Der Elferrat des NCA schmeißt Kamelle von seinem Wagen in die Zuschauer
Der Elferrat des NCA verteilt Kamelle beim Rosenmontagsumzug in Köthen. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Rosenmontag in Köthen Ein Tag auf einem Karnevalswagen

Wie fühlt es sich eigentlich an auf einem Festwagen, mitten in einem Karnevalsumzug, mitzufahren? MDR-Reporter Fabian Frenzel hat es in Köthen ausprobiert. Dabei erlebte er leere Straßen, einen zweiten Zug im Zug und Frösche, die echte Prinzen sind.

von Fabian Frenzel, MDR SACHSEN-ANHALT

Der Elferrat des NCA schmeißt Kamelle von seinem Wagen in die Zuschauer
Der Elferrat des NCA verteilt Kamelle beim Rosenmontagsumzug in Köthen. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

10:11 Uhr

Noch eine Stunde bis der große Rosenmontagsumzug in Köthen startet. Es ist mild, 10 Grad Celsius, leicht bewölkt – bestes Umzugswetter. Doch die Straßen sind leer in Köthen. Auf den ersten Blick deutet hier nichts auf eine große Karnevalsparty hin.

10:23 Uhr

Leere Straße in Köthen
Leere Seitenstraßen eine Stunde vor Beginn. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Ich parke mein Auto und bin verwundert, dass es so ruhig in der Stadt zu sein scheint. Als ich die Autotür öffne, höre ich jedoch von weitem leise Musik über die Häuser hinweg. Sie scheint aus völlig unterschiedlichen Richtungen zu kommen. Viele Menschen oder gar Karnevalisten sehe ich nicht. Ich mache mich auf den Weg Richtung Stadtzentrum. Straßensperrungen und Polizeiautos lassen erahnen, dass ich richtig bin. Die Musik wird immer lauter und als ich um eine Ecke biege, bin ich plötzlich mittendrin. Überall Lkw, alte Traktoren und Menschen, die bunt geschmückt sind.

Kurz vor 11 Uhr

Ich habe mir den Zug einmal angesehen und bin alle Festwagen abgelaufen. Mir fällt einer besonders auf, der wie ein Schiff aussieht. Ich fasse den Entschluss, dass ich auf diesem Wagen mitfahren möchte und spreche die verkleideten Frösche davor an.

Der Festwagen der NCA – ein nachgebautes Schiff
Der Festwagen des NCA – ein nachgebautes Schiff Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

11:11 Uhr

Der Zug startet und ich stehe auf dem als Schiff umgebauten Wagen des Narraria Club Aken (kurz NCA). Ein kleiner Traum wird wahr, ich selbst bin eingefleischter Karnevalist seit Kindertagen und bin noch nie auf einem Umzug in einem Wagen mitgefahren. Nur es bewegt sich nichts. Claus-Dieter Reile, Präsident des NCA, erklärt mir, dass wir noch eine Weile warten müssten, bis wir losfahren. Vorne sei der Zug gestartet, doch bis wir dran sind, dauere es sicher noch.

Claus-Dieter Reile
NCA-Präsident Claus-Dieter Reile Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

In der Zwischenzeit fährt der gesamte Zug einen Meter neben uns vorbei. "Der Zug wurde bewusst falsch herum aufgereiht. So müssen alle einmal aneinander vorbeifahren. Das ist eine schöne Idee der Köthener. So sehen wir alle den gesamten Zug", sagt Reile. Eigentlich sieht man als Zugteilnehmer nämlich nur den Vorder- und Hintermann. Alle winken und jubeln sich gegenseitig zu – samt Schnapsflaschentausch von Wagen zu Wagen.

11:38 Uhr

Kamelle
Eine Tonne Kamelle hat der Verein in der Session unters Volk gebracht. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Wir fahren. Es wird noch lauter als eh schon. Jetzt haben alle ihre Musikanlagen voll aufgedreht. Wir biegen um eine Ecke und gucken in viele Kinder-, aber auch Erwachsenengesichter. Alle wollen Kamelle haben, spannen Schirme auf und drehen sie um, um damit die Süßigkeiten zu fangen. Doch auf dem Wagen ist es recht leer. Auf meiner Seite stehen nur drei Karnevalisten (mich eingeschlossen). "Leider sind einige krank und es haben auch nicht alle frei bekommen", erklärt mir Reile. Ich werfe also einfach auch Kamelle in die Menge, damit sie nicht vom Fleisch fällt. Insgesamt eine Tonne Süßigkeiten hat der NCA in dieser Session unters Volk gebracht. "Wahnsinn", denke ich.

Gegen 12 Uhr

Der Rosenmontagszug ist in vollem Gange und ich unterhalte mich mit Reile. "Es waren schon einmal mehr Leute hier", sagt er. Es seien doch einige Lücken am Straßenrand zu erkennen. Je länger der Zug dauert, umso mehr Menschen werden es jedoch.

Wir unterhalten uns über die Zukunft des Karnevals. Für die nächsten zehn Jahre ist Reile um seinen NCA nicht bange. Doch was danach ist, weiß er nicht. Bei den Tänzerinnen und Tänzern macht er sich keine Sorgen. Aber bei den Sprachnummern und beim Gesang ist das schon anders. Zwar habe man zum Beispiel einen Nachwuchsbüttenredner, aber es könnten mehr Redner und Sänger sein. "Es gibt einfach sehr viele Freizeitmöglichkeiten. Fußball interessiert wahrscheinlich mehr Leute, als der Karnevalsgesang." Feiern wollen alle, aber vielen seien vielleicht die Proben zu anstrengend. Ähnlich sei es auch auf der Zuschauerseite. Noch ist der Saal relativ voll, aber es wird auch hier weniger. Einen neu geplanten Jugendkarneval musste man sogar absagen, wegen zu schlechtem Kartenverkauf.

12:32 Uhr

Plötzlich wird es nochmal lauter am Wagen – wir nähern uns den Kameras des MDR-Fernsehens. Da will man als Verein natürlich glänzen. Zwei Gardetänzerinnen werden vorne auf die Motorhaube des Treckers gesetzt, der den Wagen des NCA zieht. Mehrere Tänzerinnen marschieren, hüpfen und springen davor auf und ab und gehen mit den Kameras auf Tuchfühlung. Ich merke, dass das wohl der wichtigste Punkt im Zug zu sein scheint.

Ein Funkemariechen räkelt sich vor einer Fernsehkamera
"Komme ich jetzt ins Fernsehen?" Das Funkemariechen des NCA setzt sich in Szene. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

12:44 Uhr

Der Umzug ist zu Ende. Hinter dem Marktplatz löst sich alles schnell auf. Der Prinz des NCA zeigt seinem Präsidenten aufgeregt ein Foto von sich, das er geschickt bekommen hat. Er war live im MDR zu sehen. Präsident Reile erklärt mir, dass sein Prinz einmalig sei. "Wir haben in diesem Jahr zwei Frösche als Prinzenpaar, da unser eigentliches Paar abgehauen ist".

Karnevalsumzug in Köthen
Präsident Claus-Dieter Reile und sein Frosch-Prinzenpaar. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Eigentlich sollte der Pächter des Akener Schützenhauses ihr Prinz sein, doch der ließ eine geplante Silvesterparty sausen und die Stadt kündigte ihm den Pachtvertrag. Plötzlich stand man ohne Prinz, Prinzessin und Veranstaltungsort da. Doch nicht lange. Das spontan eingesprungene Froschpaar wurde gekrönt und ein Caterer für das Schützenhaus gefunden.

Wie sagt man doch in der Karnevalshochburg in Köln so schön: "Et hätt noch emmer joot jejange." So verabschieden wir uns und gehen beide unserer Wege – er zum Marktplatz auf die Bühne und ich zu meinem Auto. Auf dem Weg dorthin ist es wieder menschenleer. Nur die Musik wummert noch von weitem.

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Fabian Frenzel ist selbst Mitglied in einem Karnevalsverein in Rangsdorf in Brandenburg. Er tanzt seit Jahren im Männerballett und tritt als Double von Kurt Krömer auf. Sein Großvater begründete einst den Karneval in Rangsdorf und sein Vater ist heute der Vereinspräsident.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27.02.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 10:50 Uhr

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1 Kommentar

28.02.2017 11:50 FSee 1

Ein sympathischer, mitfühlender Bericht. Danke. Man kann sich gut hineinversetzen. Schön dass auch der Karneval jenseits der Hochburgen seine Fans und Berichterstatter findet. Er ist eben mehr als nur ein Farbtupfer im Wintergrau.

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