Blick unter einen roten Doppelstockwagen
Egal, wo das Problem sitzt, in der Bahn-Werkstatt in Magdeburg-Buckau wird es angepackt. Bildrechte: MDR/André Plaul

Bahn-Werkstatt in Magdeburg-Buckau Schrauben unter Fahrplan-Druck

Etwa 150 Fahrzeuge gehören zum Fuhrpark, den die Bahn-Werkstatt in Magdeburg-Buckau betreut. Dort kommen die Züge turnusmäßig zur Wartung vorbei, aber auch, wenn etwas kaputt gegangen ist. Bei verschiedenen Zugarten ist dies nicht immer einfach: Denn moderne Züge sind komplexe Systeme. Damit diese fehlerfrei laufen, müssen die Mitarbeiter der Bahn-Werkstatt manchmal Detektivarbeit leisten. Dabei sitzt ihnen der Fahrplan im Nacken.

von André Plaul, MDR SACHSEN-ANHALT

Blick unter einen roten Doppelstockwagen
Egal, wo das Problem sitzt, in der Bahn-Werkstatt in Magdeburg-Buckau wird es angepackt. Bildrechte: MDR/André Plaul

Drei Männer liegen auf dem Boden und tuscheln. "Sowas haben wir ja noch nie gehabt", sagt einer von ihnen, richtet sich auf und wischt mit den Händen über seinen Blaumann. Schichtleiter Mathias Werny, der Name steht eingenäht über der Bauchtasche, wirkt baff. Er zeigt auf den geöffneten Schaltschrank am Ende des Doppelstockwagens. Hier, am engen Übergang zum nächsten Wagen, liegt das Problem, das die Männer so sehr beschäftigt. Auf Fußhöhe ist der Computer für die Wagenbremse eingebaut. Eine rote "89" blinkt auf. Direkt daneben, in der Schranktür, hängt eine Liste mit Fehlercodes. "89" steht für "Testausführung". Schichtleiter Werny erklärt: "Das System ist im Prüflauf hängen geblieben." Die Bremse gibt den Männern Rätsel auf.

Blick auf ein elektrisches Bauteil
Der Fehler heißt "89". Mehr wissen die Experten zunächst auch nicht. Bildrechte: MDR/André Plaul

Das Sorgenkind ist einer von 16 Doppelstockzügen, die in der Bahn-Werkstatt in Magdeburg-Buckau gewartet und repariert werden. Sie bestehen aus je drei Waggons mit je zwei solcher Bremsen. Probleme gibt es da immer wieder. Aber diesmal ist etwas anders: "Das Problem wird nirgends angezeigt", murmelt Elektriker Philipp Rösner. Er hat seinen Laptop an den Bremscomputer angeschlossen und schaut mit spezieller Software nach dem Fehler, steuert eine Einheit nach der nächsten an. Vergebens. Er schnauft und faltet den Schaltplan zusammen. An dieser Stelle kommt er nicht weiter.

Ein Bildschirm voll Fehlermeldungen

Es ist bereits Tag Nummer zwei für den Problemzug, der eigentlich wieder zwischen Halle und Magdeburg unterwegs sein sollte.

Blick in das Ende eines Waggons mit Dienstabteil
Der Fehlerteufel legt den Wagen lahm. Bildrechte: MDR/André Plaul

"Das muss in Ordnung gebracht werden. Der Zug kann nicht mit defekter Bremse raus", bemerkt der Schichtleiter, der schon viele ähnliche Fälle im Werk miterlebt hat. Aber so ein Fehler sei sehr untypisch. Sein Ehrgeiz ist verständlicherweise geweckt. "Das hat es noch nie gegeben, dass eine Störung nicht gefunden wurde. Wir suchen einfach weiter." Nächster Versuch: Ein Mann mit schwarzem Hemd betritt den Wagen. Die Blaumänner machen ihm Platz. Es ist Ingenieur Marian Szengel. Er wird dann gerufen, wenn die Kollegen mal nicht weiterkommen.

Ein Mann drückt Knöpfe am Diagnosesystem eines Zuges
Ingenieur Szengel am Bord-Diagnosesystem. Doch es hilft nicht weiter. Bildrechte: MDR/André Plaul

Szengel nimmt auf einem Klappsitz Platz, schaut in seinen Laptop, legt die Stirn in Falten. Er klickt sich durch das Diagnoseprogramm des Herstellers. "Das sollte eigentlich weiterhelfen", bemerkt er ruhig. Tut es aber nicht. Dutzende rote Felder ploppen auf. "Ereignis kann nicht gelesen werden" und "Baugruppe antwortet nicht" lauten die Fehlermeldungen auf seinem Bildschirm. Szengel wird stutzig. "Wenn das hier alles defekt ist, was er anzeigt, das kann eigentlich nicht sein."

Eine Bremse blockiert alles

Drei Meter weiter, hinter der Treppe an der Wagentür, hat Techniker Felix Jordan einen Teil der Wandverkleidung abgenommen. Hier sind weitere Steckkarten des Bremssystems versteckt. Felix, ein junger Mann mit schwarzem T-Shirt und schwarzer Rundbrille, leuchtet mit der Taschenlampe hinein. Seine detektivische Geduld scheint jedoch am Ende: "Es ist furchtbar", stöhnt er, "seit gestern sitzen wir hier. Da kann ich ja ewig probieren."

Ein Mann leuchtet mit einer Taschenlampe auf elektrische Bauteile
Mechatroniker Felix tappt noch im Dunkeln. Bildrechte: MDR/André Plaul

Der Mechatroniker repariert seit sechs Jahren in Magdeburg-Buckau Reisewagen und Lokomotiven. Eigentlich hatte er gehofft, das Problem bereits am Vortag mit der Übergabe an die Kollegen los zu sein. "Ich hab schon beim Frühstück dran gedacht: Na, ob sie das wohl gelöst haben?" Nun hat er die Sache wieder auf dem Tisch, wird sie wohl aber wieder übergeben müssen. "Das ist frustrierend", schmollt Felix, der im Eingangsbereich des Wagens kniet. Ratlosigkeit im Team.

Bahn-Werkstatt Magdeburg S-Bahn in der Waschstraße

eine rote S-Bahn steht vor einem rot eingerahmten Tor
Kurz vor der Waschhalle kommt die S-Bahn zum Stehen. Der Stromabnehmer wird eingefahren, denn in der Waschstraße gibt es keine Oberleitung. Bildrechte: MDR/André Plaul
eine rote S-Bahn steht vor einem rot eingerahmten Tor
Kurz vor der Waschhalle kommt die S-Bahn zum Stehen. Der Stromabnehmer wird eingefahren, denn in der Waschstraße gibt es keine Oberleitung. Bildrechte: MDR/André Plaul
ein Mann schaut auf einen Bildschirm mit einer schematischen Darstellung einer Zugwaschanlage
An einem Bildschirm kontrolliert ein Mitarbeiter die Position des Zuges und den Ablauf der Reinigung. Bildrechte: MDR/André Plaul
ein schwarz-gelber Schieber dockt unter der Achse einer S-Bahn an
An einem Stahlseil fährt ein gelber Schleppwagen unter den Zug und rastet mit zwei lauten Schlägen unter einer der mittleren Achsen ein. Ab jetzt wird der Zug gezogen. Bildrechte: MDR/André Plaul
Reinigungsbürsten waschen eine S-Bahn
Im halben Schrittempo geht es zuerst an einem Sprühbogen vorbei, dann an weiteren Düsen und Bürsten, damit grober Dreck auch Zeit zum Einweichen hat. Bildrechte: MDR/André Plaul
weiße Bottiche in einer Halle
Das Waschmittel wird in großen Behältern im Nebenraum gelagert. Über Mischpumpen wird das Reinigungsmittel nach Bedarf zusammengesetzt und in die Waschstraße geleitet (Leitungen im Hintergrund). Bildrechte: MDR/André Plaul
ein roter Zug fährt aus einer Halle heraus
Langsam geht es weiter, der Zug tropft ab. Das Wasser wird aufgefangen. Bildrechte: MDR/André Plaul
mehrere graue Zylinder stehen in einer Halle
Das Schmutzwasser wird aufwändig neutralisiert, damit es ins Abwassernetz eingespeist werden kann. Zum Teil wird das Wasser aus dieser Aufbereitungsanlage auch wiederverwendet. Bildrechte: MDR/André Plaul
nasse Tür einer S-Bahn
Noch feucht verlässt die S-Bahn die Waschstraße. Bildrechte: MDR/André Plaul
ein nasser Zug fährt auf rote Ampeln zu
Erst ein Stück hinter der Waschanlage beginnt wieder die Oberleitung. So weit wird der Zug noch vom Schleppwagen am Bodenseil herausgezogen. Bildrechte: MDR/André Plaul
eine rote S-Bahn auf einem Werksgelände
Der Zug trochnet draußen fertig. Die Zugwaschanlage hätte zwar, so wie eine Autowaschanlage, ein Trockengebläse. Um Energie zu sparen, kommt es aber nur im Ausnahmefall zum Einsatz.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04.09.2018 | 11:10 Uhr
Bildrechte: MDR/André Plaul
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Reinigungsbürsten waschen eine S-Bahn
Im halben Schrittempo geht es zuerst an einem Sprühbogen vorbei, dann an weiteren Düsen und Bürsten, damit grober Dreck auch Zeit zum Einweichen hat. Bildrechte: MDR/André Plaul

Der Zufall löst das Problem

"Das ist Mist", bricht Werkstattleiter Gerald Schulze das Schweigen. Für ihn bringt eine Bremse gleich mehrere Zeitpläne durcheinander. Andere Instandhaltungen verschieben sich. "Die schlimmste Konsequenz ist: Züge müssen ausfallen." Ganz aufgeben will er aber noch nicht. Werkstätten in anderen Regionen wissen vielleicht noch Rat. Möglicherweise ist das Problem auch ganz banaler Natur, vermutet der Chef: "Kabelschäden diagnostiziert das System nicht. Am Ende ist es vielleicht nur ein Kabelbruch. Irgendwo in diesem Wagen."

Erst am Tag darauf, wie der Werkstattleiter später am Telefon verrät, ist das Rätsel gelöst. Dank Kommissar Zufall. "Um nicht weiter in Verzug zu geraten, haben die Kollegen den Zug aus der Werkstatthalle gerollt", so Schulze. Mehr brauchte es gar nicht. Der Grund: Ein getauschtes Bauteil, das erst kurz eingefahren werden musste, von dem die Techniker jedoch nichts wussten. "Eine Folge von Zufällen", berichtet der Chef erleichtert, "die sich so aber nie wiederholen wird".

Quelle: MDR/ap

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Autor Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio – und die Nachrichtenseiten im Netz. Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. September 2018 | 11:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 09:00 Uhr

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