Landesdarre in Annaburg Wie in einer historischen Anlage Saatgut gewonnen wird

Wegen des Waldsterbens muss in vielen Regionen Wald aufgeforstet werden. Das nötige Saatgut ist gefragt. In Annaburg gibt es eine historische Anlage, in der aus Zapfen Saatgut gewonnen wird – eine so genannte Darre. Ein Besuch.

Ein Ziegelstein-Gebäude von Außen. Vor dem Gebäude steht ein Schild mit der Aufschrift: Landesdarre - Betreuungsforstamt Annaburg
Die Landesdarre Annaburg – eine von neun Landesdarren in ganz Deutschland. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Heike Borchardt öffnet vorsichtig eine Luke. Sogleich duftet es im ganzen Raum intensiv nach Wald, versprüht von hunderten Tannenzapfen. "Hier beginnt die Relax-Behandlung der Zapfen, hier dürfen sie in Wärme und Ruhe chillen", sagt die Leiterin der Landesdarre augenzwinkernd. Die warme Luft soll dafür sorgen, dass die Zapfen sich öffnen, die Samen herausfallen. Doch bevor die Zapfen "chillen" können, müssen sie erst getrocknet werden. Das geschieht im benachbarten Zapfenschuppen. Ein mehrstöckiges Gebäude, fensterlos, gezimmert aus dunklen Brettern. "Die Zapfen werden in Saatgutplantagen oder in ausgesuchten Waldbeständen geerntet", erklärt Borchardt.

Drei Menschen arbeiten mit Zapfen an einem Fließband.
Hier ist ordentlich Handarbeit gefragt. Bildrechte: Privat

Zu Tausenden liegen sie feinsäuberlich sortiert auf dem Holzfußboden verteilt. Die Zapfen werden bereits gepflückt, wenn sie noch geschlossen sind. "Daher müssen sie zunächst noch etwas nachreifen", so die gelernte Försterin. Die reifen Zapfen werden dann in Säcke verpackt oder auf einem Förderband ins Darrhauptgebäude gebracht, ein mächtiger Klinkerbau gleich nebenan. Hier führt die konstante Wärme dazu, dass die Samen nach einiger Zeit aus den Zapfen herausfallen. Siebe und Luftgebläse sorgen im Anschluss dafür, dass fast reines Saatgut übrig bleibt.

Historische Darre

Die staatliche Landesdarre im Kreis Wittenberg ist die einzige in Sachsen-Anhalt und eine von neun in ganz Deutschland. Die Darre am Annaburger Ortsrand hat eine lange Tradition, sagt Heike Borchardt. Die Maschinen sind teils noch aus Holz, historisch, sehenswert. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. "Seit 1903 darren, also trocknen hier Zapfen, es ist die erste Großdarre Preußens", erzählt Borchardt. Schon damals wurde viel Wert gelegt auf Sicherheit. Dank eigens konstruierter Hilfsmittel blieb den damals etwa zehn Mitarbeitern schwere körperliche Arbeit weitgehend erspart.

Saatkörner immer gefragter Die historische Darre in Annaburg

Die historische Darre in Annaburg ist eine von 9 Landesdarren in ganz Deutschland.

Ein hölzernes Haus steht hinter einer Tanne.
Das hölzerne Haus dient unter anderem als Zapfenlager. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Ein hölzernes Haus steht hinter einer Tanne.
Das hölzerne Haus dient unter anderem als Zapfenlager. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Zapfen auf dem Boden in einem hölzernen Haus.
Ein Blick ins Innere des Lagers. Hier warten die Zapfen auf ihre Verwertung. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Zahnräder vor einer Wand, die mit der Beschriftung Trommeldarre versehen sind.
Eine fünf Meter lange Trommeldarre: Durch Rotation werden die Zapfen in Bewegung gebracht und die Flügelsamen fallen heraus. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Ein Rad, was in die Arbeitsvorgänge der Darre involviert ist.
Neben der Trommeldarre dienen auch andere Maschine der Samengewinnung. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Von Ziegelstein umgeben ist die Heizung der Darre zu sehen.
Eine Heizung in der Landesdarre: Die Wärme ist wichtig; damit sich die Zapfen öffnen. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Eine Steinwand mit einem Kamin aus Metall.
Auch ein Kamin findet sich in der Darre in Annaburg. Bildrechte: MDR/Martin Krause
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Zahnräder vor einer Wand, die mit der Beschriftung Trommeldarre versehen sind.
Eine fünf Meter lange Trommeldarre: Durch Rotation werden die Zapfen in Bewegung gebracht und die Flügelsamen fallen raus. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Eine ältere Dame erklärt etwas vor einem Lagerbehälter für Zapfen.
Heike Borchardt, die Leiterin der Landesdarre, zeigt und erklärt die Aufgaben der Darre. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Heute kümmern sich noch drei Angestellte und Heike Borchardt um die Saatgutgewinnung. "In Spitzenjahren sind es 70 Tonnen", sagt die Leiterin der Landesdarre nicht ohne Stolz. Aus 100 Kilogramm Tannenzapfen schöpfen die Annaburger zehn Kilogramm reines Saatgut, bei derselben Menge Kiefernzapfen sind es etwa zwei Kilogramm. "Die Preise pro Kilogramm liegen zwischen 100 und 1.500 Euro", sagt Borchardt. Teilweise dauert es sechs Monate von der Anlieferung der Zapfen bis zum verkaufsfertigen Saatgut. Unverkaufte Samen kommen zunächst in die Kühlkammer. Etliche Beutel lagern hier, sortiert nach Arten: Robinien, Schwarzkiefern, europäische Lärchen, in kleinen Mengen finden sich auch Linden, Ahorn und Holunder in den Regalen.

Steigende Nachfrage nach Saatkörnern

Gefüllte Säcke liegen auf dem Boden und vor einer Wand.
Säcke voller Saatkörner - die Nachfrage steigt immer weiter. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Borchardt nimmt eine Tüte hoch. "Acht Kilogramm, sieht wenig aus, aber das sind fast eine Million Saatkörner", sagt die Leiterin der Darre. Das reicht etwa um 40 Hektar Wald aufzuforsten, auch wenn nicht aus jedem Saatkorn ein Baum wird. Das Saatgut aus Annaburg geht überwiegend an Baumschulen und private Waldbesitzer. Derzeit steigt vor allem die Nachfrage nach klimarobusten Bäumen. "Der Wald soll den Klimaveränderungen standhalten", sagt Borchardt. Die Bäume dürfen daher auch nicht schädlingsanfällig sein. Daher sollen in Sachsen-Anhalt nun vermehrt Douglasien und Küstentannen angebaut werden. Die Nachfrage nach Qualitäts-Saatgut ist groß wie selten. Doch Heike Borchardt ist zuversichtlich: "Hier ist die Kinderstube, damit zukunftsfähiger Wald entstehen kann." Die Mitarbeiter der Landesdarre Annaburg werden alles tun, um das erforderliche Saatgut bereitzustellen.

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Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 22. September 2020 | 12:40 Uhr

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