Er wird schon wissen, woher es stammt. Es fragt ihn nur keiner.

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