Interview Neuer Film von Autor und Regisseur Dirk Schneider: "Die Jagd nach dem weißen Gold"

Dirk Schneider ist ein Autor und Regisseur, der Filme über die DDR-Geschichte gemacht hat. Er greift in seinen Filmen auch die Treuhandthematik nach dem Mauerfall auf. In seinem aktuellen MDR-Film "Die Jagd nach dem weißen Gold", der am Dienstag kommt, geht es um das Kalibergwerk in Zielitz. Damit möchte er die Geschichte von damals nachzeichnen, wie er im Interview erzählt.

Dirk Schneider
Dirk Schneider, geboren 1968 in Erfurt, hat zahlreiche Filme zur DDR-Geschichte und über den Mauerfall gedreht. Für die Reportage "Bischofferode. Das Treuhand-Trauma" wurde er für den Grimme-Preis nominiert. Bildrechte: Stefan Nielenz

MDR SACHSEN-ANHALT: Seit 2005 haben Sie verschiedene Filme, Reportagen und Geschichtsdokumentationen gedreht. Meistens zu den Themen DDR-Geschichte und Mauerfall. Haben Sie einen persönlichen Bezug zu diesen Themen?

Dirk Schneider: Ich bin in der DDR aufgewachsen und mit dem Mauerfall und dem Ende der DDR haben sich jede Menge Fragen ergeben. Plötzlich brach alles zusammen und das war damals ein prägendes Erlebnis. Ich habe angefangen, ganz anders über die Gesellschaft, Politik, Biografien und Lebenswege nachzudenken.

Zu den Geschichten, die ich verfilme, gibt es immer mal wieder persönliche Bezüge. Die DDR-Geschichte ist ein stückweit auch ein Lebensthema. Es geht darum zu schauen, wann haben sich Menschen wie verhalten. In welche Situationen sind sie hineingeraten? Was waren ihre persönlichen Motivationen? Damit stößt man auf ganz viele verschiedene Geschichten. Und ich finde je genauer man das aufdröselt, desto gerechter wird man dieser Zeit und den Zusammenhängen. Zwar ist zum Beispiel der Film "Der Grenzbahnhof in Probstzella" was ganz Anderes wie der neue Film über Zielitz, aber beides ist ein Stück DDR-Geschichte.

Was ist der Konflikt in dem neuen Film "Die Jagd nach dem weißen Gold"?

Es geht um das Kalibergwerk in Zielitz. Ich wollte die Entstehung des Betriebes nachzeichnen. Also tatsächlich zurück in die 50er und 60er Jahre gehen. Die Kali-Industrie – also die Kalisalze als Rohstoff – sind ein wichtiger Bodenschatz. Nur wenige Länder auf der Erde haben Kalisalze. Und die DDR hatte jede Menge davon. Das war wichtig, weil Kali zur Stabilisierung der Wirtschaft beigetragen hat. Nach der Wende gab es das Vorhaben eines gesamtdeutschen Verbundes zwischen Kali-Ost und Kali-West. Aber viele Gruben in der DDR waren sehr alt und nicht besonders effektiv. Das Bergwerk in Zielitz zeichnete sich dadurch aus, dass der Betrieb zur Wendezeit vergleichsweise modern war. Es war eines der wenigen Werke, was nach dem Mauerfall eine Chance hatte in der Marktwirtschaft zu bestehen.

Drei Berge aus Kalisalz. 1 min
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Mo 08.06.2020 14:02Uhr 00:44 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/video-416748.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Das war quasi eine wichtige Chance über Kalisalze den Export zu steigern, Devisen zu erzeugen und damit die Wirtschaft zu stabilisieren. Diese Geschichte erzähle ich in der Dokumentation. Es geht darum wie das Werk zu dem wurde was es wurde. Das war damals ein unfassbarer Kraftakt für die Wirtschaft. Vieles in dem Betrieb war technologisches Neuland. Hinzu kam, dass die Parteien und Regionen damals festgelegt hatten, dass das Kaliwerk in Zielitz Devisen verdienen sollte. Also Westgeld, aber es sollte kein Westgeld kosten. Sprich die gesamte Technologie, das Bergwerk, die Fabrik und sämtliche Geräte sollten aus der DDR stammen. Mein Hauptprotagonist Achim Steinecke erzählt, dass man letztendlich Lebensleistungen erbringen musste. Man musste sich in der Planwirtschaft der DDR behaupten und am Ende so ein Berg tatsächlich auch zum Erfolg führen.

Ihre Filme vereinen immer wieder verschiedene Perspektiven. Ein gutes Beispiel dafür ist der Film über Bischofferode. Sie haben, von Politikern bis hin zu Betroffenen, zahlreiche Menschen zu Wort kommen lassen. Warum ist es Ihnen wichtig Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten?

Bei Bischofferode war es mein Ziel ein Panorama der Wendezeit zu erstellen. Deshalb waren die verschiedenen Perspektiven wichtig.

In Zielitz ist das eher weniger so. Das hängt mit dem Gegenstand zusammen. Es geht um eine Aufbaugeschichte. Erst zum Ende hin, wenn es um die Treuhand geht und die Auseinandersetzung wem das Werk eigentlich gehört – das ist die zentrale Frage gewesen – kommt auch die Treuhand zu Wort. Auch dieser Film ist wieder ein Zeitbild, aber mit dem Unterschied, das die persönliche Geschichte viel mehr im Vordergrund ist. Mir ging es in Zielitz vor allem darum einfach nachzuvollziehen unter welchen unfassbar schwierigen Bedingungen das Werk von Leuten die es wirklich gemacht haben dann gestemmt wurde. Und das obwohl sie viel opfern mussten, zum Beispiel die Familie.

Kali-Salz-Grube Kalimandscharo in Zielitz bei Magdeburg
Die Kali-Salz-Grube Kalimandscharo in Zielitz bei Magdeburg Bildrechte: MDR/Anna Pruggmayer

Sie greifen in Ihren Filmen oft emotionsgeladene Themen auf. Für Beteiligte ist es sicherlich nicht einfach über diese Themen zu sprechen. Was ist Ihre Vorgehensweise? Wie treten Sie an Ihre Interviewpartner heran?

Es ist tatsächlich so, dass die meisten Menschen nicht über diese Zeit sprechen möchten und skeptisch sind. Sie denken, der Film wird in die eine oder andere Richtung gehen. Deshalb spielt Vertrauensarbeit eine große Rolle.

Man muss sich im Umkreis informieren, recherchieren, Fachwissen aneignen, viel lesen und viel telefonieren. Irgendwann wächst das Vertrauen des Gegenübers. Sie wissen dann, dass die Geschichte des jeweiligen Protagonisten im Kontext der Situation erzählt wird. Und zwar so genau wie möglich. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich Menschen einfach so vor die Kamera setzen und ihre Lebensgeschichte erzählen. Das ist aber der Anspruch. Letztendlich interessiert uns ein Zeitbild. Je genauer das ist, desto besser. Dafür braucht man eben die Biographien.

Warum ist es heute noch wichtig und relevant über diese Themen informiert zu sein?

Kumpel des thüringischen Kaliwerkes Bischofferode mit einem Transparent auf dem das Wort Hungerstreik geschrieben steht.
Die Kalikumpel von Bischofferode beim Hungerstreik. Bildrechte: dpa

Der Film über Bischofferode ist wichtig, weil es ein Zeitbild der Wende ist. Es gibt einen Einblick in die politischen, ökonomischen und die sozialpsychologischen Zusammenhänge der damaligen Zeit.

Und mit dem Film über Zielitz ist es ähnlich, weil Zielitz ein Symbol für die Wirtschaft der DDR war. Die Menschen, die das aufgebaut haben, sind fast schon Prototypen dieser Aufbaugeschichte. Und ich finde, dass das Sprichwort "Ohne Herkunft keine Zukunft" stimmt. Man muss wissen woher was kommt und den Ursachen auf den Grund gehen. Es ist wichtig sich gegenseitig eigene Geschichten zu erzählen und auch zu verstehen. Das ist nach wie vor relevant, weil das zu unserem inneren Zustand gehört. Es liegt in der DNA dieses Landes zu wissen woher wir kommen. Deshalb finde ich sehr wohl, dass man diese Geschichten erzählen muss. Eigentlich sogar viel mehr erzählen sollte.

Der Mauerfall liegt jetzt 31 Jahre zurück. Gibt es Ihrer Meinung nach heute noch Spannungen zwischen den neuen und alten Bundesländern?

Ich habe zugegebenermaßen lange in der Illusion gelebt, dass es diese Spannung gar nicht so gibt. Aber natürlich gibt es die und die werden sogar an vielen Stellen stärker. 

Ich glaube es handelt sich um den Zusammenprall verschiedener Kulturen. Viele Vorurteile haben sich verfestigt – in Ost sowie in West. Und leider lösen die sich sehr langsam wieder auf. Das ist tatsächlich noch ein Problem. Auch in Zielitz kommt es vor, dass klassische Narrative ausgepackt werden. So Sachen wie zum Beispiel der Westen kam hierher und tat so als hätten sie die bessere Lösung. Also die Arroganz auf der einen Seite und das Gefühl nicht respektiert zu werden auf der anderen Seite. Das spürt man immer noch. Für die einen gibt es vererbte Geschichten und für die anderen gibt es keinen Bezug mehr.

Was war Ihr Weg in die Filmbranche?

Das ist eine lange Geschichte. Ich komme eigentlich aus dem klassischen Journalismus. Nach der Wende habe ich rund 15 Jahre andere Sachen gemacht. Irgendwann wollte ich wieder zurück in den Journalismus und habe mir vorgenommen, mehr tiefergehende Geschichten zu erzählen. Vor allem Geschichten von Menschen. Ich kam also nicht über den Film, sondern über die Geschichten der Menschen in die Filmbranche.

Sie haben zahlreiche Auszeichnungen für Ihre Filme bekommen. Welche Rolle spielen diese Auszeichnungen für Sie?

Den ersten Preis habe ich für den Film "Stromkollaps" bekommen. Bei der Preisverleihung in der Laudatio wurde stark honoriert, dass man durch den Film Zusammenhänge besser verstehen lernt.  Das hat mich vor allem gefreut, weil ich gemerkt habe, das was ich mir vorstelle kommt bei dem Zuschauer an.

Genauso ist es mit der Grimme-Preis-Nominierung für Bischofferode. Viel mehr freut es mich, dass die Themen beim Publikum ankommen und die Zusammenhänge verstanden werden.

Die Frage stellte Vesile Özcan.

Mehr zum Thema

Im Schoß der Erde mit Video
Bildrechte: IMAGO/Schöning/Rainer Weisflog/Hoch Zwei Stock/Angerer/Harald Lange

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten – Entdecke wo du lebst | 09. Juni 2020 | 21:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Sachsen-Anhalt