Maik Franz ANPASSUNG

Als Spieler warst du gefürchtet für deine Grätschen. Du wurdest geliebt für deine Sprüche. Plötzlich musst du als Verantwortlicher seriös sein. Du musst dich verändern ohne deine Persönlichkeit zu verlieren. Wie meisterst du diesen Spagat?

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Maik Franz
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Am liebsten wäre Maik Franz jetzt gerade wieder Iron Maik. Die Gesänge der FCM-Fans dröhnen aus dem Inneren des Stadions in sein Büro und lassen ihn schwärmen. Über 20.000 Zuschauer warten auf den Anpfiff des Ostduells gegen den FC Carl Zeiss Jena. "Jetzt sitzt du als Spieler in der Kabine, rückst die Schienbeinschoner zurecht, bist komplett für dich, es knistert, dann kommt der Trainer, dann bist du im Tunnel, dann gehst du da raus und dann geht hier der Punk ab", sagt Maik Franz und ist wieder der Bundesligaprofi, der Verteidiger, der Anführer – zumindest für einen Moment lang, zumindest in seinem Kopf. 

Kurz Stille, dann Realität: Maik Franz ist 36 Jahre alt. Maik Franz sitzt an seinem Schreibtisch im Erdgeschoss. Draußen steigt gleich das Heimspiel gegen Jena. Maik Franz trägt ein Jackett. An diesem Tag, dem 1. Oktober 2017, ist sein erster offizieller Arbeitstag als hauptamtlicher Assistent der Geschäftsführung beim 1. FC Magdeburg. "Naja, meine Spielerzeit war geil", sagt er, "aber ich bin jetzt nicht mehr Iron Maik." 

Als Spieler lebst du in den Tag hinein. Du hast Training und vielleicht noch ein, zwei Aufgaben wie Sponsorentermine. Das war's. Dein Leben wird fremdbestimmt.

Maik Franz und Ebbe Sand
Maik Franz (Mitte) als FCM-Profi im DFB-Pokal der Saison 2000/2001 gegen den FC Schalke 04 Bildrechte: IMAGO

Der "Mann aus Eisen" hat sich verändert. Früher war er dieses Arschloch, das sich 192 Begegnungen lang durch die Bundesliga grätschte. So betitelte ihn Mario Gomez vor zehn Jahren. Zuvor hatten sich beide auf dem Platz getroffen. Und dort, das gehörte zu seiner Identität als Fußballprofi, waren Maik Franz alle Mittel recht, um zu gewinnen. Er ging an Grenzen und überschritt sie. Maik Franz trat Gegenspieler und Stühle um. Maik Franz provozierte. Sein Verhalten auf dem Platz rechtfertigte sein Rüpel-Image.

Maik Franz, der Mensch, war nie ein Arschloch. Er spielte für Wolfsburg, Karlsruhe, Frankfurt und Berlin und wurde überall von den Fans geliebt. Weil er sich auf dem Platz zerriss und weil er sich abseits davon sympathisch war. Ein lockerer Typ mit dem Herz am rechten Fleck. "Maik war zu Beginn seiner Karriere ein bescheidener Bengel und ist es bis heute geblieben", sagt Eckhard Meyer über den heute 36-Jährigen. 

Meyer war Präsident des FCM, als Franz, gebürtig aus Merseburg und aufgewachsen in Langenstein im Harz, seine Profikarriere 1999 beim 1. FC Magdeburg startete. Seit zweieinhalb Jahren sehen sich die alten Weggefährten wieder öfter: Wenn Franz der Heimweg zu seinem Wohnort Berlin nach einem langen Tag zu weit wird, nächtigt er im Hotel "Zum Lindenweiler", das Meyer gehört. 

Wie hat sich Maik Franz verändert?

Ein Mann sitzt auf der Trainerbank im Stadion. 2 min
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Mi 25.04.2018 10:18Uhr 02:01 min

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Anfang 2015 musste Franz seine Karriere mit 33 Jahren schweren Herzens beenden. Das Knie war kaputt. Ein Jahr darauf begann sein Engagement beim FCM – und ein neues Leben. "Als Spieler lebst du in den Tag hinein. Du hast Training und vielleicht noch ein, zwei Aufgaben wie Sponsorentermine. Das war's", sagt Franz. "Ich bin keiner, der sagt, dass die Spieler nur La Paloma pfeifen, aber dein Alltag wird fremdbestimmt." Das änderte sich mit seiner neuen Aufgabe. Franz gibt zu: "Das war eine große Umstellung, alles so ablaufen zu lassen und so strukturiert zu arbeiten, um ein zuverlässiger Partner zu sein." 

Es gelang ihm. Maik Franz hängte sich rein. Seine größte Stärke? "Mein Wille, auch in dieser neuen Funktion jeden Tag mein Bestes zu geben, meine Einstellung zum Job", sagt er. "Als Spieler wollte ich immer gewinnen. Das kann ich jetzt zwar nicht mehr in meiner Position, aber ich kann immer mein Bestmöglichstes abliefern und damit meinen Teil dazu beitragen, dass wir erfolgreich sind. Ich kann dazulernen. Ich kann mich weiterbilden und immer besser werden."

Sein Gesicht hatte sich während der vorangegangenen Sätze verfestigt. Jetzt entspannt es sich wieder. Maik Franz lacht: "Tschakka! Habe ich gut gesagt, oder? War nicht auswendig gelernt. Ich kannte die Frage ja nicht."

Ich werde auch weiterhin meine Meinung sagen. Aber eine gewisse Anpassung ist erforderlich. Dazu gehört auch, dass du nicht immer die großen Parolen raushaust.

Zu Spielerzeiten war Maik Franz für seine Sprüche bekannt. Auf dem Platz scheute er auch verbal keine Konfrontation mit Gegenspielern. Die Journalisten mochten ihn für seine Statements fernab von Phrasen. Franz meint: "Ich bin ein kommunikativer Typ und im ersten Moment sehr offen." Als Spieler bescherte ihm das viele Freunde. Doch als Verantwortlicher trägst du die Verantwortung nicht nur für dich, sondern für den gesamten Verein. Du musst deine Worte mit Bedacht wählen, sie gezielt einsetzen. Deine Einschätzungen haben Gewicht.

Deshalb "musste ich lernen, mich zurückzunehmen", sagt Franz. "Meine ehrliche und offene Art habe ich beibehalten. Ich werde auch weiterhin meine Meinung sagen. Aber eine gewisse Anpassung ist erforderlich und dem verschließe ich mich auch nicht. Ich möchte mich weiterentwickeln und da gehört dazu, dass du ein Stück weit seriöser bist und nicht immer die großen Parolen raushaust."

Ich kann sehr viel von Mario lernen. Er ist sehr geradlinig, trifft Entscheidungen und steht dann dahinter. Da ist er brutal.

Gelernt hat Franz das auch von Mario Kallnik. Der Geschäftsführer des 1. FC Magdeburg ist sein Mentor. "Ich kann sehr viel von ihm lernen", sagt Maik Franz. "Er ist geradlinig, trifft Entscheidungen und steht dann dahinter. Da ist Mario brutal. Er hat da eine unglaubliche Energie und einen großen Erfahrungsschatz. Wir profitieren alle von seiner Strukturiertheit und Klarheit."

Das Engagement aller anderen ist auch Antrieb für den Ex-Profi Franz, denn: "Wenn ich sehe, wie Mario jede Woche eine Siebentagewoche hat. Wenn ich sehe, wie akribisch der Trainer von morgens bis abends arbeitet. Wenn ich sehe, wie alle im Verein vom Zeugwart bis zum Pressesprecher am Anschlag arbeiten, weil dieser Hunger da ist, den Verein aus Leidenschaft nach oben zu bringen. Wenn ich sehe, wie alle an einem Strang ziehen, bin ich einfach nur froh, hier zu sein."

Maik Franz ist beim FCM hauptsächlich für das Scouting und die Kaderplanung zuständig – seit dem 1. Oktober 2017 festangestellt. Sein Vorteil ist dabei sein großes Netzwerk. Er weiß, wen er anrufen muss, um Informationen über einen potenziellen Zugang einzuholen – und zwar bei nahezu jedem deutschen Verein. Ehemalige Mitspieler arbeiten mittlerweile in Führungspositionen, auch im Ausland. Das öffnete dem FCM bereits Türen in Tschechien, Georgien, den Niederlanden, England oder Spanien.

Und Franz pflegt sein Netzwerk. Er reist gerne. "Nicht um sagen zu können: 'Guck mal, ich war jetzt da oder da'", stellt er klar. Nein, "es geht darum, neue Eindrücke zu sammeln und die Kontakte zu pflegen. Wenn irgendwann der Tag X kommt, an dem wir uns auch mit anderen Spielern beschäftigen können, sollten wir vorbereitet sein." Der Tag X – das ist der Tag des Aufstiegs, der nun gekommen ist. Der Tag neuer Möglichkeiten.

Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

Ein Mann steht in einem Fußballstadion 1 min
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Mi 25.04.2018 11:22Uhr 01:26 min

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Anfang Juli 2017, Wesendorf: In dem niedersächsischen Ort bereitet sich der 1. FC Magdeburg auf seine dritte Drittligasaison vor. Nach zwei vierten Plätzen wird intern der Aufstieg als Ziel kommuniziert. Nach außen geben sich die Verantwortlichen zurückhaltend. Mittagsruhe zwischen zwei Trainingseinheiten. Maik Franz sitzt in der Sonne und spricht über den Kader. All das, was er sagt, ergibt Sinn. Hinter jedem Zugang steht eine Idee. Das große Ganze wirkt vielversprechend. Auch seine Sätze führen dazu, dass MDR SACHSEN-ANHALT wenige Tage später titelt: "Das ist eine Aufstiegsmannschaft!" Mit welcher Begeisterung, zugleich aber mit welchem Realismus der 36-Jährige über das Aufgebot spricht, beeindruckt.

Mitte April 2018, MDCC-Arena: Abgesehen von der Rolle des Mittelfeldzugangs Andreas Ludwig haben sich die Prophezeiungen des Kaderplaners damals in Wesendorf allesamt erfüllt. Zwei Tage später bejubelt der FCM nach einem Heimsieg gegen Köln den Zweitliga-Aufstieg. Maik Franz schaut hinüber zur Nordtribüne. "Wenn du das immer so siehst, was hier in jedem Heimspiel abgeht, dann will ich mich manchmal schon kurz auf den Platz beamen", sagt er. "Vor dem Block U ein Tackling setzen oder in der 80. Minute das entscheidende Tor einköpfen und sich dann feiern lassen, das wäre unbezahlbar."

Kurz Stille, dann Realität: Maik Franz trägt schon wieder ein Jackett. "Ich hatte jahrelang den Traumberuf als Fußballprofi, den sich hunderttausende Kinder wünschen", sagt der 36 Jahre alte zweifache Familienvater. "Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe das sehr genossen. Aber mittlerweile habe ich mit meiner Spielerkarriere abgeschlossen. Ich bin glücklich mit meiner neuen Aufgabe beim FCM." Er ist nicht mehr Iron Maik.

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Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2018, 19:23 Uhr

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