Abgeriegelt Quarantäne in Jessen und Schweinitz: Eindrücke von Anwohnern

In Jessen und Schweinitz im Landkreis Wittenberg haben sich Corona-Fälle gehäuft. Auch ein Pflegeheim war betroffen. Seit Donnerstagmorgen stehen die Ortsteile daher komplett unter Quarantäne. 8.000 Menschen dürfen ihr Grundstück nur noch für das Nötigste verlassen. Eindrücke aus Jessen.

Ein Polizist stoppt einen Lkw vor einer Straßensperre am Ortseingang von Jessen.
Unter Quarantäne wegen Corona-Erkrankungen: Nur mit Sondergenehmigung geht es noch nach Jessen und Schweinitz. Bildrechte: dpa

Seit Donnerstagmorgen sind zwei Stadtteile von Jessen (Elster), Jessen und Schweinitz, im Landkreis Wittenberg durch Straßensperrungen von Polizei und Feuerwehr abgeschirmt. Niemand kommt hinaus – und hinein dürfen nur noch Anwohner, die sich ausweisen können.

Jessen und Schweinitz stehen wegen vermehrt aufgetretenen Coronavirus-Erkrankungen bis 10. April unter Quarantäne. Nur so lasse sich die Ausbreitung des Coronavirus in den Ortschaften noch stoppen, heißt es vom Landratsamt in Wittenberg. Insgesamt sind bereits mehr als 40 Personen erkrankt, darunter elf Bewohner und fünf Mitarbeiter eines Altenpflegeheims. Sechs Patienten müssen im Krankenhaus in Wittenberg behandelt werden. Das Virus ist vermutlich von Skiurlaubern von Österreich nach Jessen eingeschleppt worden.

Feuerwehrmänner und Polizisten stehen an einer Straßensperre am Ortseingang von Jessen. 1 min
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Do 26.03.2020 14:14Uhr 00:52 min

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Bürgermeister: Stadt aus dem Häuschen

Für die etwa 8.000 Anwohner von Jessen und Schweinitz bedeutet die Quarantäne: Auf dem eigenen Grundstück bleiben – zwei Wochen lang. Ausnahmen gelten nur für dringende Arztbesuche und Einkäufe "auf dem kürzesten Weg", sofern man keine Erkältungssymptome hat. Das hat der Landkreis Wittenberg in einer Allgemeinverfügung angeordnet. Wie reagieren Anwohner auf die Quarantäne?

Was Anwohner noch dürfen – und was nicht

Laut Allgemeinverfügung des Landkreises Wittenberg dürfen sich Menschen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in Jessen und Schweinitz nur noch in ihrer Wohnung bzw. auf ihrem Grundstück aufhalten. Wer sich mit Lebensmitteln eindecken muss, darf das "auf kürzestem Wege" tun – allerdings nur, wenn keine Erkältungssymptome bestehen. Im Anschluss an den Einkauf verlangt der Landkreis, dass Anwohner sich wieder in Quarantäne begeben.

Weitere Regeln im Überblick:

  • Wer innerhalb der vergangenen 14 Tage in Jessen oder Schweinitz war und dort seinen Haupt- oder Nebenwohnsitz war, muss sich in häusliche Quarantäne begeben. Wer Erkältungssymptome aufweist, muss sich "unverzüglich" telefonisch beim Hausarzt oder beim kassenärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 melden.
  • Alle Menschen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz sind verpflichtet, den direkten Kontakt mit anderen Personen einzustellen. Der Kontakt mit Menschen, die im Haus leben, ist demnach auf "das absolut notwendige Minimum" zu reduzieren.

Jessens Bürgermeister Michael Jahn sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass die Stadt "aus dem Häuschen" sei. Die Quarantäne habe jeden überrascht. Am Donnerstag seien die Supermärkte gestürmt worden. Es habe also heute nicht geklappt, soziale Kontakte zu vermeiden. Er hoffe aber, dass sich nun alle Anwohner zu Hause aufhalten würden.

Anwohner zwischen Gelassenheit und Fassungslosigkeit

Ein Polizist kontrolliert einen Pkw an einer Straßensperre am Ortseingang von Jessen.
Anwohner, die sich ausweisen können, dürfen noch nach Jessen rein. Raus geht es dann vorerst nicht mehr. Bildrechte: dpa

Eine Anwohnerin sagt MDR SACHSEN-ANHALT, sie könne es kaum begreifen, was passiere. Es sei wie ein schlechter Film. Sie könne es kaum glauben, dass sie nun die nächsten 14 Tage allein verbringen solle. Ihr Lebensgefährte wohne in Magdeburg, Kontakt sei also nur per Telefon möglich. Für einen Bewohner ist es "eine schwierige Situation", denn seine Mitarbeiter dürften nun nicht mehr nach Jessen zur Arbeit kommen. Er wisse nicht, wie es weitergehen solle. "Es ist schon erschreckend", sagt ein weiterer Anwohner. "Wenn nichts anderes mehr hilft, dann muss das wohl so sein."

Eine freie Mitarbeiterin vom MDR, die eigentlich in Leipzig wohnt, hat gerade ihre Familie in Jessen besucht, als die Quarantäne ausgesprochen wurde. Zuerst davon erfahren hat sie aus dem Radio. Sie geht gelassen mit der Lage um: "Ich wollte sowieso eine Woche in Jessen bleiben. Nun wird es etwas länger." Sie hätte am Morgen Jessen zwar noch verlassen können. "Aber ich wollte nicht dazu beitragen, dass sich das Virus noch weiter ausbreitet."

"Es gibt schlimmere Orte für Quarantäne als Jessen"

Im Gegensatz zu Jessens Bürgermeister hat sie am Donnerstag keine Hamsterkäufe beobachtet. "Wir wohnen direkt neben einem Supermarkt. Dort gab es heute keinen Ansturm", sagt sie. Und erklärt: "Jessen ist sehr dörflich, viele machen ohnehin einmal die Woche einen Großeinkauf. Und fast jeder hat einen Keller mit Vorräten." Womöglich hätten viele ihre Vorräte auch schon in der vergangenen Woche aufgefüllt. Außerdem würden die Supermärkte im Ort weiterhin geöffnet bleiben.  

Auch dass nun alle in Jessen und Schweinitz das eigene Grundstück nur noch in Ausnahmefällen verlassen dürfen, ist aus ihrer Sicht machbar: "Viele haben einen eigenen Garten. Es gibt also schlimmere Orte für eine Quarantäne als Jessen." Sie selbst könne im Homeoffice arbeiten, auch wenn das schlechte Internet dabei eine Hürde werden könne. Problematisch werde es aber für diejenigen, die für ihre Arbeit Jessen eigentlich verlassen müssten.

Ohne Sondergenehmigung weder raus noch rein

Das betrifft zum Beispiel Lutz Knoch, der als selbstständiger Besamer zu Rinderhöfen hinausfährt. Am Donnerstagmorgen habe er Jessen für seinen Job noch verlassen können, berichtet er. Nun darf er nur noch wieder in den Ort hineinfahren, aber nicht wieder heraus. Arbeiten gehen könne er jetzt also erstmal nicht mehr. Trotz findet er die Sperrung angemessen, um weitere Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern.

Eine Ausnahme bei der Abriegelung von Jessen und Schweinitz gilt zum Beispiel für Lieferdienste oder Handwerker-Notdienste mit einer Sondergenehmigung. Diese dürfen die Absperrungen weiterhin passieren. Auch für einige Betriebe soll es Sonderregelungen geben.

Ausnahmen von der Quarantäne

Von der Quarantäne ausgenommen sind nach Angaben des Landkreises Mitarbeiter der medizinischen Pflege, Rettungsdienste sowie der Bayerischen Milchindustrie, MEG Jessen, Jütro Tiefkühlkost, Feintool System Parts, Jessener Personennahverkehrsgesellschaft und des Bleck- und Technologiezentrums Linda.

Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT könnte die Quarantäne möglicherweise noch auf ein größeres Gebiet ausgedehnt werden.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. März 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 12:15 Uhr

3 Kommentare

MDR-Team vor 6 Tagen

Wir zitieren eine Person, die gerade in Jessen festsitzt. Das ist nicht unsere Einschätzung sondern eine subjektive Wahrnehmung, die wir auch als solche gekennzeichnet haben.

AnjaR vor 6 Tagen

Zitat aus Ihrer Berichterstattung: "Viele haben einen eigenen Garten. Es gibt also schlimmere Orte für eine Quarantäne als Jessen." Aus Ihrer Berichterstattung könnte ich den Eindruck bekommen Jessen sei durch die Quarantäne ein Feriencamp. Das halte ich für völlig unpassend. Hier werden Menschen in ihrem Ort interniert, in dem es hohe Corona-Fallzahlen gibt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Menschen zum Einen Sorge um ihre Gesundheit haben und zum Anderen Sorge darum, wann sie ihre Freiheit zurückbekommen. Denn auch wenn es jetzt 14 Tage heißt, weiß doch keiner was dann kommt.

Kuddel vor 6 Tagen

Na wenn Sie keine anderen Sorgen haben.

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