Oberlandesgericht Naumburg Nächster Prozess um antisemitisches Relief in Wittenberg

Seit 700 Jahren hängt an der Wittenberger Stadtkirche ein Schmähbild, das sich gegen Juden richtet – so wie an etlichen weiteren deutschen Kirchen. Ein Aktivist aus dem Rheinland will, dass es entfernt wird – und klagt sich durch die Instanzen. Seit Dienstag verhandelt das Oberlandesgericht Naumburg.

Mittelalterliches Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Ist ein 700 Jahre altes Schmähbild auch heute rechtlich noch eine Beleidigung? Diese Frage muss das Oberlandesgericht Naumburg beantworten. Bildrechte: IMAGO

Das umstrittene Sandsteinrelief unter dem Dachsims der Wittenberger Stadtkirche beschäftigt seit Dienstag das Oberlandesgericht Naumburg. Die Plastik mit antisemitischem Motiv ist mehrere hundert Jahre alt. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Berlin will, dass das Bild von der Fassade entfernt und als Beleidigung anerkannt wird, so ein Gerichtssprecher.

Ein schnelles Urteil wird nicht erwartet. Es ist noch nicht einmal klar, ob das Gericht überhaupt in der Sache entscheiden wird. Denn wie Richter Volker Buchloh erklärte, will das Oberlandesgericht die Berufungsklage zurückweisen. Schon am Dienstag stellte er fest, dass eine Beleidigungswirkung nicht mehr gegeben sei. Am 4. Februar will das Oberlandesgericht seine Entscheidung bekannt geben und auch verkünden, ob eine Revision möglich ist. Die nächste Instanz wäre der Bundesgerichtshof.

Was ist auf dem Relief zu sehen?

Das Sandsteinrelief zeigt ein Schwein, an deren Zitzen Juden trinken – sie tragen Judenhüte, gemäß der päpstlich festgelegten, diskriminierenden Kleiderordnung des Mittelalters. Hinter der Sau steht ein Rabbiner, der den Schwanz des Tieres hebt und ihm in den Anus schaut.

Welche Bedeutung hat das Relief?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Etliche dieser Schmähplastiken hängen bis heute, wirken fortan beleidigend. Schweine gelten im Judentum – wie auch im Islam – als unreine Tiere.

Was ist der Zusammenhang zu Wittenberg?

Als Lutherstadt kommt Wittenberg eine besondere Bedeutung zu. Luther predigte in der Stadtkirche, sie ist Unesco-Weltkulturerbe. Auf Luther wird auch der Schriftzug über der Plastik zurückgeführt, die 1570 mit ihrer Versetzung an die Südfassade ergänzt wurde. "Rabini Schem HaMphoras" ist ein hebräischer Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden. In späteren Schriften hetzte Luther gegen Juden. So beschrieb er die dargestellte Szene mit dem Rabbiner, der unter den Schwanz des Schweines schaut mit folgendem Ergebnis: "in den Talmud hinein, als wollt er etwas Scharfs und Sonderlichs lesen und ersehen." Talmund ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.

Wo hängt dieses Relief noch?

Solche – die Juden herabsetzenden – Spottplastiken sind seit dem Mittelalter im christlichen Europa weit verbreitet. Sie befinden sich bis heute an etlichen Kirchen. Allein in Deutschland sind es etwa 30 – unter anderem am und im Kölner Dom, am Regensburger Dom und im Erfurter Dom. In Sachsen-Anhalt ist dieses Relief Wittenberg auch in Magdeburg, Zerbst und Calbe zu finden.

Wer ist der Kläger?

Michael Düllmann ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin, wohnt in Bonn. Er sieht sich durch die Schmähskulptur beleidigt. Seit Mai 2018 beschäftigt er Gerichte mit der Frage, ob die öffentlichen antisemitischen Darstellungen aus dem Mittelalter mit heutigem Recht vereinbar sind. Düllmann, mittlerweile Rentner, tritt seit Jahrzehnten als Aktivist in Erscheinung.

Erstinstanzlich war der Kläger im Mai 2019 vor dem Landgericht Dessau-Roßlau gescheitert. Das Gericht entschied seinerzeit, dass es sich bei der Darstellung nicht um eine Beleidigung handelt. Außerdem sei es Bestandteil eines historischen Gebäudes und befinde sich nicht unkommentiert an der Stadtkirche. Das Gericht verwies auf das Mahnmal am Fuße der Kirche, womit die Skulptur in eine Gedenkkultur eingebettet sei. Daraufhin ging der Kläger in Berufung. Er kündigte schon in der Vergangenheit an, notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof zu gehen.

Ein Mahnmal vor der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) erinnert seit dem 9. November 1988 an den Beginn des Judenprogroms im Dritten Reich.
Die Gedenkplatte im Boden unterhalb des Reliefs gibt es seit 1988. Bildrechte: IMAGO

Gedenkplatte unter dem Schmähbild in Wittenberg Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung. Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Der Wittenberger Stadtrat sprach sich Mitte 2017 für einen Erhalt der Plastik aus. Er wertete die Bodenplatte als Mahnmal und ließ in Absprache mit der Gemeinde eine Stele mit Erklärtexten auf Deutsch und Englisch errichten. Darauf wird die Skulptur in ihren historischen Kontext eingebettet. Zudem finden sich Verweise auf Luthers Antisemitismus und Judenverfolgungen in Sachsen. Quelle: epd

Ein Relief – viele Meinungen

Bereits seit Jahrzehnten wird über das Relief, die historische Bedeutung und den heutigen Umgang gestritten. Spätestens seit dem Reformationsjubiläum 2017 erhält die Diskussion um die Wittenberger Skulptur neuen Aufwind. Stadtkirchen-Pfarrer Johannes Block sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die Plastik sei zwar ein furchtbares Erbe aus dem Mittelalter, aber es gehöre zur Erinnerungskultur, weshalb man es nicht so einfach abnehmen könne. Auch er verwies auf die erklärende Gedenkplatte.

Wir sind nicht Urheber, wir sind Erbe dieses Gedenkens. Damit müssen wir klug und offen umgehen.

Johannes Block, Stadtkirchenpfarrer
Eine als 'Judensau' bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur ist an der Außenwand der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) zu sehen.
Der Stadtkirchenpfarrer befürwortet einen klugen offenen Umgang mit dem historischen Erbe. Bildrechte: dpa

Friedrich Kramer, der Mitteldeutsche Landesbischof, hingegen findet das Relief unerträglich. Aus seiner Sicht wird damit Juden die Menschlichkeit abgesprochen. Er ist dafür, dass das Bild abgenommen und in ein neues, erweitertes Denkmal vor Ort integriert wird. Es gehe nicht darum, Geschichte zu tilgen, sondern richtigzustellen. Auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, plädiert dafür, die Skulptur abzunehmen – als "Beitrag zur Überwindung von Antijudaismus".

Der deutsch-jüdische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn hingegen plädierte noch im Juni 2019 im MDR-Gespräch dafür, die Schmähplastik nicht zu entfernen. Geschichte müsse in ihrer Gesamtheit begriffen und interpretiert werden. Wegwischen und Entfernen führe dazu, dass man sich nicht mit einem Thema auseinandersetze. Das sei im Grunde genommen Selbstbetrug, so Wolffsohn.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Januar 2020 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 14:17 Uhr

24 Kommentare

Monazit vor 4 Wochen

Im Grunde ist das doch ein alter Schuh, der immer mal wieder an neuen Kirchen aufgekocht wird. In Regensburg haben sich auch einige an der Judensau am Dom (meiner Meinung nach zurecht) gestört. Seit 2005 gibt es dort eine Hinweistafel, die über die antisemitische Abbildung aufklärt und die Sache war gegessen.

In Wittenberg gibt es die im Text beschriebene Bodenplatte schon seit 1988. Wenn jetzt noche eine Gedenktafel dazukommt, die direkt Bezug nimmt, wäre das doch eine gute Lösung. Mit etwas pragmatischem Denken und etwas weniger Hysterie finden sich sicher auch andere gute Möglichkeiten damit umzugehen.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass irgendein Gericht beschließt, ein 700 Jahre altes Gebäudeteil zu zerstören.

Rotti vor 4 Wochen

Ich empfehle dazu das Werk von Otto von Corvin zu lesen. "Der Pfaffenspiegel".
Ein Kirchen-kritisches Werk und wahrscheinlich das meist beklagteste Buch derart. Geschrieben 1848 (?).

der_Silvio vor 4 Wochen

Entschuldigen Sie, aber wer blickt hier rum? Ich lese hier nichts, das auf das hinweist, was Sie anderen Kommentatoren hier vorwerfen.
Hier verweilt auch niemand im Vorgestern.
Es gibt sicher gute Gründe für das Entfernen des Reliefs aber auch für den Erhalt.
Aber deswegen hat keiner die Berechtigung, die jeweils andere Seite so anzugreifen.

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