Urlaub zu Hause Wie Marek Staginnus vom Dauercamper zum Chef vom Campingplatz am Bergwitzsee wurde

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

MDR SACHSEN-ANHALT macht diese Woche "Urlaub zu Hause". Die Reporter Sören Thümler und Fabian Frenzel reisen einmal quer durch das Bundesland und stellen verborgene Ausflugsziele und die Menschen dahinter vor. Zum Beispiel Marek Staginnus. Ihn hat die Wende, ein hartnäckiger Vater und eine kleine versteckte Ecke am Rande des Sees zum Campingplatzchef gemacht.

Urlaub zuhause: Marek Staginnus vor dem Bergwitzsee in der Dübener Heide bei Kemberg im Landkreis Wittenberg
Marek Staginnus hat es seinem Vater zu verdanken, dass es den Campingplatz am Bergwitzsee heute noch gibt. Bildrechte: MDR Fabian Frenzel | Grafik: MDR Annalise Batista/Pixabay

"Ich bin mein ganzes Leben hier." Marek Staginnus sagt diesen Satz, als wäre er selbstverständlich. Fast nebenbei. Und irgendwie ist er es auch für den 46-Jährigen – ein Mann, sachlich, ruhig und klar in seinen Aussagen. Seit seiner Kindheit ist er an jedem feien Tag auf dem Campingplatz am Bergwitzsee gewesen. Seine Eltern waren Dauercamper. Mit seinen Freunden ging Marek Staginnus damals oft an eine zugewachsene Stelle auf einer kleinen Landzunge. Quer über einen Trampelpfad durch Schilf und Sträucher bis zum Wasser. Hier sind sie dann rumgestromert, wie Staginnus es beschreibt. Und haben dem Biber beim Bäume knabbern und den Fröschen beim Quaken zugehört.

Marek Staginnus ist vom Dauercamper zum Campingplatzchef geworden. Seit 2003 hat er im Bergwitzsee Resort bei Kemberg südlich der Lutherstadt Wittenberg das Sagen. Dieser Weg war im Prinzip vorgezeichnet. Es ging gar nicht anders. Denn sein Vater, der 1993 den Platz übernommen hatte, hat seinem Sohn das Camping-Gen mitgegeben.

Ein zugewucherter Steg an einem See
Hier hat Staginnus früher immer mit Freunden Zeit verbracht. Noch heute ist dieser Ort auf dem Platz fast unberührt. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Staginnus Senior rettet den Campingplatz nach der Wende

Anfang der 1990er stehen die Camper am Bergwitzsee plötzlich vor einer Herausforderung. Es ist die Zeit nach der Wende. Die Organisation, die den Platz betrieben hatte, existiert plötzlich nicht mehr. Was nun? Sollte es das etwa gewesen sein mit Camping am Bergwitzsee? Nein, denn Vater Staginnus springt ein. "Die Dauercamper haben sich zu einem Campingverein zusammengeschlossen und den Platz übernommen. Die Arbeit wollte aber niemand machen." Also macht sie Staginnus‘ Vater. Erst nebenbei. Dann hauptberuflich. Bald ist es ein Familienbetrieb. Die Mutter sitzt an der Rezeption und der junge Staginnus verleiht in den Ferien Boote.

"Da verwächst man dann mit dem Platz." Und doch studierte der heute 46-Jährige erst einmal BWL. "Ich war damals eher in die Richtung Banken und Börsen unterwegs." Sein Vater lässt nicht locker, fragt immer wieder nach. "Eigentlich war klar, dass ich den Platz von meinem Vater übernehme." Einen Moment, ein bestimmtes Gespräch, in dem das letztlich entschieden wurde, gab es nicht. Es passierte einfach.

Schwimmende Häuser auf einem See
Gut gebucht: die schwimmenden Häuser vom Bergwitzsee. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Und Staginnus Junior entwickelt den Platz weiter, vergrößert ihn sogar, indem er eine weitere Landzunge am Bergwitzsee erschließt. Er will ihn modern halten, will investieren. Aus seinen Worten spricht das BWL-Studium. Er lässt schwimmende Häuser bauen. Direkt auf dem See. Mit großer Terrasse samt Rundumblick aufs Wasser. Die Häuser sind ein Highlight für die Besucher und werden sehr gut gebucht. "Hier hört man die Fische aus dem Wasser springen und das Eis im Winter knacken". Wie zum Beweis springen tatsächlich ein, zwei Fische aus dem Wasser, als er eines der Häuser präsentiert.

Überhaupt ist es angenehm laut auf dem Campingplatz. Nicht nur Fische hört man planschen, auch Frösche quaken beständig und ausdauernd auf dem gesamten Gelände. Schwäne ziehen hier ihren Nachwuchs groß. Man versteht, warum Staginnus und die vielen Dauercamper schon so lange hier sind.

Eine Schwanenfamilie
Neben Fröschen und Bibern leben auch Schwäne auf dem Gelände des Campingplatzes. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Zusammen durch Corona

Etwa die Hälfte des elf Hektar großen Areals ist von Dauercampern belegt. Um die 200 sollen es sein. "Sie sind eine feste Einnahme. Ein sicheres Standbein." Das BWL-Studium wieder. Bei aller Sachlichkeit schätzt der 46-Jährige seine Langzeitkunden, war er doch selber einer von ihnen. Und sie schätzen ihn.

Ein älterer Herr und eine ältere Frau
Werner und Elke Klaffenbach schätzen die Hilfsbereitschaft am Bergwitzsee. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

"Er ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Elke Klaffenbach. Sie und ihr Mann Werner sind zwar erst seit etwa zehn Jahren auf dem Platz, aber sie wissen um die Vergangenheit ihres "Chefs". "Er hat uns von seiner schönen Kindheit hier erzählt", erinnert sich die 60-Jährige. Ihr Mann stimmt zu: "Das ist doch eine herrliche Gegend". Die Natur, die Bäume, ein riesengroßer Spielplatz für Jung und Alt. "Und wir helfen uns alle gegenseitig", betont Werner Klaffenbach mehrfach.

Auch Marek Staginnus hat diese Hilfe gerne angenommen. Jetzt in der Corona-Krise sind ihm die Dauercamper finanziell entgegengekommen. Einige hätten zwar gefragt, ob sie ihr Geld zurückbekommen könnten für die Zeit, die sie nicht auf das Gelände durften. "Aber zum Wohle des Platzes haben es dann alle akzeptiert." Und Staginnus macht sich auch relativ wenig Sorgen um die Saison. Er rechnet vor: "Wenn das Wetter nicht schlecht wird im Sommer, schaffen wir das Niveau des Vorjahres fast wieder." Wenn er das sagt, muss man das glauben. Der Mann weiß, wovon er redet. Und der Platz ist voll. Wenige Plätze sind an diesem Mittwoch frei.

Zukunftsgespräche mit Blick auf den See

Einen freien Platz gibt es aber noch. Hinter einem Trampelpfad. Hinter viel Schilf. Dort steht eine Bank. An diesem Tag ist sie leer. Niemand stromert herum, so wie früher. Doch wer weiß: Vielleicht sitzen hier bald Vater und Sohn und führen ein Gespräch über die Zukunft. Nur ist der Vater dann Marek Staginnus. Neben ihm sitzt dann vielleicht sein 13-jähriger Sohn. Solche Gespräche soll es zwischen den beiden schon gegeben haben. Der Nachwuchs kann sich jedenfalls vorstellen, irgendwann zu übernehmen. "Aber vielleicht fängt er erstmal mit einem Ferienjob an", sagt Staginnus und muss lachen. Ein Job beim Bootsverleih soll als Einstieg ja ganz gut funktionieren.

Hier liegt der Bergwitzsee bei Kemberg

Das war der dritte Teil unserer Wochenserie "Urlaub zu Hause". Am Donnerstag besuchen wir ein Weingut bei Naumburg. Dort schaffen mehrere Generationen nicht nur regionale Weine, sondern bieten auch Ferienwohnungen direkt zwischen den Reeben an. Ebenfalls ein Ort, der zum Reisen in die Region einlädt.

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über Fabian Frenzel Fabian Frenzel arbeitet seit November 2014 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Online-Redaktion. Dabei liegt sein Schwerpunkt vor allem im Bereich Social-Media. Er würde gerne mehr Texte über sein Hobby "Männerballett" schreiben, hat aber noch nicht die richtige Rubrik dafür gefunden.

Sein Journalismus-Studium hat der gebürtige Brandenburger in Berlin und Eichstätt/Ingolstadt absolviert. Die ersten journalistischen Schritte machte er bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung und RADIO ENERGY Berlin. Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist Calbe (Saale), wo ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Hätte er dort nicht für ein paar Monate Unterschlupf gefunden, wäre er heute vermutlich nicht beim MDR. Und: Er ist gern da, wo man auch Lasertag spielen kann.

Quelle: MDR/ff,ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. Juni 2020 | 08:40 Uhr

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