Podcast "Digital leben" Chef der Cyberagentur Halle: "Keine Forschung um der Forschung willen"

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Prof. Christoph Igel ist der Chef der Cyberagentur von Bundesinnen- und -verteidigungsministerium. Sein neuer Arbeitsplatz: Halle. Der 52-Jährige ist auch schon in die Saalestadt gezogen. In der Cyberagentur soll ein Start-Up-Geist wehen, hat er MDR SACHSEN-ANHALT erzählt.

Chef der Cyberagentur in Halle Prof. Christoph Igel 58 min
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Zackig, knackig und um keine Antwort verlegen. Prof. Christoph Igel, der Chef der Cyberagentur, ist ein geradliniger Mann. Im MDR SACHSEN-ANHALT Podcast "Digital leben" stellt er die Cyberagentur ausführlich vor. Sie ist nach einigem Hin und Her im Sommer in Halle gestartet, derzeit wird geklärt, wie ein Umzug an den Flughafen Leipzig-Halle von statten gehen könnte. Im Podcast erzählt Igel auch Persönliches: dass er gern segelt, drei Meerschweinchen und einen Hund hat. Und dass er nach seiner Karriere in einer Wissenschaftsorganisation als Reservist bei der Bundeswehr anheuerte und noch einmal eine verkürzte Grundausbildung gemacht hat – das hätte ihm auch körperlich gut getan, bescheinigte ihm seine Frau.

Das ist Prof. Dr. Christoph Igel

Igel ist 1968 geboren, hat in Saarbrücken, Geschichte, Politik, Sport und Pädagogik studiert. Seine Doktorarbeit hat er über die Bedeutung von Kognitionen beim technologiebasierten, motorischen Lernen geschrieben. An der Uni Münster hat er sich zu Potenzialen und Mehrwerten von E-Learning für die strategische Entwicklung von Hochschulen und Wissenschaftsdisziplinen in Europa habilitiert. Er hat an einer Uni in Shanghai und an der TU Chemnitz gelehrt. Zuletzt hat er den Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin geleitet. Seit er 18 Jahre als ist, ist er Reservist bei der Bundeswehr.

Derzeit sei er viel unterwegs, um die Cyberagentur bekannt zu machen und führe auch Gespräch mit anderen Ämtern und Einrichtungen in diesem Bereich. Im Podcast bezeichnet er die Agentur mehrfach als Start-Up: Weil die Agentur Innovationen in der Hochtechnologie vorantreibt und sie auch ein Wagnis ist. Auch die Zahl der Beschäftigten sei Start-up-typisch: "Allein schon wegen der Größe. Wir sind drei Mitarbeiter, vor zwei Wochen waren wir noch zu zweit."

Das (noch) kleine Start-up Cyberagentur

Igel ist Forschungsdirektor und damit für die inhaltliche Ausrichtung zuständig. Sein kaufmännischer Geschäftsführer ist Frank Michael Weber. "Er ist ein klassischer Geschäftsführer, der aus dem industriellen Wirtschaftssegment kommt und wiederholt sehr erfolgreich Gesellschaften geführt hat", sagt Igel. Er sei jeden Tag dankbar, dass er Weber habe: "Weil er mir den ganzen Kleinschmodder vom Hals hält, mit dem ich mich nicht beschäftigen will." Igel sieht sich nämlich eher als Forscher und Wissenschaftler – kein Wunder, nach mehr als zwanzig Jahren in der Wissenschaft.

"Ich habe einen skurrilen Werdegang: Als Geisteswissenschaftler habe ich ins Technologische gewechselt, zu Gehirnaktivität, Technologie und letztendlich zu KI geforscht." Zu Beginn seines Studiums hätte er sich angeschaut, wie Spitzensport technologisch unterstützt werden kann. "Dazu war ich auch einmal an der DFHK Leipzig." Zuletzt war Igel beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz angestellt. Der Bundeswehr war er als Reservist aber seit seinem 18. Lebensjahr verbunden. Aus dem Wissenschaftsbetrieb scheint er wohl ausgestiegen zu sein, weil es ihm dort zu eng wurde, ihn Drittmittelanträge und Bürokratie genervt haben und er wohl zu wenig bewegen konnte.

Das zweite Leben

"Ich bin dann in mein zweites Leben gewechselt, war noch einmal richtig im Feld zu einem Ausbildungslehrgang für Lebensältere." Mit Hindernisbahn, Biwak-Übernachtung und Schießen sei das eine Herausforderung gewesen. "Aber es war cool." Er hat sich als Soldat auf Zeit vereidigen lassen und ist ins Bundeswehrkommando Cyber- und Informationsraum nach Bonn gekommen, und war dort in der Abteilung Planung im Bereich Digitalisierung eingesetzt.

Wenn Du in Deiner Karriere nochmal etwas ganz Anderes machen möchtest, dann jetzt.

Prof. Christoph Igel

Es klingt so, als hätte Igel zielgerichtet auf den Posten bei der Cyberagentur hingearbeitet – er beteuert aber, dass dem nicht so war. In einem weiteren langen Interview sagt er: "Irgendwann dachte ich: Wenn Du in Deiner Karriere nochmal etwas ganz Anderes machen möchtest, dann jetzt." Die Chance hat er jetzt mit der "Agentur für Innovationen in der Cybersicherheit", wie die GmbH des Verteidigungs- und Innenministeriums korrekt heißt.

Der lange Weg zur Cyberagentur im Raum Leipzig-Halle

  • August 2018: Das Bundeskabinett beschließt die Gründung einer Cyberagentur, die als GmbH gemeinsam von Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium getragen werden soll.
  • September 2018: Die Leiterin des Aufbaustabs im Verteidigungsministerium sagt, die Agentur soll noch 2018 gegründet werden.
  • Januar 2019: Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer verkünden in Berlin, dass der Standort der Cyberagentur der Raum Halle/Leipzig werden soll.
  • Februar 2019: Die Leiterin des Aufbaustabs sagt MDR SACHSEN-ANHALT, um Fachkräfte anzulocken und marktgerecht zu bezahlen, sei für einen Teil der 100 Mitarbeiter eine Ausnahmeregel mit dem Finanzministerium vereinbart worden.
  • Juni 2019: Der Haushaltsausschuss des Bundestages und der Bundesrechnungshof erhalten 112 Seiten, in denen das Verteidigungsministerium Finanzrahmen, Ziele und Aufbau der Cyberagentur darlegt.
  • Juni 2019: Der Bundesrechnungshof stellt die Agentur infrage, kritisiert, dass es keine Erfolgskontrolle gibt, dass das Bundesinnenministerium sich finanziell nicht paritätisch beteiligt, fragt, wie hochqualifiziertes Personal angelockt werden soll und empfiehlt, die Cyberagentur als siebenjähriges Pilotprojekt anzulegen.
  • Juli 2019: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle verkünden Bundesinnenminister Seehofer, das Verteidigungsministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die Agentur in Halle gegründet werden und später auf den Flughafen Leipzig/Halle ziehen soll.
  • Juni 2019: Der stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Dennis Rohde (SPD), kritisiert, dass keinerlei parlamentarische Kontrolle der GmbH vorgesehen ist.
  • November 2019: Nachdem die Cyberagentur immer wieder von der Tagesordnung des Haushaltsausschusses gestrichen wurde, einigen sich Vertreter der Regierungsfraktionen auf eine Lösung.
  • 14. November 2019: Erst in der letzten Sitzung für den Haushaltsplan 2019, der sogenannten Bereinigungssitzung, kommt die Cyberagentur auf die Tagesordnung – die Gelder werden unter strengen Auflagen freigegeben.
  • Ende 2019: Der Vertrag mit einem ersten Geschäftsführer kommt nicht zustande.
  • Mai 2020: Das Bundeskabinett bestätigt Christoph Igel als Forschungsdirektor. Ein zweiter Geschäftsführer soll noch benannt werden.
  • Am 11. Juni 2020 wird der Gründungsvertrag unterschrieben.
  • Am 15. Juni 2020 nimmt die Agentur an ihrem ersten Standort im Süden Halles ihre Arbeit auf.
  • Am 11. August 2020 informieren das Bundesinnen- und das Verteidigungsministerium offiziell über den Start der Agentur.

Sie soll Forschung anstoßen, die für die zukünftige Cybersicherheit Deutschlands von Bedeutung sein kann. "Aber wir sind nicht die Deutsche Forschungsgemeinschaft Nummer zwei, die Forschung um der Forschung willen macht", sagt Igel. Es müsse immer einen Bezug zu den "Bedarfsträgern" geben: zum Beispiel Bundeswehr, BKA, ZITIS oder BSI. "Wir finanzieren und fördern Grundlagenforschung, Transferforschung und die Entwicklung von Prototypen. Wir entwickeln keine Vorprodukte oder Produkte." Und ganz klar betont Igel auch:

Wir entwickeln keine Waffen.

Aber Deutschland (cyber)sicherer zu machen, ist nicht notwendigerweise nur ein Thema für IT-Experten, sagt Igel: "Es hat ganz viel mit Verhaltensweisen zu tun, mit Denkprozessen und psychologischen Effekten. Es könne aber auch volkswirtschaftliche Fragen sein oder juristische." Wenn zum Beispiel ein Unternehmen einem Cyberangriff ausgesetzt sei, stellen sich völker- oder strafrechtliche Fragen: "Wenn wir das jemanden identifiziert haben, können wir denn eigentlich irgendwelche Repressionen vornehmen?"

Digitale Souveränität, Vertrauen und Resilienz

Die Agentur ist in den nächsten zwei Jahren mit 350 Millionen Euro ausgestattet, um Deutschlands Cybersicherheit perspektivisch zu verbessern – in der inneren und äußeren Sicherheit. Es geht darum, die IT-Systeme aber auch die Gesellschaft digital souveräner und widerstandsfähiger zu machen. Und es geht am Ende auch: um Vertrauen. "Wer einmal gehackt wurde und am nächsten Morgen sein Smartphone in die Hand nimmt, für den sieht die Frage des Vertrauens plötzlich ganz anders aus als am Tag davor", sagt Igel. Digitale Souveränität, Resilienz und Vertrauen in Technologie: Das sind hochpolitische Themen, über die das Bundesinnen- und Verteidigungsministerium noch nicht so gern öffentlich reden. Die Diskussion, ob in deutschen 5G-Netzen Technologie des chinesischen Herstellers Huawei verbaut werden soll, steckt Politikern wohl noch in den Knochen. Aber die Cyberagentur in Halle könnte jedenfalls – zusammen mit ihrer zivilen Schwester, der Agentur für Sprunginnovationen in Leipzig – in diesen Feldern viel bewegen.

Igel will die Agentur als attraktiven Arbeitgeber positionieren. 100 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen soll die Cyberagentur in Halle irgendwann haben. Der Bundestag hat der Agentur die Haushaltsmittel für zunächst drei Jahre bewilligt. Igel sagt, er will in zwei Jahren gute Forschungsfragen detektiert haben, "die uns in Deutschland perspektivisch souveräner werden lassen. Im Bereich der Prävention, Detektion, Reaktion und auch der Repression von Cybersicherheit." Eine Menge Arbeit liegt vor ihm. Er hoffe auf die Mitarbeit von Wissensträgern aus Industrie und Forschung, von Start-auch aber auch von einzelnen Menschen mit coolen Ideen. "Wenn uns das gelingt, wäre ich stolz. Für all die haben wir eine große Offenheit."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. September 2020 | 07:30 Uhr

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