Säckeweise Sand und Bausteine vor einer Baustelle.
Nur eine von einigen Baustellen, die es derzeit in Wittenberg noch gibt. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Reportage vor dem Kirchentag Wittenberg zwischen Euphorie und Zweifel

So langsam wird es ernst in Wittenberg. In knapp vier Wochen findet dort das Kirchentags-Festwochenende statt. Schon jetzt ist die Stadt ein Touristenmagnet, doch an einigen Stellen wird noch gewerkelt und gebaut.

von Kalina Bunk, MDR SACHSEN-ANHALT

Säckeweise Sand und Bausteine vor einer Baustelle.
Nur eine von einigen Baustellen, die es derzeit in Wittenberg noch gibt. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

47.000 Menschen wohnen in Wittenberg. Trotzdem ist es in der Lutherstadt momentan wie in einer dieser großen, beliebten Millionenstädte. Beim Spazieren durch die Stadt hört man viele unterschiedliche Sprachen, sieht Menschen mit Selfie-Sticks zum Fotografieren oder auch kleine Bimmelbahnen, die Touristengruppen gemütlich durch die Altstadt kutschieren. Aber auch etwas anderes fällt auf: Die Vorbereitungen für den diesjährigen Kirchentag Ende Mai und das Reformationsjubiläum sind nicht zu übersehen.

Das merke ich schon auf dem Weg vom Schlossplatz zur Schlosskirche: An den Wallanlagen steht ein hölzerner Torbogen, das "culture gate". Hier entsteht noch bis zum 20. Mai ein Teil der "Weltausstellung Reformation". In der Altstadt verteilt wird es dann insgesamt sieben "Tore der Freiheit" geben.

Das Ziel: die Welt 500 Jahre nach Beginn der Reformation hinterfragen. Im Torraum Kultur wird es um die Beziehung zwischen Religion, Kunst und Kultur gehen. Noch sehe ich dort aber vor allem eine große grüne Wiese mit vielen blühenden Blumen.

Vor der Schlosskirche

Ein wenig gestört wird der Blick auf die Grünanlage und die Schlosskirche von lauten Baugeräuschen. Zwar wurde die Schlosskirche im vergangenen Jahr nach einer fast acht Millionen Euro teuren Sanierung wiedereröffnet. An anderen Stellen des Schlossensembles sind allerdings noch immer vor allem Bauarbeiter unterwegs und keine Touristen. Dafür tummeln sich im Inneren der Kirche umso mehr Menschen. Und auch draußen vor der berühmten Tür, an der Martin Luther seine 95 Thesen angebracht haben soll, bilden sich immer wieder Menschentrauben.

Ein lächelnder Mann steht an einem Bratwurststand und hat eine Grillzange in der Hand.
Rikscha-Uwe: "Ich spüre die Reformation." Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Ganz in der Nähe der Schlosskirche steht Rikscha-Uwe und lächelt mich an. Uwe Bechmann freut sich schon lange über die anstehenden Feierlichkeiten und über die vielen Besucher in der Stadt, erzählt er mir. Der Mann mit dem Bratwurststand ist, wie er sagt, ein "waschechter Wittenberger". Das erkennt man nicht zuletzt an seinem "Lutherstadt Wittenberg"-Cappy.

Beim Erzählen zeigt Bechmann auf sein Geburtshaus – ein Gebäude, aus dem man direkt auf die Schlosskirche schauen kann. Bechmann schwärmt und ist stolz: Er liebt seine Heimatstadt, das geschichtsträchtige Pflaster. Doch ein wenig nachdenklich machen ihn die Besucherströme schon.

Wenn zum Abschlussgottesdienst des Kirchentages rund 200.000 Gäste nach Wittenberg kommen, wird dann für genug Sicherheit gesorgt sein?

Uwe Bechmann, Wittenberger

Doch die Vorfreude überwiegt bei Bechmann, der neben seinen Bratwürsten auch Stadtführungen anbietet. Er hofft das, worauf einige in der Tourismusbranche hier setzen: dass die Stadt auch nach diesem Jahr noch profitiert und weiterhin viele Besucher kommen. Er habe schon häufig gehört, dass manche Menschen erst 2018 oder 2019 nach Wittenberg kommen wollen, da es dann nicht mehr so viel Trubel gebe.

Auf dem Marktplatz

Doch so begeistert wie der Würstchenverkäufer ist in Wittenberg nicht jeder. Einigen Einwohnern ist der Trubel zu viel. Ihre Namen möchten sie nicht verraten. Ein Rentner sagt mir, er werde am Festwochenende sicherlich nicht in der Stadt bleiben, sondern lieber wegfahren.

Eine ältere Dame empfindet die Stimmung in der Stadt derzeit als "besonders", will aber zum Höhepunkt der Feierlichkeiten das Wochenende ebenfalls lieber woanders verbringen. Was sie noch stört: Den Touristen werde viel zu schnell in kurzer Zeit gezeigt und erklärt. Die ganzen Informationen könne sich sowieso niemand merken. Eine Frau aus Coswig erzählt, sie habe in Wittenberg eine halbe Stunde nach einem Parkplatz gesucht, das sei fürchterlich. Sie kritisiert zudem, dass so viel Geld in Wittenberg investiert werde – das knapp 14 Kilometer entfernte Coswig habe nichts von den ganzen Feierlichkeiten in der Nachbarstadt.

Knapp vier Wochen vor dem Festwochenende So laufen die Vorbereitungen in Wittenberg

Bauarbeiten am Schloss in Wittenberg. Baufahrzeuge stehen vor dem Gebäude, zudem ist ein geländer angebracht.
Das Schloss in Wittenberg ist derzeit noch eine Baustelle.. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Bauarbeiten am Schloss in Wittenberg. Baufahrzeuge stehen vor dem Gebäude, zudem ist ein geländer angebracht.
Das Schloss in Wittenberg ist derzeit noch eine Baustelle.. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Boden-Bauarbeiten im Innenhof der Schlosskirche in Wittenberg. Am Boden sind Steine aufgestapelt.
..auch der Innenhof ist noch nicht fertig. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Ein Holztor steht vor einer Wiese, auf der Blumen blühen.
Doch auch an anderen Stellen muss noch einiges gemacht werden. Hier soll zum Beispiel einer der sieben Torräume der "Weltausstellung Reformation" entstehen. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Eine Gruppe Touristen steht vor der Thesentür der Schlosskirche in Wittenberg.
Viele Besucher kommen aber auch jetzt schon nach Wittenberg. Vor der berühmten Thesentür der Schlosskirche bilden sich immer wieder Menschentrauben. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Eine Bimmelbahn für Touristen steht in einer Straße in Wittenberg.
Wer nicht so viel laufen möchte, fährt mit einer dieser Bimmelbahnen durch Wittenberg. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Mehrere Bauarbeiten stehen auf einem Gerüst.
Am Hauptbahnhof entsteht der Buchturm.. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Baufahrzeuge und Baumaterialien stehen vor einem großen Baugerüst.
..ein Aussichtsturm in Form der Lutherbibel. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Ein Bagger und Baumaterialien stehen vor einem großen Baugerüst.
Bis Gäste hoch hinauf können, muss allerdings noch einiges passieren. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Mehrere Reisebusse stehen vor dem Lutherhaus in Wittenberg.
Touristenandrang herrscht auch in der Nähe des Lutherhauses, dem einstigen Wohnhaus des Reformators und seiner Frau Katharina von Bora. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Baufahrzeuge sind auf einer großen Wiese unterwegs. Bauarbeiter arbeiten an Zufahrtsstraßen.
Auch auf der Festwiese vor den Toren der Stadt haben die Aufbauarbeiten begonnen. Noch ist nicht viel zu sehen.. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
Baufahrzeuge sind auf einer großen Wiese unterwegs. Bauarbeiter arbeiten an Zufahrtsstraßen.
..aber Ende Mai werden hier rund 200.000 Menschen zum großen Abschlussgottesdienst erwartet. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk
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Auf der Suche nach Einheimischen muss ich auf dem Marktplatz schon etwas genauer hinsehen. Es sind die Menschen ohne Fotokamera um den Hals. Einige Touristen versuchen, ein möglichst gutes Selfie mit der Lutherstatue auf dem Platz hinzubekommen. Ein anderes beliebtes Motiv ist die große silber-rote Weltkugel, die den Countdown bis zur "Weltausstellung Reformation" herunterzählt. Einige Besucher zieht es auch ins "futurea" – das vor kurzer Zeit eröffnete neue Wissenschafts-Center. Das Gebäude erstrahlt noch in frischem Weiß.

Ein Brötchen liegt auf Holz.
Luther ist auch in der Bäckerei am Marktplatz Programm. Dort gibt es "Reformationsbrötchen". Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Direkt am Marktplatz macht mich eine Aufschrift an einer Bäckerei neugierig. "Reformationsbrötchen" werden dort verkauft. Sie haben tatsächlich ein wenig mit Luther zu tun. "Zumindest ist das Rezept ziemlich alt", verrät mir die Verkäuferin. Außerdem sehe das Gebäck ein wenig aus wie eine Lutherrose – das Siegel, das der Reformator auf seinen Briefen nutzte. Verkaufsmasche hin oder her: Das Brötchen schmeckt.

Vor dem Lutherhaus

Ich gehe weiter in Richtung Lutherhaus und mache einen kleinen Abstecher in Richtung Asisi-Panorama. Die ziegelsteinrote Rotunde, die im Inneren das Wittenberg zur Reformationszeit zeigt, hat seit ihrer Eröffnung vor einem halben Jahr schon 120.000 Besucher angelockt. Heute gibt es keine lange Schlange am Eingang.

Zurück zum Lutherhaus, dem einstigen Wohnhaus des Reformators und seiner Frau Katharina von Bora. In der Zufahrtsstraße stehen sogar noch mehr Touristenbusse als an der Schlosskirche. Sie kommen aus den Niederlanden, Tschechien, aber auch aus Rosenheim, Berlin oder aus dem Landkreis Bautzen.

Auch in dieser Straße sieht man Bauarbeiten. In den Grünanlagen entstehen zudem zwei weitere der sieben Tore der Freiheit: der Torraum "Jugend", in dem ein Labyrinth aus Baumstämmen entstehen soll, ein Symbol für die Zeit des Orientierens und Probierens. Die Stämme dafür liegen bereits auf dem Gehweg bereit. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird die Spiritualität im Fokus stehen. Geschaffen wird ein Raum zum Innehalten, Beten oder Meditieren.

Am Hauptbahnhof

Für mich geht es weiter zum Hauptbahnhof, um mir ein weiteres großes Projekt des Reformationssommers anzusehen: den Buchturm. Hier ist schon einiges aufgebaut worden. Das Gerüst für den Aussichtsturm in Form der Lutherbibel steht. Gleich mehrere Bauarbeiter sind fleißig, damit Besucher schon bald einen etwas anderen Blick auf Wittenberg werfen können. Doch es ist deutlich zu sehen: Bis Gäste hoch hinauf können, muss noch einiges passieren.

Auf der Festwiese

Baufahrzeuge sind auf einer großen Wiese unterwegs. Bauarbeiter arbeiten an Zufahrtsstraßen.
Die Bagger sind angerückt. Doch nach großem Fest sieht es auf der Wiese noch nicht aus. Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Ich mache einen Abstecher und fahre ein Stück aus der Innenstadt hinaus vor die Tore der Stadt. Mein Ziel: die große Wiese an der Elbe, auf der zum Open-Air-Gottesdienst Ende Mai gut 200.000 Menschen erwartet werden. Beim Blick auf die Wiese kann ich mir diese Menschenmassen noch gar nicht so richtig vorstellen. Von Vorbereitungen ist hier bislang nicht so viel zu sehen. Allerdings sind schon Bauarbeiter mit Baggern angerückt, um die Zufahrtsstraßen zu gestalten.

In der Volkshochschule

Eine Frau sitzt auf einem Sofa und lächelt in die Kamera. Hinter ihr stehen Pflanzen und ein Keyboard.
Volkshochschul-Mitarbeiterin Präger hofft, dass viele Wittenberg-Gäste wiederkommen: "Es ist wichtig, wie die Stadt repräsentiert wird." Bildrechte: MDR/ Kalina Bunk

Zurück in der Stadt treffe ich mich noch mit Volkshochschul-Mitarbeiterin Birgit Präger. Sie ist zuständig für einen Kurs, der in diesem Jahr zum ersten Mal angeboten wurde: "Fitte Gastgeber". In zehn Stunden gibt es dabei einen Crashkurs über alles, was ein guter Gastgeber wissen muss. Es geht um Stadtgeschichte, aktuelle Geschehnisse, Sehenswürdigkeiten, Persönlichkeiten – aber nicht nur Luther, erzählt Präger.

Bislang hat der Kurs ein Mal stattgefunden, dreizehn Menschen haben teilgenommen, Platz war für 20. Aber: Alle Teilnehmer seien zufrieden gewesen, sagt Präger stolz. Deswegen solle der Kurs im Herbst noch einmal stattfinden, künftig dann möglicherweise ein Mal pro Jahr. Einige Dinge bräuchten eben Anlaufzeit, meint die Mitarbeiterin der Volkshochschule.   

Zurück an der Schlosskirche

Mein Stadtrundgang endet an einem öffentlichen WC an der Schlosskirche. Diesen Abstecher kann ich mir nicht entgehen lassen, schließlich investiert Wittenberg in seine stillen Örtchen derzeit insgesamt 350.000 Euro. Natürlich auch wegen des Reformationsjubiläums. Und tatsächlich ist die Toilette modern, aber es fällt noch etwas anderes auf: Am Eingang liegen mehrere Gästebücher aus. Eine Mitarbeiterin verrät mir, dass schon einige Bücher voll sind, schließlich mache man das schon seit 2011. Die Einträge sind aus Australien, Kanada, Guatemala, Palästina, Amsterdam und vielen Ländern und Städten mehr. Ein Gast bringt es auf den Punkt: "In Wittenberg ist sogar das Pieseln ein besonderes Vergnügen."

Die Festwiese im 360°-Blick

Quelle: MDR/kb

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2017, 12:07 Uhr

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7 Kommentare

03.05.2017 19:06 Agnostiker 7

Hoffentlich ist man auf "katholistische Terroristen" vorbereitet. XD
@ 4: Geh` beichten!

01.05.2017 10:38 Bernd 6

@Oma Gitte, das ist das Problem Zeitzeugen haben sich nicht gemeldet, so vermutet man, and da fuehlen sich viele berufen etwas beizutragen. Die Tuer soll als schwarzes Brett der Uni gedient haben, daher und da Luther disputieren wollte wohl so gewesen, dass Thesen auch an der Tuer befestigt wurden. Wichtig aber wohl das Luther die Thesen geschrieben und an die Kirchenoberen geschickt hat. Mit ist es egal fuer mich waren die Thesen an der Tuer solange bis sich jemand meldet der bezeugen kann dass es nicht so war.

01.05.2017 10:28 Bernd 5

Eigentlich ist es schlimm, sicher das Jubilaeum soll man feiern, Wittenberg profitiert davon und das schoene selbst in den USA muss man nicht erklaeren, ich komme aus der Naehe von ... sondern auch dort kennen viele Wittenberg (vom Namen her), aber ansonsten Luther Bier, Lego, Quietscheenten, Buecher in den Politiker ihre Worte in Luthers Mund legen (so auch das letzte Riverboot), aber auch Luther Botschafter, wo man Posten verteilt hat (der beste Luther-Botschafter fuer mich - Schorlemmer, da gibt es Parallelen), es nervt mittlerweile. Der Kurs fuer fitte Gastgeber haette mich interessiert, schon mal zu erfahren was ich ueber Wittenberg nicht weiss.

29.04.2017 11:14 gwm 4

Luther-Hype ohne Ende.Was für ein Kommerz !

29.04.2017 09:44 Kickelhahn 3

Zur Bewahrung der Schöpfung versiegeln und verdichten die Lutheraner die Elbwiesen mitten im Biosphärenreservat. Wer genehmigt so etwas? Im Sinne der diskriminierungsfreien Gleichbehandlung öffnet dies weiteren Veranstaltungen Tür und Tor.

29.04.2017 08:28 Oma Gitte 2

...Wo er seine 95 Thesen angebracht haben soll... Der Satz sagt doch sehr viel über Fantasie und Wirklichkeit aus.

28.04.2017 22:20 Kein Protestant 1

Habt ihr schon mal Bruder Martin gefragt, was er zu Eurem Kommerz - Ablasshandel sagt? Junker Jörg würde sich in seinem Grabe umdrehen, wenn er dies heutzutage sehen würde. Na gut, Sachsen-Anhalt hat halt nicht mehr zu bieten. Nicht umsonst steht das Land am Ende aller Bundesländer.