Jens Härtel AKRIBIE

Du hast einen abgestürzten Traditionsverein wieder nach oben geführt. Die Fans vergleichen dich mit ihrer größten Ikone. Du bist ein eigener Typ. Warum passt du als Trainer so gut zu dem Klub?

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Es ist Anfang Mai, und Jens Härtel könnte stolz auf sich sein. Der 1. FC Magdeburg ist aufgestiegen – und sein Trainer hat den Legenden-Thron erklommen. "Heinz, wir haben da jemanden in Magdeburg auf dem Stuhl sitzen, auf den du dich verlassen kannst – wir grüßen dich aus der zweiten Division", erklären die Anhänger nach dem letzten Heimspiel der Saison auf einem Banner. Härtel verbeugt sich im Anschluss vor dem "Block U". Ganz allein steht er dort. Das macht er sonst nie. Er findet, das ist ein Privileg der Spieler. Doch nach dem Vergleich mit Club-Ikone Heinz Krügel will er einfach nur Danke sagen bei den Fans – denn es ist sein Ritterschlag.

Wenige Tage später steht der Mann mit den breiten Schultern und der großen Last darauf in einer VIP-Loge der MDCC-Arena und soll ein Fernsehinterview zur Aufstiegssaison geben. Die aufwendige Technik muss aufgebaut werden – und Jens Härtel muss warten. Jens Härtel mag es nicht zu warten. Er schnauft mehrfach tief durch. Jeder im Raum spürt: Er würde gerade lieber arbeiten. Das letzte Saisonspiel und das Landespokalfinale stehen zu diesem Zeitpunkt noch an. Und diesen Auftritt hier, sich selbst im Fokus der Kamera, braucht der 49-Jährige nicht, um glücklich zu sein.

Ob er stolz auf sich sei, wird er dann im Interview gefragt. "Stolz, mit diesem Wort kann ich nicht so viel anfangen", sagt er, "aber ich bin zufrieden." Vier Jahre in Magdeburg, drei Jahre dritte Liga, zwei Aufstiege – Jens Härtel und der FCM, das ist eine Erfolgsgeschichte. Der gebürtige Sachse weiß das, würde es so aber nie sagen. Jens Härtel ist bescheiden. Jens Härtel ist realistisch. Für ihn gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern auch grau.

Sportkommentator Marcel Reif habe früher einmal einen klugen Satz geprägt, erinnert er sich: "Geschichten werden im Fußball immer von hinten erzählt. Wenn das Ergebnis feststeht, wenn die Saison zu Ende ist. Dann wissen immer alle, was gut oder schlecht war. Aber wir Trainer müssen es vorher wissen." Und er hat es in den vergangenen Jahren fast immer gewusst. Doch über sich und seine Erfolge sprechen? "Das fällt mir schwer." Wie er sich verändert hat? "Das müssen andere beantworten." Also erzählen diese Geschichte über Jens Härtel andere – und sie fangen von vorne an.

Wie hat sich Jens Härtel verändert?

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Fr 11.05.2018 14:24Uhr 00:25 min

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Es ist Juni 2018, und Günter Neumann steht dort, wo die Trainerkarriere von Jens Härtel einst begann: an einem Schreibtisch in einem Autohaus. 2003 hatte sich Härtel, der ehemalige Abwehrspieler des 1. FC Union Berlin, dazu entschlossen, seine aktive Karriere beim Verbandsligisten SV Germania 90 Schöneiche ausklingen zu lassen. Neumann ist damals Sponsor bei Union und Präsident des SV Germania. Regelmäßig lockt er altgediente Union-Kicker ins beschauliche Schöneiche – auch Paderborns Aufstiegstrainer Steffen Baumgart zum Beispiel. "Geld regiert die Welt", weiß Neumann, "du kannst dir eine Mannschaft zusammenkaufen, auch im kleinen Bereich." Der größte Erfolg seiner Zeit in Schöneiche: eine knappe 1:2-Pleite im August 2004 in Runde eins des DFB-Pokals gegen den TSV 1860 München.   

2005 macht Neumann Jens Härtel zum Cheftrainer von Schöneiche. Knieprobleme hatten Härtel ohnehin zum Ende seiner Spielerlaufbahn gezwungen. Dreimal pro Woche steht er fortan abends als Chef auf dem Trainingsplatz. Am Ende seiner Debütsaison steigt Härtel mit Germania von der Verbands- in die Oberliga auf. Tagsüber arbeitet er in Neumanns Autohaus. Seine kaufmännische Ausbildung schließt er mit "sieben Einsern und einer Zwei" ab, erinnert sich Günter Neumann noch genau. "Wenn Jens etwas gemacht hat, dann schon damals nur mit einhundert Prozent."  

Neumann hat auch andere Geschichten zu erzählen. Die eine zum Beispiel, wie ihn der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes Gerhard Mayer-Vorfelder bei einem Box-Kampf mit Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß verwechselt habe. Oder die andere, wie er den Klitschko-Brüdern die Hand geschüttelt und sie seitdem nicht mehr gewaschen habe.

Box-Trainerlegende Fritz Sdunek sei ein guter Freund von ihm gewesen, sagt Neumann. Und bei solchen Kampfveranstaltungen sitzt nun einmal auch die Fußballprominenz gern in der ersten Reihe. Neumann kennt das Fußballgeschäft und das Leben mit all seinen Schattenseiten. Er spricht von namhaften Ex-Profis, die ihr Geld verzockt hätten, von hoffnungsvollen Talenten, die dem Alkohol verfallen seien. Er spricht von einem Trainer, der Mietnomade gewesen sei und von nächtlichen Kreditanfragen ehemaliger Profis beim Kartenspielen in seiner früheren Villa. Ein Schattenkapitel in Neumanns eigenem Leben: Er wurde erst 2017 wegen Geldwäsche in Tateinheit mit Beihilfe zur unerlaubten Einfuhr von Betäubungsmitteln verurteilt.

Doch zwischen all diese dunklen Episoden passt ein Name nicht: Jens Härtel. "Der netteste Sachse, den ich je kennengelernt habe", sagt Günter Neumann. "Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was für ein anständiger Kerl das ist. 100.000 Menschen von seiner Sorte müsste es auf der Welt geben, dann würde es uns allen besser gehen." 

Jens hat so eine innere Ausgeglichenheit, so eine Gelassenheit. Die findet er bei seiner Familie. Da gibt es nie Spektakel. Das sind alles total angenehme und wohl erzogene Menschen. Er kann sich wirklich zu einhundert Prozent auf seine Arbeit konzentrieren.

Ex-Schöneiche-Präsident Günter Neumann

Neumanns Schwärmen kommt von Herzen. Viereinhalb Jahre arbeitet Härtel damals im Autohaus des 67-Jährigen als Disponent – ein eintöniger Schreibtischjob weit weg von den großen Emotionen des Trainerdaseins am Spielfeldrand. Doch Härtel weiß eben nicht, ob es klappen wird mit der Karriere als Fußballlehrer. "Er war immer ein hochintelligenter Junge, der weiter gedacht hat, der vorgesorgt hat", sagt Neumann. "Bescheidenheit zeichnet ihn aus." So legt sich der Familienvater mit seiner Frau und den zwei Söhnen ein "kleines, bescheidenes Haus" im brandenburgischen Michendorf zu, erzählt Neumann, "obwohl er sich mehr hätte leisten können", doch: "Das ist genau der richtige Weg. Es gibt so viele Ex-Spieler, die ganz oben waren und viel verdient haben, aber dann nur Mist gemacht haben. Jens hat seine Kohle immer zusammengehalten."      

Und er hat schon damals Erfolg als Trainer. Nach dem Oberliga-Aufstieg hält Schöneiche in der folgenden Saison die Klasse. "Akribie und Ehrlichkeit haben ihn immer ausgezeichnet", sagt Neumann "und diese Ruhe, die er als Trainer ausstrahlt." Das habe er auch in den vergangenen Jahren beim 1. FC Magdeburg beibehalten, sagt Neumann. Obwohl der Druck und die Erwartungen immer größer wurden. Für Neumann kein Wunder, denn: "Jens hat so eine innere Ausgeglichenheit, so eine Gelassenheit. Die findet er bei seiner Familie. Da gibt es nie Spektakel. Das sind alles total angenehme und wohl erzogene Menschen. Er kann sich wirklich zu einhundert Prozent auf seine Arbeit konzentrieren." 

Für Günter Neumann steht fest: "Jens passt wie die Faust aufs Auge zum Mythos Magdeburg. Er identifiziert sich wirklich mit dem Verein. Ich kann mir da keinen anderen Trainer vorstellen." Und: "Ich behaupte, wir sehen den Jens noch einmal in der ersten Bundesliga." Etwa mit dem 1. FC Magdeburg? Neumann, die Berliner Schnauze, meint: "Machdeburch jehört da hin!"  

Jetzt sitzt Günter Neumann dort, wo damals das Abschiedsgespräch zwischen ihm und Härtel stattfand: im zweiten Stock des Autohauses, neben der Kaffeemaschine. Im Sommer 2007 eröffnet Härtel seinem damaligen Chef und Präsidenten, dass ihm ein Angebot als Co-Trainer beim SV Babelsberg vorliegt. Ob er ihn denn gehen ließe, wollte Härtel wissen. "Jens, jetzt gib mir mal die Hand“, hätte Neumann gesagt. "Du bist schwer zu entbehren, aber der Fußball geht vor. Soll ich jetzt etwa nein sagen? Hau schon ab!" Denn: "Den Jens, den kannst du doch einfach nur gern haben. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt!"

Wie hat sich der 1. FC Magdeburg verändert?

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Fr 11.05.2018 14:24Uhr 00:44 min

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Die Fußballsaison 2017/2018 neigt sich ihrem Ende entgegen, und Dietmar Demuth steht auf dem Weg zum Training mal wieder auf der Autobahn im Stau. Zeit, um sich am Telefon an das gemeinsame Schaffen mit Jens Härtel zu erinnern. Demuth, heute 63 Jahre alt und zuletzt Trainer des Regionalligisten Chemie Leipzig, war der Chef von Co-Trainer Härtel beim SV Babelsberg. Von 2007 bis 2011 arbeiten beide dort zusammen. Sie feiern 2010 den Aufstieg in die dritte Liga. Demuth, der Freigeist, und Härtel, der Disziplinierte, ergänzen sich. An die Akribie, mit der Härtel zu Werke geht, erinnert sich Demuth noch genau: "Ich habe meinen Co-Trainern immer viele Entfaltungsmöglichkeiten gewährt. Sie durften auch mal das Training leiten, ich habe ihnen dann nicht viel vorgeschrieben. Ich konnte ihm die Mannschaft bedenkenlos überlassen. Für mich war schon damals klar, dass er seinen Weg gehen wird." 

Und auch im Gespräch mit Demuth fällt als Erstes wieder dieses eine Adjektiv, um Jens Härtel zu beschreiben: "Er ist ein akribischer Arbeiter", sagt der 63-Jährige. "Natürlich könnte er ein bisschen lockerer sein, aber so ist er eben. Es ist ja nicht so, dass er zum Lachen in den Keller geht. Jens ist eben einfach eher der sachliche Typ." Demuth nennt ein Beispiel aus der Babelsberger Zeit: "Ich kam immer auf den letzten Drücker zu den Spielen. Jens war natürlich immer schon eine halbe Stunde vor dem eigentlich vereinbarten Zeitpunkt da. Wenn ich dann etwas spät kam, war das schon lustig zu sehen, wie sauer er immer war. Da habe ich dann demonstrativ noch eine Zigarettenpause eingelegt, um ihn ein bisschen zu ärgern." 

So unterschiedlich sie als Typen auch sind: Härtel lernt viel von Demuth. Zum Beispiel, nicht alle Entscheidungen aus reiner Vernunft zu treffen. "Wenn du zwei gleich starke Spieler hast, dann musst du manchmal auf dein Bauchgefühl vertrauen", sagt Demuth. "Im Fußballgeschäft gibt es so viele Unwägbarkeiten. Du kannst nicht alles beeinflussen."

Jens Härtel will allerdings so viel beeinflussen, wie möglich. Er arbeitet so hart, damit ihm niemand vorwerfen kann – damit er sich vor allem selbst später nicht vorwerfen muss – nicht alles für den Erfolg getan zu haben. Er ist ein Perfektionist. Ehrlich und authentisch. So hat er auch bei seinen weiteren Stationen beim Berliner AK und der U 19 von RB Leipzig großen Erfolg. "Jens Härtel steht für Geradlinigkeit", sagt Dietmar Demuth, "als Fußballtrainer und als Mensch."   

Dietmar Demuth Babelsberg und Jens Haertel von Potsdam Babelsberg
Dietmar Demuth war der Mentor von Jens Härtel in Babelsberg. Bildrechte: IMAGO

Jens Härtel steht für Geradlinigkeit – als Fußballtrainer und als Mensch.

Ex-Babelsberg-Coach Dietmar Demuth

Jens Härtel hat seine Linie in den vergangenen Jahren auch beim 1. FC Magdeburg konsequent durchgezogen. Das fängt bei seiner Spielidee an: Der FCM arbeitet Fußball, denn das passt in die Arbeiterstadt. Und er arbeitet Fußball in alle Richtungen. Das heißt für Offensivspieler: auch nach hinten. Der gebürtige Rochlitzer hat einmal gesagt: "Mir ist nie etwas leicht gefallen, mir hat nie jemand etwas auf dem Silbertablett serviert - weder als Spieler, noch als Trainer. Ich musste mir alles hart erarbeiten. Und dafür stehe ich."

Und wer seinem Mantra der erbarmungslosen Balleroberung nicht folgt, wird aussortiert. Da geht Härtels strikte Linie weiter. In drei Jahren dritte Liga benötigen fast alle Zugänge reichlich Zeit, um sich an das System Härtel zu gewöhnen. Doch eine faire Chance, die Möglichkeit, sich über das Training zu empfehlen, hat unter Härtels Regie in Magdeburg bislang jeder Profi erhalten. 

Aus Mannschaftskreisen war in den vergangenen Jahren trotzdem ab und an zu hören, dass die Kommunikation mit manchen Reservisten bei Jens Härtel noch zu wünschen übrig ließe. Aufstiegs-Keeper Jan Glinker, der zwischenzeitlich von seinem Trainer zur Nummer zwei degradiert worden war, bestätigt das: "Er ist ein sehr guter Trainer, und hat uns seine Idee vom Spiel immer sehr gut vermittelt. Aber beim Zwischenmenschlichen gibt es noch etwas Verbesserungsbedarf. Da gibt es Trainer, die sind offener und reden mehr mit den Spielern. Meine Einzelgespräche mit ihm in den vier Jahren kann ich an einer Hand abzählen. Da hätte ich mir schon gewünscht, dass da noch mehr gekommen wäre. Da gab es auch innerhalb der Mannschaft immer mal wieder Kritik an ihm. Desto höher du kommst, desto schwieriger die Charaktere vielleicht auch werden, umso größer wird die Herausforderung für ihn, das zu managen. Aber er weiß das ja und versucht, daran zu arbeiten. Im Endeffekt kannst du ihm auch keinen Vorwurf machen, denn der Erfolg gibt ihm Recht."   

Jens Härtel und Jan Glinker vom 1. FC Magdeburg
Ex-FCM-Keeper Jan Glinker hätte sich mehr Kommunikation von Jens Härtel gewünscht. Bildrechte: IMAGO

Es gibt Trainer, die offener sind und mehr mit den Spielern reden. Desto höher du kommst, desto schwieriger die Charaktere vielleicht auch werden, umso größer wird die Herausforderung für ihn, das zu managen.

Ex-FCM-Keeper Jan Glinker

Nach zwei vierten Plätzen stellt der FCM seinen Kader im Sommer 2017 breiter und ausgeglichener auf, um auf Ausfälle besser reagieren zu können, um den Druck auf die Etablierten zu erhöhen. Intern wird der Aufstieg als Ziel ausgegeben. Eine der größten Fragen auch bei den Verantwortlichen aber lautet: Wird Jens Härtel, der manchmal etwas in sich gekehrt wirkt, den Konkurrenzkampf moderieren und alle bei Laune halten können? 

Er kann. Er spricht mehr mit seinen Spielern, bezieht auch sein Trainerteam mit ein, um seine Spieler zu stärken. Und er führt entscheidende Gespräche. Bestes Beispiel: Philip Türpitz. Nach tollem Saisonstart durchlebt der Offensivmann Mitte der Spielzeit eine schwere Phase. Doch dann sorgt ein Vieraugen-Gespräch mit dem Trainer für die Wende: "Er hat mich in sein Büro geholt und mir erklärt, wie ich in der Defensive zu arbeiten habe, dass ihm das gerade nicht gefällt, dass er weiß, dass ich es besser kann. Da war ich froh, dass er mit mir gesprochen hat. Er hat mir damit sehr geholfen." Im Saisonendspurt ist Türpitz dann der entscheidende Mann – auch dank der Worte von Jens Härtel. "Er ist sehr akribisch, ein richtiger Arbeiter", beschreibt Türpitz seinen Chef. "Er lebt für den Fußball und lässt sich auch immer etwas einfallen, hat uns taktisch immer auch während der Spiele sehr flexibel ein- und umgestellt. Er ist sehr kritisch mit uns, aber das ist am Ende ja nur positiv, weil wir dadurch alle besser werden."

Jens Härtel und Philip Türpitz
Ein Gespräch mit Jens Härtel entfachte bei FCM-Topscorer Philip Tüpitz neue Leidenschaft. Bildrechte: imago/Jan Huebner

Er ist sehr kritisch mit uns, aber das ist am Ende ja nur positiv, weil wir dadurch alle besser werden.

FCM-Topscorer Philip Türpitz

Einer, der Jens Härtel und seine Art mit am besten kennt, ist Nils Butzen. Der Dienstälteste beim FCM hat sich zum Musterschüler des Fußballlehrers entwickelt. Unter Härtel wird der Verteidiger vom Vergessenen zum Anführer. "Akribisch ist das erste Wort, was mir einfällt, wenn es um Jens Härtel geht", sagt auch Butzen. "Er sucht das Haar in der Suppe, ist sehr penibel, ein Perfektionist durch und durch." Das werde immer wieder auch in den Videoauswertungen deutlich: Härtel zeige Fehler gnadenlos auf. Und wer mehrere Fehler in einem Spiel gemacht hat, ist eben öfter auf der Leinwand zu sehen. "Das ist dann schon doof für denjenigen, aber der Trainer meint es ja nicht böse. Er will einfach nur, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt." Und genau das ist unter ihm geschehen. "Wenn Jens Härtel nicht hier wäre", meint Butzen, "dann wäre der Weg des FCM in den vergangenen Jahren nicht so erfolgreich verlaufen – und mein eigener Weg auch nicht." 

Und die Einzelgespräche? "Wenn er nicht mit dir redet, dann ist das das Beste, was dir passieren kann", meint Butzen. "Dann hat er nicht viel zu kritisieren. Wenn er aber auf dich zukommt, dann hast du meistens ein schlechtes Spiel gemacht. Ich muss auch nicht jede Woche unter vier Augen mit dem Trainer sprechen. Jeder weiß doch, was er zu tun hat." Und die Lockerheit? "Er ist so, wie er ist, und warum sollte man etwas ändern, was funktioniert?", sagt Butzen und meint: "Er ist ja auch schon lockerer geworden. Als er hier angefangen hat, war er wirklich sehr verbissen. Mittlerweile ist er offener, weil er gemerkt hat, dass er uns, gerade dem älteren Stamm an Spielern, vertrauen kann." 

Deshalb lächelt Jens Härtel in den letzten Saisonwochen immer öfter. Deswegen macht er im Mannschaftsverbund auch mal einen lustigen Spruch. Butzen weiß: "Diese Saison hat ihn auch nicht kalt gelassen. Er malt sich ja immer, in jeder einzelnen Spielsituation das Worst-Case-Szenario aus und versucht, Lösungen zu finden. Er will alles perfekt haben. Das ist auf Dauer unheimlich anstrengend. Durch unseren Erfolg ist auch von ihm jetzt erstmal eine große Last abgefallen."  

Trainer Jens Härtel und Nils Butzen (1. FC Magdeburg)
FCM-Urgestein Nils Butzen hat sich zum Musterschüler von Jens Härtel entwickelt. Bildrechte: IMAGO

Wenn Jens Härtel nicht hier wäre, dann wäre der Weg des FCM in den vergangenen Jahren nicht so erfolgreich verlaufen – und mein eigener Weg auch nicht.

FCM-Urgestein Nils Butzen

Anfang Mai 2018, MDCC-Arena, das Fernsehinterview: Im größten Erfolg seiner Trainerlaufbahn denkt Jens Härtel bereits an die nächsten Herausforderungen. "Wir waren zuletzt so stark, weil wir aus den ersten beiden Drittligajahren gelernt haben und vor allem als Mannschaft und Trainerteam geschlossen an unser Ziel und unsere Arbeit geglaubt haben. Nur so kannst du die Wiederstände von außen und innen, die sich immer wieder auftürmen, aus dem Weg räumen. Das hat die Mannschaft richtig gut gemacht, das müssen wir uns beibehalten", sagt der Fußballlehrer. "Außerdem sind unsere Fans ein Alleinstellungsmerkmal. Wir brauchen diese überragende Stimmung, sie kann ein Faustpfand für uns sein in der zweiten Bundesliga, wo wir zwar ein kleines Licht sein werden, aber trotzdem leuchten wollen."  

Nochmal die Nachfrage: Wie groß ist denn nun sein Anteil am Erfolg? Ist er nicht doch ein bisschen stolz? Nein, der bescheidene Härtel wiegelt wieder ab: "Ich bin wirklich nur ein Teil davon. Dazu gehören viele andere Menschen, von jedem einzelnen Spieler über die Verantwortlichen bis hin zu den Mitarbeitern in der Geschäftsstelle, die diesen Verein erst in die Lage versetzt haben, das so zu erreichen." Wieder schnauft Jens Härtel durch. Doch diesmal lächelt er dabei. "Ich bin einfach nur dankbar", sagt der gläubige Christ, "dass ich hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort war."

Daniel George
Daniel George Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autoren: Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC. Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine wunderschöne Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet - als Sport- und Social-Media-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

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Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2018, 08:10 Uhr

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2 Kommentare

18.06.2018 10:00 HKS Dauerkarte Block 1 2

Danke nochmal für "Das große Jens Härtel- Interview" in "Neues vom Krügelplatz" während der Winterpause. Hätte ihm auch gern noch eine Stunde länger zuhören können. Egal wie die nächste Saison läuft, die wichtigste Entscheidung ist wohl die Vertragsverlängerung des Trainers.

17.06.2018 16:41 Peter 1

Jens Härtel ist in der 2. Liga als Trainer total unterfordert.
Trainerstelle bei RB ist noch immer vakant. Dafür wäre er der Richtige. War ja auch schon mal da.