Fragen und Antworten Welche Auswirkungen die steigenden Corona-Zahlen für Sachsen-Anhalt haben

Im Burgenlandkreis und im Jerichower Land wurde ein wichtiger Corona-Grenzwert überschritten. Auch in Halle droht dieses Szenario. Doch wie reagieren Städte und Gemeinden darauf, was plant die Landesregierung? MDR SACHSEN-ANHALT beantwortet die wichtigsten Fragen.

Menschen in der Hohe Straße, wo aufgrund des engen Abstandes zwischen den Passanten Maskenpflicht gilt.
In belebten Straßen könnte auch in Sachsen-Anhalt die Maskenpflicht verschärft werden. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Future Image

Was sagt der Inzidenzwert aus?

Der Wert der 7-Tages-Inzidenz gibt an, wie viele neue Corona-Infizierte je 100.000 Einwohner es in den jeweils vergangenen sieben Tagen gab. So lässt sich nachvollziehen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt hat. Für die 7-Tages-Inzidenz gibt es zwei Schwellenwerte: Der erste liegt bei 35, der zweite bei 50. Was passiert, wenn eine Region die Werte erreicht, entscheiden das Robert Koch-Institut und Politikerinnen und Politiker. Während der Schwellenwert von 35 eher eine Art Warnwert ist, können ab dem Wert von 50 Politikerinnen und Politiker Maßnahmen ergreifen.

Welche Folgen hat es, wenn der Inzidenzwert von 35 überschritten wird?

Bund und Länder haben sich vergangene Woche darauf verständigt, dass zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden sollen, wenn ein Landkreis oder eine Stadt den Wert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschreitet. Verbindliche Schritte bei Erreichen des Wertes sind jedoch nicht festgelegt. Es handelt sich eher um eine Warnstufe.

In Sachsen-Anhalt gilt schon seit Mai ein vergleichbares Konzept. Hier sind zehn bzw. 30 Infektionen innerhalb von sieben Tagen als Warngrenzen festgelegt. Ab 30 Infektionen müssen Städte und Landkreise sich mit dem Sozialministerium abstimmen und nach geeigneten Wegen suchen, um die Ausbreitung der Coronainfektionen einzudämmen. Oft beginnt die Abstimmung aber schon vor dem Überschreiten des Grenzwertes. So hatte der Burgenlandkreis bereits am Freitag eine Allgemeinverfügung erlassen, die die Zahl der Teilnehmenden bei öffentlichen Veranstaltungen und privaten Feiern zusätzlich beschränkt. Am Dienstag hat Landrat Götz Ulrich mit der Landesregierung über weitere Schritte beraten, am Mittwoch sollen diese verkündet werden.

In Halle lag die Inzidenzzahl in den vergangenen Tagen knapp unter 30. Deswegen hat auch die Saalestadt bereits eine Allgemeinverfügung vorbereitet und sich mit der Landesregierung über das weitere Vorgehen abgestimmt. In Kraft gesetzt wurde die Verfügung bislang nicht. Oberbürgermeister Bernd Wiegand sagte, dies sei beim Überschreiten des Inzidenzwertes von 35 geplant. Schließungen oder andere einschneidende Maßnahmen spielten dabei bisher keine Rolle.

Was passiert, wenn die Zahl den Wert von 50 überschreitet?

Vor gut einer Woche haben sich Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder auf strengere Regeln in Corona-Hotspots verständigt. So soll es künftig in Städten und Gegenden mit stark steigenden Corona-Zahlen in der Gastronomie eine Sperrstunde um 23 Uhr geben. Sie soll ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche gelten. Außerdem werde in diesen Regionen die Maskenpflicht erweitert. Sie soll überall dort gelten, wo Menschen dichter beziehungsweise länger zusammenkommen. An privaten Feiern dürfen dann weniger Menschen teilnehmen. Demnach wird die Personenzahl auf maximal zehn Teilnehmer aus zwei Hausständen begrenzt. Ähnliches sei für Begegnungen von Menschen im öffentlichen Raum vorgesehen.

Die neuen Corona-Regeln im Überblick

Öffentliche Treffen und private Feiern

In Corona-Risikogebieten mit 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohnern werden private Feiern auf zehn Teilnehmer bzw. zwei Hausstände begrenzt. Das Gleiche gilt für Treffen im öffentlichen Raum. In Regionen, in denen sich mindestens 35 Menschen pro 100.000 Einwohner anstecken, soll in öffentlichen Räumen auf 25, in privaten auf 15 Teilnehmer beschränkt werden.

Einige Bundesländer wollen die einheitlichen Vorgaben für private Treffen allerdings nur als Empfehlung formulieren. Sachsen dagegen will an seinen bisherigen Regeln festhalten.

Sperrstunden

Steigt die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen auf 50 pro 100.000 Einwohner, wird in der Gastronomie eine Sperrstunde ab 23 Uhr eingeführt und es darf kein Alkohol mehr ausgegeben werden. Bars und Clubs sollen geschlossen werden.

Maskenpflicht

Bei steigenden Infektionszahlen und spätestens ab 35 Ansteckungen pro 100.000 Einwohnern wird die Maskenpflicht erweitert. Sie soll überall dort gelten, wo Menschen dichter und/oder länger zusammenkommen.

Auslandsreisen

Ab dem 8. November sollen neue Regeln für Einreisen aus ausländischen Risikogebieten gelten: Reisende ohne triftigen Reisegrund müssen dann zehn Tage lang in Quarantäne, können sich ab dem fünften Tag aber frei testen lassen. Für notwendige Reisen und Pendler soll es Ausnahmen geben.

Schnelltests

Der Bund übernimmt die Kosten für regelmäßige Schnelltests von Patienten, Besuchern und Personal in Krankenhäusern sowie Bewohnern, Besuchern und Beschäftigten in Pflege-, Senioren- und Behinderteneinrichtungen.

Hilfen für Unternehmen

Unternehmen, die wegen der neuen Regeln ihren Geschäftsbetrieb erheblich einschränken müssen, sollen zusätzliche Hilfen bekommen.

Ultimatum

Im Beschluss heißt es: "Kommt der Anstieg der Infektionszahlen mit den vorgenannten Maßnahmen nicht innerhalb von zehn Tagen zum Stillstand", sollen Kontakte weiter strikt reduziert werden. Im öffentlichen Raum dürfen sich dann nur noch fünf Menschen oder Angehörige zweier Haushalte treffen.

Welche Pläne gibt es im Jerichower Land und im Burgenlandkreis?

Nachdem der Inzidenz-Schwellenwert von 35 überschritten wurde, bereitet der Landkreis Jerichower Land weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie vor. Landrat Stefan Burchardt (SPD) kündigte bei MDR SACHSEN-ANHALT mehr Tests an. Außerdem solle die Bevölkerung nochmal sensibilisiert werden. Zusätzliche Einschränkungen seien nicht geplant. Aber man schaue sich die Konzepte für größere Veranstaltungen nochmals an.

Burchardt sieht jedoch keinen Grund zur Panik. "Wir haben die Infektionsherde isoliert und herausgefunden wo alles seinen Ursprung hat. Es sind zwei Ausbruchsherde – ein Klassentreffen und eine Studienreise – bei denen mehrere Menschen lange auf einem Raum zusammen waren." Beide Fälle könnten nun gut eingedämmt werden. Durch diese zwei Vorfälle schnelle die Infektionszahl nun nach oben. Es handle sich aber nicht um eine flächendeckende Infektionsgefahr.

Der Burgenlandkreis wollte am Dienstag mit der Landesregierung das weitere Vorgehen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beraten. Landrat Götz Ulrich sagte MDR SACHSEN-ANHALT, der Kreis wolle prüfen, ob es bei Feierlichkeiten im Freundes- und Familienkreis weitere Regelungen geben müsse. Das gelte auch für eine erweiterte Maskenpflicht und öffentliche Veranstaltungen. Der Burgenlandkreis hatte bereits am Freitag für Feiern und Veranstaltungen erste Einschränkungen erlassen. Mittwoch sollen die weiteren Pläne verkündet werden.

Auch in Halle könnte der Grenzwert überschritten werden – was droht da?

Sobald Halle den Wert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage überschreitet, soll eine Allgemeinverfügung in Kraft gesetzt werden. Dazu läuft seit einigen Tagen die Abstimmung mit dem Land. Am Dienstag lag der Wert bei 32,02 erklärte Oberbürgermeister Bernd Wiegand auf der täglichen Pressekonferenz der Stadt. Dabei nannte er auch Details zu möglichen zusätzlichen Beschränkungen.

So wolle die Stadt die Maskenpflicht ausweiten. Wird der Grenzwert überschritten, sollen die Menschen an belebten Orten – etwa innerhalb des Altstadtrings, auf dem Boulevard oder dem Bahnhofsvorplatz einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Um das durchzusetzen, seien zusätzliche Kontrollen geplant, erklärte Wiegand. Auch für Veranstaltungen oder Restaurants soll dann eine verstärkte Maskenpflicht gelten – außer am Tisch. Die zulässige Personenzahl für private Feiern soll auf 15 reduziert werden. In Sachsen-Anhalt sind aktuell Feiern mit bis zu 50 Personen erlaubt. Ausgangssperren, Sperrstunden oder Schließungen von Restaurants seien dagegen nicht geplant, betonte Wiegand am Dienstag.

Ab Mittwoch öffnen die Straßenbahnen in Halle beim Halt automatisch alle Türen. Laut Hallescher Verkehrs-AG sollen die Fahrzeuge so besser durchlüftet werden. Zudem wird an den Endstellen eine zusätzliche Lüftung vorgenommen. Die HAVAG verstärkt darüber hinaus ihre Kontrollen in Bussen und Bahnen. Die Mitarbeiter überprüfen, ob alle Fahrgäste einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Sie werden von der Polizei unterstützt.

Straßenbahn in Halle
Die Türen der Straßenbahnen in Halle öffnen ab Mittwoch wieder automatisch. (Archivbild) Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Werden Schulen und Kitas wieder geschlossen?

Seit Schuljahresbeginn wurden landesweit immer wieder einzelne Klassen oder Kitagruppen in Quarantäne geschickt. Dazu zahlreiche Lehrkräfte oder Betreuende von Kindern. Schulschließungen sind derzeit dennoch kein Thema. Die Kultusministerinnen und -minister der Länder haben sich kürzlich darauf verständigt, Schulen und Kitas solange wie möglich geöffnet zu halten. Ausnahmen können Landkreise mit extremem Infektionsgeschehen sein – so wie aktuell das Berchtesgadener Land in Bayern. Von derartigen Zahlen sind alle Kreise und Städte in Sachsen-Anhalt aber weit entfernt.

Vom Deutschen Lehrerverband gibt es für dieses Vorgehen der Länder und Kommunen heftige Kritik. Die Rede ist von einem verantwortungslosen Umgang mit den Corona-Regeln für Schulen. Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagte der "Rhein-Neckar-Zeitung", man versuche, die Schulen auf Teufel komm raus offen zu halten. Obwohl immer häufiger der Warnwert bei Neuinfektionen überschritten werde, laufe der Regelbetrieb vielerorts weiter. Meidinger fordert bei kritischer Infektionslage eine Rückkehr zum Wechselbetrieb mit halbierten Klassen.

Gibt es eine allgemeine Maskenpflicht?

Nach Angaben der Landesregierung besteht in Sachsen-Anhalt keine allgemeine Maskenpflicht. Die Verpflichtung, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen besteht lediglich im öffentlichen Personenverkehr, bei Busreisen oder in Geschäften. Auch in Frisör- und Barbiergeschäften, nichtmedizinischen Massage-​ und Fußpflegepraxen, Nagelstudios und Kosmetikstudios besteht Maskenpflicht, genau wie an Orten, wo Abstandsregeln nicht eingehalten werden können – etwa in Kinos. Die Maskenpflicht kann für einzelne Orte und Bereiche ausgeweitet werden, wenn Abstände nicht eingehalten werden oder eine hohe Infektionszahl zu befürchten ist.   

Drohen zusätzliche Einschränkungen?

Derzeit sind in Sachsen-Anhalt keine weiteren flächendeckenden Einschränkungen geplant. Allerdings werden einige Lockerungen, die ursprünglich vorgesehen waren, zunächst ausgesetzt. Das hat Ministerpräsident Haseloff nach Beratungen der Landesregierung bekannt gegeben. Es bleibe beim Status Quo. Das Land wollte beispielsweise Diskotheken wieder erlauben, unter Auflagen zu öffnen. Auch sollte die erlaubte Zahl von Teilnehmenden bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen erhöht werden. Beides ist nun vorerst hinfällig.

Haseloff kündigte an, ein Hotspot-Management aufzubauen. Damit soll lokal auf Ausbrüche mit erhöhten Infektionszahlen reagiert werden. Das Land will zudem mit Personal aus der eigenen Verwaltung aushelfen, wenn die Gesundheitsämter in den Städten und Kreisen ihre Arbeiten nicht mehr alleine bewältigen können.

Stimmen die Berichte, dass es schon wieder Hamsterkäufe gibt?

Etwa jeder zehnte Verbraucher in Deutschland will sich wieder verstärkt mit Toilettenpapier, Nudeln und anderen Waren des täglichen Bedarfs eindecken. Das ergab eine repräsentative Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter knapp 6.000 Menschen Mitte Oktober. Fast zwei Drittel schlossen derartige Hamsterkäufe wie bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr dagegen ausdrücklich aus.

Auch der Herstelller Fripa sieht keinen Grund für Hamsterkäufe bei Klopapier. Das fränkische Unternehmen teilte mit, Deutschland sei sehr gut versorgt, die Lieferketten funktionierten. Es werde keine Unterversorgung geben, solange sich die Verbraucher normal verhielten. In den Märkten würden aber inzwischen Hygieneartikel wieder verstärkt nachgefragt. Zu Beginn der Corona-Pandemie im März war es in Drogerien und Supermärkten zu Hamsterkäufen bei Klopapier gekommen.

Unabhängig von Corona rät das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, auf Extremsituationen vorbereitet zu sein. Dazu zählt auch, gewisse Mengen an Lebensmitteln zuhause vorrätig zu haben. Hinweise dazu gibt es auf der Homepage des Amtes.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

kritischer Realist vor 5 Wochen

Die Panik verbreitend aufgemachten Nachrichten vieler Medien, tragen erheblich zur weiter um sich greifenden Orientierungslosigkeit in der Bevölkerung bei. Warnungen vor der Maßnahme zur Herdenimmunität, wie von Herrn Drosten publiziert, stellen sich bei näherer Betrachtung für mich als blanker Aktionismus dar. Wenn man sich die Infektionskarte Deutschland anschaut, wurde seine Aussage von der Realität bereits eingeholt. Die Dramatisierung der Corona-Nachrichten in versch. Medien bestärken mich nur in der Glaubhaftigkeit des Leitspruch "... schlechte Nachrichten, sind gute Nachrichten...". Mit nichts anderem kann man Leute in Schach halten.

Grosser Klaus vor 5 Wochen

Bei der Diskussion um Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen muss beachtet werden, dass wir in Deutschland ungefähr 9 300 Tote zu beklagen haben bei deren Todesursache auch eine Coronainfektion festgestellt wurde, bei einer Bevölkerung von 83 000 000 Menschen.
Die Angst blockiert aber und mir fällt da nur der Titel des Fassbinderfilmes ein: Angst essen Seele auf.
Wir müssen aufpassen, nicht in eine Spirale von Angst, Maßnahmen, Verbote und gegenseitiger Angriffe zu verfallen.

KarlGustaf vor 5 Wochen

Was ich bis heute nicht verstanden habe.? Wer kam auf die Idee der Hamsterkäufe und warum denn genau diese Artikel? Welche Gesichtsmasken dürfen wir denn tragen? Hat sich denn in den Vorschriften schon etwas geändert? Es geht schließlich um die Gesundheit in Deutschland.

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