Mehrere Menschen sitzen in einem Kreis während einer Fernsehaufzeichnung.
Bei FAKT IST! aus Magdeburg ist am Montag diskutiert worden, wie der Hebammenberuf attraktiver gemacht werden kann. Bildrechte: MDR/ Florian Leue

FAKT IST! aus Magdeburg "Geburtshilfe muss zur Grundversorgung gehören"

Steigende Geburtenzahlen – und auf der anderen Seite Kliniken, die Kreißsäle schließen: Viele werdende Eltern sind verunsichert. Es fehlt an Hebammen. Im MDR-Fernsehen wurde am Montagabend die Forderung laut, die Geburtshilfe per Gesetz in der Grundversorgung zu verankern. Die Sozialministerin von Sachsen-Anhalt sieht auch Eltern in der Pflicht. FAKT IST! aus Magdeburg im Überblick.

Mehrere Menschen sitzen in einem Kreis während einer Fernsehaufzeichnung.
Bei FAKT IST! aus Magdeburg ist am Montag diskutiert worden, wie der Hebammenberuf attraktiver gemacht werden kann. Bildrechte: MDR/ Florian Leue

Das Thema

In Sachsen-Anhalt hat seit dem Jahr 2000 jede dritte Klinik ihren Kreißsaal dicht gemacht – und das, obwohl wieder mehr Kinder geboren werden. Für werdende Eltern bedeutet das: Verunsicherung und deutlich längere Wege in den Kreißsaal. Manchmal werden Frauen, die entbinden wollen, sogar wieder weggeschickt. Ein Grund für die Schließung ist Klinikbetreibern zufolge, dass Hebammen und Fachärzte immer schwerer zu finden sind. Die Hebammen wiederum klagen über Überlastung, Schichtdienst – und unattraktive Gehälter. Wie also kann der Beruf der Hebamme wieder attraktiver werden? Und was kann und muss die Politik tun, um auch kleine Kliniken in ländlichen Gegenden zu halten?

Über all das und noch einiges mehr ist am Montagabend in der Sendung FAKT IST! im MDR-Fernsehen diskutiert worden.

Die Gäste

  • Franziska Kliemt, Elterninitiative Mother Hood – "In die Geburtshilfe zu investieren heißt, in eine gesunde Gesellschaft zu investieren."
  • Petra Chluppka, Vorsitzende des Landeshebammenverbands Sachsen-Anhalt – "So wie jede Gemeinde eine Feuerwehr vorhält, muss auch Geburtshilfe flächendeckend angeboten werden."
  • Georg Baum, Hauptgeschäftsführer Deutsche Krankenhausgesellschaft – "Um Geburten weiter flächendeckend zu gewährleisten, muss der Staat die Finanzierung absichern."
  • Petra Grimm-Benne (SPD), Sozialministerin von Sachsen-Anhalt – "Als Landesregierung setzen wir uns für einen guten Start ins Leben ein, Hebammen sind und bleiben dafür unverzichtbar."

Geburtenstationen in Sachsen-Anhalt

ine Karte mit Geburtenstationen in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: MDR/Max Schörm
ine Karte mit Geburtenstationen in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: MDR/Max Schörm
ine Karte mit Geburtenstationen in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Die wichtigsten Argumente

Zu Beginn der Sendung stand eine bemerkenswerte Geschichte: Weil sie in einem Krankenhaus abgewiesen worden war, bekam Julia Kerner ihr Kind auf dem Beifahrersitz ihres Autos – und zwar auf einem Parkplatz. Glaubt man Franziska Kliemt von der Elterninitiative Mother Hood, dann ist das bundesweit kein Einzelfall. Selbst wenn Frauen sich zur Geburt im Krankenhaus anmelden, sei eine Geburt keinesfalls immer gesichert, kritisierte Kliemt. Ihrer Meinung nach sollten Krankenhäuser keinem marktwirtschaftlichen Druck unterliegen.

Britta Hoffmann, Hebamme (m), Kristin Langkopf (l), und Mandy Mangler, Ärztin üben im Auguste-Viktoria-Klinikum bei einem Simulationstraining eine Notfallsituation bei einer Geburt.
In Sachsen-Anhalt fehlen Hebammen – und das, obwohl laut Deutscher Krankenhausgesellschaft bundesweit so viele Hebammen wie noch nie ausgebildet werden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Petra Chluppka ist Hebamme und Vorsitzende des Berufsverbandes in Sachsen-Anhalt. Wie auch Franziska Kliemt sprach sich Chluppka gegen eine Zentralisierung von Krankenhäusern aus. "Eine kleine Klinik hat Charme, sie bietet Intimsphäre." Bei werdenden Müttern trage das zu einem Gefühl von Sicherheit bei. Chluppka betonte: "Wir brauchen einen staatlichen Fonds, um kleine Kliniken erhalten zu können."

Auch für Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) ist klar: Es braucht bessere Bedingungen, um Hebammen wieder in die Krankenhäuser zu holen. Ihr Vorschlag: Die Geburtshilfe sollte per Gesetz zur Grundversorgung zählen. Grimm-Benne betonte, in Sachsen-Anhalt habe man sich angesichts der Probleme schon früh für einen Runden Tisch stark gemacht. Ein Vorschlag des Landes: Hebammen sollen in Zukunft Kreißsäle leiten dürfen. Was MDR SACHSEN-ANHALT bereits im Vorfeld der Sendung berichtet hatte, untermauerte die Sozialministerin am Montagabend: "Wir wollen den Hebammen mehr Verantwortung geben." Die Ministerin sieht aber auch Eltern in der Pflicht: In kleinen Krankenhäusern seien Geburtenstationen auch deshalb geschlossen worden, weil werdende Mütter die längere Anreise in größere Häuser bevorzugt hätten.

Die Lage sei "extrem problematisch", sagte auch Georg Baum, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Kliniken stünden im Wettbewerb um Hebammen, viele zahlten übertariflich. Gegen die Schließung kleiner Krankenhäuser brauche es eine politische Bewegung, forderte Baum. "Alle müssen wach werden." Wo im Jahr weniger als 700 Kinder geboren werden, schlug Baum einen Zuschuss für Krankenhäuser vor – 300 Euro pro Geburt zum Beispiel. Auf 100.000 Geburten im Jahr hochgerechnet, müsse Bundesgesundheitsminister Spahn dann mal 30 Millionen Euro "locker machen".

Das Zitat des Abends

Petra Chluppka
Bildrechte: Petra Chluppka

Auch, wenn es nicht brennt, halten wir eine Feuerwehr und finanzieren sie. Wenn wir eine Klinik mit wenigen Geburten haben, sollten wir die genauso erhalten. Wir brauchen einen staatlichen Fonds, damit kleine Kliniken nicht schließen müssen.

Petra Chluppka, Hebamme und Vorsitzende des Landeshebammenverbands

Das Fazit der Debatte

Es gibt Ansätze, wie die Lage vor allem in ländlichen Gegenden wieder verbessert werden kann – auch in Sachsen-Anhalt. Die Ankündigung der Landesregierung, dass Hebammen künftig Kreißsäle leiten und Kinder somit auch ohne die Anwesenheit von Medizinern geboren werden könnten, kommt beim Landeshebammenverband gut an. Sollte die Geburtshilfe per Gesetz künftig tatsächlich zur Grundversorgung zählen, wäre das wohl ein großer Schritt. Trotzdem: Alle Beteiligten müssen noch Hausaufgaben erledigen, vor allem die Politik. "Ja", sagte zu diesem Fazit am Ende der Sendung auch Sozialministerin Petra Grimm-Benne.

Die Sendung in der Mediathek

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Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | FAKT IST! aus Magdeburg | 27.08.2018 | 22:05 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 23:42 Uhr

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2 Kommentare

28.08.2018 14:25 winfried 2

>>Die Ankündigung der Landesregierung, dass Hebammen künftig Kreißsäle leiten und Kinder somit auch ohne die Anwesenheit von Medizinern geboren werden könnten<<
Ich finde ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch "zu kurz gesprungen".
Könnte es nicht auch ohne Hebammen gehen ?!
Oder noch besser, so wie in früheren Jahrhunderten, als Frauen ihre Feldarbeit zwecks Geburt kurz unterbrachen, um anschließend weiter zu arbeiten ?!
Ich finde, so geht's ... Vorwärts in die Vergangenheit.

Und wer jetzt glaubt, das sei Zynismus, sollte über Politikeridee nachdenken.

28.08.2018 12:31 REXt 1

Erst hat man das Gewerbe der Hebammen „sterben „ lassen, jetzt jammert man.