Digital leben | Folge 21 Legal Tech – wird der Anwalt digital?

In Folge 21 wird es juristisch: Das Internet ist voll mit Webseiten, die rechtliche Hilfe versprechen – und damit Geld. Egal, ob im Verkehrs-, Miet- oder Familienrecht. Wird das Anwaltsgeschäft digital? In dieser Folge von "digital leben" sprechen Marcel Roth und Stephan Schulz über Legal Tech – mit Lea Bötticher von Lawio.de und mit Guido Kutscher, dem Präsidenten der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt.

Marcel Roth
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von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

#Warum reden wir darüber?

250 Euro für einen ausgefallenen Flug – so viel steht den EU-Bürgern als Entschädigung zu. Das kann jeder Betroffene bei der Fluggesellschaft fordern – allein per Brief, mit Hilfe eines Anwaltes oder mit Hilfe von spezialisierten Internetseiten. Nur: Lohnt sich der Stress, selbst einen Brief zu schreiben? Ist der Aufwand für den Anwalt die Entschädigung wert? Kann man den Rechtsdienstleistern im Internet trauen? Und was ist mit Internetseiten, die rechtliche Hilfe bei Mietfragen anbieten? Dürfen die das? Wie funktioniert das Geschäftsmodell dieser Legal-Tech-Firmen? Bei ihnen kommen vor allem Algorithmen zum Einsatz, die die Ansprüche der Verbraucher prüfen und entscheiden, ob eine Forderung und eine Klage erfolgreich sein können. Manche Start-Ups haben sogar Algorithmen im Einsatz, die Anwaltsschreiben generieren, lesen und analysieren können. Kann Software das Rechtswesen verändern?

#Wen haben wir getroffen?

Lea Bötticher. Sie ist Geschäftsführerin von Lawio, einem Start-Up, das im Sommer von Berlin nach Magdeburg gezogen ist und gerade einen niedrigen Millionenbetrag an Investorengeld eingeworben hat. Lawio ist ein klassisches Legal Tech Unternehmen und will Mietern bei Mietmängeln helfen.

Außerdem war Guido Kutscher bei uns. Er ist Präsident der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt und Anwalt für Banken und Kapitalmarktrecht in Halle. Und Kutscher bremst die Euphorie rund um Legal Tech. Er sagt: "Vieles, was Legal Techs machen, ist ausschließlich Anwälten erlaubt."

Gesprochen haben wir auch mit Sachsen-Anhalts Justizministerin, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen, dem FDP-Bundestagsabgeordneten Roman Müller-Böhm, der es den Legal Techs rechtlich einfacher machen will, und mit Dr. Daniel Halmer von Lexfox. Sein Unternehmen erwartet Mitte Oktober ein Urteil des Bundesgerichtshofes, das das Geschäftsmodell sämtlicher Legal-Tech-Firmen infrage stellen könnte.

#Was hat uns überrascht?

Wie kompliziert die Lage ist. Oder wie kompliziert sie Menschen gemacht haben. Dabei sind viele Verbraucherrechte ziemlich klar. Nur: Viele Verbraucher setzen ihre Rechte nicht durch, weil sie den Aufwand für zu hoch halten. Damit rechnen wohl viele Unternehmen sogar, werden so nicht belangt und müssen keine Entschädigung zahlen. Legal Techs wollen das ändern und kleine Forderungen von vielen Verbrauchern durchsetzen. Ob sie das dürfen, ist allerdings umstritten, denn Legal Techs sind keine Anwaltskanzleien sondern sogenannte Rechtsdienstleister mit Inkassolizenz. Sie nehmen Erfolgshonorar und behalten zum Beispiel 30 Prozent der Entschädigung für sich. Und Legal Techs sammeln Geld von Investoren, um ihre Technologie zu entwickeln. Beides – Erfolgshonorar und Investoren – ist Anwälten verboten.

Überrascht hat uns auch, dass es im Verkehrssektor bereits eine Regel für Verbraucher gibt, die ohne Legal Techs auskommt. Streitet sich ein Verbraucher wegen Verspätungen bei Fernbussen, Zügen, ÖPNV oder Flügen, gibt es eine Schlichtungsstelle, deren Entscheidungen die Unternehmen respektieren müssen. Vorteil: Der Verbraucher streicht die komplette Entschädigung ein.

#Und sonst so?

Musiker Rainhard Fendrich lässt uns auf sein Smartphone schauen. Und: Die nächste Folge von "Digital leben" kommt aus Halle. Wir produzieren sie am 22. Oktober in der Leopoldina, auf der Netzwerktagung Medienkompetenz von der Mediananstalt Sachsen-Anhalt. Überschrift: „Lesen, Schreiben, Programmieren? – Welche Kulturtechniken sind erforderlich?“

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

#Wo der Podcast zu hören ist:

Ein Mikrofon in Nahaufnahme. Im Vordergrund sind die Logos von MDR SACHSEN-ANHALT, der ARD Audiothek und von iTunes zu sehen.
Bildrechte: MDR/ARD/Apple

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2019 | 15:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2019, 16:45 Uhr

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