Landkreis Wittenberg Jessen nach der Corona-Quarantäne: Normal ist nichts

Grit Lichtblau, Redakteurin im MDR-Studio in Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Nach anderthalb Wochen ist in Jessen und Schweinitz im Landkreis Wittenberg die Corona-Quarantäne aufgehoben worden. Die Bewohner können sich dort nun wieder freier bewegen. Ein Besuch vor Ort.

Normal ist auch an diesem Dienstag in Jessen nichts. Es ist ruhig in der Stadt im östlichen Teil von Sachsen-Anhalt, obwohl am Montagabend nach 12 Tagen die Quarantäne der Ortsteile Jessen und Schweinitz aufgehoben wurde.

Nach einem Corona-Ausbruch in einem Pflegeheim hatte der Landkreis Wittenberg die beiden Stadtteile abgeriegelt. 8.000 Bewohner waren quasi eingeschlossen. Für sie wurde ein eigenes Abstrich-Zentrum eingerichtet, um die Verbreitung des Virus besser nachvollziehen zu können. Mehr als 800 Tests wurden nach Angaben des Landkreises dort gemacht. Die unerwartete frühere Aufhebung der Quarantäne begründet der Landkreis damit,  dass die Zahl der Neuinfektionen nicht weiter gestiegen ist. Die Entscheidung sei in enger Abstimmung mit dem Pandemiestab der Landesregierung sowie den Spezialisten des Robert-Koch-Instituts getroffen worden.

Auf der B187 rollt der Verkehr wieder

Auf dem Weg nach Jessen liegen noch die Sperrschilder am Straßenrand. Sie wurden am Montagabend abmontiert. Die Zufahrt nach Jessen ist offen. Auf dem Markplatz ist es ruhig am ersten Morgen nach der Quarantäne, alle Geschäfte sind geschlossen. Eine Frau kommt aus der Sparkasse und steigt in ihr Auto. Sonst ist niemand zu sehen. Auf der Bundesstraße 187, die mitten durch Jessen führt, rollt der Verkehr wieder. Einige Radfahrer sind unterwegs, Hundebesitzer führen ihre vierbeinigen Lieblinge Gassi. Ein Ehepaar geht Hand in Hand in Richtung Bahnhof. Auch die Züge halten nun wieder in Jessen.

Auf den Parklätzen der Supermärkte, die alle an der Bundesstraße liegen, stehen einige Autos. Und die Jungs vom THW. Aufpassen sollen sie, erzählt einer mit leichtem Berliner Akzent. Aber in den Supermärkten ist nicht viel los. Alles verläuft ruhig. Einige ältere Menschen tragen Schutzhandschuhe oder eine Maske.

Jessener: Von Panik, gemischten Gefühlen und Wünschen

Eine junge Frau kommt aus dem Supermarkt, verstaut ihre Einkäufe in ihrem Auto. Sie sei froh, dass die Quarantäne nun vorbei sei. Sie habe ein Pferd außerhalb der Stadt in einem Stall stehen, das hätten andere versorgen müssen, erzählt sie. Und ihre kleine Tochter sei krank gewesen. Aber sie habe nicht zu ihrem Kinderarzt nach Wittenberg gedurft. Sie musste zum Kinderarzt nach Jessen. Nun sei ihre Tochter aber wieder gesund.

Ein junger Mann stellt sein Fahrrad vor dem Markt ab, geht einkaufen. Für ihn waren die vergangenen Tage nicht besonders schlimm. Das Einkaufen sei möglich gewesen, das sei wichtig gewesen. Die Situation sei mitunter aber eigenartig gewesen, er habe auch mal etwas Panik gehabt, aber damit habe er umgehen können. Nun hofft er, dass die Corona Krise bald vorbei ist.

Diese Hoffnung hat auch das Ehepaar, das gerade aus dem Kofferraum seines Autos die leeren Einkaufstüten heraus holt. Er sei froh, wieder arbeiten zu können, sagt der Mann. Er arbeite in Brandenburg, habe aber nicht raus gedurft. Seine Frau durfte weiter arbeiten, bei einem Tierfkühlkosthersteller in Jessen. Sie sei mit gemischten Gefühlen auf Arbeit gefahren, habe auch etwas Angst gehabt. Ihr Mann fällt ihr ins Wort. Es wird Zeit, dass es bald alles vorbei ist, äußert er seinen Wunsch – den er mit vielen Menschen teilt – nicht nur in Jessen und Schweinitz.

Fahnen als Symbol für Solidarität und Hoffnung

Die B187 führt von Jessen direkt nach Schweinitz. Rechts ab geht es in den kleinen Ort. Kein Bewohner ist zu sehen. Dafür hängen an diesem Morgen noch an mehreren Häusern grün-weiße Fahnen mit dem schwarzen Wildschwein in der Mitte. Die Fahne von Schweinitz als Symbol für die Solidarität untereinander und wohl auch ein Symbol der Hoffnung, diese Krise zu bewältigen – mit Abstand, aber doch gemeinsam.

Grit Lichtblau, Redakteurin im MDR-Studio in Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Grit Lichtblau kommt aus Dessau-Roßlau und arbeitet seit 2001 für das MDR-Studio in Dessau. Als Reporterin ist sie in Anhalt und Wittenberg unterwegs. Erstmals am Mikro war sie bei energy Sachsen in Leipzig, wechselte dann zu Radio SAW – und von dort zu MDR SACHSEN-ANHALT. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind die Sandstrände an der Elbe und der Elberadweg.

Quelle: MDR/jr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. April 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Erichs Rache vor 7 Wochen

"Die B187 führt von Jessen direkt nach Schweinitz. Rechts ab geht es in den kleinen Ort. Kein Bewohner ist zu sehen. Dafür hängen an diesem Morgen noch an mehreren Häusern grün-weiße Fahnen mit dem schwarzen Wildschwein in der Mitte. Die Fahne von Schweinitz als Symbol für die Solidarität untereinander und wohl auch ein Symbol der Hoffnung, diese Krise zu bewältigen – mit Abstand, aber doch gemeinsam. "

Neeee ... Frau Lichtblau,

die grün-weiße Fahnen mit dem schwarzen Wildschwein in der Mitte hängen da nur aus Verzweiflung, damit "der Rest der Welt" mitkriegt, dass Schweinitz trotz Eingemeindung zu Jessen doch noch nicht "tot" ist.

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