Urteil am Landgericht Dessau-Roßlau Wittenberger "Judensau"-Relief darf bleiben

Das judenfeindliche Relief an der Wittenberger Stadtkirche darf hängen bleiben. Das entschied das Landgericht Dessau-Roßlau am Freitag und wies damit die Klage eines jüdischen Gemeindemitglieds aus Berlin ab. Zur Begründung hieß es, die Kirche habe mit dem Relief Menschen jüdischen Glaubens nicht beleidigt.

Mittelalterliche Judensau, ein Schmäh- und Spottbild an der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Der Streit um das judenfeindliche Relief an der Wittenberger Schlosskirche landete vor Gericht. Bildrechte: IMAGO

Das Landgericht Dessau-Roßlau hat die Klage zum judenfeindlichen Relief an der Wittenberger Stadtkirche abgewiesen. Richter Wolfram Pechtold erklärte, es bestehe kein Beseitigungsanspruch seitens des Klägers. Die Kirche habe Menschen jüdischen Glaubens mit dem Relief nicht beleidigt. Das bloße Vorhandensein der Plastik könne nicht als Missachtung gegenüber in Deutschland lebenden Juden verstanden werden, so Pechthold.

Das Relief sei seit mehr als 700 Jahren an dem Gotteshaus angebracht, hieß es in der Urteilsbegründung. Die beklagte Kirchengemeinde habe weder das Relief hergestellt, noch an dieser Kirche angebracht. Ferner sei das Relief Bestandteil eines historischen Gebäudes, das unter Denkmalschutz stehe. Auch seien an der Kirche ein Mahnmal und eine Gedenktafel angebracht worden. Daher liege kein Tatbestand der Beleidigung im Sinne des Strafgesetzbuches vor.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Das Landgericht ließ eine Berufung zum Oberlandesgericht in Naumburg zu.

Kläger erwägt Berufung

Geklagt hatte im Mai 2018 ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin. Michael Düllmann wollte damit erreichen, dass das Schmährelief von der Fassade der Wittenberger Stadtkirche entfernt wird. Angehörige der jüdischen Konfession würden durch das Spottbild verhöhnt und erniedrigt. Das Relief an der Wittenberger Stadtkirche zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen.

Im Vorfeld hatte der Kläger angekündigt, die nächste Instanz anzurufen und notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof zu gehen.

Stadt hält an Plastik fest

Stadtkirchengemeinde und Stadtrat in Wittenberg hatten zuvor abgelehnt, die umstrittene Plastik abnehmen zu lassen. In einer öffentlichen Erklärung heißt es, dass es sich beim Judensau-Relief um ein Zeitzeugnis handelt, das es zu bewahren gilt – zumal eine Gedenkplatte im Boden seit 1988 auf die Folgen des Judenhasses hinweist.

Der Rechtsanwalt des Klägers hält dagegen. Er halte die Aufarbeitung durch die Kirchengemeinde für "ungenügend". Sein Kläger erwarte die Entfernung des Reliefs aus dem öffentlichen Raum und die "ordentliche Aufarbeitung" in einem Museum. Hinzu komme, dass durch die Renovierung der Stadtkirche die antisemitische Skulptur gut sichtbar sei – im Gegensatz zu ähnlichen Werken an anderen Kirchen, die kaum noch erkennbar seien.        

Evangelische Kirche: Einrichtung eines Denkmals

Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg und künftiger Vorsitzender der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, plädierte bei MDR KULTUR dafür, die umstrittene Plastik in einer Gedenkkultur weiterzuentwickeln. "Ich denke, dass sich eine einmal bestehende Beleidigung nicht durch Kommentierung oder Einordnung aufhebt."

Die Frage, ob das Relief an der Fassade bleiben oder entfernt werden sollte, hält der Theologe allerdings für "Quatsch". Keiner wolle die Zerstörung der Plastik. "Es geht eigentlich eher darum, ob wir ein Bewusstsein haben, dass eine Beschimpfung eine Beschimpfung ist – auch wenn sie ganz alt ist." Kramer lobt ausdrücklich, dass die Stadtkirchengemeinde Wittenberg in den 1980ern als erste in Europa einen Kommentar zu einem "Judensau"-Relief abgegeben habe. Jetzt müsse man einen Schritt weiter gehen und an der Stelle ein Denkmal bauen.

Die Wittenberger "Judensau" und der Umgang damit

Das Sandsteinrelief wurde um das Jahr 1300 an der Südfassade der evangelischen Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Ähnliche Spottplastiken finden sich auch am oder im Kölner und Regensburger Dom sowie am Dom zu Brandenburg.

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras", ein hebräischer Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden. Die Ergänzung wird mit Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte.

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung. Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Der Wittenberger Stadtrat sprach sich Mitte 2017 für einen Erhalt der Plastik aus. Er wertete die Bodenplatte als Mahnmal und ließ in Absprache mit der Gemeinde eine Stele mit Erklärtexten auf Deutsch und Englisch errichten. Darauf wird die Skulptur in ihren historischen Kontext eingebettet. Zudem finden sich Verweise auf Luthers Antisemitismus und Judenverfolgungen in Sachsen.

Quelle: epd

Ein Mahnmal vor der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) erinnert seit dem 9. November 1988 an den Beginn des Judenprogroms im Dritten Reich.
Die Gedenkplatte im Boden unterhalb des Reliefs gibt es seit 1988 – darauf geht es um den Völkermord an den Juden im Dritten Reich. Bildrechte: IMAGO

Quelle: epd, KNA, MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24. Mai 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 16:22 Uhr

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36 Kommentare

26.05.2019 03:56 Ausgewogenheit 36

Alle tun so als ob sie ganz doll was lernen wollen aber in Wirklichkeit „lernen“ sie gar wenig und verbleiben wo sie schon seit über siebenhundert Jahren sind.

Ein verbleibendes Relief wird schließlich bald zur Motivation für Anhänger einer gewissen Religion werden sich bei den „gerechten Wittenbergern“ anzusiedeln.

Anstatt auf Herrn Düllmanns (der schon genug Kosten hat)Anreise zu Holzköpfen zu warten, warum versucht nicht ein staatlicher Sender einfach mal den Mann in Bonn aufzusuchen oder wenigstens eine Telefonreaktion zu bekommen.
So ist es jedenfalls kein ausgewogener Journalismus.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT: Wir räumen beiden Seiten gleich viel Platz ein.

25.05.2019 13:31 Querdenker 35

Das Relief ist über 700 Jahre alt. Gerade dieser öffentliche Charakter ist eine Mahnung und die Kirche muss sich dadurch mehr damit auseinandersetzen. Unangenehme und unbequeme Zeitzeugnisse sollten nicht versteckt werden. Das macht Geschichte auch erlebbar.

„Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen“ (Zitat nach George Santayana)

Es gibt kein „Beseitigungsrecht“ und kein seriöses Gericht wird anders urteilen.

25.05.2019 10:20 Peter W. 34

Vernünftig wäre es z.B., wenn die Kirchgemeinde das Schandmal von der Kirchenmauer abnimmt um es z.B. separat davor in einem Schaukasten mit viel Erläuterungen und geschichtlichen Einordnungen aufzubewahren. So wie es jetzt ist müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, sich mit Antisemitismus zu schmücken und noch heute kritiklos der diesbezüglich hasserfüllten Geisteshaltung ihres Kirchenvaters Luther zu folgen. Übrigens macht der Verweis auf die DDR keinen Sinn, da man dort z.B. auch keine große Freundschaft zu Israel pflegte.

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