Podcast "Digital leben" Wie Makerspaces die Welt verbessern können

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

3D-Drucker, Fräsen und Mini-Computer: In so genannten Makerspaces kann jeder und jede moderne Technologien ausprobieren und damit eigene Ideen verwirklichen oder Geräte reparieren und umbauen. So werden Makerspaces zu einem Raum, in dem Produkte, Herstellungsverfahren und das Funktionieren des Wirtschaftens hinterfragt werden. Auch in Sachsen-Anhalt wollen Makerspaces so die Welt verbessern.

Die Idee klingt nur auf den ersten Blick etwas merkwürdig und an den Haaren herbeigezogen: Ein Toaster, der Brot nur von einem bestimmten Brotmarke toasten kann. Die Idee ist aus dem Buch "Wie man einen Toaster überlistet" von Cory Doctorow, Internet-Aktivist, Blogger und Schriftsteller.

Aber die Idee ist schon längst in der Welt: Kaffeemaschinen, die nur mit bestimmten Kapseln befüllt werden können. Computer und Smartphones, auf denen wir nur Programme nutzen dürfen, die der Computerhersteller auswählt. Stabmixer und andere Gerätschaften, die neu gekauft werden müssen, weil eine Reparatur unmöglich ist.

Wer ein bestimmtes Geräte verwenden muss, zahlt anders

Die Titelseite des Buches "Wie man einen Toaster überlistet" von Cory Doctorow: Ein Symbolbild, auf dem ein Toaster in seine Einzelteile zerlegt ist und auch Brotscheiben zu sehen sind.
Bildrechte: Heyne Verlag, München

In Doctorows Buch ist ein Toaster und auch eine Spülmaschine fest in die Sozialwohnungen in einem Hochhaus eingebaut. Weil die Menschen dort weniger Miete zahlen, versucht die Hausverwaltung auf anderem Weg an Geld zu kommen: Sie erhält Provisionen, wenn die Bewohner Brot oder Geschirr kaufen, die mit den Maschinen kompatibel sein müssen. Die Hausverwaltung benachteiligt die Sozialleistungsempfänger auch bei den Fahrstühlen: Diese transportieren erst die Menschen, die nicht in Sozialwohnungen leben.

Niemand weiß, ob sich solche Vorstellungen bewahrheiten. Aber gerade Reparaturen rücken wieder stärker ins Bewusstsein, hat Daniel Havlik beobachtet. Er ist im Vorstand des Eigenbaukombinat Halle e.V., einem Makerspace in Halles Innenstadt.

Was ist ein Makerspace? Makerspaces sind Mit-Mach-Werkstätten. Manchmal werden Sie auch Kreativ-Werkstatt, Repair-Café, FabLab oder Hackerspace genannt. So entstehen Orte, an denen Menschen mit gemeinsamen Interessen, insbesondere im Bereich Informatik oder Technologie, zusammenkommen können, um an Projekten zu arbeiten und gleichzeitig Ideen, Ausrüstung und Wissen auszutauschen. Der erste Makerspace ist 2002 als FabLab am MIT in Cambridge entstanden. In Deutschland sind Makerspaces meist als gemeinnützige Vereine organisiert und in ihren Räumen stehen zum Beispiel Kreissägen und Hobel aber auch 3D-Drucker und CNC-Fräsen.

Havlik sagt: "Der Stabmixer ist das perfekte Beispiel. Es kommt relativ häufig vor, dass jemand mit einem Stabmixer zu uns kommt und fast immer müssen wir dann sagen: keine Chance. Denn das Ding ist einfach zugeklebt und man kriegt es nicht auf, ohne es zu zerstören." Ähnliche gelte für Handys, die keinen austauschbaren Akku haben. Nach der gescheiterten Reparaturhilfe würde man den Leuten mit auf den Weg geben, beim nächsten Gerät darauf zu achten, dass es auch repariert werden könne, sagt Havlik. "Aber es gibt sehr wenige solcher Geräte. Man muss schon genau wissen, was man da kauft, um auch ein nachhaltiges Produkt zu bekommen."

Die Mission der Makerspaces

Porträt von Spencer Detje, ein junger Mann in grauem Pullover vor einem Regal mit 3D-Drucker und einer Lötstation.
Spencer Detje von der Macherburg Bildrechte: Macherburg/Grünstreifen e.V.

Auch die Macherburg, der Makerspace in Magdeburg, unterstützt die Menschen dabei, ihre Geräte zu reparieren. Und auch dabei schwingt ein größerer Gedanke mit, sagt Spencer Detje von der Macherburg: "Man gibt den Leuten die Produktion in die eigene Hand und sie kaufen nicht nur vorgefertigte Produkte. In Makerspaces kann man Produkte quasi selbst herstellen und Dinge reparieren." All das könne außerhalb vorgefertigter Normen geschehen.

Makerspaces in Sachsen-Anhalt Sie sind ein offener Raum, der für jeden und jede zugänglich sein soll, um seine oder ihre Ideen zu verwirklichen. Ziel von Makerspaces ist es auch, Wissen über die Maschinen und den Umgang damit bereitzustellen und zu teilen. Der größte Makerspace in Sachsen-Anhalt ist das Eigenbaukombinat e.V. in Halle. In Magdeburg gibt es die Macherburg des Grünstreifen e.V., den Hackerspace Netz39 e.V. und das FabLab an der Otto-von-Guericke-Uni, das allen Uni-Angehörigen Sachsen-Anhalts zur Verfügung steht.

Die Macherburg ist ein Projekt des Grünstreifen e.V.. Der Verein will die nachhaltige Stadtentwicklung vorantreiben und Informationen dazu anbieten. Und er will, dass sich die Magdeburger damit auseinanderzusetzen, wie ihre Umwelt gestaltet ist und wie sie im Stadtgeschehen mitwirken können.

Sich austauschen, Dinge ausprobieren und herstellen – dafür brauche es Orte wie die Makerspaces, sagt Havlik. "In nahezu jeder größeren Stadt gibt es eine solche Einrichtung. Im ländliche Raum fehlen sie oft noch." In Dresden zum Beispiel gibt es einen Makerspace in der Landesbibliothek. Aber Havlik glaubt nicht, dass Bibliotheken das Problem lösen können, auch von ihnen gäbe es im ländlichen Raum ja nicht viele.

Makerspaces, Open Source und Open Data

Weil Makerspaces die Menschen befähigen wollen, Technologien eigenständig zu benutzen, geht es dort nicht nur um Geräte und Maschinen. Auch über Software und Daten wird in Makerspaces nachgedacht, weil auch sie ein untrennbarer Teil der modernen Technologien und Infrastruktur sind. In Makerspaces wird deshalb vor allem Open-Source-Software benutzt.

Und Makerspaces wollen auch, dass öffentlich verfügbare Daten auch allen zur Verfügung stehen. Das ist eine klare politische Agenda, der sich Daniel Havlik vom Eigenbaukombinat in Halle verschrieben hat. Das Eigenbaukombinat versteht sich deshalb auch als Hackerspace, auch wenn im Begriff "Hacker" mittlerweile nur noch wenig von der ursprünglichen Bedeutung als Tüftler übrig ist. Aus Informationen zum Beispiel über Straßenbahnen ließen sich weitere Anwendung programmieren. Vielfach seien diese Informationen aber nicht öffentlich zugänglich, sondern müssten umständlich erhoben werden. "Wenn öffentliche Daten öffentlich werden, dann würde das auch dafür sorgen, dass eben viel mehr damit gemacht werden kann."

Machen, weil man es kann

Überhaupt das Machen: Darum geht es in Makerspaces. Auch wenn es vielleicht keinen nützlichen Zweck hat. Damit schließt sich die Makerspace-Szene einem Hacker-Grundsatz an, den zum Beispiel das Gründungsmitglied des Chaos Computer Clubs, Wau Holland, geprägt hat: Hacker sind Menschen, die versuchen, aus einer Kaffeemaschine einen Toaster zu machen.

Den Toaster in Doctorows Buch zu hacken, so dass er jedes Brot toastet: Dabei würde wohl auch Daniel Havlik vom Eigenbaukombinat in Halle helfen. Er sagt: "Was Menschen bei uns privat machen, liegt in deren Verantwortung." Als Verein hätte das Eigenbaukombinat eher Sorge, wenn dort entstandene Produkte verkauft würden. Dann gäbe es womöglich Stress mit dem Finanzamt, das die Gemeinnützigkeit des Vereins anzweifeln würde. Vom Hersteller des Toasters oder der Hausverwaltung aber würde er nichts befürchten. "Wenn jemand irgendwelche Urheberrechte verletzen sollte und das nicht im Namen des Vereins macht und es niemand mitbekommt: Dann ist es halt so", sagt Havlik. Die Funktion eines solchen eingeschränkt nutzbaren Toasters zu öffnen, ist ein klassischer Hack. Vielleicht sogar ein Life-Hack. Ob ein Unternehmen dagegen vorgehen würde, weiß niemand.

Ärgern Makerspaces Unternehmen?

Havlik schmunzelt derzeit aber über sein Vorgehen in die entgegengesetzte Richtung: Weil in der Software eines Mischpults das Betriebssystem Android läuft, hat er einen Beschwerdebrief an den Hersteller geschickt. "In Android wird Open-Source-Software verwendet und dafür muss die so genannte GPL-Lizenz beiliegen. Das war dort nicht der Fall und wir haben per E-Mail um die Herausgabe des Quelltexts gebeten."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Oktober 2020 | 07:30 Uhr

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