Podcast "Digital leben" Makerspaces in Sachsen-Anhalt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Makerspaces in Sachsen-Anhalt sind vieles: Mitmachwerkstatt, Repair-Café oder Hackerwerkstatt. Dort können Menschen moderne Fertigungstechniken ausprobieren, Geräte reparieren und ihre Ideen verwirklichen. MDR SACHSEN-ANHALT stellt die drei größten Makerspaces des Landes vor.

Makerspaces sind für jeden und jede offene Werkstätten. Sie werden auch Mit-Mach-Werkstatt, Kreativ-Werkstatt, Repair-Café, FabLab oder Hackerspace genannt. In Makerspaces sollen Menschen mit Interesse für Technologien zusammenkommen, um an Projekten zu arbeiten und Ideen, Ausrüstung und Wissen auszutauschen.

Die Bewegung verschreibt sich der gemeinsamen und nachhaltigen Nutzung von Ressourcen. Entstanden ist der erste Makerspace 2002 als FabLab am MIT in Cambridge. Der Verbund offener Werkstätten zählt in Deutschland mehr als 350 offene Werkstätten. In Sachsen-Anhalt gibt nur wenige aktive Makerspaces. In Dessau will sich gerade die MachBar etablieren. In Magdeburg und Halle gibt es Makerspaces schon länger. Ein Überblick.

Das Eigenbaukombinat in Halle

Auf beeindruckenden 800 Quadratmetern über zwei Etagen und mit einem Garten gibt es im Eigenbaukombinat in der Nähe des Hauptbahnhofes in Halle alle Werkzeuge und Maschinen, die das Maker-Herz höher schlagen lassen: Sägen und Fräsen, Bohrmaschinen und Schweißgeräte, Sandstrahlkabine und Kompressor, Lötkolben und Nähmaschinen, VR-Brillen und Töpferscheibe, Fotolabor und Lasercutter.

Eine geschwungene Deckenleuchte,  die aus Holz gefertigt wurde.
Die Deckenleuchte haben die Macher selbst gefräst – sie hängt in der Küche im Eigenbaukombinat. Bildrechte: Eigenbaukombinat e.V.

Vor allem auf die unterschiedlich großen CNC-Fräsen ist Daniel Havlik (41) vom Vorstand des Eigenbaukombinats stolz: "Wir können damit zum Beispiel Platinen für elektronische Schaltungen fräsen, aber auch Holz und bis zu 18 Millimeter dicke Multiplexplatten." Die 800 Kilo schwere Metallfräse könne sogar Aluminium, Kupfer oder Messing bearbeiten. Auch wenn das nicht allzu digital klingt – ohne Computer kommen die Fräsen nicht aus, sagt Havlik: "Bevor man anfängt zu fräsen, braucht man ein 2D- oder 3D-Computermodell, das man der CNC-Fräse gibt." Die CNC-Fräse gehört zur Gründungsgeschichte des Eigenbaukombinat. "Einer unserer Gründer ist Informatiker und hat Zuhause auf dem Dachboden seiner Eltern eine Holzwerkstatt mit CNC-Fräse gehabt. Das wurde auf Dauer natürlich zu laut." Und so entstehen mittlerweile im Eigenbaukombinat zum Beispiel sehr schicke Lampen aus Holz.

Regal mit vielen vielen Schublädchen, in denen elektrische Widerstände liegen.
In der Elektronik-Werkstatt sind Bauteile wie elektrische Widerstände gut sortiert. Bildrechte: Eigenbaukombinat e.V.

"Es gibt auch regelmäßig unsere Technik-Notaufnahme, da bieten wir Hilfe an", sagt Havlik. Hilfe für kaputte Toaster, Laptops oder Stabmixer. "Aber gerade Stabmixer lassen sich quasi nie reparieren." Außerdem findet immer dienstags ein Hackerspace statt, mit Menschen, die sich dem Chaos Computer Club nahe fühlen und sich über "klassische" digitale Dinge austauschen. "Wir recyceln zum Beispiel einmal jährlich alte Computer und stellen sie Familien kostenlos zur Verfügung, die keinen Computer zu Hause haben." Das sei während der pandemiebedingten Schulschließungen im Frühjahr ziemlich wichtig gewesen. Außerdem betreibt das Eigenbaukombinat einen eigenen Server für Echtzeitkommunikation. Grundlage dafür ist das Open-Source-Protokoll Matrix. Die französische Regierung benutzt diese freie Technologie zum Beispiel als eine WhatsApp-Alternative für seine Behörden und Ministerien.

Ein selbst bedrucktes T-Shirt in der Siebwerkstatt des Eigenbaukombinats Halle
Ein selbstgestaltetes T-Shirt: Auch Siebdruck wird im Eigenbaukombinat in Halle gemacht. Bildrechte: Eigenbaukombinat e.V.

Das Eigenbaukombinat organisiert auch jedes Jahr die Veranstaltung "Jugend hackt" in Halle. In diesem Jahr fand sie als reine Online-Veranstaltung statt. Dabei haben zum Beispiel Schülerinnen und Schüler ein digitales Bezahl- und Wertmarkensystem für Schulfeste entwickelt und verbessert, eine Webseite programmiert, die Mülleimer und Müllentsorgungsanlagen in Deutschland anzeigt, oder ein Spiel entwickelt, bei dem man zu zweit einen Gegner besiegen muss.

Das Eigenbaukombinat ist ein Verein und wurde 2012 gegründet. Alle laufenden Kosten tragen die Mitglieder. "Es ist Konsens bei uns, dass wir nicht abhängig sein wollen, so dass uns niemand den Geldhahn zudrehen kann." Für größere Anschaffungen würde das Eigenbaukombinat aber öffentliche Fördermöglichkeiten in Anspruch nehmen.

"Und um unsere Gemeinnützigkeit nicht zu gefährden, darf bei uns nichts hergestellt werden, was jemand dann verkaufen will." Aber grundsätzlich kann jeder und jede die Werkzeuge und Maschinen zum Beispiel bei Workshops benutzen. Die derzeit etwa 170 Vereinsmitglieder können das Makerspace selbständig auch außerhalb von Veranstaltungen nutzen. Der monatliche Mitgliedsbeitrag beträgt regulär 24 Euro, Schüler zahlen acht, Azubis und Sozialhilfeempfänger 18 Euro.

Ein so genannte Makerbot, ein kleiner programierbarer Roboter, etwas größer als eine Zigarettesnchachtel.
Bei den Kinder-Kursen im Eigenbaukombinat ist der programmierbare Makerbot ein Star. Bildrechte: Eigenbaukombinat e.V.

Die Macherburg in Magdeburg

Der Makerspace ist ein Projekt des Grünstreifen e.V. – ein Verein, der nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln und Konsumieren fördern will. Die Macherburg passt also gut ins Vereinskonzept. Wenn Menschen die Produktion in die eigenen Hände nehmen und Produkte selbst fertigen oder reparieren können, sei das nachhaltig, sagt Spencer Detje von der Macherburg in Magdeburg-Buckau. "So kauft man nicht nur vorgefertigte Produkte, sondern sieht, dass man alles selbst herstellen kann, sei es eine ganze Einbauküche oder ein kleines Rädchen, um seinen Mixer zu reparieren."

Porträt von Spencer Detje, ein junger Mann in grauem Pullover vor einem Regal mit 3D-Drucker und einer Lötstation.
Spencer Detje von der Macherburg: Der Makerspace war auch ein Grund, weshalb er zum Studieren nach Magdeburg gezogen ist. Bildrechte: Macherburg/Grünstreifen e.V.

Auf fast 100 Quadratmetern gibt es in der Macherburg vier Räume. Dort kann Holz und Metall bearbeitet oder ein 3D-Drucker genutzt werden. Mehr als zwei Dutzend größere Maschinen stehen bereit. Es finden Workshops und auch Veranstaltungen für Kinder statt. Und für Spencer Detje (26) von der Macherburg ist ein Makerspace mehr, als Werkzeuge und Maschinen zur Verfügung zu stellen: "Es geht auch darum, das Wissen über das Handwerk, das Know-How und die Bedienung der Maschinen bereitzustellen und zu teilen."

Solches Wissen würde in der Macherburg auch an Kinder weitergegeben: "Wir zeigen Kindern, wie eine CNC-Fräse oder ein 3D-Drucker funktioniert. Wenn im 3D-Drucker ein kleiner Hund Schicht für Schicht entsteht, sind die Kinder begeistert." Aber nicht nur die Jüngsten sind in der Macherburg willkommen. Die Altersstruktur sei sehr gemischt: "Da ist auch der Großvater, der früher mal an einer Drehbank gearbeitet hat und der jetzt vielleicht ein kleines Projekt mit seinem Enkel realisieren will", sagt Detje. Für all jene sei die Macherburg offen.

Nahaufnahme einer CNC-Fräse, die aus einer Holzplatte das Logo der Macherburg ausfräst.
Eine CNC-Fräse stellt das Logo der Macherburg her. Bildrechte: Macherburg/Grünstreifen e.V.

Die meisten Makerspaces wirken auf den ersten Blick wie ein Tummelplatz für Männer. Das sei aber im in Wandel, sagt Detje. "Bei uns ist es recht durchmischt und es gleicht weiter an. Im Vorstand von Grünstreifen e.V. zum Beispiel sind drei Frauen und zwei Männer."

Ein selbst gebauter Spieleautomat aus Holz mit BIldschirm, roten Knöpfen und einem roten Joystick, der einem Arcade-Automaten nachempfunden ist.
Spencers selbst gebauter Spiele-Automat, der an alte Arcade-Automaten erinnert. Bildrechte: Macherburg/Grünstreifen e.V.

Die Macherburg wurde 2018 gegründet. In der Corona-Pandemie 2020 haben die Macher mit ihren 3D-Druckern dabei geholfen, mehr als 500 Gesichtsvisiere herzustellen. Außerdem sind im Makerspace Kunststoff-Formen für Schokolade entstanden, mit denen man sich bei den Corona-Helden in Kliniken und Praxen mit selbst gemachter Schokolade bedanken kann. Demnächst soll in Magdeburg-Buckau ein öffentlicher Bücherschrank entstehen.

Anders als das Eigenbaukombinat in Halle, versteht sich die Macherburg nicht notwendigerweise auch als Hackerspace, in dem es zum Beispiel vor allem um digitale Technologien, Netzpolitik und Open-Source-Software geht. Für all das gibt es in Magdeburg das Netz39.

Spencer Detje ist erst seit kurzem bei der Macherburg dabei. Er ist Student, kommt aus dem Sauerland und der Magdeburger Makerspace war ein Grund für ihn, nach Magdeburg zu ziehen. "Ich wollte in die neuen Bundesländer und hatte mir zum Beispiel auch den Makerspace in Leipzig angesehen. Aber die Menschen vom Grünstreifen e. V. haben so toll von der Magdeburg erzählt. Das hat mich bestärkt, hierher zu ziehen." Eines seiner ersten Projekte, das er in der Macherburg verwirklicht hat, ist ein kleiner Spieleautomat aus Holz. "In dem steckt der Einplatinen-Computer Raspberry Pi, auf dem ganz verschiedene Arcade-Konsolen simuliert werden."

Drei gleiche 3D-Drucker nebeneinander, daneben und auf einem Regalbrett darüber liegen Rollen mit dem Druckmaterial: roter, blauer und schwarzer Kunststoff-Filament.
3D-Drucker im FabLab der Uni Magdeburg – das verschiedenfarbige Druckmaterial (Filament) liegt griffbereit. Bildrechte: FabLab Uni Magdeburg

Wie die meisten Makerspaces ist auch die Macherburg in einem Verein mit Ehrenamtlern organisiert. Er nimmt Spenden an, die laufenden Kosten aber werden von den Mitgliedsbeiträgen bestritten. Der monatliche Mitgliedsbeitrag beträgt 25 Euro, Mitglieder sollen Gemeinschaftsarbeit leisten. Alle anderen können ein Tagesticket für 19 Euro, ein Ein-Monats oder ein Drei-Monatsticket (49 oder 119 Euro) für die Benutzung der Maschinen bekommen. In der Macherburg dürfen Geschenke, aber keine Produkte entstehen. "Es sollte natürlich nicht im Vordergrund stehen, dass sich das Produkte kommerziell verkauft oder in Groß- oder Kleinserien hergestellt wird", so Detje.

Die FabLabs der Otto-von-Guericke Universität

Das FabLab der Uni Magdeburg steht allen Universitätsangehörigen in Sachsen-Anhalt zur Verfügung. Es wird vom Technologie- und Gründerzentrum der Uni betrieben. "Insgesamt gibt es acht Maker Labs an der Uni. Inhaltlich geht es da unter anderem um Medizintechnik, E-Mobilität, Industrie 4.0., Finanztechnologie oder Elektronikfertigung", sagt Tony Winkler vom FabLab. Schon der Name zeigt, wohin es an der Uni gehen soll: Das Fabricational Laboratory ist eine Prototypen-Werkstatt.

Drei 3D-Drucker nebeneinander, zwei davon drucken auf einen runden Teller, der dritte ist Drucker ist quadratisch und druckt hinter Schutzscheiben.
Weitere 3D-Drucker im FabLab der Uni Magdeburg, mit denen Objekte in verschiedenen Dimensionen gedruckt werden können. Bildrechte: FabLab Uni Magdeburg

Es gibt u.a. Drehmaschinen, Fräsmaschinen, eine Wasserstrahlschneidanlage, 3D-Drucker Metall 3D-Drucker und eine Spritzgießmaschine. Das FabLab ist 2013 gegründet worden, hat acht Angestellte und wird vom Land Sachsen-Anhalt und der EU gefördert. In den vergangenen Jahren sind mehr als 200 Projekte in den Labs gestartet.

Solche Makerspaces seien ein gutes Konzept, sagt Winkler. "Ich denke, sie haben Einfluss auf die Gesellschaft und es fördert die Region, wenn Menschen ihre Ideen in die Tat umsetzen können." Und wenn es um Reparaturen ginge, könnten ältere Menschen mit ihren beruflichen Erfahrungen ihr Wissen teilen und anderen Menschen helfen.

Am FabLab der Uni in Magdeburg aber sollen vor allem Ideen entstehen, aus denen sich auch ein Geschäft entwickeln kann. "Wir wollen Ausgründungen aus der Uni fördern", sagt Winkler. So ist zum Beispiel die Idee von Trenux mit entstanden: ein Fahrradanhänger, der sich so klein zusammenfalten lässt, dass er auf den Gepäckträger eines Fahrrads passt. Die Macher haben sich einen Investor gesucht, eine große Kickstarter-Kampagne gemacht und eine Firma in Magdeburg gegründet. Natürlich würde nicht jede Idee am FabLab in einer Gründung münden, sagt Winkler. "Aber wenn man es nicht ausprobiert, dann weiß man halt auch nicht."

Das Rückrad eines Fahrrads, auf dessen Gepäckträger ein zusammengeklappter Fahrrad-Anhänger von Trenux befestigt ist. Ein orangefarbener Pfeil daneben, der auf den vollständig ausgeklappten und am Fahrrad befestigten zweirädrigen Anhänger zeigt.
Der Fahrradanhänger von Trenux, den man immer dabei haben kann – auch er wurde am FabLab der Uni mitentwickelt. Bildrechte: Trenux GmbH Magdeburg
Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

Mehr zum Thema

Ein selbst bedrucktes T-Shirt in der Siebwerkstatt des Eigenbaukombinats Halle mit Audio
Ein selbstgestaltetes T-Shirt: Auch Siebdruck wird im Eigenbaukombinat in Halle gemacht. Bildrechte: Eigenbaukombinat e.V.
Digital leben, Digitalpodcast Logo
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Podcast | Digitalisierung in Sachsen-Anhalt Digital leben

Digital leben

32 Audios

Audios

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Oktober 2020 | 07:30 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Sachsen-Anhalt