Bühnen- und Kostümbildnerin Freya Partscht "Ich liebe es, wenn die Leute im Theater Buh rufen"

Am Theater stehen die Schauspielerinnen und Schauspieler im Mittelpunkt. Genauso wichtig sind aber die, die hinter den Kulissen arbeiten – Kostüm- oder Bühnenbildner zum Beispiel. MDR SACHSEN-ANHALT hat die junge Bühnen- und Kostümbildnerin Freya Elisabeth Partscht getroffen. Ein Gespräch über Idealismus im Job, Pöbeleien und die Liebe zum Theater.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Porträtaufnahme der Bühnen- und Kostümbildnerin Freya Elisabeth  Partscht
Freya Elisabeth Partscht arbeitet als freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin – für sie ein "Traumjob". Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Freya Elisabeth Partscht hat sich einen schattigen Platz in ihrem Lieblingscafé ausgesucht. Hier, in der Innenstadt von Wittenberg, lässt es sich trotz knallender Sonne und 36 Grad einigermaßen aushalten. "Und es gibt den leckersten Kuchen, den ich je gegessen habe", sagt die 29-Jährige und lacht. Um Kuchen soll es heute aber nicht gehen. Stattdessen um Bühnenbilder, figürliches Zeichnen, ein Maßstabslineal und ein Maßband – alles Dinge, die zu ihrem Job gehören.

Auf einem Tisch liegen ein Maßband und ein Zollstock.
Wichtige Arbeitsutensilien: Ohne Maßstabslineal und Maßband geht im Job als Bühnen- und Kostümbildnerin nichts. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Freya Elisabeth Partscht ist Bühnen- und Kostümbildnerin. "Ein Traumjob", sagt sie. Man muss sich das so vorstellen: Was auf der Bühne zu sehen ist, das wird von Menschen wie Freya Elisabeth Partscht entworfen. Die Bühnenteile, die Kulisse – der Raum, in dem ein Theaterstück spielt. Dazu: die Kostüme, die Requisiten. All das muss entworfen werden, die Kostüme müssen eine Figur charakterisieren. Und dafür braucht es vor allem eines: Vorstellungskraft. Es ist ein Job, den nur kreative Menschen machen können, keine Frage.

Freya Elisabeth Partscht ist ein kreativer Mensch.

Künstlerin werden, das war lange ihr Traum

Irgendwas Künstlerisches zu machen, das war schon zu Grundschulzeiten ihr Wunsch. "Als ich nicht mehr Tierforscherin im Dschungel werden wollte", sagt sie. Zwischendrin stand Malerei hoch im Kurs, am Ende orientierte sie sich dann doch in Richtung Theater. Sie machte den Eignungstest fürs Studium in Berlin, da hatte sie noch nicht mal die Abiturprüfungen geschrieben. Im Eignungstest musste sie Kostüme für Shakespeares Macbeth entwerfen, ebenso für Büchners Woyzeck. Sie musste einer Jury erklären, warum sie unbedingt Bühnen- und Kostümbildnerin werden wollte. Ein paar Wochen später kam der ersehnte Brief. Sie öffnete ihn. Zusage. Studentin der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Geschafft. "Völlig aus dem Häuschen."

Zu acht waren sie in ihrem Jahrgang. "Alles Frauen", sagt sie. Und das, obwohl in der Theaterlandschaft noch immer viele Männer arbeiten. Fünf Jahre lang lernten Partscht und ihre Kommilitoninnen, wie man gute Bühnenbilder und Kostüme gestaltet. Sie bauten Modelle, fotografierten, lernten etwas über Kostüm- und Kunstgeschichte. Sie wurden für den manchmal doch etwas ruppigen Umgangston am Theater vorbereitet. War nicht immer einfach, sagt Partscht rückblickend. Geholfen hat's trotzdem. "Du brauchst in dem Job ein dickes Fell, musst viel aushalten. Du wirst immer mal wieder von der Seite angepöbelt."

Dazu kommt: Wer sich für einen Job am Theater entscheidet – egal, ob auf oder hinter der Bühne – der entscheidet sich für einen Job, der gewiss nicht familienfreundlich ist. 60-, 70-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Dazu kommen Proben am Abend, die Arbeit am Wochenende. Das kann Kräfte zehren. Freya Partscht sagt trotzdem, dass sie den tollsten Job der Welt hat. "Ich mag die Leute am Theater sehr, die sind ein bisschen durchgeknallt." Als Bühnen- und Kostümbildnerin zu arbeiten, bedeutet für sie: Räume schaffen, in denen Menschen sich verlieren können. "Wenn ich ins Theater gehe, passiert bei mir viel mehr als bei einem Film. Für mich ist Theater eine Gefühlsachterbahn."

Theater kann alles machen, auch über die Stränge schlagen. Ich liebe es, wenn Theater provoziert, wenn die Leute 'Buh' rufen.

Freya Elisabeth Partscht, Bühnen- und Kostümbildnerin

Ein Teil davon zu sein, die Leute in die Gefühlsachterbahn zu schicken, sie dazu zu bewegen, den Emotionen freien Lauf zu lassen – für Freya Elisabeth Partscht ist das schlicht "toll". Sie ist nicht unbedingt die Rampensau, die Schauspielerinnen und Schauspieler wohl zwangsläufig sein müssen, um erfolgreich zu sein. Dass in den Premierenkritiken im Kulturteil meist das Schauspiel und nicht Bühnenbild, Kostüme und Requisiten gelobt werden, damit kann sie gut umgehen. "Im Studium haben sie uns gesagt: Wenn euer Name mal erwähnt wird, dann könnt ihr froh sein, wenn er richtig geschrieben ist." Damit umgehen, dass andere im Mittelpunkt stehen – so ist das in ihrem Job.

Über Freya Elisabeth Partscht Freya Elisabeth Partscht kam 1989 in Magdeburg zur Welt. Als sie vier Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter nach Wismar – ein Jahr später wieder nach Magdeburg. Als 14-Jährige zog Partscht mit ihrer Mutter nach Rostock, lebte dort drei Jahre lang. Nächste Station in ihrem Leben: Berlin. Dort machte die 29-Jährige Abitur, studierte an der Kunsthochschule Weißensee Bühnen- und Kostümbild. Anschließend arbeitete sie am Theater Magdeburg, ehe sie sich 2017 selbstständig machte. Seitdem lebt Partscht mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern in der Lutherstadt Wittenberg. In ihrer Freizeit singt sie gern, spielt Gitarre, trifft Freunde und macht Yoga.

Freya Elisabeth Partscht ist erst 29, aber sie ist in ihrem Leben schon viel herumgekommen. Sie hat in Magdeburg gelebt, in Rostock, Wismar, ein Semester in Bologna studiert und viele Jahre in Berlin verbracht – einer "wunderbaren Stadt", wie sie findet. Seit knapp zwei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Wittenberg, ähnlich lange arbeitet sie als freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin. Das ist nicht unbedingt leicht, wenn man noch am Anfang des Berufslebens steht und sich um zwei kleine Kinder kümmern muss.

Die 29-Jährige weiß es zu schätzen, dass ihr Mann verbeamtet ist und somit für eine gewisse finanzielle Sicherheit gesorgt ist. "Ich habe nicht den Druck, dass ich schnell irgendetwas machen muss, um Geld zu verdienen", weiß sie. Und doch will sie das natürlich, Geld verdienen für die Familienkasse. Aktuell klappt das nicht. "Das wird schon", sagt sie. Um freiberuflich in der Theaterbranche zu arbeiten, kann ein Stück Idealismus sicher nicht schaden.

Woher kommt diese Kreativität, diese Leidenschaft?

Nun stellt sich bei all der Kreativität und Leidenschaft fürs Theater dann doch die Frage, woher Freya Elisabeth Partscht all das nimmt. Es gibt ja Familien, die so etwas von Generation zu Generation tragen. Bei ihr ist das nicht der Fall. Partschts Eltern sind Mediziner, die Mutter arbeitet in Berlin. Und doch war sie es wohl, die der jungen Freya die Liebe zum Theater mit auf den Weg gegeben hat. Zu Studienzeiten hat die Mutter am Theater gejobbt, sie hielt Kontakt zu den Kollegen von damals. Sie und Freya gingen oft ins Theater. "Die Liebe zum Theater war schon immer irgendwie da", sagt sie.

Und dann waren da die vielen Besuche im Historischen Spielferienlager, das Anfang der 1990er Theaterpädagogen unter anderem aus Berlin und Magdeburg gegründet hatten. Freya Elisabeth Partscht war das erste Mal mit neun Jahren dabei. "Man reist in eine andere Zeit, verkleidet sich, man spielt quasi Live-Rollenspiele. Die Jahre im Ferienlager haben mich sehr geprägt." Das trifft einerseits aufs Berufliche, andererseits aber auch aufs Privatleben zu. Damals, 1999, lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Ein paar Jahre später, als Jugendliche, kamen sie zusammen. Heute sind sie verheiratet und Eltern zweier Töchter.

Freya Elisabeth Partscht hat vor ein paar Jahren mal fest am Theater Magdeburg gearbeitet, als Assistentin. Sie hat Bühnenbilder entworfen, Kostüme skizziert. Sie hat ihren Traumjob ausgelebt. Nach zwei Spielzeiten hatte sie genug davon. "Ich habe mich eingesperrt gefühlt, als ich angestellt war", sagt sie. Sie sagt, dass sie nicht gedacht hätte, dass es ihr so gehen würde. "Irgendwann", erzählt sie, "habe ich mich an den Rhythmus gewöhnt, habe bei ein paar Produktionen mitgemacht." Trotzdem: Es reichte dann auch irgendwann wieder. Sie hatte Sorge, dass sie den Absprung nicht schaffen würde. Wer am Theater arbeitet, arbeitet in einer schnelllebigen Branche.

Also: der Schritt in die Selbstständigkeit. Und die direkte Rückkehr ans Theater Magdeburg, wo sie bei der Inszenierung "A Clockwork Orange" für die Kostüme zuständig war. Sechs Schauspieler, 45 Kostüme. Anderthalb Wochen vor der Premiere ein neuer Regisseur. Viel Arbeit für die erste Produktion als freie Bühnen- und Kostümbildnerin. "Das war eine krasse Nummer, aber es hat total viel Spaß gemacht."

Bühnen- und Kostümbildnerin Freya Elisabeth Partscht sitzt in einem Café an einem Tisch und sieht sich Zeichnungen von Kostümen an.
Im Mittelpunkt des Stücks "A Clockwork Orange" steht der Künstler Alex (Zeichnung links), der seine Klamotten selbst gestaltet. Ein schriller Typ, modisch sehr versiert. Alle anderen passen sich ihm an. Freya Elisabeth Partscht hat für die Inszenierung am Theater Magdeburg damals die Kostüme entworfen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Freya Elisabeth Partscht würde gern häufiger für verschiedene Theater arbeiten. Doch das ist nicht so leicht in einer Branche, in der Engagements häufig vermittelt werden, weil da jemand jemand anderen kennt. Kontakte, das weiß auch die 29-Jährige, sind das A und O. Was sie auch weiß, ist, dass sie daran noch arbeiten muss. Kontakte aufbauen und pflegen, nur so geht es.

Modell einer kleinen Bühne für ein Theaterstück, auf dem kleine Figuren drapiert sind.
Wenn Freya Elisabeth Partscht ein Bühnenbild entwirft, dann sieht ein Modell im Maßstab 1:25 zum Beispiel so aus. Bildrechte: Freya Elisabeth Partscht

In diesen Tagen liegt ihr Fokus aber auf etwas anderem. Mit Kollegen bewirbt sie sich für den "Ring Award" – ein Wettbewerb für Regie und Bühnengestaltung, der den Nachwuchs fördern soll. Gut einen Monat haben sie noch, bis das Konzept fertig sein muss. Sie werden die Oper "Don Giovanni" inszenieren, zunächst in der Theorie. Wenn ihr Konzept die Jury überzeugt und sie in die nächste Runde kommen, wäre das für das Trio ein großer Schritt. Und wenn sie dann ins Finale kommen, lockt da ein vielversprechender Hauptpreis: eine eigene Inszenierung an der Oper in Graz. Aus der Theorie würde Praxis. Es wäre ein Traum.

Doch selbst wenn es nicht klappt: Das Trio um Freya Partscht will den Juroren zeigen, was es kann. Sie wollen das Interesse wecken und Kontakte knüpfen. Sie wollen kreativ sein und einfach durchstarten, den Traumjob ausleben. Um es mit Freya Elisabeth Partscht zu sagen: "Das wird schon."

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. Stand, seit er sechs Jahre alt war, mehr als 15 Jahre lang selbst regelmäßig auf der Theaterbühne – allerdings in der Freizeit und nicht, um Geld damit zu verdienen. Ist inzwischen im Theatervorstand und somit viel hinter den Kulissen unterwegs. Mag auch das sehr gerne.

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 11:17 Uhr

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1 Kommentar

01.07.2019 13:27 Bernd L. 1

Glückwunsch, ein Klasseartikel über eine sehr interessante Person und einen tollen Beruf!
Ein Lesegenuss.

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