Nils Butzen BESCHEIDENHEIT

Du hast die dunklen Zeiten miterlebt. Jetzt bist du mit deinem Verein auf dem Weg nach oben. Was macht das mit dir als jungem Mann, wenn du mit dem Kicken plötzlich mehr Geld verdienst als deine alten Kumpels? Hebst du ab oder bleibst du dir treu?

von Daniel George, MDR-SACHSEN-ANHALT

Nils Butzen vom FCM
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Ein Kind nach dem anderen wirft eilig seinen Ranzen in die Ecke, an den Wänden hängen noch dieselben Bilder, auf den Tellern liegen Fischstäbchen mit Kartoffelbrei. Alles ist wie damals und doch ist alles anders. "Da hinten", sagt Nils Butzen, als er den Speisesaal der Sportschule Magdeburg betritt, "haben wir immer gesessen." Hinterste Ecke, letzter Tisch. Schön abgeschieden. Heute, sieben Jahre nach seinem Abschluss, dauert es nur fünf Minuten, nachdem er dort Platz genommen hat, bis zwei Mädchen vor ihm stehen. "Können wir bitte ein Foto machen?", fragen sie und Butzen lächelt. Natürlich können sie.

Aus Nils Butzen, dem Sportschüler, ist Nils Butzen, der Fußballprofi, geworden, aus dem großen Traum die Realität. Die Rückkehr an den Ort, wo alles begann, verdeutlicht ihm den Weg der vergangenen Jahre noch einmal. Jetzt, im Mai 2018, hat Butzen mit dem Zweitliga-Aufstieg seinen bisherigen Karrierehöhepunkt erreicht. "Wenn ich mir das alles nochmal so vor Augen führe, wie hier alles angefangen und sich dann entwickelt hat, ist das schon Wahnsinn", sagt er. "Früher haben wir hier an diesem Tisch alle von der Bundesliga geträumt und jetzt habe ich es wirklich geschafft." 

Wie hat sich Nils Butzen verändert?

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Di 15.05.2018 16:49Uhr 00:45 min

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Nils Butzen steht beim 1. FC Magdeburg beispielhaft für die Entwicklung eines jungen Fußballprofis auf dem Weg nach oben – mit all den Erfolgen, aber auch den Hürden und Versuchungen. "Ich bin in den letzten Jahren erwachsen geworden", sagt der 25-Jährige. "Ich lebe noch mehr für den Fußball als früher. Das ist meine Verpflichtung, denn ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt."

Fußball ist heute sein Job. Doch es gab Zeiten, da zweifelte Butzen daran, ob es wirklich klappen würde mit der Profikarriere. In der B-Jugend bewarb sich der Junge aus Mühlhausen in Thüringen über ein Formular im Internet beim FCM. Er wurde angenommen, schaffte 2011 den Sprung in den Männerbereich. Sein erster Vertrag? Reichte gerade so, um den Kühlschrank zu füllen. "Das war ein Tropfen auf den heißen Stein", erinnert er sich. "Meine Eltern mussten mich finanziell unterstützen."

Im April 2017, nach zwei Spielzeiten in Liga drei, unterschrieb der Rechtsaußen beim FCM einen Vertrag bis zum 30. Juni 2019. Als sicher gilt: Der Kontrakt wird eine Gehaltssteigerung im Aufstiegsfall beinhalten. Bereits so manche Drittliga-Profis verdienen niedrige fünfstellige Summen im Monat. In Liga zwei ist das Usus. Heißt, auch wenn Vertragsdetails im Einzelfall verborgen bleiben: Anders als früher kann Nils Butzen mittlerweile sehr gut leben von seinem Dasein als Fußball-Profi.  

Doch was macht das mit dir als jungem Mann, wenn du mit dem Kicken plötzlich mehr Geld verdienst als deine alten Kumpels, deine alten Trainer, deine alten Lehrer? Wenn dich plötzlich alle vergöttern, wenn alle deine Freunde sein wollen. Erliegst du den Versuchungen? Verlässt du deinen Weg? Hebst du ab?

Nils Butzen bei mitgereisten Fans
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Früher hat uns die ganze Stadt ausgelacht, weil wir den großen 1. FC Magdeburg lächerlich gemacht haben, weil wir selbst auf den Dörfern verloren haben. Jetzt spielen wir wieder in den großen Stadien. Die Fans tragen unsere Trikots wieder mit Stolz. Diese Entwicklung der vergangenen Jahre ist auch für mich eine große Genugtuung.

Jahrelang fuhr Nils Butzen einen alten VW-Passat. Auch noch zu Beginn der zweiten Drittliga-Saison, als er sich längst ein moderneres Auto hätte leisten können. Mittlerweile ist Butzen auf einen Sportwagen umgestiegen, einen BMW – geleast, zu VIP-Konditionen. "Wenn ich ein schönes Auto fahren kann, weil ich solche Vorteile als Fußballprofi habe, dann mache ich das", sagt der 25-Jährige. "Nach der Karriere, wenn ich 35 oder so bin, gibt es diese Vorteile nicht mehr, da ist so ein Auto verdammt teuer. Dann denke ich mir vielleicht: 'Hättest du dir das damals mal gegönnt und ein bisschen Spaß gehabt.' Ich verpulvere mein Geld ja nicht, lebe nicht in Saus und Braus, aber ich habe eine gute Lebensqualität. Du kannst dich ja auch tot sparen. Ich denke, ich finde da einen guten Mittelweg."

Jahrelange Wegbegleiter, alte Kumpels bestätigen: Nils Butzen ist Nils Butzen geblieben. Bescheiden. Bodenständig. "Butzi" eben. Denn die Vergangenheit hat ihn geprägt: "Ich habe hier ja auch schon eine richtige Scheißphase durchgemacht", sagt er mit starrem Blick. "Da hat es keinen interessiert, was aus mir wird. Da war ich einfach nur ein weiterer Jugendspieler, der irgendwann wieder hinten runterfällt. Deshalb weiß ich den Erfolg der letzten Jahre umso mehr zu schätzen. Ich weiß, dass es ganz schnell wieder nach unten gehen kann." 

In der Saison 2013/2014 kam Nils Butzen unter dem damaligen FCM-Trainer Andreas Petersen lediglich auf 30 Einsatzminuten insgesamt. Der damals 20-Jährige war gefrustet. Alles sah nach Abschied aus. Doch im Sommer 2014 übernahm Jens Härtel das Traineramt – und Butzen wurde sein Musterschüler. Butzen ist beim FCM inzwischen der Dienstälteste. Er stand in der vergangenen Aufstiegssaison so lange wie kein anderer FCM-Kicker auf dem Platz. Unter Jens Härtel gilt bislang: Butzen spielt immer. Und wenn Butzen spielt, überzeugt Butzen auch. Nach dem Aufstieg in die dritte Liga betrug sein Markwert 100.000 Euro – mittlerweile hat er sich vervierfacht.

Die Ansprüche sind größer geworden. "Wenn ich jetzt eine Leistung aus dem ersten Drittligajahr bringen würde, hätte ich das Gefühl, schlecht gespielt zu haben. Meine Erwartungen an mich sind viel höher. Und die der Fans an uns natürlich auch. Unsere Mannschaft ist qualitativ besser geworden. Spieler wie in dieser Saison Philip Türpitz oder im letzten Jahr Florian Kath wären zu Regionalligazeiten und auch während unseres ersten Drittligajahres nicht zu uns gekommen. Aber jetzt kommen die Spieler hierher, weil sie wissen, dass der FCM ein geiler Verein ist."

Nach dem Karriereende von Marius Sowislo ist Nils Butzen neben Torjäger Christian Beck ein aussichtsreicher Kandidat für das Kapitänsamt. Und er will vorangehen, Verantwortung übernehmen. Als einer von denen, die noch zum alten Kern des Teams gehören: Christopher Handke, Nico Hammann, Tarek Chahed, Butzen und Beck kickten bereits in der Regionalliga für den FCM und werden in der kommenden Spielzeit zum Zweitliga-Aufgebot gehören. Mit Jan Glinker, Felix Schiller und Sowislo verlassen drei alte Helden den Verein nach dem zweiten Aufstieg innerhalb von vier Spielzeiten.

"Es ist sehr respektabel, dass so viele den Weg von der Regionalliga bis in die zweite Liga mitgegangen sind", meint Butzen. "Zum einen liegt das daran, dass wir das Spielsystem gewohnt sind und so vielleicht immer noch einen kleinen Vorteil haben. Aber in erster Linie hat sich jeder Einzelne durch harte Arbeit in den letzten drei Jahren weiterentwickelt."

Nach dem Zweitliga-Aufstieg hat Nils Butzen eine Fotomontage auf Instagram gepostet. Mehr als 10.000 Fans folgen ihm dort. Sie sahen zwei Bilder. Eines aus der Vergangenheit und eines aus der Gegenwart: Zum einen Nils Butzen bei seinem Regionalliga-Debüt für den 1. FC Magdeburg 2012 gegen den Berliner AK, dessen Trainer damals übrigens Jens Härtel hieß. Zum anderen Nils Butzen sechs Jahre später während der Feier zum Zweitliga-Aufstieg auf dem Rasen der MDCC-Arena. Ein Kommentar darunter: "Bist zum Mann geworden."

Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

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Fr 11.05.2018 14:22Uhr 00:15 min

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Nils Butzen steht im Erdgeschoss der Sportschule und schaut auf die Ehrentafel. Gesichter früherer Absolventen wie der 1974er-Legende Martin Hoffmann, des Bundesligaprofis Marcel Schmelzer oder des heutigen FCM-Kaderplaners Maik Franz erstrahlen dort. Butzen fehlt. Trotz zweier Aufstiege. Obwohl er von hier kommt. Doch das stört ihn nicht. "Meine Reise ist ja noch nicht vorbei", sagt er. "Damals haben wir hier ja immer von der ersten Bundesliga und der Champions League geträumt."

Nils Butzen lacht. Das war ein Spaß. Natürlich. Er ist Realist geblieben. Er hat für den Weg in die zweite Liga hart gearbeitet. Sonst stünde er jetzt nicht hier. Sonst wäre seine Rückkehr an den Ort, wo alles begann, keine Erfolgsgeschichte. "Es ist schon Wahnsinn", sagt er, "wie einfach wir uns das damals alles vorgestellt haben."

Ein paar Kinder kicken auf dem Schulhof. Sie träumen von der großen Karriere als Fußballprofi. Der Ball fliegt über den Zaun. Nils Butzen steht auf dem Parkplatz und schießt ihn zurück. Er steigt in sein Auto und fährt zum Training. Alles ist wie damals und doch ist alles anders.

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Quelle: MDR/dg

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2018, 17:54 Uhr

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1 Kommentar

17.05.2018 15:41 MLink-Berlin 1

Ein feiner Kerl!!!

Hoffe er kann das Leistungsniveau in der 2. Liga halten und uns weiter begeistern!!!

Wünsch ihm für seine weitere Laufbahn viel Erfolg :-)