Der FC Rot Weiss Erfurt übergibt einen Kranz für den verstorbenen Fan Hannes an die Fans vom 1. FC Magdeburg
Der Tod des Fans Hannes hat in der Fangemeinde des 1. FC Magdeburg tiefe Trauer ausgelöst. Bildrechte: IMAGO

Einstellung der Ermittlungen Fragen und Antworten zum Fall Hannes

Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen nach dem Tod des FCM-Fans Hannes eingestellt. Viele Nutzer von MDR SACHSEN-ANHALT können dies nicht verstehen. In den sozialen Netzwerken wurde heftige Kritik an der Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft laut. Jürgen Renz ist Fachanwalt für Strafrecht. Er beantwortet die meistgestellten Fragen der Nutzer von MDR SACHSEN-ANHALT.

Der FC Rot Weiss Erfurt übergibt einen Kranz für den verstorbenen Fan Hannes an die Fans vom 1. FC Magdeburg
Der Tod des Fans Hannes hat in der Fangemeinde des 1. FC Magdeburg tiefe Trauer ausgelöst. Bildrechte: IMAGO

"Die Staatsanwaltschaft hat wichtige Fragen nicht beantwortet, wie kann man da jetzt die Ermittlungen einstellen?"

Eine objektive Beurteilung der Sach- und Rechtslage ist nur den Beteiligten am Strafverfahren möglich, die einen Anspruch auf Einsicht in die Akte der Staatsanwaltschaft haben. Mit Hilfe eines Anwalts können sich zum Beispiel die Eltern von Hannes die Akte besorgen und ein vollständiges Bild darüber bekommen, was die Ermittlungsbehörden getan oder nicht getan haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat diese nicht nur die Leiche des Opfers obduzieren lassen, um die Todesursache zu klären, sondern es wurden darüber hinaus 40 bis 50 Zeugen befragt. Ob damit alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind, kann erst nach vollständiger Akteneinsicht eingeschätzt werden.

Jürgen Renz
Anwalt Jürgen Renz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei Dinge sind aber auch klar: Die Eltern von Hannes könnten gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde einlegen und so weitere Ermittlungen erzwingen. Selbst wenn die Beschwerde nicht eingelegt werden würde, ist die Einstellung nicht das letzte Wort. Das Verfahren kann von der Staatsanwaltschaft jederzeit wieder aufgenommen werden, wenn es dazu Anlass gibt.

"HFC-Fans haben sich in den Befragungen offenbar gegenseitig gedeckt. Was nützen dann solche Befragungen von Augenzeugen?"

Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben auch unbeteiligte Passagiere sowie die Begleiter von Hannes befragt. Vor einer Entscheidung der Staatsanwaltschaft muss eine umfassende Würdigung aller bis dato bekannten Beweismittel erfolgen und diese müssen gegeneinander abgewogen werden.

"Warum können nicht alle HFC-Fans, die in dem Zug saßen, kollektiv wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden?"

Wegen unterlassener Hilfeleistung macht sich jemand strafbar, der mögliche und zumutbare Hilfe für einen Menschen unterlässt. Dafür kann aber nur der Einzelne verantwortlich gemacht werden und nicht eine Gruppe insgesamt. Unser Rechtssystem kennt keine Kollektivstrafen, sondern nur die individuelle Verantwortung.

"Schützt der Staat eher die Täter als die Opfer?"

Die Strafprozessordnung kennt umfassende Regelungen zum Schutz der Opfer von Straftaten: das Recht zur Nebenklage, das Recht auf Zeugenbeistand, das Recht auf Akteneinsicht bis hin zur staatlichen Finanzierung der Anwaltskosten. Ebenso haben Opfer schwerwiegender Straftaten in Gerichtsverfahren die Möglichkeit, mit oder ohne Anwalt an den Verhandlungen teilzunehmen. Sie können Zeugen befragen oder eigene Beweisanträge stellen. Diese Rechte stehen auch Angehörigen von getöteten Opfern zu.

"Durch verbale Gewalt kann Hannes in Panik verfallen sein und dann gehandelt haben, wie er es tat. Kann die verbale Gewalt als Auslöser nicht Grundlage einer Verurteilung sein?"

Gewalt ist stets strafbar. Auch verbale Gewalt wie Beschimpfungen und Bedrohungen kann strafrechtlich verfolgt werden. Dies gilt umso mehr, wenn die Beschimpfungen und Bedrohungen den Sturz aus dem fahrenden Zug verursacht haben sollen. Soweit die Theorie, die Fakten müssen aber auch bewiesen werden. Die Staatsanwaltschaft hat hier einen solchen Ursachenzusammenhang verneint.

"Eine Staatsanwaltschaft ist doch nichts wert, wenn Tätern nichts nachgewiesen werden kann, es sei denn, es gibt ein Geständnis?"

Tatsächlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen. Dazwischen liegt eine lange Strecke, viele Beweismittel müssen geprüft werden, ehe feststeht, ob der Antragssteller, der auf sein Recht pocht, dieses auch bekommt.

Es gibt zahllose Beispiele von Straftätern, die ohne Geständnis überführt worden sind, weil die anderen Beweismitteln ausreichend waren. Auch wenn der Tatnachweis durch die Staatsanwaltschaft nicht immer geführt werden kann, gibt es zu der Behörde keine Alternative. Ich möchte mir nicht ausdenken, welche Zustände hierzulande herrschen würden, wenn die Leute "ihr Recht" selbst in die Hand nähmen und ihren Emotionen freien Lauf ließen. Das sollten wir besser einer Behörde überlassen, die möglichst objektiv und nüchtern an die Sache herangeht.

Das ist Jürgen Renz Jürgen Renz ist Fachanwalt für Strafrecht. Er arbeitet für die Kanzlei Leichthammer, Scheckel, Breil & Partner in Chemnitz. Seine Schwerpunkte sind Wirtschaftsstrafrecht und Allgemeines Strafrecht.

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2017, 17:57 Uhr

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6 Kommentare

23.03.2017 05:24 Zweifler 6

Die Frage muss sich gestellt werden.. Gab es nun Zeugen, die den “Sprung“ gesehen haben oder hat man sich nur für eine von verschiedenen Varianten des Tathergangs entschieden? Wenn es Zeugen hab.. Warum wurde das nicht so kommuniziert?

22.03.2017 12:41 Tommi 5

Da kann man Gladius nur recht geben, falsch parken und Steuerabgaben an den Staat nicht ordnungsgemäß zahlen da wird ermittelt bis Blut kommt und unverhältnismäßig bestraft. Rechtsstaat?

22.03.2017 12:27 Deutsche Zustände 4

"Eine objektive Beurteilung der Sach- und Rechtslage ist nur den Beteiligten am Strafverfahren möglich, die einen Anspruch auf Einsicht in die Akte der Staatsanwaltschaft haben."

Wobei die Akten der StA lediglich den Ermittlungsstand wiedergeben; ist schlampig, nachlässig oder nicht besonders intensiv ermittelt worden, bilden die Akten auch nur ab, was aus solchen "Ermittlungen" dann eben herauskommt.
Das jetzt publizierte angebliche Geschehen ist absolut unglaubwürdig. Wer jemals beruflich mit dem "Benehmen" solcher Zuginsassen im Kontext sog. "Fussballfans" zu tun hatte, weiss, das die Geschichte mit Sicherheit nicht so abgelaufen ist, wie sie die StA jetzt als ermittelt darstellt. Den Waggoninsassen darf ich noch meine herzliche Verachtung ausdrücken und den Hinterbliebenen des Opfers mein Mitgefühl.

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