Digital leben | Folge 22 Computerspiele: Wie können sie in den Unterricht integriert werden?

Folge 22 lässt Gamer-Herzen höher schlagen: Es geht darum, wie Computerspiele Teil des Schulunterrichts werden könnten und warum sie das auch sollten. Denn: Sie können nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln. Diskutiert wurde darüber auf der Netzwerktagung in Halle. Johanna Daher hat das Panel moderiert und für den "digital leben"-Podcast aufgezeichnet.

Johanna Daher
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von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Digital leben, Digitalpodcast Logo 70 min
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#Wen haben wir getroffen?

In der 22. Podcast-Folge stehen Computerspiele im Fokus. Dabei ist eine Panel-Diskussion bei der zweitägigen Netzwerktagung der Medienanstalt Sachsen-Anhalt in Halle aufgezeichnet worden. Das Thema: "Computerspiele und digitale Spielekultur – Games als jugendkulturelles Phänomen?" Diskutiert haben diese fünf Experten:

  • Prof. Dr. Johannes Fromme, Professor für Erziehungswissenschaftliche Medienforschung an der Uni Magdeburg – Er hält den Impulsvortrag, über den alle anderen Podiumsgäste im Anschluss diskutieren.
  • Prof. Dr. Stefan Piasecki, Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW – Er hat viel zu Computerspielen und Religion geforscht.
  • Johanna Janiszewski, Gründerin des Gamestudios "Tiny Crocodile Studios" – Sie hat mit ihrem Team das ausgezeichnete Spiel "Monkey Swag" entwickelt, mit dem Kinder Mathematik lernen können.
  • Michael Gurt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF-Institut für Medienpädagogik – Er berät im Projekt "FLIMMO" unter anderem Eltern, die sich fragen, wie sie mit ihren Kindern in Bezug auf Computerspiele umgehen sollen.
  • Stefan Boronczyk, Geschäftsführer von highclickers.com – Er setzt sich mit seiner deutschen eSport-Plattform und -Liga dafür ein, dass der Breitensport gefördert und der eSport gestärkt wird.

Menschen sitzen bei Diskussionsrunde auf einer Bühne
Wie können Computerspiele Teil des Schulunterrichts werden? Darum ging es auf der Netzwerktagung in Halle. Bildrechte: MDR/Torsten Kirchhof

#Warum reden wir darüber?

Computerspiele gelten neben Medien wie Bücher und Filme als Kulturgut. Im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung nehmen sie eine besondere Rolle ein. Denn spätestens seit den 1980er Jahren sind sie kontinuierlich in die Kinderzimmer eingezogen (Fromme, ab Minute 4:43). Professor Fromme beobachtet: "Jugendliche beschäftigen sich freiwillig mit ziemlich viel Engagement und Zeit mit Computertechnologie. Das ist im Sinne der digitalisierten Gesellschaft gar nicht so doof." (ab Minute 4:51)

Allerdings – und hier sieht Fromme die Aufgabe von Lehrern und Eltern, da Kinder und Jugendliche ein besonderes Wissen benötigen: "Andererseits ist es aber aufgrund der zunehmenden Vernetzung auch kein wirklich geschützter Raum mehr. Es ist nicht etwas, dass so einfach kontrolliert, überwacht oder sonst was werden kann. Was einerseits ganz schön ist, aus einer jugendkulturellen Perspektive. Was aber andererseits das Risiko birgt, dass man in diesem Internet auf Dinge stößt, die vielleicht für das eigene Alter nicht angemessen sind oder denen ich nicht gewachsen bin. Weil ich mich noch nicht auskenne, weil ich nicht weiß, was mit meinen Daten passiert und mit anderen Dinge mehr" (ab Minute 5:32). Ein Problem also, das die gesamte Gesellschaft betrifft.

#Was hat uns überrascht?

Computerspiele können nicht nur unterhalten, sie können auch Wissen vermitteln. Johanna Janiszewski hat mit ihrem Gamestudio "Tiny Crocodile Studios" das Spiel "Monkey Swag" entwickelt. Damit können Schüler Mathematik, besonders Geometrie, lernen (ab Minute 13:56).

Professor Piasecki berichtet davon, dass sich Religion und Spiele gut miteinander kombinieren lassen. Religiöse Symbolik, Werte und Themen können darin beispielsweise vermittelt und von den Spielern unterschiedlich wahrgenommen und dementsprechend analysiert und diskutiert werden (ab Minute 16:57).

Professor Fromme weist dabei auf folgende Problematik hin: "Eltern haben so eine Art 'Erziehungsprivileg'. Das heißt, die dürfen mit Kindern Spiele spielen, die für das Alter nicht freigegeben sind. Wenn ich das als Lehrer oder Sozialpädagoge machen will, kann ich das nicht. Das ist aber blöd, weil eigentlich die Idee ja ist, ich müsste die Jugendlichen da abholen, wo sie sind. Also das ernstnehmen, was sie spielen. Ich kann nicht einfach so tun, als ob sie nicht 'Call of Duty' spielen" (ab Minute 6:43).

"Call of Duty" im Gamecheck
'Call of Duty' wird von Jugendlichen gespielt. Und auch bei solchen Spielen müssen Jugendliche laut Professor Fromme abgeholt werden. Bildrechte: Activision

Deshalb sagt Michael Gurt aus der Erfahrung mit den Elternberatungsgesprächen: "Hier, guckt darauf, was fasziniert eure Kinder an Inhalten, an Figuren, an Geschichten. Warum ist das so? Versucht, das nicht abzutun, sondern euch ein Stück weit hineinzuversetzen und in den Dialog zu kommen. Denn aus unserer Sicht ist eine gelingende Medienerziehung eher nur über so eine Dialogform in der Familie auch möglich" (ab Minute 29:19). Computerspiele können auch außerschulisch thematisiert werden, zum Beispiel in eSport-Vereinen, wie Stefan Boronczyk erklärt (ab Minute 36:07).

#Wie geht es weiter?

Lehrer müssen sich bei ihrem Unterricht an einen Lehrplan halten. Die Diskutierenden sind sich dennoch einig, dass Computerspiele fächerübergreifend genutzt werden können.

Ein Zuschauer fragt, wie die Rahmenbedingungen sein müssten, damit die narrativen und dramaturgischen Aspekte eines Spiels, wie im Deutschunterricht in Büchern, in der Schule analysiert werden können. Professor Fromme antwortet (ab Minute 39:38): "Man kann das machen in Schulen, unter verschiedenen Aspekten: Das Beispiel, das der Kollege für das Thema Religion gesagt hat, gibt es auch für Geschichte. Das interessiert die Geschichtsdidaktiker zunehmend und die Geschichtslehrer, weil sie feststellen, okay, das Bild von Geschichte ist bei einigen Schülern mehr durch 'Assassin‘s Creed' und durch irgendwelche 'ANNO'-Serien geprägt als durch unseren Unterricht. Darüber kann man sich beklagen oder man sagt: Gut, greife ich auf. Gucken wir mal. Wie ist eine bestimmte Epoche in einem Spiel dargestellt? Sowohl narrativ, als auch im Regelwerk. Und dann kann ich vergleichen mit anderen Medien."

Screenshot des Computerspiels Anno 1800
Spiele wie "Anno 1800" könnten auch im Geschichtsunterricht thematisiert werden. Bildrechte: dpa

Es ist also neben der Eltern auch eine Aufgabe der Lehrer, die digitale Wirklichkeit der Jugendlichen in ihrem Unterricht aufzugreifen. Dafür gibt es bereits ein paar Beispiele, sie können zukünftig aber noch intensiviert werden. Kooperationen von Schulen und eSport-Vereinen können dabei hilfreich sein.

Johanna Daher
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Über Johanna Daher Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren." Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

#Wo der Podcast zu hören ist:

Ein Mikrofon in Nahaufnahme. Im Vordergrund sind die Logos von MDR SACHSEN-ANHALT, der ARD Audiothek und von iTunes zu sehen.
Bildrechte: MDR/ARD/Apple

Quelle: MDR/ap

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2019, 10:55 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 2 Wochen

So haben wir das nicht berichtet. Freilich lässt sich über den Zusammenhang von Gewalt und Computerspielen differenziert diskutieren. Und genauso kann man darüber diskutieren, ob nicht Computerspiele Thema im Unterricht sein könnten. Schüler, Lehrer und Eltern könnten sich in einem professionellen Umfeld austauschen darüber, was die Kinder und Jugendlichen in den Spielen erleben und wie sich das anfühlt, statt allein in einer animierten Welt unterwegs zu sein.

Zwei Artikel zu der Thematik kannst du hier nachlesen: https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/nach-halle-anschlag-computerspiele-nicht-fuer-anschlaege-verantwortlich-100.html

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/halle/anschlag-rechtsextreme-internet-imageboards-100.html

Renaldo Renaldini vor 2 Wochen

Lieber MDR, als letztes wurde berichtet das Computerspiele radikalisieren und aus Kinder Nazis macht. Plötzlich sollen sie im Unterricht integriert werden. Ihr berichtet auch jeden Quatsch.

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