Hannes Schindler UNVERGESSEN

Ein junger Mann verliert sein Leben, weil er Fußballfan war. Du kanntest ihn nicht persönlich, aber ihr habt für denselben Klub gejubelt. Du bist tief betroffen von dem Schicksal – und gibst seinen Eltern ein Versprechen.

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Hannes FCM
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Als sie Hannes die letzte Ehre erwies, stand die blau-weiße Familie im strömenden Regen dicht beisammen. Nur die engsten Freunde und Familienangehörigen waren eingeladen – über 400 drängten sich am 21. Oktober 2016, einem Freitagmittag auf den Friedhof in Barleben. Wilhelm Töller erinnert sich an den Weg von der Kapelle zum Grab: "Das Bild, wie diese kernigen Jungs aus Block U mit Tränen in den Augen den Sarg an mir vorbeigeschoben und den Jungen beerdigt haben, werde ich nie vergessen." Beim Kondolieren nahm die Mutter des verstorbenen FCM-Fans dem 64-Jährigen dann ein Versprechen ab: "Willy", sagte Silke Schindler, "lasst uns nicht allein." Und Willy antwortete: "Wenn ihr unsere Hilfe braucht, sind wir da. Das verspreche ich dir."

Magdeburg, anderthalb Jahre später: FCM-Fan Wilhelm Töller steht wieder an der Seite von Silke und Horst Schindler. Diesmal vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft, die die Ermittlung im Fall Hannes zu diesem Zeitpunkt längst eingestellt hat. Die Eltern des Verstorbenen haben zu einer Kundgebung aufgerufen. Etwa 50 Anhänger des 1. FC Magdeburg halten abwechselnd ein großes Banner hoch: "Hannes unvergessen! Wir – zusammen für – immer." An diesem Tag, dem 5. April 2018, wäre Hannes 27 Jahre alt geworden. Hätte es nicht dieses Unglück in der Nacht zum 1. Oktober 2016 gegeben, das Aufeinandertreffen mit Fans des Halleschen FC, den Sturz aus dem Zug, die tödliche Kopfverletzung – den ersten deutschen Fußball-Fan seit 1990, der in Folge einer Auseinandersetzung sein Leben verlor

Unklare Zusammenhänge: Die Eltern verzweifeln

Ein einziges Interview haben Silke und Horst Schindler nach dem Tod ihres Sohnes gegeben, im April 2017 war das, danach haben sie geschwiegen. Bis jetzt. Sie öffnen sich auch aus Verzweiflung. Wilhelm Töller, den sie auserkoren hatten, den Medien den Grund für die Kundgebung vor dem Justizministerium zu schildern, hat bereits zehn Minuten lang über die ungeklärten Umstände gesprochen. Nun treten unerwartet auch sie hinter dem Banner hervor: "Hallo, wir sind die Eltern von Hannes." Beide tragen ein T-Shirt mit dem Konterfei ihres verstorbenen Sohnes. 

Silke Schindler wirkt gefasst, aber wütend. "Wir sind vom Rechtssystem enttäuscht", sagt sie. Im März 2017 hatte die Staatsanwaltschaft erklärt, dass es damals in der Regionalbahn nicht zu Gewalttätigkeiten gegen Hannes gekommen sei. Dass Dritte seinen Sturz verursacht haben, konnte demnach nicht nachgewiesen werden. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Der Anwalt der Angehörigen hatte umgehend Beschwerde gegen die Verfahrenseinstellung eingelegt – bis heute steht eine Entscheidung durch die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg aus. Silke Schindler sagt: "Wir fühlen uns hilflos, wir fühlen uns machtlos." 

Horst Schindler wirkt verzweifelt. Der Tod seines Sohnes müsse lückenlos aufgeklärt werden, "damit wir damit leben können", sagt er. So, wie die Ermittlungen gelaufen sind, "verstehen wir es einfach nicht. Wir verstehen es nicht. Wir verstehen es einfach nicht." Sie kämpfen einen Kampf gegen das Vergessen, einen Kampf für ihren Sohn – einen Kampf, der müde macht. Es gebe noch ganz oft ganz schlechte Tage. Wie ihr Sohn ums Leben gekommen ist? Wie es im Fall Hannes weitergeht? So viele Fragen, so wenige Antworten. "Ach", sagt Horst Schindler, bevor er wieder hinter das Banner tritt, "keene Ahnung."

Wir verstehen es einfach nicht. Wir verstehen es nicht. Wir verstehen es einfach nicht.

Horst Schindler, Vater von Hannes

Fast täglich steht der Vater am Grab seines verstorbenen Sohnes. Der Grabstein sieht aus wie die Front eines Trabants, dem Lieblingsauto von Hannes. Links steht sein Vorname geschrieben, rechts daneben ist sein Gesicht eingraviert, in der Mitte prangt der Buchstabe "U". Frische Blumen und zahlreiche Andenken zieren die Grabstelle, daneben steckt eine blau-weiße Fahne, selbst die Gießkanne ist blau. Es ist offensichtlich: Hier hat ein Fan des 1. FC Magdeburg seine letzte Ruhe gefunden. 

Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

Ein Mann steht vor einem Fußballstadion 3 min
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Mo 16.04.2018 14:10Uhr 03:15 min

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Wilhelm Töller hat nie ein Wort mit Hannes gewechselt. "Wir waren verschiedene Generationen, ich ein Normalo, er im Block U", sagt der 64-Jährige. Hannes stand seinen Mann für den Klub. Er war einer der jungen Wilden, wie Töller sagt. "Vom Sehen kannte ich ihn, aber nicht persönlich", sagt Töller. Trotzdem war er seit dem Tag der Beerdigung, als er die Eltern erstmals persönlich kennenlernte – vorher hatten sie über Facebook geschrieben – mehrfach auf dem Friedhof in Barleben, um an Hannes zu gedenken. "Das hat mich wahnsinnig betroffen gemacht, dass ein junger Mann einfach aus dem Leben gerissen wird, weil er die falschen Farben getragen hat." Hannes gab sich in der Nacht des Unglücks durch ein T-Shirt von Block U als Anhänger des FCM zu erkennen, außerdem kennzeichneten ihn entsprechende Tätowierungen. "Auch wenn es genauso sinnlos gewesen wäre, fragst du dich da: Warum trifft es nicht lieber dich alten Sack? Hannes hatte noch sein ganzes Leben vor sich."

Am 29. April 2017, dem Tag des Drittliga-Auswärtsspiels beim Halleschen FC, organisierte Töller in Absprache mit den Eltern einen Gedenkmarsch vom Justizministerium zur MDCC-Arena, vier Kilometer lang. Etwa 700 FCM-Fans nahmen teil. Anschließend fand vor dem Stadion ein Public Viewing statt – wie schon anderthalb Wochen zuvor während der Landespokalpartie zwischen beiden Teams. Die aktive Fanszene des FCM hatte nach dem Tod von Hannes beschlossen, die Spiele beim HFC nicht mehr zu besuchen. "Solange dieser Fall nicht restlos aufgeklärt ist", meint Wilhelm Töller, "wird das wahrscheinlich auch so bleiben. Wir wollen keinen Cent mehr nach Halle tragen."

Der gebürtige Münsteraner betreibt Sozialkaufhäuser per Franchise-System unter anderem in Magdeburg, dem Ruhrgebiet, der Lausitz und früher auch in Halle. Doch: "Den Laden dort habe ich verkauft", sagt Töller. "Ich konnte nicht mehr nach Halle fahren. Ich kann die Stadt nicht mehr sehen. Natürlich sind nicht alle Hallenser und auch nicht alle HFC-Fans schlechte Menschen – aber es gibt eben diesen kleinen Teil." 

80 Fans des Halleschen FC befanden sich damals auf der Rückreise vom Auswärtsspiel in Köln in der Regionalbahn, als Hannes in Haldensleben einstieg. Was dann geschah, ist bis heute unklar. Die Überwachungskameras waren zu diesem Zeitpunkt längst abgeklebt. Eine übliche Aktion von Bahnreisenden Ultras – in diesem Fall jedoch entscheidend. Auch nach der Einstellung des Verfahrens blieben Fragen offen: Hatte Hannes Panik? Wenn ja, warum? Und wieso fuhr der Zug weiter, nachdem er die Tür per Notentriegelung geöffnet hatte? Hätte er Überlebenschancen gehabt, wenn früher Hilfe geholt worden wäre? Eine Gruppe von Jugendlichen fand ihn durch Zufall erst zwei Stunden nach seinem Sturz. Am 12. Oktober erlag der FCM-Fan seinen Verletzungen. 

Andreas Wolf ist Fanbeauftragter beim Halleschen FC, seit den 1980er Jahren selbst Anhänger des Klubs. Die Entwicklungen im Fall Hannes haben auch ihn in den vergangenen anderthalb Jahren beschäftigt. "Ich bin Familienvater und kann vollkommen verstehen, dass die Eltern eine hundertprozentige Aufklärung wollen – das wollen wir ja auch", sagt Wolf. "Das ist im Interesse aller HFC-Fans, damit dieses Geschmäckle weg ist. Die aktuellen Ermittlungsergebnisse lassen Interpretationsspielraum und das darf nicht sein. Wir müssen uns nicht als Mörder beschimpfen lassen." Das war am 29. April 2017 geschehen. Aus dem Gästeblock – einige Anhänger des FCM waren trotz des Boykottaufrufes nach Halle gefahren – schallte es: "Mörder, Mörder, Mörder." 

Das ist mein Verein, das ist meine Stadt – hier lebe ich, hier liebe ich, hier sterbe ich. Solange ich stehen kann, werde ich hier für eine lückenlose Aufklärung und für den Seelenfrieden der Familie von Hannes kämpfen.

Wilhelm Töller

Für Wilhelm Töller ist der Fall Hannes ein Politikum. Er glaubt: Das seinerzeit noch vom Deutschen Fußball-Bund, der Stadt Halle und dem Land Sachsen-Anhalt finanzierte Fanprojekt Halle hätte die HFC-Fans damals auf der Rücktour aus Köln begleiten müssen. Hat es aber nicht. Fanprojektleiter Steffen Kluge wurde im März 2017 durch seinen Arbeitgeber, die Stadt Halle, innerhalb der Stadtverwaltung versetzt – auch aufgrund der fehlenden Begleitung in besagter Nacht, meint Töller. "Das hatte damit nichts zu tun", versichert Andreas Wolf jedoch. Mittlerweile ist das Fanprojekt Halle eingestellt. Monatelang schwelte ein Konflikt zwischen den Ultras des HFC und Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand aufgrund der Absetzung von Steffen Kluge. Er war in der aktiven Fanszene äußerst beliebt. 

Die Eltern des verstorbenen Fußballfans Hannes
Wilhelm Töller (l.) neben der Mutter von Hannes während des Gedenkmarsches am 29. April 2017 Bildrechte: MDR/Guido Hensch

"Der ganze Fall ist so krumm, wie er nur krumm sein kann", meint Wilhelm Töller und erzählt von vermeintlichen Fehlern bei der Vernehmung von Zeugen, Versäumnissen der Polizei, einem fehlenden Gutachten der Bahn und Drohanrufen, die ihn erreicht hätten, als er zwischenzeitlich die führenden Köpfe der HFC-Ultragruppierung Saalefront namentlich auf Facebook an den Pranger stellte. "Ich kann das alles nicht beweisen, da hängen zu viele Leute mit drin", sagt Töller, "aber ich werde nicht nachgeben, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Nach anderthalb Jahren werde ich nicht den Deckel auf den ungeklärten Tod eines jungen Mannes legen, nur weil es manchen unbequem ist. Wir wollen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, um Klarheit zu haben, was wirklich passiert ist. Und wenn am Ende dabei herauskommt, dass niemand die Schuld trägt am Tod von Hannes, dann ist das eben so. Aber die Familie braucht ein sauberes Verfahren, um abschließen zu können und ihre Ruhe zu finden."

Das Ziel der Familie: "Man müsste einen externen Anwalt, der unabhängig von der Justiz in Sachsen-Anhalt ist und der sich auf die Wiederaufnahme von Verfahren spezialisiert hat, beauftragen. Aber da müsste man einen Etat von 20.000 bis 30.000 Euro haben", meint Wilhelm Töller. "Diese Mittel kriegen wir nicht zusammen." In den vergangenen Jahren wurde gesammelt, mehr als 5.000 Euro kamen durch Spenden von FCM-Fans zusammen und wurden von der Familie für laufende Anwaltskosten verwendet.

Der Verlust eines von ihnen hat die Fanszene des 1. FC Magdeburg zusammengeschweißt. Das Schicksal von Hannes hat das Denken verändert. "Alle sind enger zusammengerückt", berichtet Wilhelm Töller. "Block U ist zugänglicher geworden, ansprechbarer auch für die Normalos. Und auch unsere jungen Wilden setzen sich mittlerweile Grenzen."

Wie hat sich Wilhelm Töller verändert?

Ein Mann steht vor einem Fußballstadion 3 min
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Mo 16.04.2018 14:09Uhr 02:50 min

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Töller geht seit 2006 ins Stadion, kurz zuvor war er aus Bielefeld nach Magdeburg gezogen und hatte sich auf dem Petriförder in die Stadt verliebt – und schnell auch in ihren Fußballverein. Er ist nach Plauen, Meuselwitz und Neustrelitz gefahren. Am Ende der Saison 2011/2012 belegte der FCM in der Regionalliga den letzten Platz, stieg nur deshalb nicht ab, da die Liga reformiert wurde – in dieser dunklen Stunde wurde Wilhelm Töller Mitglied beim Club. "Damals haben mich alle für verrückt erklärt, in dieser Zeit einzutreten", sagt Töller "aber du musst deinen Verein doch unterstützen, wenn es ihm schlecht geht und nicht nur, wenn es gut läuft."

Magdeburg, Mitte April 2018: Der 1. FC Magdeburg hat gerade die Spitzenspiele gegen den Karlsruher SC und Wehen Wiesbaden gewonnen und den Zweitligaaufstieg damit so gut wie perfekt gemacht. Wilhelm Töller steht vor der MDCC-Arena an der Gedenkstelle für Hannes. Kerzen und Fotos erinnern hinter der Nordtribüne an den verstorbenen FCM-Fan. "Das ist mein Verein, das ist meine Stadt – hier lebe ich, hier liebe ich, hier sterbe ich. Solange ich stehen kann, werde ich hier für eine lückenlose Aufklärung und für den Seelenfrieden der Familie von Hannes kämpfen", sagt Wilhelm Töller, denn: "Ich habe damals mein Wort gegeben."

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Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2018, 11:45 Uhr

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12 Kommentare

26.04.2018 15:52 Wilhelm Toeller 12

zu dem Kommentar Kuschelkurs zu den Ultras.
wenn Sie genau hinsehen, gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Ultras und Hooligans... und genau dieser Unterschied macht es aus. Ultras sind Fan's.. Hooligans sind leite die diese Plattform zur Gewalt nutzen.
polemisch... mmmh... deutliche Worte und diese immer wieder , das ist mehr als Sinnvoll um diesen Ermittlungfehlern entgegen zu wirken.
es geht nicht wirklich um die Stadt Halle und deren Menschen, sondern um diese kriminelle Bereinigung der Saalefront, die Täter oder auch Mittäter.
es ist zu keinem Zeitpunkt zur Gewslt oder Rache aufgerufen worden,m es wurde immer wieder deutlich formuliert keine Gewalt.
aber die Täter dürgen keinrn Freibrief erhalten durch Vertuschung und Politik.
Wenn die Tatbeteilgten so sehr an ihrem Verein und Stadt hängen, würden sie sich stellen um schaden abzuwenden. aber nicht mal der Vetein hat es für nötig begunden auch nur ein wort des Beileid an die Eltern uu schicken.

25.04.2018 17:25 Kurti66 11

Wie richtig bemerkt geht es nicht gegen alle HFC Fans, sondern nur um die der Saalefront
Das sollte auch am Samstag so sein
Also zieht euch die Jacke nicht an, die nicht passt
Allen vernünftigen Fans aus Halle wünsche ich für das kommende alles gute

25.04.2018 17:06 BlauWeiß 10

Durch diesen Text sollte sich keiner angegriffen fühlen. Es stand auch da das einfach nur eine lückenlose Aufklärung gefordert wird, auch wenn es ein Unfall war. Kein Hallenser wurde dort als Mörder beschimpft, wäre sowas mit einem hfc Fan gewesen hätten die hfc fans genau das selbe gewollt. Für die Eltern ist es nun mal der Horror nicht zu wissen wie das ablief. Um richtig trauern zu können braucht man Klarheit und die fehlt ,weil der rechtsstaat das nich hinbekommt lückenlos aufzuklären. Traurig!