Kunstwerk zerstört Flüchtlingsboot in Wittenberg in Brand gesteckt

Das Flüchtlingsboot, das in der Lutherstadt Wittenberg zur Weltausstellung Reformation aufgestellt worden war, ist zerstört. Die Polizei geht davon aus, dass es in Brand gesteckt wurde. Die Ermittlungen laufen in alle Richtungen. Stadtchef Zugehör zeigt sich erschüttert.

Politiker an der Brandstelle in Wittenberg, darunter Bürgermeister Torsten Zugehör
Verantwortliche der Stadt am Sonnabendmorgen an dem Boot, darunter Bürgermeister Torsten Zugehör (li). Bildrechte: MDR/André Damm

Das Flüchtlingsboot, das als Kunstobjekt seit Sommer 2017 in Wittenberg stand, ist in der Nacht zu Sonnabend angezündet worden. Laut Polizei haben Unbekannte das Wrack in Brand gesteckt. Die Polizei sei gegen 4 Uhr in der Nacht alarmiert worden, ebenso die Feuerwehr. Augenscheinlich ist die Steuerkabine des Schiffes vollständig zerstört, der Rumpf des Bootes beschädigt.

Das Boot war unter dem Titel "Tore der Freiheit" im Rahmen der Weltausstellung Reformation 2017 als Exponat in der Lutherstadt aufgestellt worden. Mit diesem Boot waren wenige Jahre zuvor 244 Flüchtlinge aus dem ostafrikanischen Eritrea von Libyen übers Mittelmeer nach Europa gekommen. Sie hatten es bis nach Sizilien geschafft, alle überlebten die gefährliche Überfahrt.

Staatsschutz hat Ermittlungen übernommen

Verkohlte Teile des Bootes
Verkohlte Überreste der Steuerkabine. Bildrechte: MDR/André Damm

Die Polizei teilte mit, dass der Brandort – das Boot stand Am Schwanenteich – beschlagnahmt worden sei. Die Ermittlungen laufen. Ein Sprecher der Polizei sagte MDR SACHSEN-ANHALT, einen direkten Ansatz, wer für die Tat verantwortlich ist, gebe es nicht. Brandanschlag oder Dumme-Jungen-Streich – dazu laufe die Untersuchung in alle Richtungen.

Der polizeiliche Staatsschutz habe übernommen, im Laufe des Tages soll ein Spürhund eingesetzt werden.

Am Vormittag wurde auf einer Holzplanke am Bootsrumpf ein Runenzeichen festgestellt, das als Logo des Online-Netzwerks "Reconquista Germanica" gilt. Das Netzwerk, von einem Rechtsextremen im Internet aufgebaut, ist dafür bekannt, sich für digitale Troll-Attacken auf unliebsame Nutzer zu verabreden. Ein Polizeisprecher sagte MDR SACHSEN-ANHALT, noch sei völlig offen, ob das entdeckte Zeichen aktuell angebracht worden oder schon Tage alt sei. Der Fund werde in die Ermittlungen einbezogen.

Polizei sucht Zeugen Hinweise unter Telefon (03491) 4690 oder per Email an lfz.pd-ost@polizei.sachsen-anhalt.de.

Bürgermeister: "Der Ruf der Stadt steht auf dem Spiel"

Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) sprach am Sonnabend vor Journalisten angesichts des zerstörten Bootes von einer "Schande". Wittenberg sei eine weltoffene Stadt. "Der Ruf der Stadt steht hier auf dem Spiel."

Zugehör sagte weiter, da es in den Morgenstunden des 10. November, also keine 24 Stunden nach dem Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht passiert sei, könne eine politisch motivierte Tat nicht ausgeschlossen werden. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT:

Wenn das jemand ganz bewusst gemacht hat, dann ist das absolut feige, hinterhältig. Dann auch noch diesen Tag für sich zu wählen, ist eine absolute Missachtung der Stadtgesellschaft. Das berührt und erschreckt. Da kann ich nur klipp und klar sagen: Wir müssen aufstehen und uns dagegen wehren.

Es gab auch abwertende Reaktionen in sozialen Medien zu den Ereignissen aus der Nacht, bei einigen Nutzern etwa fand der Brand Beifall. Darauf bezugnehmend appellierte Zugehör an die Wahl der Worte. Erst sterbe die Sprache, dann die Kultur. "Die Stadt darf nicht gespalten werden."

Noch Freitagabend vielfältiges Gedenken zum 9. November

In Wittenberg gab es noch am Freitagabend ein vielfältiges Gedenken mit Lesungen, Theateraufführungen und einer Ausstellungseröffnung zur Pogromnacht. Im Alten Rathaus hatte es einen Festakt gegeben, bei dem auch der Ehrenbürger Richard Wiener als Gast aus den USA angereist war.

In der geschichtsträchtigen Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der Reichspogromnacht vor 80 Jahren, wurden Juden in ganz Deutschland ermordet, ebenso verfolgt und deportiert. Im ganzen Land wurden damals Synagogen angezündet.

Ermittler an einer Straße in Wittenberg
In Wittenberg laufen die Ermittlungen. Was mit dem Boot geschehe, ist jetzt erst einmal offen. Bildrechte: MDR/André Damm

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. November 2018 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2018, 12:08 Uhr

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207 Kommentare

13.11.2018 22:37 sir-charles 207

Erst wird „Kunst“ geleugnet.
Dann wird es in Brand gesetzt.

Erst wird „Kultur“ geleugnet.
Dann werden Bücher verbrannt.

Pauschalierrungen von „Ossis“ nimmt man empört entgegen.
Pauschalierrungen von „Migranten“ stimmt man zu.

Rassist möchte man auch nicht genannt werden.

Man, man man.

13.11.2018 17:18 ralf meier 206

ł@Wolpertinger 204: Hallo und Entschuldigung. Ich bin offensichtlich etwas persönlicher geworden als Ihnen lieb ist und als ich wollte. Veranlasst zu meiner scharfen Kritik hat mich Ihre Anmerkung

'Also Spuren zu zu Deutschen legen, damit diese verdächtigt werden, würden die Ausländer weniger kriminell machen ?'
Die fand ich 'mit Verlaub' eher unwahrscheinlich.

Außerdem gehe ich weiterhin davon aus, das, wenn die Anzahl der Verdächtigen in einer Gruppe 4 mal so hoch ist wie in einer anderen einiges dafür spricht, das auch de Anzahl der tatsächlich kriminellen in dieser Gruppe deutllch höher ist.

Also noch mal Entschuldigung für den falschen Tonfall. mfg ralf meier

13.11.2018 12:56 Wolpertinger 205

@12.11.2018 16:39 Ekkehard Kohfeld
Habe ich irgendwo geschrieben oder indiziert, dass es Rechte waren ? Ich schrieb, "man". Das haben Sie doch selbst zitiert.
Aber schön, dass Sie so eindrucksvoll meinen Kommentar bestätigen.