ARD-Themenwoche #wieleben Warum die Lutherstadt Wittenberg die Bevölkerungsprognose des Landes kritisiert

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Bis 2030 soll die Lutherstadt Wittenberg mehrere tausend Einwohner weniger haben, prognostiziert das Statistische Landesamt. Die Stadt Wittenberg rechnet dagegen mit einer deutlich positiveren Bevölkerungsentwicklung und nennt dafür Gründe.

Marktplatz in Lutherstadt Wittenberg
Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke | Grafik Martin Paul

Nur wenige Orte können wohl so eine hohe Welterbe-Dichte vorweisen wie die Lutherstadt Wittenberg. Vier Bauwerke in der idyllischen, sanierten Altstadt gehören zum Welterbe. Alle sind verbunden mit der Reformation durch Martin Luther, die hier vor mehr als 500 Jahren ihren Ursprung hatte. Die Stadt an der Elbe ist mit einem ICE-Halt sehr gut an die Metropolen Berlin und Leipzig angebunden – beide Großstädte sind in knapp 30 Minuten zu erreichen. Auch eine Autobahn, die A9, verläuft westlich der Stadt.

Kultur, Natur, Infrastruktur – dieser Dreiklang sollte eigentlich reichen, um die Lutherstadt zu einem beliebten Wohnort machen. Doch die Prognose für die kommenden zehn Jahre sagt etwas anderes: Die Einwohnerzahl soll deutlich schrumpfen.

Derzeit sind nach Angaben der Stadt etwa 47.900 mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in Wittenberg gemeldet. Der 6. regionalisierten Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt zufolge soll Wittenberg 2030 nur noch etwa 39.400 Einwohner haben – also etwa 8.500 Personen weniger. In den nächsten zehn Jahren soll Wittenberg somit in absoluten Zahlen die meisten Bürgerinnen und Bürger aller Gemeinden Sachsen-Anhalts verlieren. Die aktuell viertgrößte Stadt Sachsen-Anhalts wäre 2030 dann kleiner, als es Halberstadt und Weißenfels derzeit sind.

Einwohnerzahl im Abwärtstrend

Vergleicht man die aktuelle Einwohnerzahl mit der von 1990, zeigt sich, dass Wittenberg in den vergangenen Jahrzehnten bereits stark geschrumpft ist. Vor 30 Jahren, kurz nach dem Mauerfall, lebten noch mehr als 63.000 Menschen in der Lutherstadt. Bis heute ist die Einwohnerzahl also um etwa 15.000 Personen gesunken. Anders ausgedrückt: Eine ganze Kleinstadt, etwa von der Größe Landsberg, ist seit der Wende aus Wittenberg weggezogen.

Dieser Abwärtstrend hat sich in den vergangenen Jahren allerdings abgeschwächt. Seit 2012 ist auch der sogenannte Wanderungssaldo leicht positiv: Das heißt, mehr Leute ziehen in einem Jahr nach Wittenberg, als zur gleichen Zeit wegziehen. Besonders positiv fiel dieser Saldo 2017 aus, in dem Jahr, als in der Lutherstadt der 500. Jahrestag der Reformation gefeiert wurde: Wittenberg verzeichnete in dem Jahr nicht nur besonders viele Übernachtungsgäste, sondern auch 302 Zuzüge mehr als Wegzüge.

Ein von Menschen gehaltene rote 500 vor der Schlosskirche in Wittenberg soll auf das 500. Reformationsjubilaeum hinweisen (Drohnenfoto vom 26.08.17).
2017, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, sind 302 mehr Menschen nach Wittenberg zu- als weggezogen. (Archivbild) Bildrechte: imago/epd

Statistisches Landesamt und Stadt: Unterschiedliche Einwohnerentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung wirkt also weniger düster, als sie sich in der Bevölkerungsvorausberechnung andeutet. Und auch die Stadt Wittenberg teilte MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage mit, dass sie mit einer günstigeren Entwicklung der Einwohnerzahl rechne. Die Stadt erstellt für ihre Bedarfsplanung ebenfalls eine Prognose – und geht von ganz anderen künftigen Einwohnerzahlen aus.

Für das Jahr 2030 rechnet Wittenberg mit 47.381 Einwohnern. Das sind nur etwa 500 Wittenbergerinnen und Wittenberger weniger als heute – und ganze 8.000 mehr, als die 6. Regionalisierte Bevölkerungsprognose des Landes für 2030 ausgibt. Warum kommen Stadt und Statistisches Landesamt auf so unterschiedliche Ergebnisse?

Grund für die auseinander klaffenden Vorausberechnungen sind unterschiedliche Berechnungsmethoden. Und die Stadt Wittenberg kritisiert die Methode der Regionalisierten Bevölkerungsprognose vom Statistischen Landesamt. Denn zur Vorausberechnung werden Entwicklungen auf Landkreisebene auf die Gemeinden des Landkreises umgerechnet. Die Stadt Wittenberg merkt aber an, dass sich die Einwohnerzahlen im Landkreis Wittenberg zuletzt ganz anders entwickelt hätten als in der Stadt Wittenberg, also in der Gemeinde.

Während der Landkreis zum Beispiel zwischen 2010 und 2017 sieben Prozent seiner Einwohner verloren hat, habe sich der Verlust in der Stadt Wittenberg im gleichen Zeitraum lediglich auf zwei Prozent belaufen, heiß es von der Stadt. Betrachte man die Prognose des Statistischen Landesamts für die Stadt Wittenberg für 2020, zeige sich außerdem, dass die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung positiver ausgefallen sei, als prognostiziert wurde.

Mehr Jobs, mehr Zuwanderung

Die Stadt Wittenberg erstellt seit 2001 selbst Bevölkerungsprognosen, um Bedarfe für Stadtentwicklungskonzepte zu ermitteln. Bei allen drei Entwicklungsszenarien, die die Stadt berechnet, sinkt die Einwohnerzahl bis 2030 deutlich weniger als bei der Vorausberechnung des Statistischen Landesamts. Die Stadt hat zudem für ihre eigene Bedarfsprognosen das optimistischste dieser Szenarien ausgewählt – als Bekenntnis "zu einem offensiven Umgang mit den demografischen Herausforderungen".

Womit die Lutherstadt Wittenberg neue Einwohner gewinnen will

Fußgängerpassage in der Altstadt der Lutherstadt Wittenberg
Der Lutherstadt Wittenberg zufolge ist die Wohn- und Lebensqualität sichtbar aufgewertet worden. Das zeigt sich vor allem in der historischen Altstadt, die nach Angaben der Stadt zu 90 Prozent saniert ist. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Fußgängerpassage in der Altstadt der Lutherstadt Wittenberg
Der Lutherstadt Wittenberg zufolge ist die Wohn- und Lebensqualität sichtbar aufgewertet worden. Das zeigt sich vor allem in der historischen Altstadt, die nach Angaben der Stadt zu 90 Prozent saniert ist. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Bauzaun vor einem Gebäude in Wittenberg, in dem Wohnungen entstehen sollen.
Die Stadt will das Image Wittenbergs als attraktiven Wohnort stärken. Angesprochen werden sollen sowohl junge Familien als auch Senioren. In der Stadt entstehen daher auch altersgerechte Wohnungen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Chemiepark Piesteritz
Wittenberg ist auch Industriestandort. Im Ortsteil Piesteritz steht ein Chemiewerk, in dem Stickstoff hergestellt wird. In den vergangenen Jahren ist nach Angaben der Stadt die Arbeitslosigkeit gesunken. Wittenberg geht davon aus, die Arbeitsplätze halten zu können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Verkehrsschild in Wittenberg, das die Entfernungen nach Potsdam und Leipzig anzeigt.
Wittenberg liegt günstig. Nach Leipzig, Berlin und Potsdam ist es nicht weit – und Wohnungen sind in Wittenberg billiger. Die Stadt hofft, dadurch neue Einwohner zu gewinnen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Marktplatz Wittenberg mit Luther-Denkmal
Wittenberg ist Martin Luther und Reformation – und mehrfaches UNESCO-Welterbe. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Die Elbwiesen mit Blick auf Lutherstadt Wittenberg
Die Lutherstadt liegt an der Elbe. Die Elbauen und damit ein Naherholungsgebiet sind von der Stadt zu Fuß zu erreichen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Martin-Luther-Universtität Halle-Wittenberg am Standort Wittenberg
Wittenberg ist seit mehr als 500 Jahren eine Unistadt. Die Leucorea ist der Wittenberger Standort der Martin-Luther-Universtität Halle-Wittenberg.

Quelle: MDR/mh
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Grund für diese Wahl: Der Jobmarkt in der Lutherstadt hat sich zuletzt gut entwickelt. Mehr als 2.000 Stellen seien zwischen 2010 und 2017 entstanden. Und die Stadt geht davon aus, dass die Arbeitsplätze gehalten werden können und dass es speziell im Gesundheits- und Pflegesektor noch weitere Ansiedlungen geben könnte.

Hinzu kommt, dass der demografische Wandel tatsächlich auch einen positiven Effekt hat: In den kommenden Jahren werden in Wittenberg weitere Stellen frei, weil dann wie in ganz Sachsen-Anhalt ein recht großer Teil der Bevölkerung in Rente geht. Die Stadt setzt darauf, dass für die Jobs junge Menschen nach Wittenberg zuziehen – was wiederum auch die Geburtenzahl in der Lutherstadt erhöhen könnte.

Einwohner aus Berlin und Leipzig abwerben

Darüber hinaus verweist die Stadt im Integrierten Stadtentwicklungskonzept bis 2030 auf Wittenbergs günstige geografische Lage zwischen Berlin und Leipzig. Wittenberg habe das Potenzial zum "Entlastungsstandort" für die angespannten Wohnungsmärkte der beiden Großstädte. Von Wittenberg kann also gut in die beiden Metropolen gependelt werden. "Es kann folglich angenommen werden, dass das Wanderungssaldo weiterhin im positiven Bereich bleibt und auch die Geburtenquote davon positiv beeinflusst wird", heißt es von der Stadt Wittenberg. Ab Jahresende will die Stadt mit einer Imagekampagne gezielt in Berlin und Leipzig für den Wohnort Wittenberg werben.

Außerdem gebe es einen jährlich stattfindenden Rückkehrertag, um weitere Fachkräfte und damit neue Einwohner zu gewinnen, teilt die Stadt mit. In diesem Jahr soll der Rückkehrertag am 27. Dezember im Stadthaus stattfinden, wenn es das Coronavirus zulässt.

Demografischer Wandel: Offensiver Umgang

Die Maßnahmen zeigen, dass die Lutherstadt Wittenberg den demografischen Wandel im Blick hat. Sie will ihn vor allem durch Zuwanderung abmildern. Das erklärt zum Teil auch die Unterschiede in den Bevölkerungsprognosen vom Statistischen Landesamt und der Lutherstadt: Die Berechnungen des Landesamts zeigen, wie sich die Bevölkerung der Gemeinden in Sachsen-Anhalt verändern könnte, wenn sich in den Gemeinden sonst nichts ändert. Die Stadt Wittenberg aber ändert durch ihre Maßnahmen gezielt etwas – und preist diese Veränderungen bei ihrer eigenen Bevölkerungsprognose mit ein.

Zwar werden wir wohl erst in zehn Jahren wissen, welche Vorausberechnung letztlich näher an der Wirklichkeit dran ist. Oder ob die demografische Strategie der Lutherstadt funktioniert. Doch sicherlich hat die Stadt nun zumindest bessere Chancen, einen Bevölkerungsrückgang zu stoppen, als wenn sie nichts getan hätte.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

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Bildrechte: imago/Winfried Rothermel | Grafik MDR/Martin Paul

Quelle: MDR/mh

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