Digital leben | Folge 23 Auferstanden aus Platinen – DDR-Computerfreaks

Natürlich: Es gab Computer in der DDR. Heimcomputer. Und es gab sogar Computerspieler in der DDR. Mit zwei von ihnen hat Marcel Roth gesprochen. Einer dieser Gamer hat auch programmiert. Und so absurd es heute klingt: Er hat programmiert – ganz ohne Computer.

Marcel Roth
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von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Digital leben, Digitalpodcast Logo 48 min
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#Warum reden wir darüber?

Zum ersten Mal bei "Digital leben" schauen wir zurück. 30 Jahre nach dem Mauerfall bin ich auf die sehenswerte Doku von Volker Strübing gestoßen. "Auferstanden aus Platinen" heißt sie und beschreibt vor allem, wie sich Computerspieler in der DDR im "Haus der Jugend" in Ost-Berlin getroffen und Computerspiele getauscht haben. Was schräg klingt, war offiziell gefördert: Der Computerclub war von der FDJ erlaubt, die sogar West-Computer aus dem Intershop bezahlt hat. "Die Zeit" hat im vergangenen Jahr herausgefunden, dass sich auch zwei Stasi-Männer regelmäßig im Computerclub tummelten. Sie verfassten sogar eine Liste mit den Computerspielen, die dort getauscht wurden, inklusive Übersetzung der englischsprachigen Computerspiel-Titel. Aus "Raid over Moscow" wurde so "Angriff auf Moskau" und aus "Samantha Fox Strip-Poker" wurde "Samantha Fuchs-Entkleidungspoker". Filmemacher Volker Strübing allerdings kann sich an keine Stasimänner erinnern.

#Wen haben wir getroffen?

Natürlich Volker Strübing (ab 1:50), denn er hat nicht nur den Film gemacht, sondern war selbst begeisterter Gamer bzw. "Computer-Freak" wie viele Computer-Begeisterten in der DDR genannt haben. Strübing ist in Roßlau aufgewachsen und dann nach Berlin gezogen und war dort regelmäßig Gast im Computerclub im "Haus der Jugend". Mit Freunden aus dem Club hat er nach der Wende sogar ein Computerspiel entwickelt und verkauft.

Gesprochen haben wir auch mit Mario Keller (ab 15:55) – auch er ein DDR-Computerfreak. Er ist in Halle-Neustadt aufgewachsen und hat mit einer DDR-Zeitschrift programmieren gelernt. Am Anfang sogar ganz ohne Computer: Für den Schulwettbewerb "Messe der Meister von Morgen" hat er ein Computerspiel entworfen – auf Papier. Sein allergrößter Wunsch war damals natürlich ein eigener Computer. Am erreichbarsten war der Z1013 vom VEB Robotron. Den hat Mario per Postkarte bestellt – und wartet bis heute. Erst vor ein paar Jahren hat er dann im Internet einen ersteigert und einen Artikel darüber geschrieben.

#Was hat uns überrascht?

Wie schon damals Computerspiele die Menschen begeistert haben. Und wie mächtig sich Computernutzer damals fühlten. Denn Volker und Mario haben ja bestimmt, was auf dem Fernseher läuft – ihre Computer hatten nämlich keinen Bildschirm und mussten an einen Fernseher angeschlossen werden. Und im Vergleich zu heute mussten Computernutzer ihre Geräte damals besser verstehen als heute. Mario hat es auf den Punkt gebracht: "Zum Lernen ist es einfacher, etwas Simples und Großes zu haben. An einem alten Traktor lässt sich ein Getriebe einfacher verstehen als an einem modernen Auto."

#Und sonst so?

Volker und ich legen großen Wert darauf, dass die Idee zu dem grandiosen Titel "Auferstanden aus Platinen" von Jens Schröder stammt. Er hat ein fundiertes Buch geschrieben: "Auferstanden aus Platinen. Die Kulturgeschichte der Computer- und Videospiele unter besonderer Berücksichtigung der ehemaligen DDR".

Außerdem empfiehlt Volker das Buch von René Meyer "Computer in der DDR". Und zusammen kichern wir immer noch über seine auf dem C64 entstandene Fassung der DDR-Hymne (ab 47:08).

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

#Wo der Podcast zu hören ist:

Ein Mikrofon in Nahaufnahme. Im Vordergrund sind die Logos von MDR SACHSEN-ANHALT, der ARD Audiothek und von iTunes zu sehen.
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Dezember 2019 | 15:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. November 2019, 14:10 Uhr

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