Lutherstadt Wittenberg Jugendliche erklären Senioren Technik

Gerade noch haben sie aus der Nuckelflasche getrunken – jetzt lösen sie die IT-Probleme ihrer Eltern und Großeltern. Die Generation Smartphone gibt jetzt in Wittenberg auch ganz offiziell Nachhilfe in Sachen Internet. An speziellen "Online-Nachmittagen" erklären sie, was online alles möglich ist. Ein Besuch.

von Jana Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei junge Mädchen und eine ältere Frau sitzen mit Handy an einem Tisch.
Bärbel (71) hat Probleme mit ihrem Handy, der Speicher ist voll und sie kann die Bildergalerie nicht mehr öffnen. Michelle (17) versucht zu erklären, wie sie das Problem lösen kann. Bildrechte: MDR/Jana Müller

An der Wittenberger denkMal-Oase, inmitten der leuchtend-gelb gestrichenen Piesteritzer Werkssiedlung sitzt ein Mann, weit über 60, vor der Tür und raucht. Im Inneren des einstigen Sauerstoff-Zentrums duftet es noch nach Kaffee. Ich treffe acht ältere Damen vor den Resten einer Kaffeetafel, im Gespräch vertieft, mit einem Gläschen Sekt in der Hand. "Wir feiern Geburtstag", erklärt mir Evelin Kayser.

Vor gut fünf Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Manfred den Treff gegründet. Die Damen-Runde hat in zwischen ein Kartenspiel ausgepackt und vertreibt sich damit die Zeit. Daneben steht ein Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel mit extra großen Männchen und Würfeln. "Für Blinde!" scherzt der Mann, der gerade noch draußen saß und mir jetzt als Wolfgang vorgestellt wird. Er sichert sich die gelben Spielfiguren. Soweit ein ganz normaler Senioren-Nachmittag also.

Jung hilft Alt

Doch alle 14 Tage sinkt der Altersdurchschnitt nach dem Kaffeetrinken ganz erheblich. Dann stoßen bis zu sieben Jugendliche zu der Runde hinzu. So auch heute. Basti, Anna, Michelle und die anderen sind allesamt Schüler des Lucas-Cranach-Gymnasiums in Wittenberg. Sie kommen von einer Chorprobe. Die scheint wirklich Spaß gemacht zu haben, denn die Schüler schnattern fröhlich vor sich hin, während sie die denkmalOase betreten, ihre Rucksäcke in eine Ecke stellen und sich erst einmal setzen. Eine der Omas, Helga, hat extra gebacken. Apfelmuffins gibt es und Pflaumenkuchen ist auch noch da. Doch wegen des Gebäcks sind die Jungs und Mädels nicht extra in den Treff gekommen, sie wollen den Senioren ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung stellen.

"Senioren-Online-Nachmittag" Nachhilfe für Internet & Co. in Wittenberg

Ockerfarbenes Haus mit Aufschrift ''denkMal Oase''.
Die denkMal-Oase befindet in der Piesteritzer Werkssiedlung. Hier trifft Alt auf Jung und Jung auf Alt – zum Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Unternehmungen. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Ockerfarbenes Haus mit Aufschrift ''denkMal Oase''.
Die denkMal-Oase befindet in der Piesteritzer Werkssiedlung. Hier trifft Alt auf Jung und Jung auf Alt – zum Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Unternehmungen. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Menschen sitzen in geschmücktem Raum an langen Tischen.
Montags um 15 Uhr wird im Gemeinschaftsraum gemeinsam Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Danach ist Zeit, um gemeinsam Karten oder Mensch-Ärger-dich-nicht zu spielen und sich auszutauschen. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Jugendliche sitzen mit älteren Leuten am Tisch und erklären Handy und Laptop.
In der Küche des Treffs heißt es alle 14 Tage dann "Senioren-Online-Nachmittag". Sieben Jugendliche, allesamt Abiturienten des benachbarten Luca-Cranach-Gymnasiums und Mitglieder des Leo-Clubs, bringen den Senioren Handy, Tablet und Internet näher. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Zwei junge Mädchen und eine ältere Frau sitzen mit Handy an einem Tisch.
Bärbel (71) hat Probleme mit ihrem Handy, der Speicher ist voll und sie kann die Bildergalerie nicht mehr öffnen. Michelle (17) versucht zu erklären, wie sie das Problem lösen kann. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Hand hält Handy, daneben werden Notizen gemacht.
Bärbel schreibt mit, allerdings nicht zum ersten Mal, der letzte Spicker ist leider verschwunden und mit ihm die Lösung des Handyproblems. Doch Michelle und ihre Mitstreiter haben jede Menge Geduld. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Jugendlicher steht neben älterer Frau, die an Tisch mit Laptop sitzt.
Helga (71) ist ein wahrer Handarbeitsfan und möchte gern "Fingerstricken" lernen. Sie hat zwar einen Computer zu Hause, auf dem gibt es aber nur ein Kartenspiel, kein Internet. Deswegen helfen ihr die Jugendlichen in der denkMal-Oase bei der Suche nach Strick-Anleitungen im Internet. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Jugendlicher mit Handy in der Hand sitzt neben älterer Frau vor einem Tablet.
Elke (67) gehört zu den jüngeren Besuchern des Treffs, sie hatte beruflich schon mit Computern zu tun, doch das ist lange her und viel hat sie vergessen. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Jugendliche sitzen mit älteren Frauen am Tisch und erklären Handy und Tablet.
Einen Volkshochschul-Kurs hat Elke auch schon einmal besucht, doch das hat ihr keinen Spaß gemacht. Der Lehrer war ein Profi, der keine Geduld für die Laien hatte. Bei den Jugendlichen in der denkMal-Oase sei das anders schwärmt sie.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. September 2018 | 09:30 Uhr

Quelle: MDR/agz
Bildrechte: MDR/Jana Müller
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Die Idee zum "Senioren-Online-Nachmittag" kam von den Senioren selbst, erinnert sich Manfred. Über ein Jahr später ist es gelungen, die Mitglieder des frisch gegründeten LEO-Clubs, der Jugendorganisation der LIONS, davon zu überzeugen, den Senioren den Umgang mit Technik zu erklären – Stück für Stück.

Eine der Damen bekam ein Tablet von ihrer Enkelin, das konnte sie aufladen und einschalten, doch mehr ging nicht.

Manfred

Handyprobleme, die jeder kennt, unkompliziert gelöst

Mitmachen kann, wer ein Problem hat und dieses Mal ist Bärbel die erste, die sich etwas abseits der Spielerunde an den großen Küchentisch setzt und auf ihre jungen Lehrer wartet. In der Hand hat die 71-Jährige ihr Handy, das kaputte Display stört die Rentnerin nicht, wohl aber, dass sie ihre Bildergalerie nicht mehr öffnen kann. Der Gerätespeicher ist voll, das weiß auch Bärbel, aber wie sie ihn leeren kann, weiß sie nicht. Oder besser gesagt, nicht mehr! Denn das Problem hatte sie vor zwei Wochen auch schon. "Die Videos oder Apps, die ankommen, muss ich beizeiten löschen, dann geht‘s. Aber jetzt hab ich‘s wieder verpasst, der Speicher ist wieder voll und ich kann gar nichts machen". Die17-jährige Michelle hat sich ruck-zuck einen Überblick verschafft, klickt sich durchs Menü und erklärt, doch Bärbel stoppt sie.

"Mach mal nicht so schnell, du musst das idiotensicher machen!" Und während Bärbel sich die einzelnen Klicks lieber Schritt für Schritt auf einem Zettel notiert, versucht Michelle zu erklären, was das Schwierigste beim Umgang der Senioren mit Smartphone & Co. ist.

Ich denke das Problem ist, dass wir damit aufgewachsen sind. Uns umgibt das die ganze Zeit. Wir wissen, wie das funktioniert. Aber die Älteren?! Wie sollen die das denn wissen, sie haben sowas nie beigebracht bekommen.

Michelle

Verständnis und Geduld, aber auch Spaß, das ist es, was man bei den Jugendlichen in der denkMal-Oase beobachten kann. In der Küche hat sich jetzt auch die Muffins-Bäckerin Helga eingefunden. Die kann nicht nur Backen, sondern ist ein wahrer Handarbeitsfan und möchte das "Fingerstricken" lernen. Einen Computer hat sie zu Hause, doch das hilft ihr nicht weiter. "Ich habe auf meinem Computer nur ein Kartenspiel. Meine Tochter hat nämlich gedacht, beim Internet bestellt die dann immerzu und so‘n Quatsch machen wir mit der Oma gar nicht erst."

Und da kommen Basti und Anna ins Spiel. Die zeigen Helga, wie eine Suchmaschine funktioniert. Schnell sieht sich das Trio einer Flut von Anleitungen und Videos gegenüber. "Ganz toll" meint Helga, "hier kann man auch zurück spulen".

Umgang mit dem Computer fehlt

Jugendlicher mit Handy in der Hand sitzt neben älterer Frau vor einem Tablet.
Für Elke (67) ist der Umgang mit Computer & Co. nicht neu. Bildrechte: MDR/Jana Müller

Zu Michelle und Bärbel hat sich mittlerweile Elke gesellt, mit 67 Jahren eine der Jüngeren in der denkMal-Oase. Sie erzählt mir, dass sie früher auch im Job mit verschiedenen Computerprogrammen arbeiten musste, doch da sie zu Hause keinen PC hatte, blieb es bei der beruflichen Nutzung. Auch einen Computer-Kurs an der Volkshochschule hätte sie schon besucht, doch das war nix für sie. "Das war ein richtiger Computer-Spezialist. Der meinte immer nur, drück mal hier und hier und das ging alles viel zu schnell. Der Fachmann hat eben keine Geduld für den Laien. Das läuft mit unseren jungen Leuten viel besser, da wird mal zwischendurch gefragt und geduldig sind sie auch." Gut für Bärbel, die immer noch ihren Zettel schreibt und hofft, dass sie den nicht wieder verlegt, wie das letzte Exemplar.

Viele Pläne für Online-Nachhilfe

Das Zusammenspiel zwischen Jung und Alt funktioniert gut in Wittenberg. In den kommenden Wochen wollen die Schüler die Online-Nachmittage noch etwas mehr strukturieren, nicht mehr nur Zufalls-Probleme lösen, sondern eine Art Stundenplan aufstellen. Mit dem Beamer an die Wand projiziert könnten dann alle interessierten Rentner Google und Co. kennen lernen, mit WhatsApp auf dem Handy könnten sie sich gegenseitig schreiben und so miteinander lernen. Auch Tablets wollen Evelin und Manfred Kayser noch für den Treff anschaffen, die könnten die Besucher dann auch mal mit nach Hause nehmen und sich alleine ausprobieren. Ganz bestimmt kämen sie dann mit neuen Fragen zum nächsten Online-Nachmittag.

Über das Treffen in 14 Tagen macht sich auch Helga schon Gedanken. Fingerstricken, das wird sie zu Hause ausgiebig üben, einen Schal will sie sich machen und vielleicht ein Dreieckstuch für Basti, weil er so lieb geholfen hat! Der lacht, kann auf das Tuch ganz gut verzichten, der Spaß mit den fremden Omas und Opas ist Lohn genug findet er und ist auch schon gespannt, was er Helga und den anderen beim nächsten Online-Nachmittag in der denkMal-Oase in Wittenberg erklären kann.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

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Einblick in das Büro des Computerclub Erfurt, 4 ältere Teilnehmer und die Leiterin an den Tischen vor ihren Laptops sitzend
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ältere Dame frontal, in einem Cafe am Tisch sitzend, ihr Tablet bedienend 4 min
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Mi 15.02.2017 16:40Uhr 04:09 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/video-83170.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. September 2018 | 09:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2018, 14:27 Uhr

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1 Kommentar

26.09.2018 19:33 Elbeschwimmer 1

Wenn ich diesen Artikel hier so lese, dann komme ich mir vor, als ob ich ein Angehöriger einer degenerierten, ungebildeten, technikfremden Altersgruppe wäre. Meine Zeitgenossen und ich haben schon Programme (heute nennt man das App`s) geschrieben (für den R300), da war an diese "neunmalkluge" Generation nicht zu denken. Desweiteren bilde ich mir ein, daß ich in meinem Alter (fast 70) mehr mit Fähigkeiten bei der Anwendung etlicher Softwarelösungen habe als etliche Teenies und Twens. Nach meiner Wahrnehmung besteht deren "Fachkenntnis" vor allem darin: spielen, Whats App Nachrichten schreiben, Fotos auf Instagram posten und bei Twitter Nachrichten mit Rechtschreibfehlern senden. Ansonsten rate ich vor dem Trugschluß etwas als wahr anzunehmen, nur weil es im Internet stand. Man betrachte dazu nur etliche Einträge bei bestimmten Leaks. Besser ist, selber denken macht schlau ....