Jubeleins
Klein und Groß bejubelten den Aufstieg des 1. FC Magdeburg. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Ein Brief an den FCM Du bist der Stolz von Magdeburg

Unser Autor ist kein Fußballfan. Er hat die Begeisterung der Fans lange nur schwer nachvollziehen können. Der 1. FC Magdeburg hat das geändert – ein persönlicher Brief an den Klub seiner Heimatstadt.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Jubeleins
Klein und Groß bejubelten den Aufstieg des 1. FC Magdeburg. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Lieber 1. FC Magdeburg, 

lass uns ehrlich sein, auch wenn es wehtut: Du warst mir lange egal. 

Zu der Zeit, als ich geboren wurde, begann dein Absturz. Kurz nach der Wende war das. Es gab für mich keinen Grund, sich mit Dir zu beschäftigen. Keine Fans in der Familie und auch sonst keinen Bezug. Und Du, der Europapokalsieger von 1974, der glanzvolle Club aus der DDR-Oberliga, wirktest wenig anziehend. 

Wie hatten der Club gespielt?

Verloren.

Schon widder?

Schon widder.

Ach, die kannste och verjessen. 

An solche Dialoge erinnere ich mich. So wurde in Magdeburg über dich gesprochen. Anfang bis Ende der 2000er Jahre war das. Ja, ich weiß, Du hattest Pokalsensationen geschafft, aber warst danach komplett abgerutscht. Du warst pleite und erfolglos – Deine treuen Anhänger ließen Dich trotzdem nie im Stich. 

Sie tingelten mit Dir durch die Niederungen des Amateurkicks und bewegten sich außerhalb meines Radars. Du fielst nicht auf. Zumindest nicht bis zum Sommer 2015. Bis zum Aufstieg in die dritte Liga. Bis zum Sprung in den Profifußball.  

Danach musste ich mich mit Dir beschäftigen. Berufsbedingt. Ich bin kein Fußballfan und auch kein Fan von Dir, lieber FCM. Mein Wochenende wird grundsätzlich nicht besser oder schlechter, ob Du gewinnst oder verlierst. Und doch muss ich mich bei Dir bedanken, denn du hast mir etwas offenbart: den Stolz auf meine Heimatstadt. 

Kniefall eines FCM-Fans auf den Rasen.
Die FCM-Fans knieten nach dem Aufstieg auf dem für sie heiligen Rasen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Wofür steht Magdeburg? Danach gefragt, schwieg ich lange. Doch die Antwort verkörperst Du. Das wurde mir in den vergangenen drei Jahren, wie ich da immer öfter im Stadion saß, immer öfter mit Deinen Spielern, Fans und Verantwortlichen sprach, bewusst. 

Magdeburg steht für harte Arbeit. Magdeburg steht für Geradlinigkeit. "Magdeburger lachen nicht über einen Witz, der nicht witzig ist. Und sie fragen niemals, wie es einem geht, wenn es sie nicht interessiert", brachte es "Die Zeit" einmal auf den Punkt. Und Du, lieber FCM, verhältst Dich genau so.

Das liegt an Deinen Verantwortlichen, allen voran Manager Mario Kallnik, der für Dein Wohl sein letztes Hemd geben würde.

Das liegt an Deinem Trainer Jens Härtel, der selten lacht, aber oft arbeitet und die Magdeburger Mentalität wie kein Zweiter vorlebt.

Das liegt an Deinen Spielern wie Christian Beck, Marius Sowislo oder Nils Butzen, die hier nur stellvertretend stehen für alle Jungs, die sich für Dich den Hintern aufreißen.

Das liegt an Deinen Mitarbeitern, vom Zeugwart bis zum Pressesprecher, die fast allesamt woanders mehr Geld verdienen könnten, doch deren Liebe zu Dir jede Überstunde vergessen lassen.

Und das liegt ganz entscheidend an Deiner blau-weißen Familie, an den Fans, für die Du die Welt bedeutest. Für all diese Menschen freut mich Dein Aufstieg unheimlich.

Die Momente auf dem Rasen nach dem Sieg gegen Köln werde ich nie vergessen. Die Gesichter all derer, die ich da unten mit meiner Kamera in der Hand getroffen habe, dieses Aufeinandertreffen von Fans und Verantwortlichen und Spielern und alle waren gleich – Augenblicke für die Ewigkeit.

Elf Männer auf jeder Seite treten etwas mehr als 90 Minuten gegen einen Ball und wer das besser kann, gewinnt – oder verliert. Manchmal steht es unentschieden. Mehr war Fußball lange nicht für mich. Bis ich verstanden habe, dass mehr dazugehört, dass diese Spiele am Wochenende nur der Höhepunkt sind. Der Höhepunkt einer Kultur, die auch in Magdeburg von allen Gesellschaftsschichten gelebt wird: Ärzte, Handwerker, Studenten, Alte und Junge, Männer und Frauen, Kultivierte und Chaoten – alle haben mich schon einmal auf den FCM angesprochen.

Du, lieber FCM, bist Ausdruck des Selbstwertgefühls all dieser Menschen und einer ganzen Region. Ich habe am Sonnabend gute Freunde im Stadion getroffen, flüchtige Bekannte, alte Studienkameraden, frühere Lehrer, meinen Basketballtrainer – und ich habe nach Deinem Aufstieg mit ihnen allen abgeklatscht.

Ich ahne: Jetzt kommen die Journalismus-Polizisten aus ihren Ecken und setzen zum bösen Tweet an. Aber lasst uns ehrlich sein, auch wenn es wehtut: Es ist mir egal. Als Magdeburger bin ich stolz auf diesen Verein und stolz auf diese Stadt – so und nicht anders.

Ein Kumpel schrieb mir am Samstagnachmittag kurz vor dem Abpfiff folgende SMS:

Hab gerade keinen Internetempfang. Haben Sie es geschafft?

Ich antwortete:

Machdeburch is uffjestiejen!

Denn so sprechen die Menschen mittlerweile über Dich.

Herzlichen Glückwunsch, lieber 1. FC Magdeburg!

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Zuletzt aktualisiert: 23. April 2018, 08:13 Uhr

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1 Kommentar

23.04.2018 08:52 flo 1

Den Artikel über die Ausschreitungen in MD schnell rausgenommen. Warum eigentlich ? Es darf eben nicht sein was nicht sein darf, beim Machdeburjer Rundfunk.