Pressetribüne Magdeburg
Die Pressetribüne bei einem Heimspiel des 1. FC Magdeburg Bildrechte: imago/Matthias Koch

Serie bei 120minuten Weniger Werbung, mehr Wertung – für einen besseren Fußballjournalismus

Welche Rolle spielt der Journalismus im modernen Fußball? Wie funktioniert die Berichterstattung, wie verändert sie sich? Diesen und weiteren Fragen ist das Fußballportal 120minuten in einer vierteiligen Serie nachgegangen. Oliver Leiste, der als Sportredakteur auch für MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet, hat sich dabei mit der Bedeutung von Lokalberichterstattung im Profifußball-Umfeld auseinandergesetzt.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Pressetribüne Magdeburg
Die Pressetribüne bei einem Heimspiel des 1. FC Magdeburg Bildrechte: imago/Matthias Koch

Um den Journalismus im Fußball-Kontext steht es nicht zum Besten. Diese zentrale Botschaft vermitteln zahlreiche Studien und Berichte, die sich in jüngerer Vergangenheit mit diesem Thema beschäftigt haben. Bei 120minuten – einem Longread-Portal für Fußballtexte – haben wir das zum Anlass genommen, einen genaueren Blick auf die Thematik zu werfen. Wie ist der Zustand des Fußballjournalismus? Welche Probleme gibt es? Wie kann, wie sollte sich die Fußball-Berichterstattung verändern?

Herausgekommen ist eine vierteilige Serie. Zum Auftakt hat sich Endreas Müller mit investigativen Recherchen im Fußball beschäftigt. "Bildet Banden!" ist der Titel des zweiten Teils von Alexander Schnarr. Darin geht es um Fußballjournalistinnen, die in Redaktionen oft unterrepräsentiert sind. Und um die Frage, wie man das ändern könnte. Im Mittelpunkt des dritten Teils steht eine steile These: "Das Geld hat den Sportjournalismus versaut". Jerome Grad geht der Frage nach, ob Fußballreporter im Fernsehen wirklich kritisch sein können, wenn ihre Sender hunderte Millionen für die Übertragungsrechte bezahlen. Zu allen drei Texten ist auch eine Podcastfolge erschienen.

Kritischer Blick auf den eigenen Arbeitsalltag

Teil vier war mir vorbehalten. "Mehr Einordnung wagen: Warum Lokaljournalismus im Fußball weiter wichtig ist" heißt der Text. Und dreht sich um Probleme und Fragen, die mir auch in meiner täglichen Arbeit für MDR SACHSEN-ANHALT – wenn ich über den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC berichte – begegnen.

Wie wollen wir berichten? Wie viel Nähe ist okay, wann ist es besser Distanz zu wahren? Wie können wir uns von den Angeboten der Konkurrenz im Internet – in unserem Fall Bild, Volksstimme und Mitteldeutsche Zeitung – abheben? Diese und weitere Fragen diskutieren wir in der Redaktion ständig – genau wie die Kollegen bei vielen anderen Medien.

Dabei gilt es, ständig auf neue Anforderungen zu reagieren. Die Medienlandschaft verändert sich. Neue technische Möglichkeiten bringen neue, zusätzliche Aufgaben. Eine Umstellung, die nicht immer leicht fällt.

Vereine bieten "Blick hinter die Kulissen"

Auch die Vereine nutzen die neuen Möglichkeiten und versuchen sich – mehr denn je – selbst darzustellen. Spielberichte, Interviews, den "Blick hinter die Kulissen" – all das findet man auf den Internetseiten der Fußballklubs, die zudem auf zahlreichen Social-Media-Plattformen aktiv sind. Auch werden Interviews und Zitate mittlerweile oft autorisiert – mal mehr, mal weniger strikt.

Für meinen Text habe ich versucht, das von außen zu betrachten, was ich selbst täglich mache. Zum ersten Mal seit der Uni habe ich auch wissenschaftliche Arbeiten in meinen Text einfließen lassen. Ganz wichtig war jedoch auch der Austausch mit Kollegen. Mit meinem Büronachbarn Daniel George natürlich, aber zum Beispiel auch Frank Noack von der Lausitzer Rundschau.

Neue Recherchemöglichkeiten

Gerade Letzterer ist nicht gerade begeistert, dass die Vereine inzwischen wie Medienunternehmen auftreten und Inhalte produzieren, mit denen man als Journalist früher gut punkten konnte. Andererseits ergeben sich auch neue Recherchemöglichkeiten. "Der Vorteil ist aus meiner Sicht, dass das Informationsangebot viel größer geworden ist", hat Noack beobachtet. "Weil die Vereine die Informationen verteilen, hat man viel mehr Quellen. Dazu kommt, dass auch die Spieler viel in den Netzwerken unterwegs sind. Für die Recherche hat man viel mehr Möglichkeiten", sagt er im Gespräch mit 120minuten.

Frank Noack im Interview
Frank Noack im Interview mit Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz Bildrechte: MDR/ Frank Noack

Daniel George erklärte, dass er vor allem über Instagram schon die eine oder andere kleine Geschichte entdeckt hat. Außerdem begeistert ihn die Möglichkeit, sich mit den Nutzern auszutauschen. "Features wie die Frage-Funktion in der Insta-Story vereinfachen den Austausch und ermöglichen es, auch mit einer jüngeren Zielgruppe in Kontakt zu treten", hat er erkannt. "Außerdem können sie so an den Recherchen teilhaben, dabei sein. Das kann reichen vom einfachen Foto aus dem Interview bis hin zur Frage: Welchen Pfad meiner Recherche soll ich weiterverfolgen?"

Braucht es noch Lokalreporter?

Die zentrale Frage des Textes ist, ob der Fußball – allen Veränderungen und aller Konkurrenz zum Trotz – noch Lokalreporter, die sich mit ihm beschäftigen, braucht? Die klare Antwort ist ja. Denn wer kann Dinge besser beobachten und bewerten, als Reporter*innen, die nahezu täglich vor Ort sind? Und die nicht nur Spiele oder Trainings beobachten, sondern sich auch mit den verschiedensten Akteur*innen im Umfeld eines Vereins austauschen. Vermutlich keiner.

Im Arbeitsalltag dominiert bei vielen Medien jedoch immer noch die reine Vereinsberichterstattung. Termine oder Verlautbarungen der Vereine werden mit großem Aufwand abgebildet, eine kritische Auseinandersetzung findet oft nur unzureichend statt. Dabei sollte der Fokus auf Beobachtung, hintergründiger Berichterstattung und Einordnung von Sachverhalten liegen. Mehr Wertung, weniger Werbung muss deshalb das Credo lauten – für uns, genau wie für die Kollegen.

Zeit, Genauigkeit und Austausch mit Nutzern

Bei MDR SACHSEN-ANHALT versuchen wir diesen Weg zu gehen. In dem wir uns Zeit nehmen für unsere Artikel und alle Beteiligten zu Wort kommen lassen. Wenn die Recherche aufwendiger ist, erscheint der Text eben später. Natürlich haben wir im Vergleich zu vielen Kollegen eine Luxussituation, und können stets selbst über den Veröffentlichungstermin bestimmen. Bei einer Tageszeitung wäre das in der Form nicht möglich. Doch auch dort kann man Geschichten oft anders erzählen – sofern man es möchte.

Außerdem suchen wir konsequent den Austausch mit unseren Nutzern. Wir nehmen ihre Kritik ernst und beziehen sie in unsere Arbeit mit ein. Denn wir berichten nicht für uns über die großen Fußballvereine des Landes, sondern für die Menschen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2019, 15:19 Uhr