Theaterprojekt Wenn in Annaburg mal wieder die Welt untergeht

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

In Annaburg wird jedes Jahr an dramatische Geschehnisse aus dem Jahr 1533 erinnert. Damals prophezeite ein Pfarrer aus der Region, dass die Welt untergeht. Mit einem Theaterprojekt wird dies heute nacherzählt.

Einige Personen stehen vor einer Skulptur und gestikulieren verschieden
Weltuntergang - oder eben doch nicht. Die erschütternden Ereignisse von vor knapp 500 Jahren werden in einem Theaterstück dargestellt. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Am 18. Oktober 1533 spielen sich in Annaburg schauerliche Szenen ab: Eine Frau gräbt ihren verstorbenen Ehemann aus, damit er beim Jüngsten Gericht dabei sein kann. Ein Bauer tötet erst seine Familie und dann sich selbst, aus Angst vor der drohenden Apokalypse. Schon seit Tagen arbeiten die Bauern nicht mehr auf den Feldern, verkaufen Hab und Gut und verprassen alles bis zum letzten Groschen. Warum auch nicht, wenn doch die Welt am Sonntag untergehen wird? Denn so hat es ihr Pfarrer prophezeit: Am Sonntag, dem 19. Oktober 1533, um 8 Uhr morgens, wird der Herr kommen, zu richten die Lebenden und die Toten!

Versteckte Hinweise in der Bibel

Einige Personen stehen vor einer Skulptur und gestikulieren verschieden.
Einige Menschen vertrauten damals Pfarrer Stifel. Passiert ist dann jedoch nichts. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Als Annaburg noch Lochau hieß, war Michael Stifel der Pfarrer der kleinen Gemeinde und ihrer umliegenden Ländereien. Er war begeistert von Ziffern und Zahlen und glaubte in den Worten der Bibel versteckte Formeln entdecken zu können. So berechnete Stifel aus der Offenbarung des Johannes, in der der Ablauf der Apokalypse beschrieben wird, das exakte Datum des bevorstehenden Weltuntergangs.

Immer wieder predigte er seinen Kirchenbesuchern vom Jüngsten Gericht. Bald schon pilgerten aus fernen Landesteilen die Gläubigen nach Lochau, um sich von Pfarrer Stifel die Beichte abnehmen zu lassen. Am 19. Oktober dann war der Marktplatz von Lochau gefüllt mit Menschen und Pfarrer Stifel hielt einen letzten Gottesdienst. Und dann geschah: nichts!

Der Annaburger Weltuntergang

Im Jahr 1533 sollte nach Pfarrer dem Annaburger Pfarrer Michael Stifel eigentlich die Welt untergehen - das tat sie dann aber nicht. Ein Theaterstück in Annaburg zeigt die verherende Geschichte.

Eine Skulptur: Ein Mann hält ein Buch und blickt nach vorne.
Der hier dargestellte Pfarrer Michael Stifel kündigte im Jahr 1533 den Weltuntergang in Annaburg an. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Skulptur: Ein Mann hält ein Buch und blickt nach vorne.
Der hier dargestellte Pfarrer Michael Stifel kündigte im Jahr 1533 den Weltuntergang in Annaburg an. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Skultptur: Zwei Personen flehen kniend zu einem Mann nach oben der sie mit einer Hand abzuweisen scheint.
Die schreckliche Botschaft des Pfarrers sorgte in der verängstigten Bevölkerung für Panik und hatte schändliche Taten zur Folge. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Einige Personen stehen vor einer Skulptur und gestikulieren verschieden.
Eine Theatergruppe in Annaburg hat sich der Geschichte von vor knapp 500 Jahren angenommen und stellt diese in einem Stück dar. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Frau in Kleidung einer Priesterin steht an einem Predigerpult in einer Kirche
Mit dabei ist übrigens auch die aktuelle Nachfolgerin von Pfarrer Stifel: Pfarrerin Viola Hendke. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Frau mit schulterlangem Haar schaut lächelnd in die Kamera
In dem Stück schlüpft sie in die Rolle der Gemahlin des Pfarrers. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Einige Personen stehen vor einer Skulptur und gestikulieren verschieden
Im nächsten Jahr soll es nach einer Corona-Pause mit den Aufführungen der Geschichte um Pfarrer Stifel weitergehen. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
Eine Skultur: Ein Mann kniet und fleht mit gefalteten Händen jemanden an.
Der Pfarrer selbst musste nach seiner Falschankündigung übrigens in Schutzhaft und hat die Stadt in Richtung Jena verlassen. Nach Annaburg kehrte er nie zurück.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 19. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/pow
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne
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Theaterverein lässt Stifel wieder auferstehen

Eine Frau mit schulterlangem Haar schaut lächelnd in die Kamera
Auch Pfarrerin Viola Hendke spielt in dem Theaterstück über ihren doch sehr eigenen Vorgänger mit. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

487 Jahre später geht Viola Hendke durch die Kirche in Annaburg, in der Pfarrer Michael Stifel einst vom Jüngsten Tag predigte. Sie ist seine Nachfolgerin im Pfarramt und erstaunt über ihren kuriosen Vorgänger: "Wenn man es richtig wahrgenommen hat, dann weiß man, dass man durchaus in Nachfolge einer großen Persönlichkeit ist, die zudem auch mit Martin Luther befreundet war und Stifel und seine Frau auch in Annaburg hier in der Kirche getraut hat."

Pfarrerin Hendke ist Mitglied im Annaburger Kultur- und Theaterverein, der die außergewöhnlichen Geschehnisse von damals auf die Bühne bringt. Die Idee zum Stück entstand im Vorjahr des Luther-Jubiläums 2017. Man wollte mit dem Schauspiel Besucher von Wittenberg nach Annaburg locken. Über eine Anzeige in der Zeitung wurden interessierte Annaburger gesucht, die in die Rollen von Stifel und Co. schlüpfen wollten.

Viele Vereine machen mit

Ein Mann und eine Frau stehen in historischen Klamotten vor einer Tür. Beide tragen eine Pike als Waffe und schauen in die Kamera
Heiko Jurascheck und Nadja Packheiser trinken in ihrer Rolle als Stadtwache gerne ein "Fake-Bier" bei den Vorstellungen. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Auch Pfarrerin Hendke las die Anzeige und war von der Idee begeistert. "Die Kirche darf nicht in ihrem eigenen Saft schmoren", dachte sich Hendke und ging zum Probecasting. Seitdem spielt sie die Gemahlin des Pfarrers Stifel. Die anderen Laien-Darsteller waren fast allesamt aus ansässigen Vereinen zusammengekommen.

So auch Heiko Jurascheck. Der dachte sich, dass sein Annaburger Schützenverein in der Theatergruppe auch vertreten sein muss: "Die Stadtwache kann ja nicht der Volleyball-Verein machen!" Seine Kameradin Nadja Packheiser hat er gleich mitgenommen. Die hatte zuerst Lampenfieber, war dann aber doch begeistert: "Wir haben die beste Rolle, in der Ecke sitzen und Bier trinken – leider kein echtes."

Dieses Jahr musste das Theaterstück coronabedingt ausfallen. Aber schon im nächsten Jahr soll Pfarrer Stifel wieder in Annaburg zu sehen sein. Der war übrigens nach seiner falschen Berechnung von der Stadtwache in Schutzhaft genommen worden, um ihn vor dem wütenden Mob zu bewahren. Er wurde danach Mathematik-Professor in Jena und in Annaburg nie mehr gesehen...

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT Heute | 19. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

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