Erster IT-Trendkongress Tindern bis der IT-ler kommt

Beim IT-Trendkongress Sachsen-Anhalt hat sich zum ersten Mal die gesamte IT-Branche des Landes präsentiert. In der Festung Mark in Magdeburg haben 70 IT-Unternehmen gezeigt, was sie machen. Ein Einblick.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Einblick in den erste IT-Trendkongress in Magdeburg
Auf dem ersten IT-Trendkongress in Magdeburg spielte Virtual-Reality eine wichtige Rolle. Bildrechte: Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt/Matthias Piekacz

Getindert wird in einem kleinen Teil des Backsteingemäuers. Hinter einem schwarzen Vorhang. "IT-Tinder" haben die Veranstalter ihre Idee genannt, mit der sie IT-Unternehmen mit "klassischen" Unternehmen zusammenbringen wollen. An zehn weißen Stehtischen sollen sich die Unternehmer gegenseitig vorstellen, Fragen stellen und vernetzen.

Tindern hinterm schwarzen Vorhang

Thekla Faber zum Beispiel arbeitet bei der Lewida GmbH aus Magdeburg – einem Pflegedienst mit mehreren Standorten im Land und 400 Mitarbeitern. Sie steht an einem der Tinder-Tische in der Festung Mark. Und sie hat eigentlich eine klare Idee von dem, was sie sich von ihrem IT-Liebling wünscht: "Es soll so etwas werden wie ein Intranet auf allen Geräten unserer Mitarbeiter. Am besten allumfassend: mit Zeiterfassung, Urlaubsplanung, Kommentar- und Chatfunktion, Dokumentation oder einem Wiki-Nachschlage-Teil. Und am liebsten auch mit einem Lern-Modul."

Ein nachvollziehbarer Wunsch. Aber ziemlich groß – viele IT-Experten würden wohl erst mal heftig ausatmen. Einer von Fabers Tinder-Partnern ist Stefan Haberkorn von Visual Impressions aus Magdeburg. Er entwickelt vor allem 3D- und Virtual-Reality-Inhalte. Haberkorn sagt: "Wir entwickeln auch VR-Ausbildungs-Systeme. Aber das ist immer sehr spezifisch. Und die Herausforderung bei diesem E-Learning ist, Informationen spielerisch zu vermitteln und zu virtualisieren." Bei den anderen Werkzeugen, die sich Thekla Faber von Lewida wünscht, kann Haberkorn nicht helfen. "Aber wir kennen natürlich viele Leute. In solchen Situationen brauchen Firmen vielleicht auch ein bisschen Führung durch das Chaos der Möglichkeiten."

Match oder kein Match?

Ob Thekla Faber und Stefan Haberkorn ein Match sind, ist also noch nicht klar. Aber bei einem echte Treffen lassen sich zumindest die Visitenkarten tauschen – anders als beim virtuellen Tindern, wo der potenzielle Partner nach einem Wisch nach links für immer weg ist. Thekla Faber verlässt ihr erstes IT-Tinder mit einer Handvoll Visitenkarten und Notizen.

Noch mehr Partner-Auswahl haben die Tindler auf den Gängen der Festung Mark. Dort hat jedes der 70 IT-Unternehmen einen eigenen kleinen Stand. Mehrere Virtual Reality Brillen sind zu sehen. An einem Stand ist eine solche Bildschirmbrille zum Beispiel an einem Longboard angeschlossen. Besucher können sich so skateboard-fahrend durch virtuelle Welten bewegen. Die Firma Teleport aus Barleben zeigt das Projekt ihrer Azubis. Die haben zum Beispiel an einer Mülltonne einen Sensor gebaut und mit der entsprechenden Software ist dann zu sehen, wie voll die Mülltonne ist. Zu sehen sind auch Lösungen zum Datenschutz, Digitales Arbeiten und zur Cybersecurity. Alles made in Sachsen-Anhalt.

Was bedeutet "Tindern"? Tinder ist ursprünglich eine Dating-App, auf der sich Männer und Frauen kennenlernen können. Das Prinzip: Der App-Nutzer kann nach links oder rechts swipen – je nachdem, ob ihm die Person gefällt oder nicht. Finden sich die beiden Personen gut, gibt es ein "Match". Oft kommt es dann zum Date.

Das Modell des schnellen Kennenlernens, genau wie beim Speed-Dating, wurde hier übernommen. Das Ziel: Auf dem IT-Trendkongress mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen und das eigene Netzwerk ausbauen.

Liegt die Zukunft des Digitalen im Regionalen?

Ein paar Stände weiter steht Markus Hoffmann. Er arbeitet für Twinner aus Halle. Twinner hat einen Scanner für Autos gebaut: Auf einem großen Drehteller wird das Auto von allen Seiten fotografiert und gescannt. Twinner will, dass Autos viel besser online verkauft werden können. Hoffmann sagt: "90 Prozent der Autokäufer informieren sich online. Aber nur sechs Prozent der Käufer kaufen auch online." Bei Produkten, die teurer sind als T-Shirts, Schuhe oder Laptops, geht es vor allem um Vertrauen und Transparenz. Die könne Twinner mit seiner Technologie liefern.

"Unser Scanner liefert hochauflösender Bilder. Aber er kann auch Kratzer erkennen und auch, ob zum Beispiel ein Kotflügel neu lackiert wurde. Und der Scanner erkennt auch die Reifenprofil-Tiefe", sagt Hoffmann. Derzeit testet Twinner seine Technologie mit den drei größten deutschen Autoherstellern, arbeitet mit Autohändlern und Versicherungen zusammen. Es gibt Standorte in Leipzig, Berlin und Budapest. 200 Mitarbeiter hat Twinner. Und für die Zukunft kann sich Markus Hoffmann noch viel mehr vorstellen: "Wir wollen unsere Scanner und unsere Dienstleistungen flächendeckend im deutschsprachigen Raum anbieten. Damit auch jeder Autobesitzer seinen Wagen nutzen kann, bräuchten wir etwa 300 unserer Scanner."

Liegt die Zukunft des Digitalen vielleicht im Regionalen? Klar ist: Wer seinen Ansprechpartner von Angesicht zu Angesicht kennt, kann sich passgenaue Produkte wünschen und hat mehr Vertrauen. Mehr Vertrauen vielleicht als zu den großen Anbietern aus dem Silicon Valley.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autoren Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei "MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir". Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR-SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/mr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 13. November 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2019, 20:01 Uhr

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