Durch die Gläser einer Brille ist der Schriftzug des sozialen Internet-Netzwerks Facebook auf einem Laptop zu sehen.
Netzexperte Stefan Weißwange empfiehlt Nutzern, zu prüfen, welchem Dienst sie ihre Daten anvertrauen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Datenskandal Facebook ist nicht schuld: Wir sind die Zentralisierung

Nach dem Skandal um Facebooks missbräuchliche Analyse von Daten fordern viele, die Plattform zu regulieren oder zu verstaatlichen. Netzexperte Stefan Weißwange erklärt, warum diese Forderung am Ziel vorbei geht und weshalb nun wieder die Chance besteht, dass Bürgerinnen und Bürger das Internet nach ihren Wünschen zu gestalten. Ein Gastbeitrag.

von Stefan Weißwange, Gastbeitrag

Durch die Gläser einer Brille ist der Schriftzug des sozialen Internet-Netzwerks Facebook auf einem Laptop zu sehen.
Netzexperte Stefan Weißwange empfiehlt Nutzern, zu prüfen, welchem Dienst sie ihre Daten anvertrauen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

"Um den Trend einer Menschenmasse zu verändern, die einen ganzen Planeten füllt, bedarf es einer großen Trägheit. Entweder muß es durch eine gleiche Zahl von Personen bewirkt werden, oder, wenn die Zahl klein ist, muß man der Veränderung sehr viel Zeit zubilligen."

Was der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov hier bereits Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts beschrieben hat, ist die Idee, aus großen Datenmengen Vorhersagen für die Zukunft treffen zu können. Dies führt zwangsläufig zum nächsten Schritt: Die Beeinflussung einer Vielzahl von Menschen, um eigene Ziele zu erreichen. Asimov definiert hier das, was wir inzwischen "Big Data" nennen und was sich exemplarisch im Skandal um Facebook und fünfzig Millionen Nutzerkonten, die durch das Unternehmen "Cambridge Analytica" analysiert wurde, wiederfindet: Informationen, die Nutzerinnen und Nutzer freiwillig abgegeben haben, wurden analysiert und vermutlich dazu verwendet, eine politische Agenda durchzusetzen.

Die missbräuchliche Verwendung dieser Daten hat Stefan Krabbes in seinem Beitrag ausführlich beschrieben und fordert die Nutzerinnen und Nutzer – völlig zu Recht – auf, Facebook zu verlassen. Und er fordert die Politik auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die eigenen, persönlichen Daten sicher aufbewahren zu können.

Je mehr, desto besser

Hier geht aber die Forderung am Ziel vorbei. Das Problem ist nicht Facebook oder eine fehlende oder gar falsche Architektur des Internets. Facebook ist nur ein Symptom und gerade heute ein deutliches Beispiel dafür, wie wertvoll persönliche Daten geworden sind. Nicht nur als Handelsware für Unternehmen, sondern auch als Mittel zur Beeinflussung von politischen Entscheidungen. Dabei ist die Grundidee des Internets das Gegenteil davon: Die geforderte dezentrale Infrastruktur, also Kabel, Server und technische Protokolle, existiert bereits seit ersten Tagen des Arpanet, dem Vorgänger des Internets. Und darauf aufbauend gibt es unzählige Anwendungen, die bereits heute die Wünsche bezüglich der Datensouveränität erfüllen.

Das Problem ist nicht Facebook oder eine fehlende oder gar falsche Architektur des Internets. Facebook ist nur ein Symptom.

Warum kann also Facebook eine solche Macht entwickeln? Schlicht deshalb, weil es bequem ist. Das soziale Netzwerk vereint zwei Milliarden Menschen auf seiner Plattform und ermöglicht auf einfachste Art und Weise, sein Leben, seine Ansichten und seine Gefühle mitzuteilen. Das Facebook Daten speichert, ist allen Nutzerinnen und Nutzern zumindest unterbewusst klar. Auch auf Servern vieler anderer Unternehmen werden Daten gespeichert, aber welche Bedeutung die Auswertung dieser Daten hat, dringt erst jetzt zur Oberfläche durch. Wer kennt nicht die unzähligen Whatsapp-Gruppen, die man mit Freunden, Bekannten und Kollegen eingerichtet hat? Wie oft hat man schon selbst einmal Arbeitsthemen auf Whatsapp besprochen oder sich über die Schule der Kinder und deren Lehrer ausgetauscht? Wie viele Käufer nutzen gern ihre Payback-Karte, um damit Punkte zu sammeln und eine kleine Belohnung zu bekommen?  

Genau diese Bequemlichkeit, die Unternehmen den Nutzerinnen und Nutzern bieten und die Einfachheit, mit der die Angebote im Alltag verwendet werden können, sorgen dafür, dass neben Facebook auch viele andere Unternehmen große Datenmengen anhäufen und aus der Analyse dieser Daten Schlüsse ziehen, die sich wirtschaftlich oder auch politisch nutzen lassen.

Über den Autor Stefan Weißwange (40) ist Hallenser und lebt in Halle. Er interessiert sich besonders für das Spannungsfeld zwischen Politik, Digitalisierung und den sozialen Medien. Er ist als IT-Projektleiter bei der Teleport GmbH angestellt und im Vorstand des Vereins wahlinfo+ e.V.. Der Verein beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, Informationen zu Wahlen, Politikern und Parteien zu sammeln und bereitzustellen.

Je weniger, desto sicherer

Das Problem ist nicht die Architektur des Internets. Das Problem ist auch nicht die zentralisierte Sammlung von Daten durch verschiedenste Unternehmen. Daher werden an dieser Stelle auch staatliche Eingriffe zur Regulation nur das Symptom behandeln, aber nicht die Ursache: Solange den Nutzerinnen und Nutzern Bequemlichkeit mehr wert ist als ihre ureigensten Daten, werden Unternehmen diese Daten für sich nutzen.

Was hält Sie, lieber Leser, davon ab, sich von Facebook abzumelden? Ist Ihnen die Sicherheit Ihrer Daten mehr wert als die Bequemlichkeit, von überall in der Welt ein Urlaubsfoto zu posten?

Es fehlt ein Bewusstsein dafür, dass persönliche Daten, sei es ein Like auf Facebook, ein Chat auf Whatsapp oder der Wochenendeinkauf, der Payback-Bonuspunkte bringt, Handelsware geworden sind. Und diese Ware, dieses Gut, gilt es zu schützen.

Denn was hält genau Sie, lieber Leser, davon ab, sich jetzt und für immer von Facebook, von Whatsapp oder von Payback abzumelden? Ist Ihnen die Sicherheit Ihrer Daten mehr wert als die Bequemlichkeit, von überall in der Welt ein Urlaubsfoto zu posten oder sich schnell für den nächsten Kneipenabend verabreden zu können?

Das Netz gehört uns schon

Es gibt soziale Netzwerke, die sich den Ansatz des von Stefan Krabbes beschriebenen Datenportmonees zunutze machen und den Nutzerinnen und Nutzern die Macht über ihre eigenen Daten zurückgeben. Wir müssen das Netz nicht zurückgewinnen, sondern es so nutzen, wie es ursprünglich gedacht war: Dezentral, unabhängig und frei. Die Werkzeuge sind vorhanden. Nun gilt es, diese zu nutzen und aus den Fehlern zu lernen, die wir zum Teil schmerzhaft durch Facebook und Cambridge Analytica gelernt haben.

Nicht zuletzt, wenn die Digitalisierung von Gesundheitsdaten umgesetzt wird, die sich im Moment mit Fitnesstrackern und den ersten Gesundheitsapps noch in den Kinderschuhen befindet, müssen Bürgerinnen und Bürger in der Lage sein, bewusst Entscheidungen zu fällen.

Es kann also nicht darum gehen, Facebook nach eigenen Wünschen zu formen und zu regulieren, sondern vielmehr ein Bewusstsein zu schaffen, dass jeder Einzelne selbst entscheiden kann, welche Daten er mit wem über welche Plattform teilt. Und vor allem, welche Konsequenzen dies haben kann.

In was für einer Welt wollen wir leben?

In einer Welt, in der sich alle Bürgerinnen und Bürger frei entscheiden können, wem sie ihre Daten anvertrauen und sicher sein können, dass ein Missbrauch so weit wie nur irgend möglich ausgeschlossen ist. Doch dafür braucht es eine aufgeklärte Gesellschaft, die ihre Daten so behandelt wie andere schützenswerte Güter. Eine Gesellschaft, die sich ihrer Rolle und auch Macht gegenüber Unternehmen wie Facebook, aber auch staatlichen Institutionen, wieder bewusst wird. Und eine Gesellschaft, in der nicht zuerst die Frage gestellt wird, wie viele Likes oder Kommentare man für einen Beitrag bekommt, sondern ob Facebook überhaupt der richtige Ort für den Beitrag ist.

Es braucht eine aufgeklärte Gesellschaft, die ihre Daten so behandelt wie andere schützenswerte Güter.

Für das Bewusstsein für den Wert von Daten benötigt man keine staatliche Zerschlagung von Facebook. Man benötigt nicht einmal eine staatliche Regulierung. Man muss nur die Werkzeuge nutzen, die es seit vielen Jahren gibt: Das freie und dezentrale Internet und eine Vielzahl Anwendungen, die bereits heute jedem die Möglichkeit bieten, selbst zu entscheiden, was mit den eigenen Daten geschieht. 

Stefan Weißwange beschäftigt sich auf seiner Webseite mit dem Thema Digitalisierung und informiert über Politik.

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Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 30. März 2018, 15:24 Uhr

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6 Kommentare

01.04.2018 11:19 Mediator an part (5) 6

Ihre Betrachtung zur STASI hätten sie sich sparen können, denn diese verkörperte das Böse in der DDR und machte Menschen gezielt kaputt. Dabei bediente sich man aller technischer Mittel seiner Zeit.

Es ist schon ein wenig dreist einen Geheimdienst und Unterdrückungsapparat, der gezielt Wohnungen und Telefone abgehört hat mit den Internetkonzernen von heute zu vergleichen. Alle Daten die dort verarbeitet werden liefern wir freiwillig weil sie uns sch... egal sind. Das Ziel ist hierbei nicht die Unterdrückung einzelner Personen sondern möglichst viel Kaufanreize zu setzen.

Ansonsten haben äußert viele Dinge ihren Ursprung in militärischen Entwicklungen. Dadurch werden sie nicht per se schlecht. Ich denke nicht, dass die Väter des ARPANET auch nur einen Gedanken an "Big Data" verschwendet haben. Das war damals vermutlich noch nicht mal eine Utopie.

30.03.2018 23:57 part 5

...und ich betone nochmals, nichts ist umsonst oder kostenlos auf dieser Welt, auch der Gebrauch von Browsern nicht. Das Internet wurde einst nur für militärische Zwecke eingeführt und heute sehen wir in welch wundererbaren Welt wir leben, wo immer mehr Websites bei der Suchfolge in den Orkus gedrägt werden..., ach ja, das Böse ist ja weiterhin die Stasi, die nicht annähernd an diese Entwicklung denken konnte...

30.03.2018 23:38 Leserin 4

Ein Wunder das es nicht wieder die Russen sein sollen.