Digital leben | Folge 25 "Frauen wird zu wenig zugetraut"

Die IT-Branche hat ein Problem: Dort arbeiten zu wenig Frauen. Sähe die Digitalisierung vielleicht anders aus, wenn das Geschlechterverhältnis umgekehrt wäre? Darüber spekuliert unsere neue Podcast-Folge "Digital Leben". Mit dabei: Professorin Julia Arlinghaus vom Fraunhofer IFF in Magdeburg, die dort an der Industrie der Zukunft baut.

Marcel Roth
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von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Digital leben, Digitalpodcast Logo 60 min
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Frauen und IT. Bei dem Thema ist Professorin Julia Arlinghaus hin- und hergerissen: Einerseits will sie als Expertin auf ihrem Fachgebiet anerkannt werden und deshalb nicht über Frauen-Themen sprechen – andererseits findet sie, dass es mehr weibliche Rollenbilder geben muss. Sie ist in ihrem Bereich auf jeden Fall eines: Seit Oktober ist sie Chefin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Magdeburg. Außerdem leitet sie den Lehrstuhl Produktionssysteme und -automatisierung an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.

Julia Arlinghaus ist 36 Jahre alt, in Verden in Niedersachsen geboren und hat eine beeindruckende wissenschaftliche und berufliche Karriere hinter sich. Sie hat in Bremen Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Ihre Diplomarbeit hat sie in vier Monaten an der Tokyo University geschrieben – über den Bienenalgorithmus in einer Fabrik. "Ich habe eine Computersimulation entwickelt, bei der eine Schwarm-Intelligenz die Produktion in einer Fabrik steuert." Was nach Science-Fiction klingt, hat einen handfesten Hintergrund.

Schwarm-Intelligenz

Das Phänomen der kollektiven Intelligenz haben sich Wissenschaftler von der Natur abgeschaut. Ameisen, Bienen oder Hummeln, die einzeln kaum als intelligent bezeichnet werden können, fällen intelligente Entscheidungen, indem sie zusammenarbeiten. Wie genau sie das tun, wird noch erforscht. Aber Informatiker der Uni Magdeburg machen sich das Prinzip zunutze, um zum Beispiel mit einfachen Minidrohnen und einfachen Regeln ein komplexes und intelligentes Verhalten zu erreichen.

Sinnvolle Steuerung von Waren- und Patientenströmen

Wenn ein Produkt in einer Fabrik hergestellt wird und von einer Station zur nächsten unterwegs ist, dann wissen die Produkte zusammen viel mehr als eine zentrale Instanz. "So kann ein Werkstück, ein Paket oder ein Auto signalisieren, auf welchem Weg durch die Fabrik es am schnellsten fertig gestellt wird." Diese Idee – die Produktion in einer Fabrik zu verbessern, Abläufe effizienter zu machen – begeistert Arlinghaus.

Nach ihrer Zeit in Japan arbeitet sie bei einem Logistik-Branchenverband und schreibt 2011 ihre Doktorarbeit in St. Gallen. Auch dabei geht es darum, Dinge besser von einem Ort zum nächsten zu transportieren: "Ich habe erforscht, inwieweit Supermärkte und Kaufhäuser durch eine Kombination von LKW und Bahn beliefert werden können, um so CO2 zu sparen und die Verfügbarkeit der Waren zu erhöhen." Ihre Computersimulation konnte zeigen, wie sich die Lieferdauer ändert und wie viel CO2 durch den Bahntransport gespart wird.

Auch Patienten der Notaufnahme in einem Schweizer Krankenhaus hat sie durch die Logistiker-Brille betrachtet. "So können Patientenströme sinnvoll gesteuert und Wartezeiten in der Notaufnahme verkürzt werden. Der Vorteil ist, dass echte Notfälle noch schneller behandelt werden können."

Prof. Dr. Julia Arlinghaus, Chefin Fraunhofer IFF Magdeburg
Julia Arlinghaus ist Professorin an der Universität Magdeburg. Zudem leitet sie das Fraunhofer Institut in der Stadt. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Managerin für Industrie 4.0

Für Porsche hat Arlinghaus sich Gedanken darüber gemacht, wie sich Abläufe und Prozesse schlanker gestalten lassen. "In einer Firma hat das ja erst mal gar nichts mit Digitalisierung zu tun. Denn nur einen guten und effizienten Prozess sollte man digitalisieren." Man müsse zunächst logische Prozesse erkennen. Erst dann könne man sie mit Hilfe digitaler Technologien sinnvoller und intelligenter gestalten. Nach ihrer Zeit bei Porsche wird Arlinghaus erst Professorin an der Jacobs University in Bremen, dann an der renommierten RWTH Aachen. Dort hat sie den deutschlandweit ersten Lehrstuhl inne, der ausschließlich zum Management von Industrie 4.0 forscht.

Und auch in Magdeburg bleibt Julia Arlinghaus ihrem Fachgebiet treu: der industriellen Produktion und der Frage, wie sich industrielle Güter möglichst effizient und flexibel fertigen lassen. Und auch, wie sie Industriefirmen vor Ort helfen kann. Im Podcast "Digital leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT sagt sie: "Unsere Ohren sind offen, jeder Betrieb kann uns fragen und wir bieten Hilfe an – von da, wo das Unternehmen steht bis hin zu Industrie 4.0" Im Moment ginge es den Unternehmen nicht so gut. "Wir spüren Globalisierung in jeder Phase. Unternehmen wandern mit ihrer Produktion ab. Und bei uns wird es schwieriger, mit hohen Lohn- und Energiekosten zu produzieren". Um Innovationsführer zu bleiben, müsse die Digitalisierung geschickt eingesetzt werden.

Dabei kann auch ein Werkzeug helfen, das Arlinghaus noch in Bremen mit Geldern der Funk-Stiftung entwickelt hat: Ein Online-Check für Firmen, die wissen wollen, wo die Risiken in ihre Lieferkette liegen. "Das Tool ist kostenlos und kann schnell bewerten, wo Risiken in der Lieferkette sind und wo ein Unternehmen etwas ändern sollte." Arlinghaus will Unternehmen dabei helfen, langfristig am Wertschöpfungsprozess in Deutschland teilzunehmen. Gerade auch in Sachsen-Anhalt, einer Region, die derzeit darunter leidet, dass der Windkraftanlagenbauer Enercon große Teile seiner Produktion schließt.

Dass sie neben ihrem Job als Fraunhofer-Chefin in Magdeburg – wo sie für immerhin mehr als 200 Angestellte verantwortlich ist – auch noch einen Lehrstuhl an der Uni hat, findet sie hervorragend. "Das ist eine total clevere Konzeption: An der Uni machen wir Grundlagenforschung für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Und am Institut arbeiten wir an der Umsetzung sofort oder in den nächsten zwei bis drei Jahren." Und dabei kommen sämtliche Technologien zum Einsatz, die heute verfügbar sind: Roboter, Sensoren, 3D-Druck, 3D-Animation, Virtual Reality oder Software, die vorhersagen kann, wann eine Maschine gewartet werden muss.

Doch noch das Frauen-Thema

Auch Methoden der Künstlichen Intelligenz kommen am Fraunhofer-Institut zum Einsatz. Spätestens hier, gibt Julia Arlinghaus zu, kommt sie nicht um das Thema Frauen herum. "Weil eine KI immer mit Vergangenheitsdaten arbeitet, könnten Frauen dabei benachteiligt werden." Denn in der Vergangenheit war vor allem der weiße Mann der typische Mensch. Dass Frauen sich vielleicht anders verhalten, anders Entscheidungen treffen, anders mit Dingen umgehen – das ist in alten Datensätzen oft nicht berücksichtigt. "Amazon hat beispielsweise eine KI im Einsatz gehabt, um Bewerbungsunterlagen auszuwerten. Die hat systematisch männliche Bewerber bevorzugt, so dass Amazon diese wieder abschalten musste."

Und auch als eine von nur sieben Frauen, die eines der 74 Fraunhofer-Institute leiten, muss sich Arlinghaus mit dem Frauen-Thema auseinandersetzen: Sie ist Teil einer Minderheit. "Fraunhofer-Institute haben natürlich vor allem eine naturwissenschaftliche Ausrichtung. In den Naturwissenschaften sind Frauen immer noch unterrepräsentiert." Von einer Quote allerdings ist sie noch nicht überzeugt. "Selbst, wenn ich sie wollte, wir fänden gar nicht so viele Frauen in unserem Forschungsbereich. Aber es stimmt schon: Frauen wird noch zu wenig zugetraut." Gerade in Fraunhofer-Instituten haben manche den Eindruck, dass Frauen vor allem die Büroarbeit organisieren.

Und auch die Frauen selbst unterschätzen sich an vielen Stellen: Eine neue Umfrage der "Initiative D21" zeigt, dass es auch bei digitalen Kompetenzen einen Gender-Gap gibt. Nur 64 Prozent der Frauen sagen, sie können Dateien oder Fotos von einem Gerät auf ein anderes übertragen (Männer: 78 Prozent). Und nur 37 Prozent der Befragten geben an, dass sie ein Heimnetzwerk einrichten können (Männer: 75 Prozent).

Frauen in Chefpositionen in der Wissenschaft

Julia Arlinghaus ist eine Ausnahme – als Professorin und als Forscherin an der Spitze eines großen außeruniversitären Forschungsinstituts. Nur 15 Prozent der Professorenstellen in Sachsen-Anhalt haben Frauen inne. In Mathematik, Naturwissenschaften oder Ingenieurwissenschaft sind es sogar nur acht Prozent. Und auch als Leiterin eines Fraunhofer-Instituts ist Arlinghaus in der Minderheit. Nur sieben der 74 Fraunhofer-Institute werden von Frauen geleitet (10 Prozent), auch weil Fraunhofer vor allem im MINT-Bereich forscht. Unter den vier großen deutschen Forschungsorganisationen ist das der schlechteste Wert: An den 19 Helmholtz-Zentren gibt es drei wissenschaftliche Direktorinnen (16 Prozent). An den Max-Planck-Instituten gibt es 292 Direktorenstellen – 48 haben Frauen inne (16 Prozent). Die Leibniz-Gemeinschaft hat 96 Institute, von denen 20 von Frauen geleitet werden (21 Prozent). Das ergab eine Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Älteres, ausführlicheres Zahlenmaterial findet sich in einer Drucksache des Bundestages in einem Artikel der Zeitung "Forschung und Lehre" des Deutschen Hochschulverbandes und in einer Veröffentlichung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern

"Frauenquote würde Druck erhöhen"

Trotzdem führt Julia Arlinghaus noch einen weiteren Grund gegen eine Frauenquote an: Es würde den Druck auf die Frauen erhöhen. "Denn viele würden dann sagen, sie hätte den Job nur bekommen, weil sie eine Frau ist." Trotzdem fördere Fraunhofer gezielt Frauen, zum Beispiel mit eigenen Programmen für junge Nachwuchswissenschaftlerinnen. Außerdem hat sich die Fraunhofer-Gesellschaft das Ziel gesetzt, bis Ende 2021 mindestens zehn weitere Frauen zu Institutsleiterinnen zu machen. Der Fraunhofer-Vorstand hat dazu eine Rekrutierungskommission gebildet und sucht weltweit nach führenden Wissenschaftlerinnen.

Eine davon hat Magdeburg bereits bekommen. Arlinghaus muss sich mit dem Frauen-Thema noch anfreunden. "Auch Journalisten sprechen mich dazu oft an. Dabei würde ich viel lieber etwas Schlaues über Automatisierung oder Logistik sagen." Eine Art Aha-Erlebnis hätte sie auf einem Kongress gehabt. "Dort gab es eine Veranstaltung speziell für Frauen mit Prosecco und allem. Ich war etwas trotzig und bin nicht hingegangen." Eine Freundin berichtete allerdings danach, dass dort 200 interessierte junge Frauen waren. "Und wenn das Interesse da ist, muss ich auch bereit sein, darüber zu reden und mithelfen, den Wissensbedarf zu decken."

Der weibliche Blick auf die Digitalisierung

Weibliche Eigenschaften würden gerade in Zeiten von Veränderungen besonders gebraucht, so die Professorin. Unsere Welt, unsere Gesellschaft würde mit der Digitalisierung schnelllebiger werden. "Deshalb muss auch mehr kommuniziert werden. Und das braucht andere Eigenschaften in der Führung eines Unternehmens. Wir brauchen genau die weiblichen Eigenschaften." Es gibt Studien, die zeigten, dass Frauen Unternehmen besser führen, kooperativer sind, fundierter argumentieren, mehr diskutieren und Risiken besser abschätzen. "Das hilft dabei, Menschen durch die Digitalisierung zu begleiten. Denn gerade das müssen wir besser machen."

Das Reden über Risiken komme ihr oft zu kurz, sagt Arlinghaus. "Vor allem wenn es um KI geht, müssen wir uns als Gesellschaft – ganz unemotional – fragen, wo wollen wir das einsetzen und wo nicht." Und um mitreden zu können, sei es selbstverständlich, dass Informatik ein Pflichtfach an den Schulen wird. Nur so würden Kinder erfahren, was ein Algorithmus ist und wie er sich auf die Gesellschaft auswirken kann. So ließen sich auch mehr Mädchen und junge Frauen für die IT begeistern. Das würde den Unternehmen und der Gesellschaft helfen.

Das Dilemma

Nur: Auch wenn alle Unternehmen und die Gesellschaft nach teamfähigen, kreativen und lösungsorientierten Menschen suchen, bleibt ein Problem – woran erkennt man solche Menschen? Wie bewertet man diese Eigenschaften? "In Schule und Uni teilen wir Schüler und Studenten in Fächer ein und benoten ihre Einzelleistungen und eben nicht, wie teamfähig, kreativ oder lösungsorientiert sie sind." Auch sie als Wissenschaftlerin würde praktisch ständig vermessen: wie oft sie wo zitiert wird, wie die Studierenden ihre Arbeit benoten, wie viele Forschungsgelder sie einwirbt. "Das ist ein Dilemma: Wir brauchen Noten und Bewertungen, um Komplexes zu vereinfachen. Aber wir brauchen genauso ganz andere Werte."

Insofern ist Julia Arlinghaus immer noch hin- und hergerissen, ob sie gern über das Frauen-Thema redet. Aber vielleicht ist es gerade diese Differenzierung, die heutzutage öfter nötig ist? Dieses Grau-Sehen, statt nur schwarz oder nur weiß? Dieses Begreifen, dass zwischen 0 und 1 eine unendliche Anzahl von Zahlen ist?

Noch hat Julia Arlinghaus allerdings ein alltägliches Problem: Sie sucht eine feste Bleibe und überlegt, mit ihrem Mann und ihrem einjährigen Kind in einen kleinen Ort in der Börde zu ziehen. Angekommen ist sie in Magdeburg auf jeden Fall: "Ich habe hier schon mit mehr Leuten auf der Straße gesprochen als in Aachen. Die Menschen sind hier freundlich und aufgeschlossen."

Nachtrag

"Sprechen übers Podcasten" hieß die vergangene Folge von "Digital leben", in der wir mit Podcastern aus Sachsen-Anhalt gesprochen haben. Kurz nachdem die Folge erschien, hat sich Iris Hinneburg aus Halle gemeldet. Sie ist Medizinjournalistin und macht selbst den Podcast "Evidenzgeschichten". Darin geht es um Wissenschaftsgeschichte, Studien und Medizin. Davon erzählt Iris am Anfang von Folge 25 von "Digital leben" und sie erzählt auch, welche Podcasts aus Sachsen-Anhalt sie noch mag: "Underdocs" von der Uni Halle, in dem Nachwuchswissenschaftler vorgestellt werden und auch die Podcasts von Mirko Gutjahr: "Angegraben" und "Das geheime Kabinett" in denen es um Skurriles aus der Archäologie und der Geschichte geht.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über Marcel Roth Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

#Wo der Podcast zu hören ist:

Quelle: MDR/olei

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2020, 18:52 Uhr

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