ARD-Themenwoche #wieleben Der Blick in die Zukunft der Bevölkerung ist wichtig für uns alle

Manuel Mohr
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In der ARD-Themenwoche #wieleben hat der MDR auf Sachsen-Anhalts Bevölkerung geblickt und die Veränderungen, die in den kommenden zehn Jahren auf sie zukommen. Fazit: Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung sind wichtig – aber sie sind nicht das alleinige Maß.

Älteres Paar sitzt auf einer Parkbank
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Warum ist der Blick in die Zukunft so wichtig? "Bevölkerungsprognosen [...] geben politisch und ökonomisch agierenden Akteuren die Möglichkeit, weitsichtige und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen." So steht es in den Vorbemerkungen der "6. Regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung" für Sachsen-Anhalt. Etwas verklausuliert ist damit der Grund genannt, warum regelmäßig die Frage geklärt werden sollte, wie die Zukunft für die Menschen aussehen könnte.

Wird die Zahl der Kita- und Schulkinder wachsen? Werden demnächst viele Menschen vom Arbeits- ins Rentenleben wechseln? Ist mit mehr Zu- oder Wegzug zu rechnen? All das sind Fragen, auf die Kommunal- und Landespolitik angesichts der anstehenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur möglichst gute Antworten braucht.

Weniger Menschen im Ort bedeuten weniger Geld

Denn letztlich hat die Zahl der Einwohner in einem Ort Einfluss auf die Höhe der finanziellen Mittel, die einer Gemeinde vom Land zugewiesen werden. Sinkt die Zahl der Menschen im Ort, sinken auch diese Einnahmen. Doch Pflichtaufgaben wie die Instandhaltung von Straßen, Plätzen und oder der Beleuchtung bleiben dennoch im gleichen Maße erhalten.

Ein Beispiel dafür ist die Gemeinde Edersleben im Landkreis Mansfeld-Südharz, die MDR SACHSEN-ANHALT bei den Recherchen für die Themenwoche besucht hat. Von 2014 bis 2030 soll die Bevölkerungszahl von damals 1.018 auf künftig 787 sinken, ein Minus von mehr als 22 Prozent. Ernst Hofmann – parteiloser Bürgermeister der Verbandsgemeinde Goldene Aue, zu der auch Edersleben gehört – steht damit vor einem Dilemma.

Zwar komme vom Land an die Gemeinden der Hinweis, dass wenn die Zuweisungen nicht reichten, müssten beispielsweise Steuern erhöht werden. Doch gerade das sei in strukturschwachen Regionen ein Problem. Hofmann sieht es auch als seine Verantwortung, für seine Bürger keine zusätzlichen Hürden aufzubauen und die Belastung durch Beiträge so gering wie möglich zu halten.

Orte müssen Alternativen zur Großstadt bieten

Eine weitere Erkenntnis aus den Recherchen: Orte, die in Zukunft besonders von Einwohnerschwund und Überalterung betroffen sein werden, müssen Lösungen finden, um junge Menschen im Ort zu halten. Arbeitsplätze sind dabei ein wichtiger Baustein, aber für die kommende Erwerbsgeneration nicht der einzige, wie ein Besuch in Quedlinburg zeigt.

Im Jugendzentrum Reichenstraße, kurz die "Reiche", sprachen wir mit Jugendlichen über ihre Zukunft und den Ergebnissen unserer Analyse der aktuellen Bevölkerungsprognose für Sachsen-Anhalt. Dass viele Menschen bald in Renten gehen und sich dadurch in den kommenden Jahren auf dem Arbeitsmarkt viele Chancen ergeben könnten, sehen die Jugendlichen nicht als alleiniges Kriterium für ein Verbleib in der Welterbestadt:

Okay, man kann hier arbeiten gehen, aber, was macht hier die Lebensqualität aus? Arbeiten zu gehen? Oder arbeiten zu gehen und auch sonst noch etwas unternehmen zu können? Man hat hier kaum etwas, was ansprechend ist. Wenn der Arbeitsplatz alles ist, dann weiß ich nicht, was mich hier noch hält.

Bengt Wurm aus Quedlinburg

Digitale Infrastruktur ein wichtiges Kriterium

Auf die Frage, ob sich durch die Möglichkeit auf Homeoffice daran etwas ändern würde, brachen die Jugendlichen in Gelächter aus. Das Homeoffice würde schließlich nichts daran ändern, dass in der Stadt nichts sei, vor allem eines nicht: gut funktionierendes Internet.

Für Alexander Prinz ist das aber ein entscheidendes Kriterium. Die gebürtige Nemsdorfer (Saalekreis), besser bekannt als "Der Dunkle Parabelritter", ist einer der bekanntesten Youtuber des Landes sowie Gründer eines Fair-Trade-Textil-Labels und eines Online-Musikmagazins. Für den Unternehmer, der mittlerweile in Halle lebt, könnte der ländliche Raum durchaus eine neue Blüte erleben:

Nur die Räume mit der richtigen und modernen Infrastruktur können für künftigen Zuzug und das "Dort-Wohnen-bleiben" interessant sein. Und das ist in diesem Falle Highspeed-Internet und Mobilfunk mit Innenstadt-Qualität. Für mich und meine Unternehmungen ist das das Fundament und der Grund, warum ich schlussendlich in die Hallesche Innenstadt ziehen musste. Ich denke, wenn der ländliche Raum für die Arbeit kein Ungunst-Gebiet ist, kommt und bleibt das Leben von ganz allein.

Prognose allein reicht nicht aus

Dass die Prognosen des Landes nicht überall auf viel Gegenliebe stoßen, wird bei einem Besuch in Wittenberg deutlich. Die Lutherstadt will den demografischen Wandel vor allem durch Zuwanderung abmildern, durch neue Jobs und guten Anbindungen an Leipzig und Berlin. Nach eigenen Berechnungen sinkt die Einwohnerzahl der Stadt bis 2030 deutlich weniger als bei der Vorausberechnung des Statistischen Landesamts.

Die Unterschiede in den Bevölkerungsprognosen vom Statistischen Landesamt und der Lutherstadt sind dabei vor allem auf die Art der Erhebung zurückzuführen. Die Berechnungen des Landesamts zeigen, wie sich die Bevölkerung der Gemeinden in Sachsen-Anhalt verändern könnte, wenn sich in den Gemeinden sonst nichts ändert. Die Stadt Wittenberg aber ändert durch ihre Maßnahmen gezielt etwas – und preist diese Veränderungen bei ihrer eigenen Bevölkerungsprognose mit ein.

Fazit: Wichtig ist, dass Bevölkerungsprognosen nicht als alleiniges Maß der Dinge angesehen werden sollten. Als Orientierung für den Blick in die Zukunft sind sie wichtig, gleichwohl können sie auch als Impuls und Anstoß genutzt werden, um auf kommunaler Ebene die zukünftigen Entwicklungen zu beeinflussen.

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Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. November 2020 | 19:00 Uhr

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