Antisemitische Schmähplastik "Judensau"-Relief an Stadtkirche Wittenberg darf hängen bleiben

Eine antisemitsche Schmähplastik darf vorerst weiter an der Wittenberger Stadtkirche hängen. Das hat das Oberlandesgericht in Naumburg entscheiden. Das letzte Wort in dem Fall ist aber noch nicht gesprochen.

Das "Judensau"-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die antisemitische Schmähplastik "Judensau" muss nicht von der Wittenberger Stadtkirche entfernt werden. Das hat das Oberlandesgericht Naumburg am Dienstag entschieden und damit eine Berufungsklage gegen ein Urteil des Landgerichtes Dessau-Roßlau abgewiesen.

Gericht sieht keine Ehrverletzung

Der Kläger wollte erreichen, dass die Plastik aus dem 13. Jahrhundert entfernt wird. Zudem sollte festgestellt werden, dass das Relief den Tatbestand der Beleidigung erfüllt. Beides war schon im Mai 2019 vom Langericht Dessau abgewiesen worden. Der vorsitzende Richter Volker Buloch bekräftigte dies am Dienstag: Die Zurschaustellung der Plastik "verletzt nicht die Ehre der Juden", da sie in ein Gedenkensemble "mit anderem Sinn" eingebettet sei. Die unweit angebrachte Informationstafel erkläre "unmissverständlich", dass sich die Kirchengemeinde vom Charakter des Reliefs distanziere.

Wer das Relief betrachtet, kann das Mahnmal und die Informationstafel, die die beklagte Stadtkirchengemeinde 1988 angebracht hat, nicht übersehen.

Volker Buchloh, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Naumburg

Betrachte man die Skulptur allein für sich, habe sie einen beleidigenden Charakter, so der Richter. Das Ensemble entkräftige dies jedoch. So sei der Straftatbestand der Beleidigung nicht erfüllt. Diese Argumentation hatte Buchloh bereits zum Auftakt der Verhandlung im Januar durchblicken lassen. Eine Revision ließ das Oberlandesgericht Naumburg jedoch zu. Diese ist vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe möglich.

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Ähnliche Spottplastiken finden sich auch am oder im Kölner und Regensburger Dom sowie am Dom zu Brandenburg.

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin-Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Was zeigt das Mahnmal am Boden des Reliefs?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Klare Einordung gefordert

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, hatte zuvor im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) die Debatte begrüßt, die mittlerweile über solche Bildwerke geführt wird, und eine klare Einordnung in den historischen Kontext gefordert.

Auch der Wittenberger Stadtkirchenpfarrer Johannes Block hat vor dem Urteil erneut eine Weiterentwicklung der Mahnstätte angeregt. Die derzeitige Gedenktafel verlange dem Besucher sehr viel ab, zitiert die Katholische Nachrichten-Agentur kna Pfarrer Block aus der "Süddeutsche Zeitung". Er sei mit dem Zentralrat der Juden über eine neue Idee im Gespräch.

Der Kläger lehne sein Konzept jedoch ab. "Die ganze Situation hat eine gewisse Tragik: Da provoziert eine Klage die Kontroverse zweier Seiten, die ein gemeinsames Ziel verfolgen – den Kampf gegen den Antisemitismus", wird Block zitiert.

Der Wittenberger Stadtrat sprach sich Mitte 2017 für einen Erhalt der Plastik aus. Er wertete die Bodenplatte als Mahnmal und ließ in Absprache mit der Gemeinde eine Stele mit Erklärtexten auf Deutsch und Englisch errichten. Darauf wird die Skulptur in ihren historischen Kontext eingebettet. Zudem finden sich Verweise auf Luthers Antisemitismus und Judenverfolgungen in Sachsen.

Quelle: epd,kna,MDR/mp,olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. Februar 2020 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2020, 16:02 Uhr

23 Kommentare

huhnmade77 vor 8 Wochen

alea iacta est und danke liebe justiz, dass diese weise entscheidung getroffen wurde. es handelt sich hierbei um ein geschichtliches relikt welches seit hunderten jahren an dieser kirche aus damaliger sicht der dinge eine geschichte erzählt.

MDR-Team vor 8 Wochen

Was tut es zur Sache, ob es ein Konvertit ist oder nicht, der die Klage eingereicht hat? Was ändert diese uns nicht vorliegende Tatsachenbehauptung daran, dass, wie Sie ja ganz richtig sagen, hier „ein Mensch jüdischen Glaubens Anstoß an dem Relief nimmt“?

Fuerst Myschkin vor 8 Wochen

Ich frage mich, warum ein deutscher Konvertit gegen 600 Jahre, Geschichte klagt? Das Menschen jüdischen Glaubens Anstoß an dem Relief nehmen, kann ich angetracht der herabwürdigenden Darstellung echt verstehen. Auch würde heute niemand, nach all den Grausamkeiten der über Jahrhunderte währenden Judenverfolgungen, Progromen und dem Holocaust, auf die Idee kommen, ein derartiges Bild an einer Kirche anzubringen. Ich würde solches auch nicht zulassen. Nun hängt das Bildnis aber über ein halbes Jahrtausend am Ort und stellt ehr ein Mahn- statt Schandmal dar. Es sollte alle normal denkenden Menschen mahnen, wohin Ausgrenzung und Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen führt. Deswegen sehe ich in dem Gerichtsurteil eine Chance für uns Deutschen, zur gesamten Geschichte zu stehen und nicht die schlechten Aspekte durch Bilderstürmerei auslöschen zu wollen. Gerade Luthers Haltung, als Kirchengründer, zu Juden, sollte in dieser Hinsicht mal kritische Betrachtung finden.

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