Das mittelalterliche Relief der "Judensau" ist seit Jahrhunderten an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg angebracht. Bildrechte: IMAGO

Relief an Wittenberger Stadtkirche

"Judensau"-Prozess geht in nächste Instanz

Das umstrittene Relief von der sogenannten Judensau an der Wittenberger Stadtkirche ist seit Montag Streitthema vor Gericht. Geklagt hatte ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ein Vergleich kam nicht zustande. Jetzt wurde der Fall vom Amtsgericht ans Landgericht verwiesen.

Der Prozess um das sogenannte "Judensau"-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg geht in die nächst höhere Instanz. Ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin hatte geklagt und will erreichen, dass das Schmährelief von der Stadtkirche entfernt wird. Am Montag konnte vor dem Amtsgericht in der Lutherstadt allerdings kein Vergleich erzielt werden. Der Richter erklärte das Gericht zudem für nicht zuständig. Das Amtsgericht dürfe nur Streitwerte von bis zu 5.000 Euro verhandeln. Der Streitwert im Fall der "Judensau" liege jedoch etwa doppelt so hoch. Deshalb verwies er den Fall an das Landgericht nach Dessau-Roßlau.

Zum Prozess am Montag waren etwa 50 Zuschauer gekommen, darunter viele Ordensschwestern. Die Verhandlung hatte in den größten Gerichtssaal verlegt werden müssen, damit alle Platz finden konnten. Vor dem Gerichtssaal gab es kleinere Proteste. Die Klageschrift lautete auf Beseitigung, unter anderem wegen Beleidigung (nachträglich korrigiert, Anm. d. Red.), da die rund 700 Jahre alte Skulptur an der Fassade der Kirche jüdische Mitbürger diffamiere.

"Erinnerungskultur" gegen "Diffamierung"

Das umstrittene Sandsteinrelief aus dem Jahr 1305 zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und dort Juden sieht, die an den Zitzen der Sau trinken. Angehörige der jüdischen Konfession würden durch das Spottbild "erniedrigt und diffamiert", hieß es vom Kläger Michael Düllmann. Anwalt Hubertus Benecke sagte MDR SACHSEN-ANHALT, sein Mandant wolle, dass das Relief in ein Museum gebracht wird, "wo der Judensau in angemessenerweise gedacht werden kann". Vor seiner Klage hatte sich Düllmann schriftlich an die Stadtverwaltung gewandt, sei aber mit einem Standardbrief abgespeist worden.

Das Mahnmal vor der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg Bildrechte: IMAGO

Die Beklagten (nachträglich korrigiert, Anm. d. Red.) – Stadt und Kirche – wollen das Relief nicht entfernen lassen. Das wird mit dem Verweis auf die Erinnerungskultur begründet. Wittenbergs Stadtkirchen-Pfarrer Johannes Block versteht die Bedenken gegen das Relief, will aber ebenfalls nicht von seiner Haltung abweichen. Das Spottbild sei ein furchtbares Erbe aus dem Mittelalter, gerade deshalb solle es nicht entsorgt werden. Es sei ein Stück Gedenkkultur. Auf die Folgen des Judenhasses weist eine Gedenkplatte hin. Sie wurde 1988 in den Boden an der Kirche eingelassen.

Geschichte zeigen, Geschichte nicht verbergen, sondern mit dem Negativen so umgehen, dass etwas Positives daraus wird.

Johannes Block | Pfarrer Stadtkirche Wittenberg

Block sagte MDR SACHSEN-ANHALT, auch die Stadtkirchengemeinde sei erschrocken und betroffen über dieses Erbe. Dennoch sollte seiner Ansicht nach am Originalplatz mit dem Originalstück der Geschichte gedacht werden. "Das muss man abwägen, wie man mit dieser Geschicht umgeht. Bislang sind wir davon überzeugt: Geschichte zeigen, Geschichte nicht verbergen, sondern mit dem Negativen so umgehen, dass etwas Positives daraus wird. Das heißt: Nie wieder solch eine Geschichte der Verschmähung und Verspottung."

Im Mittelalter wurden Juden auch an anderen Kirchen in Deutschland durch ähnliche Abbildungen wie die an der Wittenberger Stadtkirche verhöhnt. Die Debatte um die Wittenberger Plastik hatte 2017 – dem Jahr des 500. Reformationsjubiläums – erneut an Fahrt aufgenommen.

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Quelle: MDR/epd/lk

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Dessau | 07. Mai 2018 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2018, 14:18 Uhr

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