Digitalpakt Geld für Schüler-Laptops: Wer darf sie kaufen?

Marcel Roth
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Sachsen-Anhalt kann für 15 Millionen Euro Laptops oder Tablets für Schüler kaufen. Das Geld stammt aus dem Digitalpakt, der Corona-bedingt aufgestockt wurde. Rein rechnerisch kann man dafür bis zu 50.000 Geräte kaufen. Sachsen-Anhalt hat etwa 190.000 Schüler. Dass Geld da ist, finden alle Beteiligten gut. Aber noch sind nicht alle zufrieden.

An einem Schultisch stehen ein rothaariger Mann in grauem Hemd und eine blonde Frau mit Brille am Computer.
Martina Müller, Leiterin des Schul-IT-Teams des Landkreises Harz, und Immo Kramer, der gerade auf einem Schul-PC Linux installiert. Bildrechte: Martina Müller

In IT-Fragen für die 36 Schulen im Landkreis Harz ist Martina Müller die Frau mit der größten Fachkenntnis. Sie leitet das dreiköpfige Schul-IT-Team des Landkreises. Und Müller ist ein großer Fan von sogenannten Open-Source-Lösungen: "Denn dabei kann jeder Interessierte die Funktionsweise der Software einsehen und an seine eigenen Bedürfnisse anpassen", sagt Müller. Und weil man die Software anpassen kann, muss sich niemand an einen Software-Hersteller binden.

Das Schulamt im Landkreis Harz setzt zum Beispiel auf das Open-Source-Betriebssystem Linux. An drei Schulen werde es "erfolgreich erprobt", wie Müller sagt. Auch für den Pandemiestab des Landkreises hat Müller im März innerhalb von kürzester Zeit eine Open-Source-Lösung aufgebaut: Für Videokonferenzen, Messengerdienst und Cloudspeicher.

Diskussion zur aktuellen Situation der Schulen

Wird die Corona-Krise die Schulen verändern? Welche Chancen ergeben sich durch die aktuelle Situation? Darüber diskutiert die Talk-Runde von FAKT IST! am Montag, 8. Juni, ab 20.15 Uhr Online im Live-Stream und ab 22.05 Uhr im MDR-Fernsehen. Mit dabei sind Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU), Schuldirektorin Ines Petermann, Familienvater Dietrich Eichenberg und Bildungsforscherin Katrin Liebers.

Nicht Hersteller-Kompetenz, sondern Nutzer-Kompetenz

Gerade an Schulen hält Müller nichts davon, Schülern den Umgang mit dem konkreten Produkt eines Software-Herstellers beizubringen. "Es geht doch nicht um den Hersteller, sondern um die Kompetenz, zum Beispiel ein Textverarbeitungsprogramm zu benutzen."

Dass Müller auf einem guten Weg ist, bestätigt auch Jana Dittmann, Mitglied in Sachsen-Anhalts Digitalisierungsbeirat und Professorin für IT-Sicherheit an der Uni Magdeburg. "Der Ansatz ist sehr positiv und besser als ein Ansatz mit ausschließlich herstellergebundener Software. Mit den 15 Millionen Euro kann man jetzt hervorragend solche Open-Source-Leuchtturmprojekte fördern. Das dort Erlernte kann anderen Schulen Orientierung geben." Dittmann und Müller verweisen auf die Richtlinien zur IT-Ausstattung der Schulen im Land. Auch dort wird Open-Source-Software genannt.

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Und Dittmann kommt ziemlich ins Schwärmen bei Open Source: "Durch Open Source-Gemeinschaften kann die technologische Abhängigkeit reduziert werden. Sie erlauben, die eigene Kompetenz zu steigern und es können präzise die Bedarfe mit Besonderheiten sehr gut abgebildet werden." Wichtig sei jetzt, die Nutzerakzeptanz sicherzustellen und Erfolgsmomente zu schaffen.

Und Open-Source-Lösungen könnten auch bei gesellschaftlich relevanten Entscheidungen die bessere Lösung sein: bei Transparenz, Sicherheit, Datensparsamkeit, Datensouveränität und Vertrauen. "Denn jeder kann sich den Quellcode ansehen, auf Fehler und Sicherheitslücken prüfen und mitgestalten", sagt Dittmann. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationsstechnik hält Open-Source-Software für genauso sicher wie herstellergebundene Software. Sie werde bislang selten von Viren befallen.

15 Millionen Euro liegen bereit

Und tatsächlich: Das Geld für Schüler-Geräte ist da und kann ausgegeben werden. In Sachsen-Anhalts Bildungsministerium liegen 15 Millionen Euro zum Ausgeben bereit, mit denen die Schulen neue Endgeräte kaufen können. Aber in der Art, wie das Geld ausgegeben werden soll, hätten Martina Müller und ihr Open-Source-Konzept wohl nichts davon.

In einem ersten Schreiben des Landkreistages Sachsen-Anhalt, der mit dem Bildungsministerium die Details bespricht, sollten die Schulträger die Frage beantworten, ob die Schulen eher Windows- oder Apple-Geräte benötigten. Für Open-Source Befürworter ist das die falsche Frage. "Rechner mit Windows 10 stellen für uns ein Rückschritt dar. Von Datenschutzproblem möchte ich gar nicht erst anfangen", sagt Müller.

Außerdem hält Müller den angedachten Preis für die Neugeräte für ein Problem. Es sind 300 Euro pro Gerät im Gespräch. "Aber billige Neuware ist nicht robust genug für den Einsatz in der Schule. Und die verbauten Komponenten sind oft nicht kompatibel mit Open-Source-Software." Viel lieber würde Müller deshalb gebrauchte Business-Notebooks kaufen. Damit hätte man gute Erfahrungen gemacht, weil sie leistungsstark und – als mobile Geräte – robust sind. "Die können auch schon mal runterfallen, ohne gleich kaputt zu gehen."

Geräte-Kauf: Einer für alle oder jeder für sich

Dass Müller und mit ihrem Open-Source-Gedanken möglicherweise das Nachsehen hätte, liegt daran, dass Sachsen-Anhalts Bildungsministerium alle Geräte am liebsten zentral einkaufen würde und deshalb nur eine bestimmte Anzahl an Gerätetypen bevorzugt. Spätestens bis Ende des Jahres sollen die Geräte an den Schulen sein. Das sei viel zu spät, sagt der Chef von Martina Müller, Immo Kramer, der die Schulverwaltung im Landkreis Harz leitet.

Kramer kann vorrechnen, dass Open-Source Geräte günstiger sind: "Bei einer Beschaffung durch die Schulträger selbst können die richtigen Geräte ausgesucht werden. Weil Open-Source-Systeme günstiger sind, könnten mehr Geräte bereit gestellt werden." Kramer glaubt auch, dass er es schneller schafft, die Geräte zu beschaffen – selbst mit einer europaweiten Ausschreibung, die das Bildungsministerium aus Zeitgründen gern umgehen würde.

Kritik vom Digitalisierungsbeirat der Landesregierung

Auch der Chef von Sachsen-Anhalts Digitalierungsbeirat, Marco Langhof, kritisiert die Pläne des Bildungsministeriums zum Kauf von IT-Geräten für Schüler. Sie sähen bislang vor, dass nur drei bis fünf verschiedene Gerätetypen angeschafft werden dürften, so Langhof. Das sei fatal.

Marco Langhof, Porträt des Chefs des IT-Verbands Sachsen-Anhalt
Marco Langhof, Chef des Digitaisierungsbeirats. Bildrechte: MDR/Marco Langhof

"Bestimmte Leuchtturmprojekte, die jenseits der Monokultur von Apple und Microsoft agieren, zum Beispiel im Landkreis Harz, die mit Open-Source-Betriebssystemen arbeiten, werden dadurch ausgetrocknet."

Langhof kritisiert vor allem, dass das Bildungsministerium die Experten im Land nicht gefragt habe: "Ich sage es ganz hart: Da setzen sich die Amateure zusammen und denken darüber nach, wie könnte es am besten sein. Und die hiesige Wirtschaft und die hiesige Kompetenz wird schlicht und einfach ignoriert. Selbst Brandbriefe an den Minister bleiben unbeantwortet."

Noch nichts entschieden

Bildungsstaatssekretärin Eva Feußner sagt, noch sei nicht entschieden, wie die 15 Millionen Euro genau ausgegeben werden. "Das ist ein Angebot unsererseits. Wenn die Kommunen das nicht wollen, können wir es auch anders machen. Da sind wir noch im Gespräch."

Am Donnerstag, den 11. Juni, ist ein weiters Gespräch geplant. Dem Land sei es vor allem darum gegangen, die Geräte schnell zu besorgen. Aber man könne des Geld auch an die Schulträger geben und sie selbst einkaufen lassen. "Wir wollen den Schub, den Corona gegeben hat, weiter tragen und nicht wieder abebben lassen. Da müssen wir jetzt schnell unterwegs sein."

Geräte allein reichen nicht

Digitalisierungsbeirat Langhof hat noch mehr zu kritisieren als die zentrale Vergabe. Er sagt, Endgeräte allein reichten nicht aus. Vielmehr brauchten die Schulen ein ganzheitliches Konzept. Für ihre komplette digitale Infrastruktur, aber auch dafür, wie eine digitale Art des Lernens aussehen kann.

Statt die Erkenntnisse der Corona-Krise auszuwerten und zu überlegen, warum die digitale Bildung derart gescheitert ist und welche Konzepte nun helfen könnten, soll hier nur möglichst schnell möglichst viel Geld umgewälzt werden.

Marco Langhof, Chef von Sachsen-Anhalts Digitalierungsbeirat

Langhof vermutet eine Art "digitalen Ablasshandel", mit dem die politisch Verantwortlichen versuchen könnten, ein weiteres Scheitern von sich zu weisen.

Viele offene Fragen

Viele Fragen seien noch offen, sagt Langhof: Wie verteilen die Schulen die Geräte? Wie werden sie verwaltet? Wie in die IT-Infrastruktur der Schulen eingebunden? Wer kümmert sich um defekte Geräte? Das können selbst engagierte Lehrer und auch Martina Müllers Team aus dem Landkreis Harz nicht gleichzeitig für alle Schulen leisten, für die sie zuständig sind. Benötigt vielleicht jede Schule eine IT-Administratorin?

Vielleicht könnte das am Mittwoch beschlossene Konjunkturpaket des Koalitionsausschusses der Bundesregierung helfen. Der Digital-Pakt Schule soll so erweitert werden, dass sich der Bund an der Ausbildung und Finanzierung von Administratoren beteiligt. Vorraussetzung: Die Bundesländer verstärken "im Gegenzug die digitale Weiterbildung der Lehrkräfte."

Der aufgestockte Digitalpakt und Sachsen-Anhalt

Die Bundesregierung hat den Digitalpakt, der Schulen digital voran bringen soll und dafür fünf Milliarden Euro vorsieht, in der Corona-Krise aufgestockt. Für 500 Millionen Euro sollen vor allem Endgeräte gekauft werden. Davon stehen Sachsen-Anhalt 13,7 Millionen Euro zu – das Land stockt die Summe auf 15 Millionen Euro auf und würde die Geräte am liebsten zentral vom offiziellen IT-Dienstleister Dataport kaufen lassen. Dataport ist eine Anstalt öffentlichen Rechts und der IT-Beschaffer für die Verwaltung der Länder Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Sachsen-Anhalt. Dataport hat seinen Sitz bei Kiel.

Marcel Roth
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/jh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. Juni 2020 | 17:00 Uhr

3 Kommentare

Marcel Roth vor 19 Wochen

Lieber "Baldur von Ascanien", der Digitalisierungsbeirat des Landes ist ein Ehrenamt - da fließt keine Vergütung. Und als Nutzer unserer Seite sind ja quasi schon im Beirat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wir geben uns nämlich Mühe, für alle da zu sein - auch für Menschen, die vielleicht unfreundlich sind und Behauptungen aufstellen, die nicht stimmen.

winfried vor 20 Wochen

>>> Lernziel + Gerätebedürftige ermitteln
>>> "nackte" Windows10-Geräte zentral einkaufen
>>> Lernziel-Software "aufspielen" … für weitere Software sperren
>>> Gerät (nur an Erziehungsberechtigte) ausleihen
>>> NUR Lernziel-Upgrate-Kosten übernimmt die Schule.

P.S.: Vorstehende Aufzählung erfolgte spontan und ist bestimmt "ausbaufähig". Angedachtes Ziel ist und bleibt:
Verfügbarkeit = "öffentliche Hand" … privater Mitnahmeeffekt = ausgeschlossen.

Baldur von Ascanien vor 19 Wochen

"Digitalisierungsbeirat" sorry, selten so gelacht! Aber egal, wichtig die Vergütung stimmt. Ich würde gern im GEZ Beirat mitwirken XD

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